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Kolumne: Masochismus oder Ignoranz?

Autor: Holger M. Pohl

 

Immer wieder stellen angehende JungautorenInnen jeglichen Alters ihr Werk oder Ausschnitte davon in öffentlichen Foren zur Diskussion. Und immer wieder begegnet mir dabei eines:

„Hallo ich habe etwas Wunderbares geschrieben und finde es einfach klasse. Das beste Werk seiner Gattung und fast schon Nobelpreisverdächtig! Ihr findet das bestimmt auch, also sagt mir das!“

 

Tja, in aller Regel sind die Forenbesucher dann aber ganz und gar nicht dieser Meinung. Und tun dies auch mehr oder weniger deutlich und mehr oder weniger freundlich kund.

 

Die Reaktionen des oder der Verfasserin reichen daraufhin von Trotz über Wut und Ärger bis hin zum beleidigte Leberwurst spielen. Oft fühlen sich der Autor respektive die Autorin völlig verkannt und verteidigen ihr Werk bis zum letzten Tintentropfen.

 

Manchmal frage ich mich, was diese Damen und Herren dazu treibt, sich und ihr Werk so öffentlich allen Meinungen auszusetzen. Eine seltsame Art von Masochismus? Ein ungesundes Maß an Ignoranz? Ich weiß es nicht und bin mir auch nicht sicher, ob ich es wissen will. Ich kann diesen AutorInnen aber eines versichern: 99 von 100 Menschen lieben es, die Arbeit anderer nieder zu machen, sie gnadenlos zu kritisieren, zu zerpflücken, genüsslich durch den Kakao zu ziehen…Natürlich immer unter dem Deckmäntelchen der Objektivität! Den 1 von 100, der Euch tatsächlich versucht objektiv die Meinung zu sagen (was schon ein Widerspruch in sich ist, denn wie soll eine persönliche Meinung objektiv sein?), den findet Ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in solchen Foren nicht.

 

Wobei ich aber gerne zugebe, dass – selbst wenn! – in diesen Foren versucht wird objektiv zu sein, die Verfasserin respektive der Verfasser oft genug völlige Resistenz gegenüber jedem Kritik-Virus beweisen. Ratschläge – selbst die Wohlgemeintesten –, Vorschläge – selbst die höflichst formulierten – oder Hilfe – selbst die uneigennützigst angebotene – werden in den Wind geschlagen und ignoriert, sollten sie auch nur das winzigste Symptom von Kritik am Meisterwerk aufweisen. Alles was solche AutorInnen hören wollen (und selbst wenn sie angeblich um Kritik bitten) ist: „Grandioses Werk! Nobelpreisverdächtig! Genial! Das gehört in die Hall of Fame der Literatur!“ Jede andere Bewertung wird als Herabsetzung betrachtet! Und wer lässt sich schon gerne herabsetzen?

 

Ausnahmen bestätigen sicher die Regel, was die eine Seite wie die andere Seite betrifft. Aber ich rede hier von öffentlichen Foren, nicht von speziellen Foren wie Literaturwerkstätten, Autorentreffs oder Ähnlichem. Nein, ich rede vom ganz normalen Forum um die Ecke, zugänglich für jedermann (oder jederfrau), wo man sich trifft und plauscht. Wenn jemand dort ein Werk einstellt und dann um Kritik oder eine ehrliche Meinung bittet, sollte sich der Verfasser oder die Verfasserin einer Sache immer bewusst sein: Ihr könntet sie bekommen!

 

Womit wir wieder beim Anfang wären: ist es Masochismus oder Ignoranz? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem: Masoranz oder Ignochismus…

 

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a3kHH
Dienstag, 11. November 2008 12:57 Uhr
Wo ist denn dieses Forum ???
Das hört sich nach einer Menge Amusement an ... Emoticon

HMP
Freitag, 23. Mai 2008 20:03 Uhr
@ Würfelroller:
Du hast da natürlich Recht!

Würfelroller
Freitag, 23. Mai 2008 10:14 Uhr
Du sprichst mir da voll und ganz aus der Seele, zumal dieses Phänomen nicht nur im Bereich Literatur auftritt.

Gerade Selbsthilfeforen sind gespickt mit solchen Leuten. Bestes Beispiel ist das Forum MS-World in dem bei jedem zweiten Beitrag um "ehrliche" Meinungen zum eigenen Lebenswandel gebettelt wird. Da meistens diese Meinungen aber nicht den Erwartungen entsprechen wird dann oftmals mit agressivität reagiert. Traurig irgendwie....

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Erstellt: 20.05.2008, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31