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Kolumne: Wo sind all die Geschichten hin?

Autor: Holger M. Pohl

 

Ich liebe Geschichten. Und ich liebe Bücher. Also liebe ich Bücher mit Geschichten. Darüber, was ein Buch ist, brauchen wir wohl nicht zu streiten. Über das, was eine Geschichte ist, können wir sehr wohl streiten.

Als ich vor fast vierzig Jahren – mein Gott, ist das wirklich schon so lange her? – begann, zuerst SF und dann auch Fantasy zu lesen, war die phantastische Welt noch voller wunderbarer Geschichten; Geschichten, die mich faszinierten und in ihren Bann zogen. Gut, zugegeben, als knapp 9jähriger ist man noch leicht zu faszinieren. Ich muss aber auch sagen, dass mich viele dieser Geschichten von damals, auch wenn sie mittlerweile etwas in die Jahre gekommen sind, immer noch faszinieren. Damals bestimmte die Geschichte das Buch, Form und Stil folgten der Geschichte.

Damals waren SF-Geschichten noch etwas für Verrückte und uns SF-Fans wurde eine Art von Wirklichkeitsflucht unterstellt. SF-Literatur war Trivialliteratur der schlimmsten Sorte! „Lies ein gutes Buch!“ wurde mir empfohlen, wenn ich jede Woche meinen Perry voller Sehnsucht erwartete. „Taschenbücher sind doch keine richtigen Bücher!“ wurde mir vorgehalten, wenn ich mal wieder ein neues Heyne-TB haben wollte.

Und doch das waren eben genau jene Bücher oder Hefte, die genau die Art von Geschichten druckten, die ich lesen wollte. Und es gab massenhaft davon! In allen…OK, in fast allen wurden wunderbare Geschichten erzählt.

Irgendwann dann wurden die Bücher auch besser; besser im Sinne von, dass sich auch Menschen, die sich ansonsten nur für echte Literatur – was auch immer das sein mag – interessierten, plötzlich für SF erwärmen konnten. War das gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls begannen SF-Bücher auch in der literarischen Welt Beachtung zu finden und wurden nicht mehr nur als Trivialliteratur abgetan.

Natürlich war es schön, dass SF-Literatur nun auch in den Bestseller-Listen auftauchte. Natürlich freute es mich, dass SF-Autoren nun auch Preise einheimsten, die bislang „echten“ Literaten vorbehalten waren. Natürlich war ich stolz, dass Freunde, die bislang immer gemeint hatten: „Ist doch Schrott, was Du da liest!“, nun anfingen, mich nach Dingen aus der SF-Welt zu fragen,

Die Bücher waren literarisch eindeutig besser geworden. Und zugleich waren sie auf einem anderen Gebiet nach meinem Empfinden eindeutig schlechter geworden.

Früher waren SF-Geschichten einmal abenteuerliche, spannende Geschichten, durchaus auch mit Tiefgang und Sinn, aber zuerst einmal wunderbar erzählte Geschichten. Sie waren geschrieben worden, um ihre Leser zu unterhalten und sie mit in die Welt der Zukunft und Fantasie zu nehmen.

Heute aber werden viele dieser Geschichten deswegen geschrieben, weil der Autor zeigen will, welch ein handwerklich guter Schriftsteller, welch ein Literat, er ist. Man bekommt komplexe, komplizierte Satzkonstruktionen zu lesen, die die Kritiker in Begeisterung versetzen. Form und Stil beginnen die Geschichte zu dominieren.

Viele der neuen, hochgelobten SF-Literaten mögen hervorragende Schriftsteller sein, was ihr handwerkliches Können betrifft. Doch sind sie auch gute Geschichtenerzähler? Sicher, man wird mir widersprechen. Auch in den neuen Werken der SF sind Geschichten…irgendwo versteckt. Das ist auch nicht unbedingt die Frage. Die Fragen sind: Wo sind diese Geschichten? Werden sie gut erzählt?

Früher hieß es „ein tolles, spannendes Buch, das fesselt und fasziniert“. Heute ist das Buch „stilistisch hervorragend geschrieben, handwerklich perfekt“. Ich kann mit der „neuen“ SF oft genug nicht wirklich etwas anfangen. Ich vermisse die Geschichten darin. Vielleicht bin ich aber einfach nur zu alt für SF…

 

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Erstellt: 04.08.2007, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31