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Kolumne: PP – Politische Phantastik

Autor: Holger M. Pohl

 

Aus einem ziemlich aktuellen Anlass stellt sich mir die Frage: Darf Phantastik politisch sein? Für jene, die wissen, was ich mit dem aktuellen Anlass meine – man schaue nur in diverse Foren –, muss ich den Namen nicht nennen. Und für jene, die nicht wissen, was ich meine, tut der Name nichts zur Sache, denn es ist eine grundsätzliche Frage.

 

Zunächst also einmal eine grundsätzliche Antwort: Natürlich darf sie das! Sie soll es sogar! Denken wir nur an all die Utopien von Weltrang: „1984“, „Schöne neue Welt“, „Utopia“ usw. All diese phantastischen Werke waren und sind überaus politisch – aus der Zeit heraus und in der Intention ihres Verfassers. Phantastik hatte schon immer – mal mehr, mal weniger – den Anspruch die bestehenden Dinge zu verändern, zu verbessern, den Toren ihre Narreteien vor Augen zu führen (ohne sie direkt anzusprechen), die Gesellschaft zu kritisieren und so weiter und so fort.

Von daher ist es also völlig legitim und lobenswert, wenn Phantastik – wie jedes andere Literaturgenre bisweilen auch – politisch ist.

 

Anders sieht es jedoch aus, wenn Phantastik als Deckmäntelchen für Gedanken und Ideale daherkommt, die nicht mehr dem Gestern sondern sogar schon dem Vorgestern angehören. Oder wenn sie dazu dient, Weltanschauungen zu verbreiten, die man – großzügig gesagt – als etwas sehr pyramidesk bezeichnen kann. Pyramidesk kommt von Pyramide, wie wohl unschwer zu erahnen ist: Die kleine goldene Spitze steht im hellen Licht auf einem breiten dunklen Fundament, das lediglich dazu dient die Spitze zu erhalten und zu halten. Ohne jedes andere Recht, dafür mit jeder erdenklichen Pflicht. Es gab und gibt genügend Schriftsteller der Phantastik, denen man solches Gedankengut vorwirft. Manche sind schon tot, andere leben angeblich irgendwo in irgendwelchen Blockhütten oder Wolkenkuckucksheimen.

 

Vielleicht sollte man daher einmal zwischen politisch und politisch unterscheiden – auch wenn dies der eine oder andere nicht gerne hören mag…oder verstehen kann.

 

Es gab und gibt politische Phantastik, die die bestehenden Verhältnisse anprangert und versucht, etwas daran zu ändern und zu verbessern – positiv zu verändern und positiv zu verbessern. Nicht immer muss man mit diesen Ideen konform gehen. Besonders jene, die mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden sind und davon profitieren, tun das natürlich nicht. Andere werfen – wie George Orwell – einen Blick in eine düstere Zukunft. (Es kommt ja wohl nicht von ungefähr, dass diese unsägliche Voyeur-Serie auf RTL II „Big Brother“ heißt.) All diesen Werken – von Orwell über Huxley bis zu Thomas Morus – ist gemeinsam: sie wollen verändern…und zwar nach vorne!

 

Dann gibt es aber da jenen überflüssigen Bodensatz von phantastischen Werken, deren Politik es ist, uns einen Blick in ein Morgen oder eine andere Welt werfen zu lassen, die dem Gestern oder gar dem Vorgestern entsprungen zu sein scheinen. Dort werden Ideale und Gedanken glorifiziert, die man farblich unschwer zuordnen kann. Sie wollen verändern…und zwar nach Möglichkeit zurück in eine politische Steinzeit!

 

Insbesondere das beliebte Subgenre der Military-SF sieht sich immer wieder solchen Vorwürfen wie Rassismus, Rechtslastigkeit, Sexismus und ähnlichem ausgesetzt. Nun ist ja Krieg nicht unbedingt etwas, was man verherrlichen sollte, aber bedauerlicherweise gehört er zu der menschlichen Rasse wie die Sterne an den Nachthimmel. Insofern…warum nicht darüber schreiben?

 

Manche Autoren können das sogar: der Krieg wird nicht wirklich glorifiziert, es gibt keine wirklich Guten oder Schlechten und schon gar nichts Rassistisches. Allenfalls kann man diesen Autoren vorwerfen, dass sie einem ziemlich martialischen Gewerbe huldigen. (Doch genauso gut könnte man Disney vorwerfen, dass sie mit „Fluch der Karibik“ die Piraten auf einen fragwürdigen Sockel stellen.)

 

Aber leider tummeln sich gerade in diesem Subgenre auch Autoren mit ihren Werke, die tatsächlich an das zu glauben scheinen, worüber sie schreiben; die nichts gelernt haben aus der Vergangenheit und das Rad der Zeit gerne zurückdrehen würden; die alles, was nicht ihrem politischen Ideal entsprecht, als unwert und minderwertig betrachten.

 

Vor dieser Art von politischer Phantastik sei gewarnt! Gerade und insbesondere in der besinnlichen Zeit, die wir im Augenblick haben.

 

In diesem Sinne wünsche ich Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

 

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Erstellt: 20.12.2007, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31