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Die Kannibalen von Candyland von Carlton Mellick III.

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Schon seit geraumer Zeit sorgt ein neues Genre für frischen Wind im literarischen US-Untergrund: Bizarro Fiction. Subversiv, anarchisch, frech und grotesk werden sämtliche bekannten Standards ignoriert und einfach durch den Wolf gedreht. Das Resultat? Titel wie Slaughterhouse High, Adolf in Wonderland, Deadbitch Army oder Jesus Freaks sprechen wohl eine deutliche Sprache. Hier gehen das Seltsame und das völlig Durchgeknallte eine Ehe mit dem Absurden und Nachdenklichen ein. Einer der produktivsten – und besten – Autoren auf diesem Gebiet ist der aus Arizona stammende Carlton Mellick III., dessen Elaborate längst die Genregrenzen überschritten und in solch Anthologien wie The Year's Best Fantasy and Horror publiziert worden sind. Mellicks Spezialität sind zumeist surreale Ausflüge in das Konsumentenamerika der Gegenwart und die daraus resultierenden Absurditäten. Mittelpunkt seines ersten, auf Deutsch publizierten Buchs, Die Kannibalen von Candyland ist jedoch etwas gänzlich anderes – nämlich die Gestalten eines Brettspiels.

Ja, richtig gelesen. Mellick nutzte seine Affinität zu einem populären Kinderspiel, um daraus seine ganz eigene, garstig-blutrünstig-erotische Variante zu verfassen.

 

Zentrum des Romans ist der verschrobene Franklin Pierce, der zwar verheiratet ist, aber dennoch ein ausgesprochener Eigenbrötler ist. Kein Wunder, leidet Pierce doch unter einem traumatischen Erlebnis, das ihn weiterhin verfolgt – den Tod seiner Geschwister. Diese wurden verführt und schließlich aufgefressen von geheimnisvollen Zuckermenschen; Kreaturen aus ebendiesem Material. Natürlich glaubte niemand dem jungen Pierce; wurden seine Warnungen und Aussagen als grausame Ausgeburten eines zutiefst zerrütteten und schockierten Kindes abgetan. Doch Pierce weiß es besser. Wenn er nur einen der Zuckermenschen erwischen und der Öffentlichkeit präsentierten könnte!

Seine große Stunde scheint gekommen zu sein, als er Zeuge wird, wie sich einer der Zuckermenschen erneut an einem wehrlosen Kind gütlich tut. Fest entschlossen nimmt er die Verfolgung auf. Sein Weg führt ihn dabei in die hiesige Kanalisation und von dort immer tiefer hinab, ehe er sich schließlich in einer ebenso zuckersüßen wie verstörenden Welt wieder findet: Candyland! Hier gibt es Schokoladenflüsse, Wolken aus Zuckerwatte, Zuckerstangen, die aus dem Boden sprießen und vieles mehr. Und hier trifft Pierce auch auf seine alte Nemesis: die Candyfrau! Doch sein Verlangen nach Rache findet ein ebenso jähes und brutales Ende, als er verkrüppelt und zu einem Hybriden aus Fleisch und Zuckerwerk umgestaltet wird, der fortan sein Dasein als Sexsklave im Hause der Candyfrau zu fristen hat …

Klingt irre? Ist es auch. Irre gut nämlich. So krank, so bizarr, so völlig durchgeknallt Mellicks Ausgeburten auch sein mögen, so viel Spaß machen sie auch. Ganz klar – um solch ein Werk genießen zu können, muss man sich auch darauf einlassen. Umso größer ist dann allerdings auch die Belohnung, da Mellick alles andere als unverständlich oder eigensinnig fabuliert; weit gefehlt. Sein Stil ist glasklar und zu jeder Zeit nachvollziehbar. Und ebenjene, relative Schlichtheit der verwendeten Sprache ist es auch, welche den Leser unmittelbar nach dem Einstieg gefangen nimmt. Ferner gibt es in dem Buch ganze Passagen, die man bestenfalls als blumig oder verspielt titulieren kann; süß und einladend wie leckeres Naschwerk – bis Mellick, ähnlich seiner Zuckerkannibalen, hinterrücks über den Leser herfällt und ihm mit detailliert harten Passagen den Atem raubt. Doch genau diese, mit geradezu fachmännischer Präzision durchgeführten Gegenpole sind es, welche dafür sorgen, dass sich die „Kannibalen von Candyland“ wohltuend deutlich von der x-beliebigen Masse absetzen. Sicher, es ist ein verdammt bizarrer Trip, vollgestopft mit kopfkranken Grotesken und Extremen, doch wer, gerade im Horrorbereich, den nächsten Schritt wagen möchte, der wird an diesem Buch nicht vorbeikommen, welches neben einem unglaublich begnadeten Cover ferner und passenderweise mit pinkfarbenen Seiten und Erdbeerduft (!) ausgestattet wurde und zusammen mit dem Inhalt ein kleines Gesamtkunstwerk ergibt.

 

Fazit: Bizarro Fiction ist endlich auch in Deutschland angekommen! Mit „Die Kannibalen von Candyland“ hat Carlton Mellick III. einen wunderbar abgedrehten, traurig-komischen und zugleich präzise brutalen Roman geschrieben, der sich zwar kaum klassifizieren lässt, dafür aber andeutet, welchen Weg die moderne Dark Fiction schon sehr bald einschlagen könnte. Viva la Revolución!

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Buch:

Die Kannibalen von Candyland

Original: The Cannibals of Candyland

Autor: Carlton Mellick III.

Übersetzer: Michael Plogmann

gebunden, 160 Seiten

Festa-Verlag, 22. September 2010

 

ISBN-10: 3865520952

ISBN-13: 978-3865520951

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 27.11.2010, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36