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Kolumne: Das Berliner Buchrezept

Autor: Holger M. Pohl

 

Aus unserer Bundeshauptstadt kommen nicht nur so unangenehme Dinge wie neue Gesetze und neue Abgaben. Nein, manchmal kommen von dort auch phantastische, revolutionäre Rezepte. Weniger Kochrezepte, mehr so Rezepte zum Selbermachen. Bastelanleitungen sozusagen. Das Berliner Buchrezept zum Eigenbau.

 

Was musste eine junge Berlinerin in den letzten Tagen nicht alles an Prügeln einstecken! Wer drosch nicht alles mit der Keule auf sie ein! Spott und Häme wurden über sie ausgeschüttet!

Anstatt sich bei ihr zu bedanken, dass sie uns endlich die Augen geöffnet hat, wurde sie gescholten, verdammt, gehetzt. Also Leute, so geht das wirklich nicht!

 

Wir, die wir vielleicht schon jahrzehntelang im Schweiße unseres Angesichts versuchen, einen eigenen und originalen Text zu Papier oder in den PC zu bringen, sollten lieber ehrfürchtig innehalten vor dieser Leistung, die die junge Dame erbracht hat und froh sein, dass uns endlich jemand zeigt, wie man ein erfolgreiches Buch macht und dieses auch erfolgreich vermarktet, bis hin zur Nominierung für einen Preis. Wir können so viel von ihr lernen. Denn das ist das Geheimnis: Bücher werden gemacht!

 

Wie verblendet und engstirnig war ich doch! Wie blind! Wie so viele andere habe ich versucht, meinen Texten etwas eigenes, etwas originelles, etwas originales zu geben. Mühsam habe ich Ideen gesammelt, sie kreativ in Worte und Sätze gekleidet. Diese überarbeitet, umformuliert, geschliffen. Immer darauf bedacht, dass es meine Worte sind. Doch wozu? Warum? Es geht alles viel einfacher, viel leichter, viel … wunderbarer! Das habe ich nun dank dem Berliner Buchrezept des neuen Jungstars am Literaturhimmel erkannt! Und dafür bin ich dankbar!

 

Ich muss nämlich gar nicht selbst um Worte ringen. Andere haben das bereits getan. Und bei diesen anderen kann – ja, es gibt sogar Stimmen, die meinen, darf, muss – ich mich einfach schonungslos bedienen. Das haben schon andere gemacht und unsere junge Berlinerin hat es jetzt beispielhaft vorgemacht. Genau so geht es, genau so macht man ein erfolgreiches Buch! Andere haben bereits die Worte für das gefunden, was ich sagen will, aber nicht sagen kann. Wie konnte ich, wie konnten wir alle das nur übersehen?

 

Dieses Geheimnis hat diese junge, lebenserfahrene 17jährige nun für uns alle enthüllt. Man muss Dinge nicht selbst erlebt haben. Es genügt vollauf, wenn andere sie erlebt haben. Ich muss mir dann einfach nur ihre Erfahrungen und ihre Worte zu Eigen machen. Doch statt ihr dafür zu danken, schickt man sie ins Fegefeuer! Anstatt erleichtert zu sein, dass man für ein erfolgreiches Buch keine Ideen, keine Kreativität, keine Erfahrung, keinen Takt und keinen Stil haben muss, sondern lediglich den Umgang mit einer „Copy & Paste“-Funktion beherrschen muss, verurteilen wir dieses junge, lebenserfahrene 17jährige Mädchen. Das ist verwerflich von uns! Sie lässt uns an dem großen Geheimnis der Literatur teilhaben: Bücher werden gemacht! Das sollte endlich in unsere Köpfe gehen.

 

Wen interessiert es, dass wir uns dazu der Worte anderer bedienen? Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo Bücher gemacht werden, bleiben ungenannte Quellen (notfalls erwähnen wir sie eben in der 2. Auflage). Solange das, was am Ende dabei herauskommt, gut ist, ist doch alles in Ordnung. Und auch wenn es nicht gut ist, ist es in Ordnung. Hauptsache erfolgreich!

Wen interessiert es, welchen Vitamincocktail wir verwenden müssen? Ist doch egal ob Vitamin E(rzeuger), Vitamin B(eziehungen), Vitamin F(euilleton), Vitamin K(ritiker), Vitamin V(erlag) und Vitamin P(resse) … völlig egal, was man sich einwerfen muss. Hauptsache Erfolg!

 

Wir müssen endlich einsehen und eingestehen, dass uns etwas Wunderbares mit diesem Berliner Buchrezept zuteil wurde! Und darum bin ich ernsthaft am überlegen, ob ich nicht auch das kreativ sein kreativ sein lasse und mir Zeit, Mühe und Arbeit spare und stattdessen ein Buch mache. Ich habe da sogar schon eine Idee und weiß, wie ich unserer jungen Buchmacherin endlich die Anerkennung verschaffe, die sie verdient: ich nehme ihr Buch, stelle ein paar Sachen um, verwende hier und dort ein Synonym und lasse da was weg und füge dort etwas von jemand anderem ein. Das kann doch nicht so schwer sein? Ob ich natürlich so gut bin wie diese junge, lebenserfahrene Dame, das weiß ich nicht. Aber egal, Hauptsache Erfolg.

Ich habe sogar schon einen Titel für das Buch: „Diebische Berliner Elster“! Welcher Verlag hat Interesse?

 

 

P.S.: Falls jemand in obigen Zeilen das Wort „schreiben“ in irgendeiner Form vermisst, dem möchte ich sagen, dass ich aus nachvollziehbaren Gründen darauf verzichtet habe. Das ist ein Rezept zum Bücher machen. Wer Bücher macht, muss nicht schreiben können (außer den eigenen Namen vielleicht), er muss nicht kreativ sein (außer im Suchen nach passenden Texten), er muss nicht zimperlich sein (schadet nur dem Erfolg) … wer ein Buch macht, muss vieles nicht sein und noch weniger können. Er muss aber eines sein: unverschämt unverfroren.

 

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Erstellt: 12.02.2010, zuletzt aktualisiert: 23.05.2016 11:23