Elyras Spiel

Autorin: Silke Brandt

 

Das Tor öffnete sich mit einem Geräusch, als würden Federn über Federn streichen, wenn ein Rabe seine Flügel spreizt. Es blieb gerade lange genug geöffnet, dass eine Frau aus dem regenvollen Sturmwind in die Stille treten konnte. Dann schloss es sich wieder, ohne dass eine menschliche Hand es berührte. Elyra wartete auf das Donnern der schweren Torflügel, wenn sie hinter ihr Licht, Wind und Leben ausschlossen, aber es kam nicht. In völliger Lautlosigkeit wurde der Streifen grauen Tageslichts dünner und dünner, bis er verschwand. Die Stille machte Elyra Angst. Nichts von dieser Größe und Schwere sollte sich so leise bewegen können.

Es dauerte einige Herzschläge lang, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Sie konnte nicht sagen, woher die Helligkeit kam. Es gab keine Lampen oder Fackeln, die Luft schien zu glimmen, wenn auch nur in einem Kreis von vier Schritten um sie herum. Dahinter verlor sich der breite Gang in der Dunkelheit. Die Wände waren aus schwarzem Stein, direkt aus dem Fels des Berges geschlagen. Es gab diesen Gang schon so lange, dass die fallenden Staubkörner seine Wände zu glatten, aber spiegellosen Flächen poliert hatten, an denen kein Zeichen und keine Kerbe zu sehen war. Der Sturmwind war hier nicht mehr als ein entferntes Flüstern, es gab nur das Geräusch des Wassers, das von Elyras Mantel auf den Boden tropfte, und das laute Rauschen ihres Atems in der Stille. Die Schwärze, Reglosigkeit und Ruhe waren unheilig und jedes Geräusch, jede Bewegung ein Sakrileg. Elyra atmete tief ein, und schüttelte geräuschvoll ihren Mantel, ehe sie mit festem Schritt voranging. Sie fürchtete diesen Ort, aber sie beugte sich ihm nicht.

Sie war noch nicht lange gegangen, als sie die ersten Nischen erreichte. Die Seitenwände wichen in Bögen zurück und kamen wieder vor, schienen wie allzu gleichförmige Wellen eines dunklen Sees. In jeder Nische stand eine Gestalt. Elyra wurde langsamer, als sie die erste erreichte – es war eine Frau von schlichter Schönheit und in der Kleidung des Landvolkes. Ihr Gesicht war traurig, ihre Hand erhoben, wie um etwas zu berühren, und ihr Haar fiel in weichen Schwüngen über den Rücken, der von unbekanntem Kummer gebeugt war. Die Statue war vollkommen, das Zerrbild von Lebendigkeit, erstarrte Erinnerung. Elyra blieb vor ihr stehen und hob die Hand, um die Fingerspitzen auf den Stein zu legen, verhielt aber mitten in der Bewegung, als sie erkannte, dass sie die Haltung der Statue spiegelte. Für einen Moment sah, spürte und wusste sie, wie das Bildnis entstanden war und zuckte zurück. Sie warf einen letzten Blick auf das reglose Gesicht, dann wandte sie sich rasch um und setzte ihren Weg fort.

Der Statue der Frau folgten andere, aber keiner näherte Elyra sich mehr. Auf beiden Seiten tauchten die Abbilder von Menschen auf, waren neben ihr, sahen sie aus blinden Augen an und verschwanden wieder im Dunkel. Männer und Frauen, Alte und Junge, Kinder und Krieger, edel gekleidete Gestalten und solche in Bettlerlumpen versuchten ihren Blick zu fangen, als sie vorüber eilte, aber sie verweigerte ihnen dieses Geschenk. Jede Statue, die sie ansah, würde den nächsten Schritt schwerer machen.

Viel zu lang war der Hallengang, doch endlich mündete er in einen großen Raum. Feuer brannte hier und vertrieb das Dämmerlicht, Kerzen flackerten golden eine Lüge von Geborgenheit. Die Mitte des Raumes beherrschte ein gläserner Tisch, an ihm zwei Sitze aus Stein und Samt. Und hinter ihm ein Mann. Elyra zögerte, als sie ihn sah. Der Fremde stand vor einer Statue, die ihn weit überragte und ein Wesen mit weiten Lederschwingen darstellte, dessen Krallen in hilfloser Geste zur Decke empor zeigten, während der Kopf mit den katzenschrägen Augen, den Hörnern und den animalischen Zügen in Demut gesenkt zu sein schien. Vor diesem Bildnis wirkte der Mann klein, doch ein Gefühl von Überlegenheit ging von ihm aus wie Wind, machte seine körperliche Form bedeutungslos und ließ Elyra mehr zittern als zuvor der Sturm. Erst als der Fremde sich umwandte, merkte sie, dass sie stehen geblieben war. Und erst als sein Blick sie traf, ging sie langsam weiter, bis sie vor dem kleinen Tisch stand.

„Worum wirst du spielen?“ Die Frage war wie der Beginn eines Rituals und die Worte hallten wispernd von den Wänden wider, einmal für jedes Mal, das sie hier schon gesagt worden waren, tausendfach.

„Um eine Seele in deinem Besitz.“

„Du kennst deinen Einsatz.“

Elyra nickte. „Meine eigene Seele.“

Das Lächeln des Mannes war schmal und kalt. Ohne ein weiteres Wort ließ er sich in den einen Sitz sinken, während Elyra den anderen wählte; Stein und Samt waren seltsam warm.

Das Spiel war einfach. Der Mann hob einen Becher aus dunklem Glas vom Tisch, im Kerzenlicht schimmerte es mal schwarz, mal blutrot oder so blau wie der tiefste Kummer. Er schüttelte ihn kurz und schien Genuss an dem Klang der Würfel zu finden, dann drehte er ihn um und setzte ihn mit hartem Klirren auf die Platte. Als er den Becher hob, lief ein roter Glanz über die Oberfläche des Tisches, ein Zittern in Farbe. Die Elfenbeinwürfel zeigten zehn schwarze Augen. Ohne Zögern streckte Elyra die Hand aus, nahm dem Mann den Becher ab, griff die Würfel und ließ sie ihrerseits rollen. In einem Schimmern blauen Lichts zeigte ihr Wurf ein Auge mehr.

Die Welt wurde traumhaft. Elyra und der Mann tauschten den Becher, reichten ihn hin und her wie in einem lange geübten Tanz. Das Klingen der Würfel im Glas und das hallende Krachen des Bechers auf dem Tisch waren die einzigen Geräusche. Die Farbe der Oberfläche, auf der die Würfel die Entscheidung des Zufalls zeigten, wechselte von Rot zu Blau, von Schwarz zu Rot. Es gab nichts anderes mehr. Nicht mehr die Kälte und nicht die Weite der Halle. Nicht mehr das warme Kerzenlicht und nicht die schweigenden Statuen. Weder die Trauer, die Elyra hierher gebracht, noch die Angst, die sie gequält hatte. Es war nicht mehr wichtig, dass die Augen des Mannes auf der anderen Seite des Tisches bodenlose Seen eisiger Schwärze waren und er der Seelenfänger genannt wurde, Schrecken der Träume der Kinder und der Wirklichkeit der Erwachsenen. Es war nicht einmal mehr wichtig, ob sie gewann oder verlor. Es zählte nur noch das Spiel. Der nächste Wurf war eine Welt, die nächste Augenzahl ein Leben, das Aufnehmen der Würfel Tod. Sie tötete, was der Seelenfänger erschuf, er vernichtete, was durch ihre Hand entstand. Zeit verharrte daneben und schwieg, selbst die Stunden beugten sich dem Spiel.

Irgendwann hob der Seelenfänger den Becher, das Glas des Tisches wurde weiß. Er sah auf die Würfel und verhielt so lange Zeit. Dann schleuderte er den Becher plötzlich auf den Boden, wo er mit einem Klang zerbrach, der wie ein Schrei war. Elyra fuhr zusammen und schreckte auf, blinzelnd, als hätte der Ton sie aus einem tiefen Schlaf geweckt. Sie sah die Glassplitter auf dem Boden, die im Feuerschein glitzerten. Dann hob sie den Blick zum Seelenfänger, der allein die Regeln des Spiels kannte.

„Du hast gewonnen“, erklärte er mit einer Gelassenheit, die die Zerstörung des Glases Lügen strafte. Elyras Augen weiteten sich, als durch die verblassenden Schleier der Benommenheit die Worte zu ihr drangen. „Die Würfel treffen die Entscheidung. Die Seele, um die du gespielt hast, ist frei.“

Der Mann erhob sich von seinem Sitz und sah zum Feuer hinüber, während Elyra darauf wartete, dass ihr Unglauben der Erleichterung weichen konnte. Keine Geschichte, kein Lied sprach von einem Sieg über den Seelenfänger, niemals hatte ein Wort Hoffnung gegeben. Aber jetzt und hier war es geschehen, hatte sie gesiegt, war er frei aus des Seelenfängers Bann.

In diesem Moment, als wären ihre Gedanken seine, richtete der Seelenfänger seinen Nachtblick wieder auf Elyra und auch sein kaltes Lächeln war zurückgekehrt.

„Die Seele ist frei“, wiederholte er, und belustigte Drohung schwang in seiner Stimme mit. „Sie mag gehen, wohin sie will. Und auch deine Seele bekomme ich nicht, Frau. Doch niemals verließ jemand diese Halle und konnte von seinem Sieg berichten, und du wirst nicht die Erste sein. Deine Seele ist vor mir sicher – aber dein Körper ist es nicht!“

Elyra sprang auf, aber der Seelenfänger hob schon herrisch eine Hand und sein Ruf war ein böses Lachen.

„Larank!“

Stein wurde zu Fleisch und Haut. Das Dämonenwesen, reglos bis zu diesem Moment, senkte die Krallenhände und hob den Kopf. Die Katzenaugen waren voll von Hass und Schmerz. Seine ledernen Schwingen bebten, so dass die Kerzenflammen wild in dem Lufthauch flackerten und erloschen, als er den ersten Schritt aus der Erstarrung tat. Der Seelenfänger lachte erneut und deutete auf Elyra.

„Töte sie, Larank, zerstöre ihren Körper, bis er sich vom Staub nicht unterscheidet. Lass ihre freie Seele fliegen. Vernichte das Wissen um den Sieg mit ihr!“

Elyra schrie auf, doch sie versuchte nicht zu fliehen. Der Dämon breitete seine Schwingen weit aus und Feuer glänzte in seinem Blick, als er langsam auf den Tisch zuging. Die gebogenen Klauen fingen das Licht in ihren Spitzen. Elyra legte den Kopf in den Nacken und hielt den Blick nach oben gerichtet, als sich seine messerscharfen Krallen ihrem Gesicht näherten, während der Seelenfänger lachte. Und endlich schloss sie die Augen und lächelte, als die kühlen, schwarzen Flächen sanft über ihre Wange strichen, eine halb erinnerte Liebkosung, eine lang vermisste Zärtlichkeit.

Larank hob den Kopf und richtete seinen Flammenblick auf den Seelenfänger, der verwirrt einen Schritt vom Tisch zurückwich; die Glasscherben knirschten laut unter seinem Schritt. Laranks Stimme war dunkel wie der Stein, als er sprach, und sehr ruhig.

„Ich tötete in deiner Macht all jene, die der Zufall mehr liebte als dich. An meinen Krallen ist das Blut von Unschuldigen, mehr, als ich zählen kann, und meine Augen sahen nichts als Angst und Tod in deinem Dienst. Aber das ist jetzt vorbei.“ Er wandte sich von Elyra ab und drängte den Seelenfänger Schritt für Schritt gegen das Feuer zurück.

„Die Seele, um die heute gespielt wurde, war meine.“

Elyra sah die Schwingen Laranks, die sich öffneten und den Seelenfänger verbargen, sah ein Aufblitzen schwarzer Krallen, und sie hörte einen seltsamen Laut, nicht ganz einen Schrei, kurz bevor sie sich senkten. Sie wandte sich um und blickte den finsteren, viel zu langen Gang der Seelen entlang. Und noch während Larank hinter sie trat und seine Schwingen sanft um sie schloss, entstand in der Dunkelheit vor ihnen Bewegung.

 

 

Hintergrund

 

Die Kurzgeschichte „Elyras Spiel“ entstand in einer Zeit, in der ich fast ausschließlich Fantasy gelesen habe und dann selber in Kurzgeschichten kleinere Ideen und Inspirationen verarbeitet, die für etwas Längeres nicht ausgereicht hätten. Auf diese Weise sind eine Reihe von Erzählungen entstanden, deren Inhalt sich fast in einem Satz zusammen fassen lässt, bei denen es mir deutlich mehr auf das Beschreiben einer Stimmung als auf Aktionen ankam. „Elyras Spiel“ ist dafür ein sehr schönes Beispiel.

Es ist für mich selber spannend, diese recht alten Werke wieder zu entdecken und zu sehen, was sich inzwischen an meiner Schreibweise geändert hat. Nicht nur am konkreten Stil, sondern auch an dem Schwerpunkt der Geschichte. Lange Zeit habe ich kaum noch Fantasy gelesen und demnach tummelte sich auch meine Schreiberei in den Welten von Science Fiction, Steampunk und irgendwo „dazwischen“, und ich habe seltener mal einen flüchtigen Gedanken zu einer Kurzgeschichte ausgearbeitet. Vielleicht könnte man sagen, dass ich anfing, „größer“ zu denken – nicht im Sinne von Romanzyklen, aber zumindest von längeren Geschichten -, und mir dabei das kleine, funkenhafte Schreiben nach und nach verloren ging. „Elyras Spiel“ bringt mir in Erinnerung, dass auch Kurzgeschichten eine schöne Weise sind, Worte zu einem flüchtigen Blick in andere Welten zu verknüpfen. Manchmal ist es vielleicht lohnend, auf dem eigenen Weg auch wieder ein paar Schritte zurück zu gehen.

 

 

Sylke Brandt wuchs in Wilhelmshaven auf, siedelte zum Studium nach Lüneburg um und blieb im Einzugsbereich der schönen Salzstadt. Sie hat im Rahmen verschiedener Serien und Projekte Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht (u.a. Rettungskreuzer Ikarus, Saramee, Vampire Gothic), und schreibt auch noch allerlei, was in den Tiefen der Computer vor sich hin schlummert. Ansonsten arbeitet sie als freie Grafikerin, ist auf vielerlei Art kreativ tätig und lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen idyllisch auf dem Lande.

 

Illustration von Christian Günther

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zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58 | Users Online
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