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Die Zwerge von Amboss von Thomas Plischke

Reihe: Die Zerrissenen Reiche Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Gorid Seher, der Oberste Vorarbeiter des Zwergenbundes, steht vor einer schweren Entscheidung; sehr unpopulär vor den anstehenden Wahlen, aber die Zukunft des Bundes steht auf dem Spiel. Während Gorid umwälzende politische Veränderungen plant, wird der Sucher Garep Schmied zu einem brutalen Mordfall gerufen. Jemand hatte dem Komponisten Namul Trotz eine Silberflöte in den Rücken gerammt – welch' schaurige Töne sie zum Schluss von sich gegeben haben mag? Einiges deutet auf den menschlichen Diener als Täter hin. Ein Mord aus Leidenschaft? Oder stecken politische Motive dahinter, wie Gareps Gehilfe Bugeg vermutet. Es gibt so widersprüchliche Details, aber der politische Druck den Fall abzuschließen ist groß. Unterdessen erfährt der Bestienjäger Siris, dass seine im Zwergenbund lebende Schwester Sira von der Bundessicherheit in Gewahrsam genommen wurde – und macht sich auf, seine Schwester herauszuhauen.

 

Der Zwergenbund herrscht seit dem in der grauen Vorzeit zwischen Bergvolk und Seevolk geschlossenen Pakt über den nördlichen Kontinent. Die Hauptstadt heißt "Zwerg" um die Einheit von Seevolk und Bergvolk sowie von Herrschenden und Beherrschten zu unterstreichen. Einheit ist ein wichtiger Wert im Bund – jede Arbeitsstunde wird gleich entlohnt, egal ob von niedrigen Arbeitern oder brillanten Leiböffnern entrichtet, jeder Zwerg, jede Zwergin wählt gleichberechtigt den Obersten Vorarbeiter. Dennoch sind nicht alle gleich: Für besondere Leistungen gibt es Bonuszahlungen – und manche Familien machen sich regelmäßig verdient. Natürlich kommt man Verdienten anderweitig entgegen – eine Karriere könnte etwas glatter laufen. Während in Zwerg die politische Zukunft geschmiedet wird, wird in Amboss richtiges Metall verarbeitet: Dort werden die besten Gewehre hergestellt – und der Bedarf an Gewehren ist in letzter Zeit rapide gestiegen. Eine so wichtige Stadt ist natürlich an das Schienennetz der Bahn angeschlossen. Beide Wirtschaftszweige profitieren sehr von der einsetzenden Industrialisierung – die Schattenseite der Fabriken ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit – viele Zwerge müssen mit menschlichen Flüchtlingen um milde Gaben konkurrieren. Die Menschen sind oftmals aus den Zerrissenen Reichen vor der ständigen, religiös motivierten Gewalt geflohen – viele erhoffen sich ein besseres Leben von der prosperierenden Zwergenwirtschaft und den im Bund waltenden Vernunfts- und Einheitsbestrebungen. Frustrierte Zwerge sehen in den Menschen eine Konkurrenz, eine gefährliche Konkurrenz, die häufig vom irrationalen Glauben nicht abgelassen hat und nichts als Gewalt kennt – sind die Menschen unzufrieden, werden sie gewalttätig und richten sich dabei nicht einmal gegen die richtigen Ziele. Ganz anders wird das Brudervolk der Halblinge gesehen: Sie haben sich mit Leib und Seele dem Wohle des Bundes verschrieben – die Verwaltung, ja die Bundessicherheit haben sie auf sich genommen.

Plischke hat mit diesem Setting etwas Ungewöhnliches geschaffen: Eine konsequente Revisionist Fantasy. Doch was sich wie ein Oxymoron anhört, funktioniert tatsächlich. Denn die Zwerge, so verfremdet wie sie hier dargestellt werden, sind eigentlich nur eine Weiterentwicklung schon vorhandener, aber nur selten verwendeter Motive: Nicht erst die sieben Zwerge der Schneewittchen sind im Kern materialistische Kleinbürger. Werden die Zwerge nur allzu häufig zu Bier saufenden Prols, sind diese Zwerge Kommunismus affine Proletarier. In der Handhabung der Vorlagen erinnert Die Zwerge von Amboss an Michael Swanwicks Die Tochter des stählernen Drachen – dort wurden vor allem die Elfen grundüberholt.

Plischkes mit vielen Wundern versehenes frühindustrielle Setting ist sehr komplex und funktioniert deshalb so gut, weil es eben eine vielschichtige Gesellschaft entwirft, die in allen Ebenen ihre Eigenheiten aufweist ohne dabei an Kohärenz zu verlieren. Bleibt noch zu erwähnen, dass es ein Milieu ist – was uns zu den Figuren führt.

 

Die Zahl der Figuren ist relativ hoch – es gibt sechs Figuren mit relevanter Erzählperspektive und noch einige weitere wichtige Figuren. Dennoch sind sie alle rund, wenn auch in unterschiedlichen Maßen entwickelt. Die erste Hälfte des Buchs könnte als die männliche bezeichnet werden, weil hier eben Männer dominieren, die zweite dann als weibliche, weil dort die Perspektiven von Frauen erheblich an Bedeutung gewinnen. Um keine Spannung zu verderben, werde ich mich auf die erste Hälfte konzentrieren.

Garep Schmied ist ein erfolgreicher Sucher in Amboss. Er ist erfolgreich, weil er ein genauer Beobachter und guter 'Menschenkenner' ist – sein Ehrgeiz hat in den Jahren stark nachgelassen. Nach dem Tod seiner geliebten Pinaki hatte er sich zunächst in die Arbeit geflüchtet, als ihm dieses schal wurde in die Drogensucht. Er ist klug und aufgeschlossen, der Vernunft zugewandt ohne verbissen zu sein – eigentlich ein echter Held, wenn er nicht zur Flucht neigte, wenn es emotional schwierig wird. Siris ist ein Mensch. Er ist Bestienjäger – furchtlos stellt er sich mörderischen Kreaturen entgegen um sie für ein Kopfgeld zur Strecke zu bringen. Doch mit bloßem Geschick wäre er nicht soweit gekommen – er lässt sich aus dem Zwergenbund stets ausreichend Patronen für sein Gewehr kommen und führt ein Tagebuch, in dem er seine Jagderfahrungen festhält – das Buch zu veröffentlichen ist ein lange gehegter Wunsch. Er kann recht stur sein: So ist er seiner Schwester Sira sehr loyal gegenüber, aber es fällt ihm auch schwer seine Grenzen zu erkennen und nachzugeben. Zwar ist er kein Söldner oder Meuchelmörder – er tötet keine Menschen – oder Zwerge – für Geld, aber er ist keineswegs zimperlich was den Einsatz von Gewalt angeht, wenn er seine Ziele verfolgt. Seine Hitzköpfigkeit verbessert die Lage auch nicht. Der Dritte im Bunde ist Himek Steinbrecher, ein Leiböffner. Er darf an einem eigentümlichen Institut für Geisteskranke an seltsamen Experimenten teilnehmen. Diese Experimente fordern Opfer. Seien die Versuche noch so wichtig für den Zwergenbund, sie stellen ihn doch vor eine Zerreißprobe: Soll er dem Bund und seinen Vorgesetzten Kolbner gegenüber loyal bleiben oder sich für seine humanistischen Werte und die Patienten entscheiden? Himek ist vom Charakter her am ehesten ein Held – allein es fehlt ihm das Können jenseits des Heilens; er ist zu oft selbst auf Hilfe angewiesen um ein typischer Held zu sein.

Positiv möchte ich noch vermerken, dass alle wichtigen Figuren und viele weniger wichtigen zumindest eine gewisse Vielschichtigkeit aufweisen, so dass der Leser sie nie zur Gänze einschätzen kann. Dieses wird bei der Halblingsfrau Eluki 29-12 sehr deutlich: Die für Garep und andere Sucher zuständige Beamtin spielt ein undurchschaubares Spiel, selbst am Ende ist noch unklar, auf welcher Seite sie steht – vielleicht geht es Eluki in dieser Hinsicht nicht anders als dem Leser.

 

Auch beim Plot, der eine Mischung aus Epic Fantasy und Polit-Thriller ist, wurde Wert auf überraschende Entwicklungen gelegt. Hier wurde sehr genau auf die Erzählkonventionen der genannten Subgenres geachtet um diese dann nicht über den Haufen zu werfen, sondern mit einem unerwarteten Dreh zu verwenden. Dass die meisten Abweichungen in den Charakteren der Figuren begründet liegen und sich so ganz natürlich ergeben, ist den Autoren hoch anzurechnen. Entsprechend sind die überraschenden Wendungen in Plot und Erzählkonventionen eine der wichtigsten Spannungsquellen.

Aber keinesfalls die einzige: Hinzu kommen so nahe liegende wie Actionszenen – etwa Kämpfe, Fluchten oder Heimlichkeiten – oder Rätsel – was steckt wirklich hinter den Morden, den Experimenten etc. – nicht zu vergessen die Wunder des Settings und die Figurenentwicklungen. Aber es gibt auch ferner liegende, für die auf Transversalspannung zurückgegriffen wird. Eingebettet in das Setting sind zahlreiche soziale Fragen – wie etwa Rassismus, religiöser Fanatismus oder Verteilungsgerechtigkeit – und die Figuren müssen sich entsprechend moralischen Dilemmata stellen. Diese Momente werden zwar nicht ausgelotet, reichen aber über das Übliche hinaus. Schließlich habe ich noch ein paar Anspielungen entdeckt wie etwa auf Waldorf und Stadler oder Jabba und 'Boushh'.

Bei so vielen unterschiedlichen Spannungsquellen kann der Plotfluss selbstverständlich kein rasanter sein, doch da stets irgendein Aspekt vorangetrieben wird, muss dieses nicht stören. Einen Kritikpunkt habe ich diesbezüglich aber doch: Der Plotfluss ist meines Erachtens zu gleichförmig – etwas mehr Abwechslung könnte nicht schaden.

 

Auch erzähltechnisch gibt es zwei Eigenheiten. So gibt es zunächst die erwähnten drei Erzählstränge aus personaler Perspektive mit auktorialen Anklängen. Darum herum sind einige weitere Figuren gruppiert. Bei dieser Konstellation bleibt es aber nicht – im zweiten Teil kommen einige Erzählstränge von weiblichen Figuren hinzu. Außerdem wechseln einige Figuren zwischen diesen Strängen. Da die Handlungsstränge z. T. an die wechselnden Figuren gebunden sind, kommt es hier auch zu Wechseln.

Die andere Eigenheit ist Teil der Sprache. Vom Stil her finden sich einige Varianzen, die Erzählerrede bleibt allerdings recht neutral. Die Figuren können schon mal gestelzt oder vulgär klingen. Interessant ist die metaphernreiche Sprache, die sich sehr des Bergmännischen bedient: Kinder sind "Kiesel", die Zeit wird in "Schichten" gemessen und besonders blumig wird es bei allem, was mit Sexualität zu schaffen hat. Ingesamt lassen sich die Metapher leicht erschließen, sind sehr konsequent gewählt und tragen durchaus zur Stimmung bei.

 

Fazit:

Während der Sucher Garep den Zwergenbund erschütternde und anscheinend wahllos begangenen Morden mit politischem Hintergrund nachgeht und sich dabei in ein brisantes Intrigenspiel verstrickt, will der raue Bestienjäger Sirin seiner verhafteten Schwester zur Hilfe kommen, die wiederum dem an unmenschlichen Experimenten beteiligten Leiböffner Himek in die Hände fällt. Thomas Plischke eröffnet mit Die Zwerge von Amboss eine neue Fantasy-Reihe um ein Fantasy-Volk, weicht dabei mit seiner Revisionist Fantasy von den ausgetretenen Pfaden ab ohne sie vollends aus den Augen zu verlieren. So sieht gute Unterhaltung aus: Der Einstieg glänzt in allen Bereichen und weist nur geringfügige Makel auf – Freunde sich überschlagender Plots oder bekannter Erzählkonventionen werden allerdings unbefriedigt bleiben.

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Titel: Die Zwerge von Amboss

Reihe: Die Zerrissenen Reiche 1

Original: -

Autor: Thomas Plischke

Übersetzer: -

Verlag: Piper

Seiten: 492 Broschiert

Titelbild: Henrik Bolle

ISBN-13: 978-3-492-26663-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 02.12.2008, zuletzt aktualisiert: 05.09.2016 08:51