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Interview mit Thomas Plischke

Das folgende Email-Interview führte Oliver Kotowski am 03.12.2008 mit Thomas Plischke.

 

Thomas Plischke ist zwar schon länger im Rahmen der Phantastik tätig – Spielern des Rollenspiels Engel wird er kein Unbekannter sein – aber bisher war sein Werk doch eher ein Geheimtipp. Das könnte sich mit seinem neuen Roman Die Zwerge von Amboss ändern, denn der Auftakt der Reihe Die Zerrissenen Reiche rief nicht nur viele positive Reaktionen hervor, sondern hat sich auch ein für erfahrene Fantasy-Leser besonders interessantes Ziel gesetzt – eine Verfremdung der bekannten Archtypen, die dabei konsequent aus den Kernmotiven entwickelt werden soll. Grund genug für uns den Autor um ein Interview zu bitten.

Vorher noch zwei kleine Hinweise: Thomas Plischke bloggt . Und wer jetzt zwar interessiert ist, aber noch nicht so recht weiß ob er Geld ausgeben soll, mag den FantasyGuide besonders in der Mitte des Monats im Auge behalten und auf sein Glück hoffen – vielleicht ergibt sich etwas.

 

 

Fantasyguide: Hallo Thomas! Fangen wir mit dem Einfluss der Biographie des Autors auf sein Werk an. Einerseits glaube ich nicht, dass sich ein Text so vollends entschlüsseln lässt, andererseits scheint mir die Formel "der Autor ist tot" zu weit zu gehen. Wie stehst du dazu? Welchen Einfluss hat deine Biographie auf deine Geschichten, insbesondere "Die Zwerge von Amboss"?

 

Thomas Plischke: Ein freundliches Hallo zurück! Spannend, dass du gerade mit so einer im Grunde literaturwissenschaftlichen Frage anfängst…

Und in der Literaturwissenschaft ist so was wie „Der Autor ist tot“ auch mal leicht behauptet, selbst wenn der Autor dort gerade im Begriff ist, sich aus seinem vielleicht etwas zu voreilig geschaufelten Grab zu erheben. Ich gebe dir also dahingehend völlig recht, dass es albern wäre, biographische Deutungen von Texten von vornherein auszuschließen. Vor allem deshalb, weil die meisten Leser sich keinen Pfifferling für Geschnatter aus dem Elfenbeinturm interessieren, weil sie einen viel unverstellteren, womöglich sogar ehrlicheren Zugang zu Texten haben. Wofür sie sich hingegen sehr wohl oft interessieren, ist der Mensch, der hinter der Geschichte steht.

Was einen Bezug zwischen meiner persönlichen Biographie und den „Zwergen von Amboss“ angeht, habe ich leider weder Bestienjäger noch wahnsinnige Wissenschaftler in der Familie. Was man von mir definitiv im Text wiederfindet, ist meine Abneigung, mich mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen zufriedengeben zu wollen. Daraus erwächst ein gewisses Misstrauen gegen Autoritäten und Traditionen, gegen ein „Tu das, weil ich es dir sage“ und ein „Das war halt schon immer so“. Das findet sich in vielen meiner Geschichten – unter anderem auch in Endspiel, aus dem man viel über meine Hassliebe zum Fußball herauslesen kann. Außerdem mag ich Verschwörungstheorien, was kein sehr überraschendes Eingeständnis sein dürfte.

 

Fantasyguide: Du tummelst dich ja schon eine ganze Weile im Felde der Phantastik herum – Endspiel, Fuchsfährten, Engel um ein paar Stichworte zu nennen. Wie bist du zur Phantastik gekommen?

 

Thomas Plischke: Puh, wenn ich ganz, ganz ehrlich bin, dann kann ich mich an mein erstes phantastisches Buch nicht mehr erinnern. Sehr gut kann ich mich allerdings noch an meine erste DSA-Box [Das Schwarze Auge] erinnern – und an den Fernsehspot, der mich dazu verleitete, das Ding zu Weihnachten haben zu wollen. Ich war jung und leicht zu beeindrucken…

Das Rollenspiel war es wohl auch, das dafür gesorgt hat, dass sich das Interesse an der Phantastik in all ihren Spielarten über die Jahre halten konnte. Wahrscheinlich ist es dadurch sogar nur gewachsen, übrigens ebenso wie meine Liebe zum Geschichtenerzählen.

Durch dieses Hobby hatte ich auch die Chance, erste Erfahrungen im Verlagsbereich zu sammeln und auch an vielen Büchern mitzuwirken. Bibliophil war ich jedoch schon vorher – meine Großeltern haben mir im zarten Alter von sechs Jahren eine Gesamtausgabe von Karl May in ein paar Dutzend Bänden geschenkt, und ich denke, da liegt der Hase im Pfeffer. Danach habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Mit elf oder zwölf hatte ich eine schlimme John Sinclair-Phase, in der meine tiefe Zuneigung zum Horror begründet liegt und meine Karriere als Serienjunkie eingeleitet hat.

Haken wir mal kurz die von dir angerissene Liste ab. Zu Fuchsfährten kam ich wie die Jungfrau zum Kind, aber es war eine schöne Erfahrung, weil ich zum ersten Mal ausprobieren konnte, wie es überhaupt ist, einen Roman zu schreiben. Ich habe eine Menge Anfängerfehler gemacht, viel Lehrgeld bezahlt und würde aus heutiger Sicht natürlich alles komplett anders machen. Das sage ich übrigens nach jedem Buch…

Endspiel war vor allem in Sachen Recherchearbeit spannend. Im Fußball wimmelt es vor mysteriösen Gerüchten, halbgaren Mutmaßungen und üblen Verleumdungen, die sich prima als Grundgerüst für eine Verschwörungstheorie eignen. Man gebe noch ein wenig Freimaurer und Illuminati hinzu, und fertig ist ein Monstrum, das ständig zwischen den Fressnäpfen Satire und Thriller hin und her stapft.

Bei Engel hatte ich die in Deutschland dann doch eher seltene Gelegenheit, beinahe von Anfang an bei der Gestaltung einer Rollenspielreihe mitzuarbeiten – und diese Gelegenheit konnte ich mir schlecht entgehen lassen.

 

Fantasyguide: Kommen wir zu "Die Zwerge von Amboss" selbst. Bei den bibliographischen Angaben ist von der Mitarbeit Ole Johan Christiansens zu lesen. Wer ist das und welche Rolle spielte er bei der Entstehung des Romans?

 

Thomas Plischke: Ole wurde als Kind von einem freundlichen Clan von Hügeltrollen entführt und wuchs dann im ländlichen Kreisherzogtum Lauenburg im beschaulichen Schleswig-Holstein auf. Unter dem Hügel hatte er nur die von seinem Ziehvater zusammengetragene Sammlung an phantastischer Literatur als Lektüre, so dass er mit einer Mischung aus Kuhmilch und LeGuin, Johannisbeersaft und Asimov sowie Stampfkartoffeln aus eigenem Anbau und Bradbury groß gezogen wurde. Außerdem ist er eingefleischter Mops-Fan.

Nein, mal im Ernst. Ole ist mein Lebensgefährte und Co-Autor, mit dem ich seit einigen Jahren so gut wie alles zusammen mache. Wir entwickeln auch unsere Texte fast immer zusammen, nur dass wir aus verschiedenen Gründen nur unter meinem Namen veröffentlichen. Ich bilde mir gerne ein, dass mein Name schlicht klangvoller ist, aber das ist nur Wunschdenken.

Obwohl wir nicht nur von der körperlichen Erscheinung her sehr unterschiedlich sind, passen wir anscheinend trotzdem sehr gut zusammen. Gerade die gemeinsame Arbeit ist unglaublich kreativ und produktiv. Inzwischen ist mir das auch schon derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gerne mal von „wir“ oder „unser Buch“ spreche. Das ist dann kein Pluralis Majestatis, sondern schließt vielmehr Ole mit ein.

 

Fantasyguide: Ich bin stets am literarischen Kontext interessiert. Michael Swanwicks "Die Tochter des stählernen Drachen", Gregory Maguires "Wicked – Die Hexen von Oz" und zu einem geringeren Maße China Miévilles "Die Narbe" und "Leviathan" – glaubst du, dass dein Buch in diese Reihe gehört? Welche Vorbilder hattest du – wem eiferst du nach, wem ganz explizit nicht?

 

Thomas Plischke: Da ich ein Freund schonungsloser Offenheit bin, gestehe ich mal unbefangen, dass ich keines der eben genannten Bücher bisher gelesen habe, wobei die Titel mir natürlich schon gelegentlich untergekommen sind. Was die literarischen Kontexte angeht, finde ich es persönlich schwierig, eigene Bezugspunkte festzulegen. Das können Betrachter von außen teilweise einfach sehr viel leichter.

Ole ist da schon etwas direkter und fabuliert gerne was von Plotstrukturen im Stile von George R. R. Martin, Social Fantasy à la Ursula K. LeGuin und postmoderner Melange als Verbeugung vor Leslie Marmon Silko – aber ob das alles so genau zutrifft, lasse ich mal offen *lacht*.

Was ich nicht schreiben wollte, ist da schon klarer: klassische High Fantasy. Ich hatte einfach keine Lust, die typischen Bilder zu bedienen, die immer gleichen Geschichten zu erzählen und bereits bekannte Klischees noch einmal in die gleiche Form zu bringen. Stattdessen wollte ich mal ein paar Genres miteinander mischen, wüst Elemente rekombinieren und Konzepte weiterentwickeln. Dabei war natürlich völlig klar, dass das nicht jedem gefallen wird, geschweige denn kann. Doch darüber weine ich mich abends nicht in den Schlaf.

 

Fantasyguide: Wie bist du zu diesem Setting gekommen? Kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte sagen?

 

Thomas Plischke: Puh, das war ein ziemliches Hin und Her. Daher an dieser Stelle nur die absolute Kurzfassung: Die ersten Ideen stammen von Ole, als er Anfang des neuen Jahrtausends vom Eifer der Verlagsarbeit getrieben damit begann, die Fantasy analytisch zu betrachten und bestimmte Konventionen und Setzungen zu sammeln, die ihm sonderbar vorkamen. Auf dieser Grundlage entwickelten wir dann gemeinsam Ansätze für Fantasywelten, bei denen viele unlogische Brüche entfernt und durch aus unserer Sicht glaubwürdigere Weiterentwicklungen ersetzt wurden. Daraus wiederum entstand für die „Fantasy Setting Search“ von Wizards of the Coast ein gemeinsam erarbeitetes Setting. Als wir diesen Wettbewerb völlig wider Erwarten nicht für uns entscheiden konnten, verbrannten wir einen Großteil unserer D&D-Sammlung im Garten hinterm Haus. Nach diesem kleinen Brandopfer an unser übersteigertes Ego und dem Abstreifen unserer Paladingewandung fanden wir viele der Ideen, die in Amerika so wenig Anklang gefunden hatten, zu schön, als dass wir sie mir nichts, dir nichts verwerfen wollten.

Also machten wir uns daran, ein Romansetting zu entwickeln – ein Prozess, der der Welt der Zerrissenen Reiche sehr, sehr gut getan hat, weil wir allerhand Ballast über Bord werfen konnten. Bis es zur Veröffentlichung kam, vergingen aus unterschiedlichsten Gründen allerdings noch gut sieben Jahre. Doch wie der Volksmund sagt: „Was lange währt, wird endlich gut.“

Etwas verstörend war für uns übrigens der zwischenzeitlich einsetzende, unglaubliche Erfolg der Zwergen-Romane von Markus Heitz. Das soll bitte nicht als Qualitätsurteil verstanden werden, denn Markus macht ausgezeichnete Arbeit. Unsere Irritation gründete sich ausschließlich auf folgendem Zusammenhang: Da frickeln wir jahrelang an einer Romanreihe herum, in der in die Industrialisierung versetzte und entsprechend aufgebohrte Zwerge im Mittelpunkt der Handlung stehen, und plötzlich präsentiert jemand ein konsistentes und erfolgreiches, aber auch sehr klassisches Bild unserer präferierten Rasse – und er liefert einen Bestseller nach dem nächsten ab. Inzwischen denke ich, dass man prima koexistieren kann und niemand Markus‘ Zwerge mit unseren verwechseln wird.

 

Fantasyguide: "'Die Zwerge von Amboss' – Ach so, so'n Eskapismus-Krams." – Wie stehst du zum Eskapismus-Vorwurf?

 

Thomas Plischke: Zunächst ist gegen Eskapismus ja gar nichts einzuwenden: Lesen sollte meiner bescheidenen Meinung nach Spaß machen, und so gut wie jedes fiktionale Werk enthält ein mehr oder minder großes Stück von der leckeren Eskapismustorte, die man mehr oder minder gierig in sich hineinschaufeln kann. Oder anders gefragt: Will ich einen komplett realistischen Roman über mein Leben lesen? Nein, eher nicht (außer er ist stilistisch brillant).

So weh es tut und so sehr man das Genre schätzt, gibt es dennoch einen Vorwurf, der oft an die Fantasy herangetragen wird und nicht gerade leicht von der Hand zu weisen ist: In vielen Texten der Fantasy werden gesellschaftliche Normen und Werte in idealisierter Form dargestellt, die eigentlich doch längst überholt sind. Da hilft es nur bedingt, dass dies in Teilen dadurch zu erklären ist, wie viel die Fantasy weitaus älteren Märchen und Sagen zu verdanken hat. Man kann das für reaktionäre Anteile halten, wenn man die Debatte zwingend politisieren will. Man kann auch nur etwas versöhnlicher sagen, dass bestimmte Themen und Motive einem womöglich etwas befremdlich vorkommen, wenn man die Messlatte einer aufgeklärten Weltsicht an die Fantasy anlegt.

Auserwählte, die von Geburt an für Großes vorgesehen sind? Feudale Systeme, die ohne jeden Einfluss der Mehrheit regieren? Zauberer, die eine Elite bilden, ihr Wissen horten, die Nase verdammt hochtragen und dafür nie abgestraft werden? Auf all das hatten wir bei der Entwicklung des Settings keine Lust. Wir hatten das Gefühl, es sei an der Zeit, dem Vorwurf des Reaktionären entgegenzutreten, indem man zeigt, dass die Fantasy sehr wohl einen moderneren Anstrich verträgt, ohne dass dies zu Lasten der Unterhaltung geht.

Bei den „Zwergen von Amboss“ gibt es daher Verweise auf tatsächliche politische und historische Entwicklungen, philosophische Diskurse und Probleme aus der Realität, aber es gibt eben auch in gleichberechtigter Weise Verfolgungsjagden auf Zugdächern, Schießereien bei Banketten und die Jagd nach garstigen Verschwörern.

 

Fantasyguide: Während meines Studiums bin ich über ein Zitat gestolpert, das mich seiner Zeit sehr beeindruckt hatte: "Logik ist das Karo-Papier, auf dem der Nationalsozialismus entworfen wurde." Kannst du mit dieser Rationalitätskritik, besonders in Hinblick auf deine Reihe, etwas anfangen?

 

Thomas Plischke: Wow, ein wirklich schönes Zitat! Der Nationalsozialismus ist ein hochkomplexes Gefüge, weshalb eine kühle, inhumane Grausamkeit, die sich als Logik tarnt, sicher nur als Teilauslöser für die Entstehung des Dritten Reichs verstanden werden kann. Doch in der Tat ist ein durch Logik und scheinbare Ratio beflügelter Utilitarismus gepaart mit eiskalter Berechnung für einiges an Gräueltaten im Verlauf der Menschheitsgeschichte verantwortlich.

Eine von Ethik entkoppelte Logik öffnet dem Bösen Tür und Tor – und genau das haben einige der Wesen aus den Zerrissenen Reichen anscheinend vergessen.

 

Fantasyguide: Offenkundig wäre es falsch, deiner Geschichte eine schlichte "Vernunft ist gut, Religion ist schlecht"-Dichotomie zu unterstellen, aber immerhin flüchten die Menschen doch in den Zwergenbund, nicht umgekehrt. Gibt es positive Seiten der Religiosität? In deiner Geschichte?

 

Thomas Plischke: Ja, natürlich gibt es die – auch wenn sie sicher im ersten Teil noch nicht allzu deutlich werden, da man ja noch verhältnismäßig wenig über die Religion der Menschen erfährt. Religion kann angesichts der eigenen Vergänglichkeit und der schmerzhaften, ernüchternden Erfahrung, dass auch guten, geliebten Menschen Schlechtes widerfahren kann, etwas unglaublich Tröstendes sein.

Dieses tröstende Element ist sehr nützlich, ebenso wie die grundlegende Tendenz von Religionen, einer Gemeinschaft eine durch verbindliche Verhaltensregeln getragene Form des Zusammenlebens zu ermöglichen. Genau da liegt aber auch der Knackpunkt: Wer stellt die Verhaltensregeln auf? Wem nutzen sie? Wo werden sie zu Machtinstrumenten und zum Nährboden für Fanatismus? Wen grenzen sie als Andersdenkenden aus?

Im zweiten Teil der Reihe geht es unter anderem auch darum, ob und wie man seinen eigenen Glauben verbreiten und vertreten soll (was gern als Anspielung auf die Aufklärung und die Reformation betrachtet werden kann). Die gängigen Strategien schneiden da allerdings nicht sonderlich gut ab. Im dritten Teil, an dem ich gerade schon herumwerkle, werde ich mich jedoch darum bemühen, einigen unorthodoxen „Herrengläubigen“ mehr Platz einzuräumen, damit sie ihre etwas verträglichere Form des gelebten Glaubens vorstellen können. Man sollte nur nicht erwarten, dass sie dadurch ein Allheilmittel für die Lösung all ihrer zahlreichen Probleme in Händen halten. So leicht lasse ich niemanden davonkommen.

Für Ole lautet eine der Kernaussagen der Reihe folgendermaßen: „Geh deinen eigenen Weg, ob mit oder ohne Götter, solange es ein Weg ist, der dich glücklich macht.“ Doch bis diese vieldeutige Botschaft – ich persönlich sehe auf einem solchen Weg nämlich eine Menge Stolperfallen – ausgelotet ist, wird es wohl noch ein paar Bände dauern *lacht*

 

Fantasyguide: Aber nun zu etwas komplett Anderem: Magst du Waldorf und Stadler? Wie stehst du zu literarischen Anspielungen?

 

Thomas Plischke: *lacht wieder* Natürlich mag ich die beiden. Nicht nur weil die Muppet Show einfach großartig ist, sondern auch weil Ole und ich gerne mal mit den beiden Griesgramen verglichen werden, gerade wenn wir uns mit Freunden einen Film anschauen.

Ich bin aber überhaupt jemand, der mit Lust und Wonne bei der Sache ist, wenn es um das Spielen mit Intertextualität und kleinen Zitaten geht. Das macht hoffentlich nicht nur mir, sondern auch den Lesern Spaß. Manche der Verweise sind eher parodistisch angehaucht, andere Verneigungen vor dem Werk anderer Autoren. Um ein paar Beispiele zu nennen: Im zweiten Band „Die Ordenskrieger von Goldberg“ [erscheint im Frühjahr 2009] gibt es eine direkte Referenz an eine meiner Lieblingsfernsehserien (Lost), und die Ermittlungssituation im ersten Teil ist natürlich an andere Werke wie From Hell angelehnt. Beides sind Verneigungen; Zak Snyders 300 hingegen kommt im zweiten Teil nicht ganz so gut weg (dessen Remake von Dawn of the Dead meines Erachtens nach der wesentlich gelungenere Film ist).

In einer Welt, in der wir dankenswerterweise so leicht und schnell auf so viele kulturelle Erzeugnisse zugreifen können, wie es heute der Fall ist, finde ich solche Verweise nicht unwichtig. Kein Mensch ist eine Insel – und Texte erst recht nicht. Warum also nicht eigene Vorlieben bezüglich der kreativen Arbeit anderer durchschimmern lassen?

 

Fantasyguide: "Macht korrumpiert" ist eines deiner Themen – eine deiner Figuren macht einen hässlichen Wandel durch, als ihr große Macht zu teil wird. Du verknüpfst diesen Wandel mit der Sexualität der Figur. Eine Schlüsselszene (ich meine Seite 408-409) ist wohl jene, als die Partnerin dieser Figur über sein Drängen auf eine ungewöhnliche und einseitige (zumindest aus meiner Sicht) Praktik sinniert. Welches Lesepublikum hattest du beim Schreiben dieser Szene im Kopf und welchen Effekt wolltest du damit erreichen?

 

Thomas Plischke: Macht korrumpiert dann, wenn es keine funktionierenden Absicherungen gibt, die verhindern, dass der jeweilige Machthabende seinen Einfluss missbrauchen kann. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Macht auf verschlungenen und direkten Wegen gleichermaßen bei denen landen kann, die damit nicht einmal ansatzweise verantwortungsbewusst umzugehen wissen. Bugeg ist beispielsweise ein Zwerg mit vielen, vielen Schwächen; ausgerechnet ihn zum Anführer der Bundeshatz zu machen, ist ein katastrophaler Fehler. Dass er seine unverhofft gewonnene Macht auch gegenüber einer Person ausspielt, die er zu lieben glaubt, ist eine logische Konsequenz – ebenso wie die Tatsache, dass sich diese fordernde, selbstgerechte Haltung auch auf sein Verhältnis zur Sexualität auswirkt.

Sexualität ist, so meine ich zumindest, etwas ungemein Wichtiges und Schönes. Ich sehe mich nicht als Mauerblümchen. Auch ein ohnmächtiges Ausgeliefertsein in beiderseitigem Einverständnis hat seinen Reiz. In dem Moment aber, wo eine Seite beim Sex zu dominant, zu rücksichtlos wird, ist das ein klares Symptom dafür, dass etwas nicht mehr stimmt – entweder mit einem der Partner oder sogar mit der ganzen Beziehung. Darum ging es mir hauptsächlich bei dieser Szene. Ein kleines Geheimnis an dieser Stelle: Die Assoziation mit dem Pony stammt von einer sehr lieben Freundin von mir; das Bild fand ich einfach so niedlich und nett, dass ich es einbauen musste.

 

Fantasyguide: Bisher ging es um Zwerge, Menschen und Halblinge, doch auch Elfen wurden schon erwähnt. Wann werden die wichtiger und mit welcher Thematik willst du sie verbinden? Werden noch weitere Fantasy-Völker auftreten? Orks? Drachen?

 

Thomas Plischke: Oh ja, auf die Elfen und ihre Ewige Hierarchie (das war jetzt ein kleiner Spoiler) freue ich mich schon sehr. Auch bei den Spitzohren haben wir versucht, festzumachen, was Elfen denn auszeichnet und wie man diese Themenkomplexe konsequent einer Frischzellenkur unterziehen kann. Für „unsere“ Elfen sind insbesondere die Unsterblichkeit (oder zumindest die extrem lange Lebenserwartung), ein großes magisches Talent und ein Wunsch nach der Bewahrung des Status Quo in Gesellschaft wie Natur wichtig. Im dritten Band tauchen die ersten elfischen Charaktere auf, und sie beginnen, massiv Einfluss auf die Geschichte zu nehmen. Die wechselseitige Abneigung von Elfen und Zwergen werden wir selbstredend auch aufgreifen, wenn auch aus anderen Gründen, als man vielleicht denkt. Das Stichwort ist hier „Gefährdung von Absatzmärkten“…

Zu den anderen Völkern: Drachen sind im ersten Band bereits erwähnt worden, wenn auch nur ganz am Rande. Jetzt muss ich kurz weiter ausholen: Beim Schreiben haben wir uns absichtlich dagegen entschieden, Wortneuschöpfungen bzw. Worte aus der erzählten Welt einzuführen, wenn es im Deutschen einen Begriff gib, der dem Konzept, das wir gerade abbilden wollen, einigermaßen nahe kommt. Daher sind beispielsweise auch die Sippennamen der Zwerge so, wie sie sind. Der Begriff „Drache“ steht bei uns für „ein recht großes Geschöpf mit mehr als vier Gliedmaßen, das gelegentlich Feuer speit und unglaublich mächtig ist“. Damit kann man gut arbeiten und gleichzeitig die eine oder andere Überraschung vorbereiten.

Dieses Prinzip gilt nicht nur für die Drachen, sondern auch für Elfen, Zwerge, Halblinge, Gnome und Kobolde, wobei die Drachen und Kobolde wohl am weitesten vom klassischen Fantasy-Klischee abweichen – wenn auch vielleicht nicht von ihren Fähigkeiten und Eigenschaften, so doch von ihrer körperlichen Erscheinung her.

Wir haben uns relativ bewusst gegen die Orks entschieden, schlichtweg weil sie als Kriegerkultur mit sehr schlechtem Ruf nicht zum ursprünglichen Konzept gepasst hätten. Es sei aber verraten, dass wir noch ein Projekt in der Schublade haben, bei denen die Orks eine zentrale Rolle spielen und das viele Parallelen zu den Zerrissenen Reichen aufweist. Aber bis wir uns diesem Projekt zuwenden können, wird noch einige Zeit ins Land gehen.

 

Fantasyguide: Kannst du uns darüber hinaus einen kleinen Ausblick auf deine Reihe gewähren?

 

Thomas Plischke: Gerne. Ursprünglich war geplant, acht Bücher in vier Bänden zu machen. Dir und anderen Lesern ist sicher aufgefallen, dass „Die Zwerge von Amboss“ ja aus „Hammer“ und „Amboss“ besteht. Das Manuskript war eigentlich noch länger: Es mussten leider eine ganze Menge Seiten gekürzt werden; unseren betreuenden Lektoren ist jedoch zu verdanken, dass man diese Streichungen kaum merkt.

Als es an den zweiten Teil ging, war der Verlag so nett und klug, mal freundlich anzufragen, ob dieser Band denn wieder so lang wird. Nachdem wir das bejahen mussten, bot man uns an, die Bände zu teilen, so dass nun die Bücher drei bis acht je einen eigenen Band mit 400 bis 500 Seiten bekommen. Insgesamt werden es jetzt also sieben Bände.

Die Handlung ist in weiten Teilen schon recht genau durchgeplant – sprich, die wichtigen Wendungen und Handlungsstränge lagen von Anfang an fest (insbesondere dass die Endszenen der Reihen schon stehen, machen mir das Leben leichter, weil ich ein klares Ziel vor Augen habe, auf das ich hinschreiben kann).

So, jetzt mal was Handfesteres zum Inhalt. Es wird weiterhin mehrere zentrale Handlungsstränge geben: den Polit-Thriller im Zwergenbund (der noch etwas politischer und „thrilliger“ wird), die Flucht der „Helden“ in die Zerrissenen Reiche (und ihre Rückkehr in den Bund, aber erst nachdem sie noch ein bisschen mehr von der Welt gesehen haben) sowie der Krieg der Zwerge gegen die Menschen. Hinzu kommen dann noch Nebenstränge, die nur in einem Band zu finden sind; im zweiten Teil sind das beispielsweise die Ereignisse auf der namensgebenden Ordensburg von Goldberg, wo man sich auf die Ankunft der Zwergenarmee vorbereitet. In Teil 3 begleiten wir einen verdammt abgebrühten Halbling bei seiner Suche nach einer Geheimgesellschaft, die offenbar ein Problem mit dem Kommissariat für Bundessicherheit hat – gelinde gesagt, denn das Problem ist so groß, dass nicht nur Köpfe, sondern auch Hände und Zungen rollen…

Und danach? Tja, danach gibt es so nette Schmankerl wie das Erstarken zweier neuer religiöser Führer in den Reichen und den Einsturz eines Bauwerks, das für die Ewigkeit gemacht schien…

 

Fantasyguide: Was können wir sonst noch von dir erwarten?

 

Thomas Plischke: Weiterhin gute Unterhaltung, hoffe ich!

Naja, ich liste mal ein paar meiner aktuellen Projekte etwas konkreter auf: Zu der diesjährigen Weihnachtsanthologie von Piper [Das Fest der Vampire] habe ich eine Horror-Kurzgeschichte beigetragen: „Horch was kommt von draußen rein“. Auch für „Das Science Fiction Jahr 2009“ [von Heyne] werden Ole und ich wohl einen Beitrag einreichen – was uns beim Thema Superhelden besonders freut.

Wer was Klangvolles auf die Ohren will, lausche mal unbedingt in eines der Hörspiele des Labels weirdoz* hinein – zum Beispiel in die Reihe Sacred 2 – Der Schattenkrieger, für die wir nach einer Romanvorlage von A. D. Portland die Drehbücher beigesteuert habe.

Ansonsten freuen Ole und ich uns sehr darüber, dass die Zerrissenen Reiche einen richtig guten Start hingelegt haben. Das gibt uns die berechtigte Hoffnung, uns in naher Zukunft noch weiter austoben zu dürfen. Wie dieses Austoben aussehen soll, dürfen wir leider noch nicht verraten. Ich sage mal vorsichtig: Wir mögen beide Mad Max und den Zauberer von Oz…

 

Fantasyguide: Und zum Schluss: Welche Frage wurde nicht gestellt, hätte aber gestellt werden sollen (und wie lautet die Antwort darauf)?

 

Thomas Plischke: „Gibt es einen Film im nächsten Jahr, den du unbedingt sehen möchtest?“ Ja, gibt es. Watchmen. Weil Alan Moore es trotz all seiner persönlichen Abneigung gegenüber Hollywood verdient hat, dass dieses Ding richtig, richtig gut wird. Andernfalls kündige ich Herrn Snyder die einseitig geführte Brieffreundschaft!

 

Fantasyguide: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!

 

Thomas Plischke: Nichts zu danken. Hat wirklich Spaß gemacht, und vielleicht spricht man sich ja beim nächsten Buch wieder. Mich würde es freuen.

 

Eure Meinung:


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Thomas Plischke fotografiert von Isa Scharfenberg.

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Rezension: Die Zwerge von Amboss


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Erstellt: 03.12.2008, zuletzt aktualisiert: 02.06.2016 07:45