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Kolumne: Sündenpfuhl

Autor: Michael Schmidt

 

Die Szenerie ist klassisch. Nebel wallt, der Ort ist abgelegen, ein Pier am Fluss mit angrenzender Lagerhalle. Zwei durchgeknallte Typen schieben Wache, bemerken den Cop allerdings nicht. Dieser schaltet sie aus, hinterrücks, brutal, mit der Eisenstange. Bevor er zur Tat schreitet. Der Sohn des Senators hat ein elfjähriges Mädchen in der Gewalt und Harting, der aufrechte Cop, will sie vor einem grausamen Schicksal bewahren. Und trotz Herzattache schafft Harting das schier Unmögliche. Bis sein korrupter Partner ihm in den Rücken schießt.

 

Grau, alles ist grau bis schwarz. Einzig einzelne Farbtupfer wie ein rotes Kleid oder ein gleichfarbiger Caddy unterbrechen diese Monotonie. Selbst das allgegenwärtige Blut ist weiß und somit farblos. Auch das Ambiente stimmt. Regen, Schnee, lange schwarze Ledermäntel, die Autos ein Traum mit Ecken und Kanten.

 

Die ehrlichen Cops sind hart, aber aufrecht, und eindeutig in der Minderheit. Korruption gerät zum Alltag. Die Killer sind brutal, gewissenlos, jedoch mit klarem Ehrenkodex. So muss der kongeniale Mickey Rourke in Rolle des Marv nicht nur mächtig was einstecken, nicht nur mächtig was austeilen, nein, als der hässliche Marv seine beste Nacht mit Goldie verbringt, ist das Erwachen umso härter. Seine frische Liebe liegt tot neben ihm und die Bullen sind im Anmarsch. Marv startet seinen Rachefeldzug, der ihn quer durch BadSin City führt, bis in die wahre Schaltzentrale der Macht. Sein Weg ist gepflastert mit Blut. Marv rächt seine Goldie, sein Lohn ist der elektrische Stuhl. Doch selbst dort verhöhnt Marv seine Peiniger noch.

 

Der Film ist ein Kunstwerk. Die Stadt atmet Dekadenz, allgegenwärtig ist der Blues aus Harten Männern, Blonden Frauen und tödlichem Blei. Jeder scheint ewig zu Leben und hat seine ureigene Passion, die ihn bis zum gewaltsamen Tod rastlos vorantreibt.

Sin City ist düster. Sin City ist dreckig. Sin City zeigt die dunklen Abgründe der menschlichen Seele.

Aber Sin City ist auch lyrisch. Wie ein Gemälde sitzt jedes Bild, jeder Satz, jedes Motiv. Plastisch, ja plakativ.

Sin City ist nicht neu, sondern die geniale Verschmelzung Vergangenem. Roark jr erinnert an Nosferatu, Der Film Noir findet sich überall und die Zeiten der Bandenfilme wird wieder zum Leben erweckt und konsequent weitergeführt.

 

Filme wie „Pulp Fiction“ oder „From Dusk Till Dawn“ hatten bei aller vorhandenen Brutalität einen immer präsenten Humor, ein zwinkerndes Auge. Sin City steht in der Tradition von „The Warriors“ oder „Die Klapperschlange“ und zeigt eine Verelendung der Sitten. Aber Sin City zeigt auch altbekannte Werte wie Ritterlichkeit, Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit.

Hartigan opfert sich für Nancy, Marv für Goldie und Dwight kämpft für Gail.

Die Männer sind hart und erbarmungslos, die Frauen zumeist blond, aber zeitgemäß keine schreiende Nervenbündel und schmücksames Beiwerk, sondern vollwertige Partner in dieser Symphonie der Gewalt.

 

Inhaltlich und visuell fast schon überladen erlebt der Zuschauer einen wahren Genuss der Sinne. So er sich darauf einlässt. Der Film ist nichts für schwache Nerven und so wird man ihn schon nach einer halben Stunde entweder lieben oder hassen.

 

Sin City ist die dunkle Seite der Leidenschaft. Da gibt es keine Mittelmäßigkeit. Entweder man ist der Beste oder man ist tot. Es lebe die Wiederauferstehung des Filmes Noir. Sin City ist ein Meisterwerk, doch graust mir schon ob der angekündigten Fortsetzung.

 

Wer will das denn noch toppen?

 

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Erstellt: 14.09.2005, zuletzt aktualisiert: 20.07.2016 10:53