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Ein betörender Duft

Autor: Michael Schmidt

 

Eine Saramee Geschichte

 

 

 

Fluchend wie ein Rohrspatz wich er zurück, während seine Gedanken rasten und er verzweifelt einen Ausweg suchte. Konnte er sein Mundwerk nicht zurückhalten?

Die drei düsteren Gestalten rückten vor. Massig, wahre Muskelpakete, aber ein wenig simpel, das sah man auf den ersten Blick. Rune beschloss, in die Offensive zu gehen. Es blieb ihm auch gar nichts anderes übrig.

„Jungs, man kann doch über alles reden“, setzte er entschuldigend an, zwirbelte an seinem Schnurrbart, dann sprang er vor. Erst trat er dem Rothaarigen in die Weichteile, wich dem Schwarzen aus, um den Blonden zu packen und über seine Schulter zu wuchten. Den Überraschungsmoment nutzend nahm er die Beine in die Hand.

Raus aus der Gasse, ab ins Gedränge. Rune schlängelte sich durch das Straßengewirr Saramees, wissend, dass seine besten Chancen zu entkommen darin lagen, in belebtes Gebiet zu kommen. Wo viele Leute waren, würde er seine Wendigkeit ausspielen können, ein entscheidender Vorteil. Musste er sich auch unbedingt in dieser dunklen Gegend rum treiben und mit dem erstbesten Pack abgeben?

Aller Zweifel half jetzt nicht weiter. Während er um Ecken raste, spürte er den heißen Atem seiner Verfolger im Nacken. Sie kamen näher, so wie er es geplant hatte. Nicht mehr weit, die Baracke der Blauschärpler kam näher und er war sich sicher, dass sein Plan aufging.

Um die Ecke rennend, prallte er mit einem Jinjend zusammen, der sich lauthals beschwerte, ein Blick in Runes Augen ließen ihn aber abrupt verstummen. Er wollte gerade weiterhetzen, da erregte eine wundervolle Erscheinung seine Aufmerksamkeit. Anmutig, das Kinn erhoben, nahmen ihn ihre schwarzen, voll dunkler Leidenschaft funkelnden Augen gefangen. Rechts ein Zepter tragend, vollführte die Linke eine einladende Geste. Die schmale Gestalt der Frau wurde von einem enganliegenden Etwas betont, das mehr zeigte als verbarg.

Automatisch war er langsamer geworden und seine Verfolger erreichten ihn prompt. Er spürte einen Schlag, dann riss es ihn von den Beinen. Ein Tritt traf ihn schmerzhaft in der Seite, er wich unwillkürlich aus, sprang auf die Beine, bereit, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, da erklang schrilles Pfeifen und die Angreifer ließen von ihm ab, nicht ohne ein weiteres Mal nach ihm zu treten.

Rune sah sich um, die Blauschärpler waren im rechten Moment gekommen. „Was ist passiert?“, befragte ihn der Ranghöchste.

„Nun, ich bin ein unbescholtener Bürger und wie ich die Straße entlang schlendere, werde ich von diesen Männern angefallen. In höchster Not konnte ich die Flucht ergreifen und wären Sie nicht erschienen…“

„Sie haben also nichts getan. Genau das hören wir nur allzu oft. Wo sind sie denn auf die Angreifer getroffen?“

„Es war weiter westlich, ich glaube in der Weissergasse…“

Die Befragung zog sich in die Länge. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen. Endlich wurde er mit den Worten entlassen, besser aufzupassen und sein Umfeld im Auge zu behalten.

Er sah sich um und atmete erleichtert auf.

Sie stand immer noch da, unbewegt, die untergehende Sonne ließ ihren dunklen Teint glitzern. Das lange schwarze Haar ergoss sich in sanften Wellen über ihren Nacken hinaus. Sie wirkte wie eine Göttin, anmutig und erhaben.

Er trat näher an sie heran, nahm ihren betörenden Duft in sich auf. Ein Duft, der ihn überbewältigte, seine Sinne öffnete und ihm ihre ganze Schönheit offenbarte. Ihre Augen wurden immer größer, er las ganz unterschiedliche Geschichten darin. Lange Wanderschaften, Schmerz, Verlust, aber auch Liebe, Leidenschaft und Wärme. Und immer wieder schimmerten dunkle Geheimnisse durch, die verborgen in der Tiefe ihrer Seele lauerten.

Eine solche Faszination hatte noch niemals eine Frau auf ihn ausgeübt. Nicht auf den ersten flüchtigen Blick. Ja, es handelte sich um eine Göttin, dessen war er sich sicher.

 

Sie trat an ihn heran, beugte sich zu ihm herunter und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. Seine Beine wurden weich wie Sand, dann schalt er sich einen Narren. Er war ein Mann, kein pubertierender Junge. Er packte und küsste sie mit einer Leidenschaft, die lange vergessen in seinem innersten verborgen gewesen war. Er fühlte sich, als ob er schwebte, trunken vor Lust. Doch statt in den Himmel gingen sie zu ihm.

 

Rune erwachte, den Kopf schwer als hätte er dem Wetah zu stark zugesprochen. Er wälzte sich herum, schweißnass und seltsam orientierungslos. Wo war er? Was war geschehen?

Dann war sie zurück, die Erinnerung an eine unvergessliche Nacht. Sich umschmiegende Leiber, die Hitze der Vereinigung, ihre animalische Leidenschaft, die immer wieder einen weiteren Höhepunkt fand und ihn in Sphären befördert hatte, von denen er vorher nicht einmal geahnt hatte. Ihre Note war flüchtig, aber noch wahrnehmbar. Von ihr keine Spur, er spürte einen schmerzhaften Stich in seiner Brust. Die Sehnsucht fraß in ihm, dann brach die Erkenntnis wie eine Welle über ihn hinein.

Du Narr! Eine Nacht und du bist verliebt wie ein kleiner Bengel. Hier stimmte etwas nicht.

Er schaute sich in seinem bescheidenen Zimmer um. Der Schrank stand noch an seinem Platz, ebenso die Truhe mit seinen persönlichen Sachen.

Verflucht!

Die Truhe!

Hastig sprang er von seiner Schlafstatt auf und fand seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Truhe war offen, der Inhalt durchwühlt. Schnell überflog er seine Habseligkeiten. Das wichtigste Dokument fehlte, die Schriftrolle, die Auskunft darüber geben konnte, warum er in der Stadt war.

Wer…

Ihm schwante Böses. Der Feind war auf ihn aufmerksam geworden. Die Messianer waren ihm auf den Fersen. Die mystische Schönheit musste eine von ihnen sein. Jetzt erst viel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Der Duft!

Sie hatten ihn verhext. Das berüchtigte Elixier der Messianer hatte seinen Verstand ausgeschaltet. Ihre Sache stand kurz davor, aufzufliegen.

Er zog seinen blauen Leinenschurz über, verließ seine Behausung und raste die Gassen entlang, es ging um jede Sekunde. Er sah gen Himmel. Es musste die erste Stunde angebrochen sein, denn die Sonne trat gerade am Horizont auf und badete die Stadt in ihr rotes Licht.

Während seine Füße den Staub aufwirbelten ging er im Geiste die kürzeste Strecke zum Portal durch. Zum Portal musste die Messianerin unterwegs sein, denn das war der schnellste Weg aus der Stadt und Rune war sich sicher, dass sie keine Zeit und keine Kosten scheuen würde.

Er wohnte im südlichen Teil Saramees, das Portal thronte im Norden. Eine reelle Chance, den Vorsprung der unbekannten Schönheit aufzuholen. Wenn er nur wüsste, wie lange er geschlafen hatte. Er erinnerte sich an ihren glänzenden Leib, ihre weiche Haut, ihren Duft…

Erneut wallte Ärger in ihm empor. Ärger, der seinen Muskeln neue Nahrung verschaffte. Vorbei an fliegenden Händler, predigenden Okanern und plumpen Glisk schaffte er es, in einer Rekordzeit von einem Ende der Stadt zur andern.

Das Portal!

Schwer atmend stand er vor dem Eingang, die Oberschenkel zitterten vor Anstrengung, nur mühsam beruhigte sich sein Puls. Der Eingangsbereich war leer, der frühe Tag und die gerade zu Ende gegangene Regenzeit waren wohl Gründe für diesen Umstand, im Normalfall standen die Reisenden hier stundenlang Schlange.

Er klopfte an dem Eingangstor und ein Turoswächter beantwortet seine Fragen nach Erhalt zweier Bai eindeutig, wenn auch ungehalten. Wenn er die Wahrheit sagte, war die Messianerin noch nicht angekommen.

Rune überlegte, dann stand sein Schlachtplan.

 

Geyla war mit sich zufrieden. Noch vor der ersten Stunde war sie samt ihrer Beute unterwegs und bewegte sich zielstrebig aber ohne Hast durch die Gassen Saramees. So früh war noch nichts los und sie vermisste das hektische Treiben Saramees auch nicht. Keine zwei Stunden später würden sich hier das Gesocks der Stadt auf die Füße treten. Zwielichte Propheten, unehrliche Händler, Diebe und Halsabschneider, aber dann würde sie schon via Portal weit weg von diesem Sündenpfuhl sein.

Der Gedanke erhellte ihre Stimmung. Und auch sonst konnte sie zufrieden sein. Ihre Zielperson war in die Falle getappt und fast war sie enttäuscht, dass alles so reibungslos geklappt hatte. Männer waren so einfältig und Rune Flock machte da keine Ausnahme. Sie hatte die Schriftrolle kurz überflogen und die Gerüchte hatten sich als wahr erwiesen. Die Chancen standen gut, dem Feind einen entscheidenden Schlag zu verpassen…

Sie lachte auf und verstummte abrupt, als sie einen Aufprall hinter sich hörte. Gerade wollte sie herumwirbeln, da packte sie eine kräftige Hand und presste sich auf ihre Lippen. Sie ließ ihr Zepter fallen, versuchte die Hand wegzureißen, doch ihre Gegenwehr kam zu spät.

Sie spürte einen irrsinnigen Schmerz in den Eingeweiden, als würde glühendes Eisen hineingetrieben. Die unerbittliche Hand unterdrückte den Schrei. Sie bäumte sich auf, trat nach hinten, spannte die Armmuskeln in wilder Verzweiflung, als ein weiterer Schmerz durch ihre Kehle fuhr.

Heiß spürte sie das Blut den Hals herunter rinnen. Mit dem Blut floss die Kraft aus ihr, ein weiterer Stich in der Herzgegend, der schon seltsam gedämpft war. Schwärze wog ihn ihr, nahm sie gefangen und verdrängte den Schmerz. Ihr wurde seltsam leicht. Jetzt war sie im Einklang mit der Natur. Der Äther rief.

Mutter, du rufst nach mir.

Dann ließ sie los und strebte einem neuen Bewusstsein entgegen.

 

Rune packte die schlaff gewordene Gestalt und zog sie weiter in die Gasse. Das vierte Haus, er trat hinein und schleifte sie achtlos hinter sich her, hinunter in den Keller und noch eine Etage tiefer. Die Bodenplatte war gut verborgen und man musste schon wissen, nach was man suchte.

Er wuchtete die Tote die Treppe hinunter, zog sie durch das Gewirr der unterirdischen Gänge und verstaute den Körper abseits des Gangsystems. Schnell durchsuchte er ihre Taschen und fand die Schriftrolle.

Eine Last fiel von ihm ab. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Für den Moment war er gerettet.

Doch die Erleichterung wich schnell. Er war kein grundloser Mörder, hatte sich allerdings nicht anders zu helfen gewusst. Er verspürte einen unangenehmen Stich in der Magengegend wenn er daran dachte, mit der Toten vor nicht allzu langer Zeit das Lager geteilt zu haben.

Nun, wenn seine Rolle aufgeflogen wäre, wäre er ein toter Mann, nicht sie, somit hatte er keine Wahl gehabt. Doch die Gefahr war noch nicht gebannt. Wie waren sie überhaupt auf seine Spur gekommen?

Die Erkenntnis ließ sich nicht leugnen.

Er musste die Stadt verlassen und das noch heute. Eile war geboten.

Es gab ein Leck und es musste dringend geschlossen werden. Er hatte auch schon eine Ahnung wo. Einer Eingebung folgend nahm er das Zepter der Toten an sich und begab sich zurück auf die Straße.

Mit grimmiger Entschlossenheit stapfte er zum Portal.

 

Ende

 

 

Glossar

 

Flock, Rune

Rune Flock ist klein, wendig und schnell, hat ein spitzes Gesicht mit einem Spitzbart, dessen seitliche Enden nach oben zwirbeln. Augen blau, Haare blond. Über seine Vergangenheit wird nichts bekannt, außer, dass er von außerhalb der Stadt stammt.

 

Glisk, Die:

ein humanoides Bauernvolk aus den Hochmooren des Königreichs Kantras. Glisk haben ledrige, mit Schuppen bedeckte Haut. Alle Schattierungen von Gelb sind als Hautfarben möglich; Faustregel: jüngere Glisk sind hellgelb (fast weiß), ältere hingegen dunkelorange (fast braun). Männliche Glisk haben Federn anstelle von Haupthaar. Weibliche Glisk sind kahlköpfig. Zwar sind die Glisk traditionell ein Volk von Viehzüchtern, Köhlern und Handwerkern, doch sind sie außerdem auch bekannt für die Anfertigung von außergewöhnlich schönen Schmuckstücken (hauptsächlich Broschen und Ringe, Ketten sind eher selten). Der Wert dieser Juwelen dürfte in absehbarer Zeit beträchtlich steigen, da die Glisk allmählich aussterben. Dies liegt zum einen an der niedrigen Geburtenrate, zum anderen an der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums im Osten von Kantras. Der Erwerb von Gliskschmuck gilt daher in Saramee als eine todsichere Geldanlage.

 

 

Messianer:

Die Messianer sind eine ganz spezielle Sekte. Sie glauben an die absolute Harmonie zwischen Natur und Mensch. Ist diese Harmonie erst einmal hergestellt, so ihr Glaube, entwickelt der reine Geist unglaubliche Fähigkeiten. Von Gedankenlesen, Gestaltwandeln und räumlicher Versetzung ist die Rede. Es gibt keine Beweise, aber Gerüchten zu Folge erscheint einem ein Messianer, der sich in seiner Mitte befindet, wie ein magisches Wesen. Kräfte, die man sich kaum vorstellen kann. Und je mehr Eins der Messianer mit sich und seiner Umgebung ist, umso größer ist seine Macht auf die Außenwelt. Aber das schaffen nur wenige Messianer, denn dazu benötigt es ganz bestimmte Voraussetzungen.

Die Messianer suchen nach Menschen, die den Äther in sich haben. Nicht jeder kann Gedankenlesen oder Gestaltwandeln. Der Glaube der Messianer verheißt, dass es in der Erbmasse mancher Menschen liegt. Und die Sekte ist immer weiter auf der Suche nach neuen Mitgliedern, welche den Äther in ihrer Erbmasse tragen.

 

Okaner, Die:

Die Okaner sind Menschen mit dunkler Hautfarbe. Allerdings sind Hautschattierungen unterschiedlich, auch der Körperbau, je nach Region von Okano. Das Land wird zum Nachbarreich durch einen Gebirgszug getrennt, der eine natürliche Begrenzung ist, wenn er auch kein Hindernis für die regelmäßigen Besatzungsarmeen ist. Das Klima ist warm und feucht, Regen kommt immer als Platzregen, dauert aber selten länger als eine Stunde. Die Okaner sind in Clans unterteilt, die in sich stark gebunden sind.

 

Portale: (auch Tore genannt)

Durch die Portale kann man in einem kurzen Moment weite Entfernungen zurücklegen. Voraussetzung hierfür ist, dass das angedachte Ziel auch über ein Portal verfügt. Die erschaffende Technik wie auch das Volk welches die Portale geschaffen haben sind unbekannt, aber der Kult der Turoswächtern kennt durch geheime Aufzeichnungen und langen Studien wohl gehüteten schriftlichen Überlieferungen die Bedienung der Portale. Ein Geheimnis welches der Kult der Turoswächter intensiv schützt und hütet. Die Reisen durch die Portale sind nur mit ihrer Einverständnis und der Mithilfe der "Führer" möglich. Trotz ihrer technischen Überlegenheit haben die Portale gewisse Nachteile. Zum einen muss am Ziel auch ein Portal vorhanden sein, zum anderen ist es nur möglich zu Fuß ein Portal zu durchschreiten. Größere Gegenstände, wie z.B. ein Gefährt voller Waren, können nicht Mithilfe des Portals transportiert werden. Des Weiteren schädigt eine häufige Nutzung der Portale die geistige Gesundheit des Reisenden, ein Umstand den der Kult der Turoswächter bisher gerne und erfolgreich verschwiegen hat.

 

Stadtwache:

Die Stadtwache besteht aus einen festen Trupp von 300 Söldnern im Dienste der Stadtvorderen von Saramee. Sie sorgen in der Stadt für Ruhe, Ordnung und die Einhaltung der Gesetze, wobei ihr Hauptaugenmerk auf die Bereiche des Handels, Regierung und den wohlhabenden Bürgern von Saramee liegt. Äußerlich erkennbar sind sie durch ihre blauen Schärpen mit dem Wappen von Saramee, daher werden sie im Straßenjargon auch "Blauschärpler" genannt.

 

Währung und Zahlungsverkehr in Saramee

1 Cil = 1/4 Laib Brot

1 Bai = 8 Cil = 2 Laib Brot

1 Gran = 8 Bai = 16 Laib Brot

1 Rhad = 56 Gran (Das Existenzminimum liegt bei 2 Cil pro Tag/Person)

 

Zeitrechnung - Tag:

22 Stunden Tag

19ste Stunde ist Mitternacht

1te Stunde ist Sonnenaufgang

15te Stunde ist Sonnenuntergang

9te Stunde ist höchster Sonnenstand

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Erstellt: 01.05.2009, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58