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Kolumne: Der neue Stern - die liebe Werbung

Autor: Michael Schmidt

 

Ja, liebe Fans, hört auf zu Kreischen und nimmt eure Pille. Ihr Groupies, also wirklich, ein wenig mehr an Kleiderfetzen sollte schon vorhanden sein.

Du da, ja du, in der ersten Reihe. Du darfst die Bluse auslassen, dein nackter Busen ist genau das, was ich jetzt brauche. Ich nehme mir gerade noch einen Schluck des herrlich kühlen Schlüsselbiers und ein kurze Rede an die versammelte Fanschar, dann werde ich gerne die Festigkeit des Fleisches prüfen. Und die deiner Standfestigkeit.

Interpretiere ich dein Lachen richtig? Gut, dann bis gleich.

Ihr, liebe Fans, habt auf mich gehört und die Jubelschreie für eine kurze Zeit gestoppt. Nicht das es mich stört, aber es ist schwer, etwas mitzuteilen, wenn um mich herum alle außer Rand und Band sind.

Worum es geht?

Na, ich habe euch doch – ich weiß, es ist ein ganzes Zeitalter her – von meiner Entjungferung erzählt.

Nein, nicht von dieser. Das war doch zu einer Zeit, da warst du noch ein Gedanke in der Unendlichkeit des Kosmos.

Ich spreche vom ersten der zukünftigen Bestseller aus meiner Feder. Nun, das Adjektiv zukünftig hat immer noch bestand, aber nicht nur dem digitalen Druckverfahren sei dank, liegt die Betonung auf „immer noch“.

Der Durchbruch ist nah. Steht mir bildlich gesprochen auf den Füßen. Ich habe die Zeichen der Zeit erkannt. Der blasse dünne Schreiberling, der ungesund in einem geschlossenen Raum gepfercht, hinter einer mechanischen Schriebmaschine sitzt, ist passé.

Die permanente Präsenz via Internet und elektronischen Briefverkehr ist allerdings nicht das Maß aller Dinge. Nein, es sind seitenlange Interviews, Fragen, die niemanden interessieren, auf die ich antworten gebe, die jeden interessieren, und die Fragesteller stehen für eZine und Printmedien, die keiner kennt oder jeder liest. So genau lässt sich da leider nicht eruieren, ähnlich der Verkaufszahlen der diversen kleinen, großen und nichtigen Verlage, sind diese gerüchteweise sehr hoch und im vierstelligen Bereich, laut Aussage mancher Verlagsmitarbeiter eher niedrig und für Insider nur mit der Lupe zu erkennen.

Wer soll da durchblicken? Ist jetzt der „Ich-verlege-den-neuen-Stern-Verlag von der nichtigen oder wichtigen Sorte? Wie man sieht, kann ein einzelner Buchstabe den Unterschied definieren und so sind die ein oder andere Null mal da oder nicht da, je nachdem, ob der Pressesprecher die Nullen rechts oder links der Zahl hinzufügt.

Auch den Lesern ergeht es daher nicht einfach, wie soll er wissen, ob das Pamphlet, welches er beäugt, etwas taugt oder nicht?

Nun, wie ich an euch sehe, an euren freudigen Mienen, ihr seid überzeugt. Und nicht nur das, ihr seid zahlreich, dass ich kaum das Ende eurer Schar erblicke. Aber leider ist die Schar noch nicht groß genug, um einen Bestseller zu generieren. Oder, ein schlimmer Verdacht, steht ihr hier und huldigt mir, ohne mein Werk zu kennen und euch damit meiner Genialität zu versichern?

Ach, der Zweifel springt einen bei jeder Gelegenheit an. Es gibt kaum eine dunkle Ecke, in der er nicht lauert, sich von hinten an mich heranschleicht und mich erschreckt oder gar verschreckt.

Der Zweifel hat aber neuerdings eine andere Gestalt angenommen. Äußerlich ähnelt er einer Rezension.

Doch was ist das? Eine Rezension?

Das ist eine Buchbesprechung. Im Normalfall, zumindest in meinem, für die Heerscharen der unfähigen Schmierfinken wage ich natürlich nicht zu sprechen, eine Belobigung sondergleichen. Blumig, wortreich und enthusiastisch, die Bestätigung meiner mir schon immer bewussten Sonderstellung, einem prämierten Bestseller in Spe.

Nun, so war es bis gestern, dann kam das böse und schlagartige Erwachen. Meine Glieder zitterten, in meinem Bauch explodierte eine Wasserstoffbombe und spie Schmerzwellen durch meinen Körper.

Ein Verriss.

Oh, was erlaubt sich diese unfähige Tunte von Möchtegernjournalist. Beim Lesen dieses Manuskriptes bekäme man Krebs. Nun, selbiges höchsten beim Lesen dieser Schandworte. Doch war dies nur der furiose Auftakt in einer Aneinanderreihung geistloser Phrasen, welche gefüllt waren mit den üblichen Klischees und der Vereinfachungen, die einem neuen Stern des Öfteren zum Verhängnis wird: Es war dem Verfasser der Schandschrift zu kompliziert, konnte er meiner tiefgründigen Geschichte doch gar nicht folgen und zog die falsche Schlussfolgerung:

Der Autor wäre die Unfähigkeit in Person.

Welch eine vermessene Fehleinschätzung. Schließlich und letztendlich war es die goldene Regel des Schreibhandwerks, die erste und die wichtigste: Der Kritiker hat immer unrecht.

Und so lese ich weiter in seinem geistlosen Gewäsch. Das 08/15-Szenario sei vorhersehbar und voller logischer Mängel, ein Rechtsschreibfehler reiht sich an den anderen und zeige die Abwesenheit eines Lektors.

Nun, lieber Kritiker, zur Zeiten zahlloser Rechtsschreibreformen ist es wohl eher die eigene Schreibe, bei der an Diktion, Interpunktion und Rechtschreibung noch gefeilt werden könnte, wie ich schlagfertig kontere und damit auf die eigene Unfähigkeit des Rezensenten verweise. Doch meine Entgegnung bringt ihn leider nicht in die Defensive, er erwidert stattdessen, dass meine Charaktere reine Abziehbilder sind, farb- und leblos und empfiehlt mir im Gegenzug einen Schreibkurs und attestiert mir einen katastrophalen Schreibstil der gewürzt ist mit Stilblüten, der reine Krampf, wie er entgegnet und behauptet, ich erzähle keine Geschichte sondern schreibe eine reine Inhaltsangabe nieder.

Nun, das war zuviel des Guten und somit beende ich diese Sinnentleerende Korrespondenz.

Schaut her, meine Groupies. Schaut her, ihr männlichen Speichellecker, die ihr mir unkritisch nach dem Munde sprecht. Sieht so ein unfähiger Autor aus?

Natürlich nicht, daher ist der Weg zum Bestseller geebnet, wenn auch noch der ein oder andere Leser fehlt, um diesen Status zu evaluieren. Hier bin ich. Jung, dynamisch und aufstrebend. Eine Legende schon zu Lebzeiten.

Daher kauft, was das Zeug hält. Ihr müsst es gar nicht lesen. Wie der Kritiker gezeigt hat, versteht nicht jeder meine Worte, doch ich verstehe, eurer Geld wieder unter das Volk zu bringen.

So bringt mich zu Ehren, lasst mir die ersten Tausender an Fans zuströmen, während ich mich dem edlen schottischen Tropfen zuwende und weiter um eine Fortsetzung brüte.

Habt Acht und erzählt jedem von meinen Taten, von meinen niedergeschriebenen Genialitäten. Währenddessen vergnüge ich mich, ja du, du in der ersten Reihe. Du darfst nicht nur die Bluse auslassen, du darfst auch mitkommen.

Und jetzt schließen wir den Vorhang. Ihr wisst schon…

 

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Erstellt: 16.08.2005, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31