Zurück zur Startseite


 Platzhalter

Kolumne: Seniorenclub SF - Jugendgang Fantasy

Autor: Holger M. Pohl

 

Neulich im Zug (oder sonst wo auf dieser Welt)

„Hey Alter, was liest’n da?“

„Einen SF-Roman, mein Sohn!“

„SF? Was’n das? Kann man das lesen? Isses gut?“

„Ausgezeichnet, mein Sohn. Aber wahrscheinlich bist du zu jung dafür. – Und was liest du?“

„Fantasy, Alter!“

„Und? Gut?“

„Voll toll, echt geil, Alter! Aber nix für dich. Du bist zu alt!“

 

Forenland auf, Forenland ab stoße ich des Öfteren auf die Klagenummer, dass SF-Literatur mittlerweile etwas für die … nun, sagen wir, ältere Generation ist. In den entsprechenden Foren und Clubs tummeln sich daher auch bevorzugt … ältere Mitglieder. Vielleicht gibt es ein paar Quotenjunge … aber die sind dann die berühmten Ausnahmen.

 

Neidisch wird dabei in Richtung Fantasy geschielt, die in Artikeln und anderen Köpfen als Jugendliteratur ausgewiesen wird. Sie hat anscheinend kein Jugendproblem. Dafür hat sie – und das wird gerne übersehen – ein Altersproblem. Fantasy für Ältere ist – Dank oder Undank des Fantasy-Booms – eher ein wenig dünn gesät. Wer aus den Schuhen und Kleidern von Drachenreitern, Zauberschulen, Jungvampiren usw. herauswächst, steht ein wenig nackt in der Welt. Wozu etwas für Erwachsene schreiben oder verlegen, wenn der Erfolg unsicher ist, und der x-te Aufwasch irgendwelcher ausgelutschter Fantasy-Geschichten immer noch genug Erfolg bringt?

 

SF und Fantasy haben auf der entgegen gesetzten Seite der Altersleiter dasselbe Problem: es fehlt ihnen an Lesern!

Man könnte es ändern, wenn man es denn wollte. Sowohl von Autorenseite als auch von Verlagsseite aus. Aber das geschieht nicht. Wozu auch? Never change a winning team!

Und so wird die SF-Lesergemeinde immer älter und älter … und wenn sie nicht gestorben ist, so klagt sie heute noch.

Die Fantasy-Lesergemeinde bleibt für ewig jung … weil ab einem gewissen Alter keine (neue) altersgerechte Fantasy mehr da ist.

 

Zudem haben sowohl SF als auch Fantasy noch ihre eigenen, ganz speziellen Probleme.

Es brauchte viele, viele Jahre bis die SF sich aus den Niederungen des Schunds erheben konnte und in Sphären eingetreten ist, die auch die so genannte ernsthafte Literaturwelt als annehmbar akzeptierte. Natürlich möchte man diese Sphären nun nicht mehr verlassen. Sollen Kinder doch Kinderbücher lesen, wer will schon kindische SF? Trivial war gestern – Literatur ist heute!

Fantasy hingegen ist als nicht wirklich ernst zu nehmende Jugendliteratur verschrien und möchte – ob des Erfolgs – diese Schublade auch gar nicht so gerne verlassen. Und welcher ernsthafte Literat möchte sich denn auch in diesen Kindergarten einbringen? Er könnte ja Gefahr laufen, vom Rest der literarischen Gemeinde – etwa der SF – nicht mehr für ganz ernst genommen zu werden. Kinderkram – halten wir uns fern davon!

 

Vielleicht könnten die SF und die Fantasy etwas voneinander lernen. Wie man zum Beispiel für die fehlenden Leser etwas auf die Reihe bringt – ohne sich einen Zacken aus der jeweiligen Krone zu brechen.

Vielleicht erinnert sich die SF daran – ältere Leute schwelgen doch so gerne in den Erinnerungen von gestern –, dass sie es einmal war, die die Jugend von damals – die ältere Generation von heute – mit der Phantastik in Berührung brachte. Sie zum Aufbruch in unendliche Weiten bewegte.

Möglicherweise lernt die Fantasy wieder, Geschichten für Erwachsene zu erzählen. Etwas, was sie früher einmal tat … lange vor der Zeit von Zauberschulen und Nachwuchsvampiren.

 

Ich mag Phantastik in all ihren Ausprägungen und werde sie immer mögen. Was ich nicht mag, sind fest zementierte, unflexible Einstellungen. Ändert etwas daran, ihr Autoren und Verleger! Schreibt und verlegt SF für die Jugend! Schreibt und verlegt Fantasy für Ältere! Brecht einfach einmal auf ins Unbekannte wie mancher SF-Held! Seid einfach einmal mutig wie mancher Fantasy-Held! Back to the roots – wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht ihr, wer sonst?

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*

Ältere Kommentare:

Durch einen Wechsel der Kommentarfunktion unterscheiden sich diese Einträge von neueren.

Anzeige: 1 - 1 von 1.

Kaffee-Charly
Freitag, 02. April 2010 00:43 Uhr
Seit Jugendjahren lese ich Science Fiction UND Fantasy gleich gerne.
Ich kann diese m.E. künstlich erzeugte Trennung nicht nachvollziehen. Beides ist Phantastik, beides regt die Phantasie des Lesers an und lässt ihn im Geiste auf die Reise in andere Welten/Zeiten gehen. Für mich gibt es da - abgesehen von den Inhalten - eigentlich keinen Unterschied.
Deshalb halte ich diese Trennung für künstlich erzeugten Schwachsinn.

Kaffee-Charly
[..]

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Kolumne

Holger M. Pohl

weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu Holger M. Pohl


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 28.03.2010, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31