Die Schmerzen in der Brust sind höllisch, aber ich kämpfe mich nach dem Sprung durch das Fenster wieder auf die Beine. Zwar bin ich verletzt, aber noch lange nicht ausgeschaltet. Ich sehe mich um und stelle fest, dass ich mich in einer Art Kantinenküche befinde.
Vorsichtig schleiche ich zur gegenüberliegenden Fensteröffnung und kauere dahinter in Deckung. Es ist eine Durchreiche mit Blick in einen Speisesaal. Dort stehen drei Ganoven. Zwei unterhalten sich, einer ist mit Essen beschäftigt. Als die beiden ihr Gespräch beenden und in unterschiedliche Richtungen losmarschieren, entscheide ich mich zum Zugriff.
Behände hechte ich lautlos über die Durchreiche und komme geduckt hinter dem essenden Terroristen auf. Eine Sekunde später packe ich ihn, halte ihm den Mund zu und knocke ihn mit einem gekonnten Handkantenschlag ins Reich der Träume. Dann bette ich ihn unter den Tisch und sprinte zur nächsten Deckung.
Inzwischen hat einer der anderen Kerle etwas mitbekommen und sucht nach mir. Aber es gelingt mir ihn von Deckung zu Deckung sprintend zu umlaufen und erwische ihn gerade in dem Moment, als er seinen Kumpel am Boden liegend auffindet. Bevor er Alarm schlagen kann, schnappe ich ihn mir und knalle ihn mit dem Kopf gegen die Wand. Ohnmächtig sinkt er zu hinab.
Der dritte Ganove hat alles mitgekriegt und stürmt auf mich zu. In einem Faustkampf mit Schlägen, Blocken und Sturmangriffen erledige ich auch ihn, sodass schlussendlich drei Ohnmächtige vor meinen Füßen liegen.
Nun scanne ich mit meinem Q-Device die Umgebung und weiß, wo mein nächstes Ziel zu finden ist. Noch ist die Mission nicht beendet …
007 First Light heißt das Spiel, in dem es auf die beschriebene Weise zugeht. Es stammt von den dänischen Entwicklern IO Interactive, die sich bereits mit der Hitman-Serie oder auch mit Kane & Lynch einen Namen gemacht haben.
Nun bringen sie etwas Neues heraus, ein Game, das auf der bekannten, altehrwürdigen James-Bond-Lizenz beruht. Ob das Spiel eine Lizenzgurke und altbacken ist oder ob die Hitman-Macher es geschafft haben, aus dem 007-Franchise etwas Frisches zu erschaffen, das soll die nachfolgende Rezension aufzeigen.
Doch zunächst ein Blick auf die Story.
Man steuert den jungen James Bond (dargestellt vom Mimen Patrick Gibson, bekannt aus The OA) aus der Verfolgerperspektive durch die sehr detailverliebten Level.
Man merkt dem Spiel an, dass die Macher von »Hitman« dahinterstecken. So gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Feinde zu überlisten und auch so manche Massenszene, die beeindruckt (Stichwort: Party im Londoner Underground Club).
Die Action kann zwar mit Faustkämpfen durchaus auch geregelt werden, aber eleganter und zudem eines Geheimagenten angemessener ist das lautlose Vorgehen. So schleicht man von Deckung zu Deckung und trickst die Gegner hinterrücks aus. Dazu kann dann so manches Gadget von »Q« hilfreich sein, wie beispielsweise eine Uhr, die vergiftete Pfeile verschießt oder elektrische Geräte manipuliert.
Das alles ist nichts sonderlich weltbewegend Neues, aber IO Interactive hat das Gameplay-Menü mit weiteren Zutaten gewürzt, sodass ein schmackhaftes Endergebnis herauskommt.
Zum einen sind das die Schauspieler und deren grafischen Avatare. Die Figuren und ihre Gestik wirken sehr geschmeidig. Beides wurde per Motion Capture aufgenommen und auf die Computerfiguren übertragen. Herausgekommen sind sehr lebensecht wirkende Gestalten. Sogar die NPCs in den Massenszenen haben beeindruckende Animationen bekommen, die sie lebendiger wirken lassen als in anderen Games.
Aber vor allem die Mimik von James Bond und anderen Hauptfiguren ist es, was eine starke Immersion erzeugt. Hier haben die Softwareentwickler ganze Arbeit geleistet. An James Bond kann man die Emotionen gut ablesen, wenngleich es nicht an die Mimik der Personen von L.A. Noire heranreicht. Aber dennoch ist die Mimik so gut, dass man zwischendurch vergisst, ob man sich in einer Zwischensequenz oder im Spiel befindet. Dazu gehört auch, dass James sich an Gegenständen oder Wänden leicht abstützt, wenn er etwa nahe daran vorbeiläuft – ein Detail zwar, aber das macht den Spieleindruck immersiver.
Leichte Schnitzer haben sich die Macher dennoch bei der Immersion erlaubt. Die Levels sind zwar detailreich ausgestattet, aber wenn man genau hinschaut, erlebt man kleine Designschwächen. So befindet sich ein und dasselbe Gemälde gleich drei Mal im Vorzimmer von »M«. Und die Sekretärin tippt zwar eifrig auf der Tastatur des Computers herum, aber auf dem Bildschirm vor ihr tut sich nichts. Hier könnte man noch eine Schippe Immersion drauflegen.
Doch was »007 First Light« sehr gut macht, sind die Dialoge. Selten hat man in einem Spiel der jüngeren Zeit bessere Dialogzeilen und lebensechte Sprecher gehört. Zwar gibt es leider keine deutsche Sprachausgabe, aber die englischen Sprecher sind top und die Dialoge stimmig.
Dies ist ein Teil dessen, was Inszenierung genannt wird, und hier hat »007 First Light« einen Spitzenplatz. Selten konnte man eine Kampagne spielen, die so derart temporeich und dann wieder ausgeglichen ruhig aufgestellt war. »007 First Light« gelingt es mit Bravour das richtige Pacing zu finden und den Spieler weder zu überfrachten noch zu langweilen. Immer, wenn das Spielerlebnis in die eine oder andere Richtung zu kippen droht, schaffen es die Entwickler mit einem neuen Level, einer neuen Game-Idee oder dergleichen, die Aufmerksamkeit des Spielers erneut zu fesseln. »007 First Light« wird nie langweilig. Mal eine Autofahrsequenz, mal ein Shoot-Out, mal Sightseeing und Unterhaltung mit dem Spionage-Team (Stichwort: Teambuilding) – stets ist für Abwechslung gesorgt.
Die Grafik von »007 First Light« wird von der hauseigenen Glacier Engine befeuert. Sie ermöglicht hohen Detailreichtum bei recht moderaten PC-Voraussetzungen. Dementsprechend gut sieht das Spiel aus und verwöhnt die Augen mit Blend- und Lichteffekten, sowie hochauflösenden Texturen.
Die Audio-Umsetzung ist – wie schon angedeutet – hochwertig und vor allem die Sprecher machen einen guten Job. Leider gibt es keine deutsche Sprachausgabe, aber dafür Untertitel und die Menüs in Deutsch.
»007 First Light« ist ein sehr gelungenes Action-Adventure im Bond-Franchise. Wer schon immer mal eine Origin-Story von James Bond erleben wollte, wird hier seine helle Freude haben.
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