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Motten

Illustration von Lothar Bauer

Autor: Torsten Scheib

 

 

Die Geschichte ist aus der Anthologie:

 

Michael Schmidt - Zwielicht2 und wurde für den Vincent Preis 2010 nominiert.

 

 

 

Cassidy bemerkte die Motten zum ersten Mal, während er seine Freundin im Badezimmer von hinten nahm. Das heißt – eigentlich war Bertha nicht unbedingt Cassidys Freundin. Vielmehr der hübsche neunzehnjährige Arsch vom Lande, dem er den Himmel auf Erden versprochen hatte und der die ganzen Hässlichkeiten, die Cassidy von ihr verlangte, ausführte. Weil Cassidy … eben Cassidy war. Okay, die Schläge und Tritte waren hässlich und taten ihr in mehr als einer Hinsicht weh, aber jeder, der Cassidy kannte – so richtig kannte wie sie –, wusste, dass er es so nicht meinte und dass man jedem Wort und jedem Versprechen, das ihm jemals über die Lippen gekommen war, hundertprozentig glauben konnte. Er war kein schlechter Mensch. Es war seine Umgebung, die ihn schlecht machte. Bildete sich Bertha jedenfalls ein – trotz der tief sitzenden Angst, Cassidy könne es eines Tages wirklich ernst meinen. Wirklich, wirklich ernst.

 

„Herr … gott!“ Speichel floss über Cassidys Lippen. Schweiß rann über sein Gesicht; funkelte zwischen seinen Brusthaaren. Seine Augen klebten jetzt an dem winzigen, nervigen Ding, das direkt vor ihm durch die Luft schwirrte. Seine Bewegungen – Pumpen, Stoßen! – waren rein motorisch. Wie die eines Automaten, der nur seine einprogrammierten Doktrinen kennt. Eigentlich war jeder Morgenfick motorisch; ein reine Notwendigkeit. Wie Duschen. Oder die erste Tasse frischen Kaffees. Die Illusion von Liebe. Damit der Goldesel auch weiterhin Dukaten schiss. Noch. Spätestens in ein, zwei Jahren würde kein Freier sie mehr anrühren; selbst mit der Kneifzange nicht. Cassidy wusste, wie es lief. Nur zu gut.

 

Pumpen. Stoßen.

 

„Verfluchtes Scheißviech!“

 

„Was hast du, Baby?“ Berthas Stimme – keuchend, lasziv, von Geilheit geprägt. Vordergründig jedenfalls. Sie mochte ein naives Landei sein, das auf den Erstbesten reingefallen war – doch sie wusste ebenfalls, wie das Spiel gespielt wurde. Cassidys kleiner Schwanz, mit viel Großzügigkeit bestenfalls Mittelmaß und unbeschnitten, war alles andere als ein Freudenspender. Sicher, sie spürte ihn … irgendwie … doch mit ihren Gedanken war sie bei dem Typen von vorletzter Nacht. Der Knilch, der mit dem Geld nur so um sich geschmissen hatte und zudem wie ein preisgekröntes Rennpferd ausstaffiert gewesen war. Gut ausgesehen hatte er auch noch … Es war weniger Cassidy, der sie zum Stöhnen brachte oder feucht werden ließ; vielmehr die Erinnerung an einen Typen, dessen Namen sie nicht mal kannte, den sie ohne mit der Wimper zu zucken auch kostenlos rangelassen hätte.

 

Klatsch!

 

Der hässlich-laute, Besitz ergreifende Klang einer Männerhand, die ihre blanke Arschbacke schlug. Wütend zog sich Cassidy aus ihr zurück, streifte das Kondom von seinem bereits erschlaffenden – und noch erbärmlicher wirkenden – Penis. Warf es in die Ecke.

 

„Vergiss es“, murmelte er. „Die Dinger lenken mich ab!“

 

„Welche Dinger?“, fragte Bertha, während sie ihren Slip hochzog.

 

Eine kurze Handbewegung, ein tiefes Knurren. Jetzt bemerkte Bertha es auch. Besser gesagt: sie.

 

Die Anzahl der Motten hatte sich vervierfacht.

 

Klatsch!

 

Zufrieden blickte Cassidy auf den grau-braunen Fleck in seiner Handfläche. „Erwischt!“, brüllte er hämisch und mit heraushängender Zunge.

 

Er hielt inne, als er die fünf anderen Motten erblickte, die wild durchs Zimmer flatterten.

 

Fünf.

 

„Scheiße, wo kommen die nur her?“ Fasziniert und mächtig angepisst zugleich, verfolgte er die Flugrouten der kleinen Insekten.

 

„Sind vielleicht Kleidermotten“, bemerkte Bertha, ehe sie ihre mit Speichel überzogene Handfläche zwischen ihren Innenschenkeln verschwinden ließ.

 

„Was immer die sind – die mach’ ich platt!“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, stürmte Cassidy hinaus auf den Flur. Vorbei an billigen Postern aus irgendwelchen Pornomagazinen, die in dieser Wohnung das Äquivalent zu Landschaftsmalereien oder Portraitfotos darstellten. Begleitet von einem dumpfen Klonk! traf der Handgriff der Besenkammertür auf die Wand. Putz und alte Tapete rieselten lautlos auf den fleckigen Teppichboden.

 

Neugierig lugte Bertha aus dem Badezimmer heraus. „Baby, was machst du da?“

 

Keine Antwort. Nur Gepolter.

 

„Was machst du da, Baby?“

 

Das Zischen einer Spraydose. Gehässiges Gelächter.

 

„Ich mach’ uns mal ’nen Kaffee.“

 

Tap, tap, tap. Raus aus dem Bad, kurz über den Flur, hinüber in die Küche.

 

Noch mehr Motten.

 

 

 

 

„Randall – du siehst scheiße aus. Lass’ es dir gesagt sein.“

 

Randall winkte nur ab. Hinter ihm gruben sich die Greifzangen mehrerer Bagger tief ins weiche Erdreich. Etwas weiter entfernt zerschnitt eine massive Abrissbirne die Luft, bevor Ziegel, Putz und Eisenträger pulverisiert wurden; begleitet vom stechenden Aroma von Dieselabgasen.

 

„Kümmer’ dich um deinen eigenen Scheiß.“ Aus seinen Baggy Pants zog Randall eine kleine Plastiktüte mit weißem Inhalt.

 

Sein Gegenüber – ein dürrer Knilch namens Dorian – antwortete mit einem Griff in seine Levi’s. Zog ein paar Scheine hervor.

 

„Siehst aber wirklich beschissen aus“, beharrte Dorian, nachdem sein Vorrat für die nächsten Tage gesichert war.

 

Randall bemerkte ihn nicht. Stattdessen glotzte er die schweren Maschinen an.

 

„Vielleicht stoßen die auf was“, murmelte er nachdenklich.

 

„Höchstens auf getrocknete Dinosaurierkacke“, entgegnete Dorian beschwingt-fröhlich. „Oder auf die vermoderten Knochen von den verschwundenen Kindern. Würde mich jedenfalls nicht wundern. Wie dem auch sei. Mach’s gut, Alter. Wenn ich dich brauche, melde ich mich. Und hau dich mal für ein paar Stunden aufs Ohr!“

 

Nachdenklich sah ihm Randall nach, bis Dorian hinter ein paar weiteren, längst abrissreifen Gebäuden verschwunden war. Er strich sich über die Stirn. Fühlte klebrigen Schweiß. Und nicht nur dort. Sah zum trüb-grauen Himmel hinauf. Keine Sonne. Fuck, es hatte höchstens fünfzehn Grad – und dennoch schwitzte er wie ein Schwein auf dem Weg zur Schlachtbank. Seine Beine fühlten sich an, als wären sie mit Zement gefüllt. Die Arme waren tonnenschwer.

 

Und da war noch etwas … etwas überaus Seltsames … etwas –

 

Bilde ich mir dass jetzt schon ein?

 

Sein Blick sank auf das rissige und moosüberzogene Betonpflaster hinab. Falten zogen sich über seine Stirn.

 

Hatte er es wirklich gespürt? Hatte sich eben gerade –

 

– der Boden unter mir bewegt? Wie bei einem Erdbeben?

 

Vollkommener Blödsinn. Dies hier war die Ostküste und nicht San Francisco oder Los Angeles. Hier gab’s Erdbeben nur in drittklassigen Fernsehfilmchen oder Taschenbüchern oder …

 

Er drehte sich um. Sah zu dem Gebäude auf, in dessen Schatten er stand. Der alte Kasten wirkte … unheimlich. Verdammt unheimlich sogar.

 

Hinter seiner Stirn erwachten die Vorboten einer Migräne zum Leben. Vielleicht sollte ich mich wirklich hinlegen, dachte Randall und setzte sich in Bewegung.

 

Bereits einen Block später ging es ihm schon besser.

 

 

 

 

Stürmisch wurde Nichols von den Melodien des Hauses begrüßt. Irgendwo plärrte ein Baby. Anderswo lief Latino-Pop im Radio. In einer Wohnung wurde heftig gestritten, in einer anderen laut gehustet. Das Fahrrad vor sich herschiebend, wandte er sich rechter Hand dem Sammelsurium aus zerbeulten, zerkratzten und beschmierten Briefkästen zu. Ein kurzer Blick – leer bis auf ein paar Flyer für irgendwelche TexMex-, China- und Spaghettiläden – dann ging’s weiter. Das Fahrrad geschultert, eine fröhliche Melodie summend, machte er sich auf Richtung Keller.

 

Ein schmaler Flur trennte die dicht beieinander stehenden Kellerabstellräume. Auf die meist hölzernen Türblatter traf in der Regel das Gleiche zu wie bei den Briefkästen. Lautlos öffnete Nichols die beiden Vorhängeschlösser. Zog das Türblatt hinter sich zu.

 

Eine der drei nackten Glühbirnen flackerte. Die Motten störte es nicht. Unbekümmert zogen sie weiter ihre Kreise.

 

„Oh, der Herr Student!“, begrüßte Cassidy Nichols hämisch, nachdem dieser wieder hinter sich abgeschlossen hatte. Breitbeinig und mit vor der Brust verschränkten Armen bezog er Stellung. „War’s denn auch schön heute in der Uni? Gute Vorlesungen gehabt?“

 

Nichols Blick galt der unverputzten Wand und den unzähligen Krakeleien darauf. Verstohlen richtete er seine Brille. „Es war … gut.“

 

 

„Na, das freut mich aber!“, spottete Cassidy – und beugte sich verschwörerisch vor. Die nächsten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern: „Ähm, was ich schon immer mal fragen wollte … wie sind denn die Schnecken aufm Campus so? Ich hab’ gehört, dass da ein paar wirklich geile Wanderfotzen am Start wären!“

 

Weit aufgerissene Augen, weit offen stehender Mund. Fassungslos glotzte Nichols sein Gegenüber an, das plötzlich unter einem schweren Lachanfall litt.

 

„Nichts für ungut!“, blaffte Cassidy, ehe er an Nichols vorbei schritt; noch immer lauthals lachend. Sein linker Oberarm traf Nichols’ Schulter – hart. Ohne sich dagegen zu wehren, wurde Nichols zur Seite gerissen, bekam sein Rücken den kühlen Putz zu spüren. Mit bebenden Lippen und hasserfülltem Leuchten in den Augen blickte er Cassidy nach, bis dieser verschwunden war.

 

Seine Wut verpuffte in dem Moment, als er draußen das Album mit den Bildern entdeckte. Verstohlen lag es neben dem Treppenaufgang wie Treibgut am Strand. Neugierig kniete sich Nichols davor. Starrte den rissigen Ledereinband an. Fragte sich, wem das Album wohl gehörte … und griff danach.

 

 

 

 

Drei Stockwerke höher schlurften Mister Calverts reich verzierte Babuschen über das Hartgummi-Holzimitat im Flur. Sein roter Morgenmantel aus Seide schmiegte sich wie eine zweite Haut an seinen einundsechzigjährigen Körper – sah man von der wie eine Fahnenstange aufgerichteten Erektion ab.

 

Im Arbeitszimmer ließ er sich in seine Voyeuse fallen und schaltete den Computer ein. Ungeduldig wackelte er mit seinem übergewichtigen Körper vor und zurück; wanderte seine Zunge an der fleischigen Rückseite seiner Unterlippe entlang. Dann – endlich! – war das Gerät hochgefahren. Mister Calverts Herz hämmerte hart gegen seine Rippen. Seine zitternden Finger fanden die Maus; sorgten dafür, dass der Cursor die richtigen Programme antippte. Binnen weniger Augenblicke war er wieder Teil des Netzes.

 

Und weiter: auf zu den so harmlos wirkenden Seiten, welche oberflächlich betrachtet nichts weiter als religiöse Diskussionsforen boten. Von Jesus von Nazareth über Gerebernus hin zu Bodhisattva und Moses Mendelssohn. Doch schon ein paar Klicks und Tastenkombinationen weiter … und aus der Erlösung wurde das Purgatorium.

 

Bis aufs Äußerste erregt, lehnte sich Mister Calvert vor. Fahrig strich er sich mit einer Hand über den staubtrockenen Mund, während die andere seine dunkelrote, pulsierende Eichel liebkoste. Mister Calverts Vorliebe galt kleinen asiatischen Jungs; eine Leidenschaft, die ihm vor knapp acht Jahren beinahe den Job als Lehrer gekostet hätte, wäre da nicht dieser überaus fähige und sehr sympathische Anwalt gewesen, der im Geiste ein Bruder zu seinem Mandanten gewesen war. Letztlich war aus dem Täter das unschuldige Opfer geworden. Schließlich war Mister Calvert schon immer ein so netter Mann gewesen und überhaupt, welcher Mensch kam eigentlich auf den Gedanken, dass dieses herzensgute Subjekt imstande sei, derlei Widerwärtigkeiten auszuführen?

 

Langsam wechselten sich die Bilder ab. Unterschiedlich und dennoch so gleich. So schrecklich gleich.

 

Kleine nackte Thaikinder in einer rostigen Badewanne. Kleine nackte Thaijungs am Strand. Kleine nackte Thaibuben in irgendeinem schmierigen Hinterzimmer. Und niemals allein. Meistens aktiv, selten passiv. Körpersäfte, Gewalt, Geilheit. Das volle Programm.

 

Hinter Mister Calverts Stirn arbeitete seine Fantasie bereits auf Hochtouren und ließ vieles im Vergleich dazu – wenn nicht sogar das meiste – völlig harmlos erscheinen. Seine Lippen bewegten sich jetzt; präsentierten die gebleckten, verfärbten Zähne eines in der Hülle eines Menschen gefangenen Ungetüms. Begierig rieb die rechte Hand den steinharten Phallus. Der mit weißen Härchen überzogene Hodensack zog sich zusammen. Gleich, gleich, gleich …!

 

Seufzen. Augen verdrehen. Zurücklehnen. Zwischen seinen Fingern spürte Mister Calvert die klebrige Beschaffenheit seines eigenen Samens. Rasch zog er mit der anderen, unbefleckten Hand ein paar Kleenextücher aus der Box neben dem Bildschirm. Sorgfältig säuberte er die Finger, die Handfläche, den Schreibtisch.

 

Die Papiertücher landeten im Mülleimer. Gleichzeitig erlosch der Bildschirm. Und Mister Calverts Herz machte einen Salto.

 

Erschrocken starrte er das pechschwarze Rechteck an. Dann die Hardware. Nichts blinkte, nichts leuchtete auf.

 

Mister Calverts Geilheit hatte sich binnen Sekunden in ein brodelndes Gebräu aus Paranoia und Angst verwandelt. Er löste sich von der Voyeuse. Sank auf die Knie. Weißliche Spermatropfen quollen aus seinem wieder erschlafften Glied; hinterließen Flecken auf der Seide des Mantels und dem flauschigen Teppich. Nervös überprüfte der von den Schülern der Linklater-Grundschule zum Lehrer des Jahres gewählte Mann den Wirrwarr aus Kabeln und Verbindungen, die zahlreichen Modems, Koppler, Transformatoren. Und auch hier mit dem gleichen Ergebnis.

 

Die …

 

Mister Calverts weit aufgerissene Augen glotzten ins Nichts.

 

Die …

 

Könnte es wirklich sein, dass – ?

 

Die …

 

Hatte man ihn etwa tatsächlich …?

 

DIE!

 

Die. Sie brauchten keinen Namen. Man kannte sie. Wusste, wo sie herkamen; wo sie ihren Unterschlupf hatten. Uniformierte Gestalten. Ausdruckslos wie Porzellanpüppchen. Die Blicke stets hinter dunklen Sonnenbrillen verborgen. Statt den Terror oder den Drogenhandel zu bekämpfen, waren sie auf der Suche nach Männern wie ihm. Dem liebenswürdigen, netten, friedlichen Mister Calvert. Der nichts, aber auch rein gar nichts getan hatte, was solch eine Brandmarkung rechtfertigen würde!

 

Ja … Mister Calvert war tatsächlich von seiner Unschuld überzeugt. Nicht nur in Momenten wie diesen.

 

Doch der Gedanke an wild einfallende Bundesbeamte, gnadenlose Staatsrichter und Männerliebe im Hochsicherheitsgefängnis verpuffte just in jenem Moment, als er das schwache Surren vernahm. Schwach, ganz schwach. Und irgendwo in seiner Nähe.

 

Mister Calverts Kniescheiben knackten geräuschvoll, als ihr Besitzer sich im Halbdunkel unter dem Schreibtisch vorbeugte und die Wandsteckdose in Augenschein nahm.

 

Nichts. Alles wie immer. Das heißt –

 

Das kleine Ding, das auf der Hartgummihülle des Steckers herumstolzierte, war harmlos. Dünne Flügelchen, dunkelbraune Facettenaugen. Ein blau-grün glänzender Körper. Eine Goldfliege. Weiter nichts. Wo die wohl hergekommen war? Aber eine einzige Fliege konnte doch unmöglich der Grund dafür sein, dass sein Computer –

 

Er bekam die Antwort. Schneller, als ihm lieb war.

 

Zuerst war es nur das Summen. Anfangs vielleicht lästig, war es binnen eines Wimpernschlages zu einer akustischen Folter mutiert. Schrill. Monoton. Unheilverkündend. Alles zugleich.

 

Dann passierte etwas mit der Steckdose. Sie schien … größer zu werden, sich auszudehnen. Wie ein Ballon, den man langsam mit Luft füllte. Erste Risse traten in der weißen Plastikverkleidung auf. Wurden größer, wurden länger, brachen auseinander …

 

Kreischend wich Mister Calvert zurück, als das zerborstene Plastik den Weg frei gemacht hatte. Für Fliegen. Fliegenschwärme. Nicht enden wollende Fliegenschwärme.

 

Sein Schädel lernte auf überaus schmerzhafte Weise das harte Holz der Schreibtischunterseite kennen. Passend zu den ihn umkreisenden Fliegen sah er nun zusätzlich Sterne. Einen Moment stand er kurz davor, tatsächlich ohnmächtig zu werden. Doch irgendwie rappelte sich Mister Calvert wieder auf.

 

Gleichgültig fegte er mit einer Handbewegung die Voyeuse beiseite und richtete sich auf. Längst hatte sich der Knoten seines Seidenmantels gelöst und offenbarte den abgeschlafften, faltenreichen und übergewichtigen Körper eines in die Jahre gekommenen Pädophilen. Torkelnd und mit ausgestreckten Armen suchte er den Weg nach draußen, doch die Fliegen ließen es nicht zu. Binnen eines Augenblickes vereinigten sie sich zu einem einzigen, bläulich schimmernden Umhang, der den armen Mister Calvert vollkommen einhüllte. Begierig suchten die kleinen Leiber Eintritt in ihr Opfer und wurden fündig; bevölkerten die Gehörgänge und Nasenwege, verstopften die Mundhöhle, breiteten sich im Rachen aus, genossen die feuchte Wärme des Rektums.

 

Und fraßen. Leckten. Saugten.

 

Ganz in der Nähe klapperte es. Die Blende der Klimaanlage. Polternd landete sie neben einem Bücherregal. Dem Festmahl schlossen sich weitere Teilnehmer an: Hausfliegen, Fleischfliegen, Stubenfliegen … Motten. Schon sehr bald verdunkelten die Insektenlegionen das ganze Zimmer.

 

Eine Zeitlang wehrte sich Mister Calvert tapfer gegen die Angreifer. Begraben von unzähligen Chitinkörpern, Antennen, haarigen Beinchen und begierigen Mundwerkzeugen zuckte sein Körper wie unter Stromschlägen. Er war nicht mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen; jetzt, wo sie überall waren – buchstäblich überall! Hinter seinen geschlossenen Lidern und in den Augenhöhlen, in seinen Gedärmen, der Luftröhre … ja selbst in seinen Hirnwindungen schienen sie mittlerweile zu stecken! Und es gab nichts, das er –

 

Dunkelheit. Gnädige Dunkelheit.

 

Die Insekten fraßen weiter.

 

Doch selbst dieses üppige, alles überwältigende Festmahl hatte irgendwann ein Ende erreicht. Die dunkle Chitinwalze löste sich wieder auf. Zielstrebig suchten die Fliegen und Motten das Weite. Was blieb, war ein dunkler Fleck auf dem ansonsten so makellos wirkenden Parkettboden.

 

Ein Fleck, der frappierende Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körper hatte.

 

 

 

 

Machen wir uns nichts vor: Seine Wohnung war ein Loch. Eine abgefuckte Parzelle inmitten eines Tumors, der sich von dem Hass und den Widerwärtigkeiten seiner Bewohner ernährte wie ein völlig außer Kontrolle geratener Parasit. Eigentlich hätte man das Haus längst dem Erdboden gleichmachen sollen. Wie so vieles andere in dieser schäbigen Gegend, die erst durch die Einbrüche, Morde, Vergewaltigungen und Dealereien komplettiert wurde.

 

Doch letztlich lief es auch bei einer so guten Seele wie Nichols auf eine Sache hinaus: Geld. Nur deswegen lebte er hier. Die Mieten waren spottbillig. Genau das richtige für einen Studenten, der nicht das Privileg eines reichen Elternhauses genossen, an keinem goldenen Schnuller genuckelt und keinen deutschen Sportboliden an seinem achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte; dessen Leben stets ein Ziehen und Zerren gewesen war. Genau das richtige für ihn.

 

Seufzend und mit geschlossenen Augen lehnte er sich gegen die dreifach verriegelte Tür. Erst mal einen Moment durchatmen. Wieder zur Ruhe kommen. Den Bastard Cassidy vergessen.

 

Langsam, Blütenblättern gleich, öffneten sich seine Lider. Sein Blick galt dem Fotoalbum. Fest in seinen Fingern. Fest gegen die Brust gedrückt wie ein hilfloses Baby.

 

Sein Puls beschleunigte sich.

 

Hastig streifte er sich den zerrissenen, einstmals grünen Rucksack ab. Warf ihn in eine Ecke. Seine Nikes ließ er folgen. Lautlos bewegte er sich über den Flaum unter seinen Sohlen, durchstreifte er seine eigene kleine Insel, die er mit viel Liebe und noch mehr harter Arbeit errichtet hatte. Ein Illusion zwar, doch hielt sie den schimmeligen Putz, die nassen Wände, krankheitserregende Baustoffe, rostige Leitungen und wurmzerfressene Balken auf Distanz.

 

Im Wohnzimmer hauchte er dem CD-Player neues Leben ein: Die fünfte Symphonie. Beethoven. Die Schicksalssymphonie. Pompös und zugleich leichtfüßig. Unorthodox und dynamisch.

 

Die Beine übereinandergeschlagen, lehnte er sich auf seiner dunkelbraunen Couch zurück; das Album vor sich auf dem Schoß liegend.

 

Zärtlich presste sich die Innenseite seines Daumens gegen die untere Ecke des Einbandes. Rissiges Leder knirschte; stöhnte auf. Das Portal in die Vergangenheit war geöffnet worden. Seite auf Seite, gefüllt mit Aufnahmen in Schwarz-Weiß; gelbstichigen, verblassten, rissigen Memorabilien, die bewiesen – eindeutig bewiesen! – dass hier einstmals gute Menschen gelebt hatten.

 

 

 

 

Ein Foto wurde direkt vor dem Hauseingang geschossen. Es zeigt fröhliche Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Glücklich vereint, winken sie in die Kamera, präsentieren ihre makellosen Gebisse, die frisch gebügelten und gesteiften Sonntagsanzüge, Röcke und Petticoats. Die Kinder tragen Blue Jeans, gestreifte Hemden und flache Converse. Am rechten Bildrand ist der Kühler eines Buick Roadmaster zu erkennen. Die Karosserie glänzt in der Sonne.

 

 

 

 

Noch immer von Beethovens unsterblichen Klängen begleitet, blätterte Nichols die nächste Seite um. Noch mehr Schwarz-Weiß – und dennoch so farbenfroh wie ein Regenbogen. Mit einer merkwürdigen Schwere, die sich immer mehr und mehr seines Herzens annahm, berührten Nichols’ zitternde Fingerspitzen die Fotos.

 

 

 

 

Zwei Männer. Der größere der beiden in einem ölverschmierten Overall, der mit Ölspritzern verschmiert ist. Keck trägt er eine dunkle Kappe. Eine Hand hält einen Schraubenschlüssel. Im Mundwinkel steckt eine Filterlose. Seinen rechten Arm hat er um einen grauhaarigen Mann gelegt, dessen zahlreiche Falten im Gesicht ihn dennoch nicht alt erscheinen lassen. Höchstens interessant. Wie sein Gegenpart lächelt auch er. Wie sein Gegenpart hat er einen Arm ausgestreckt. Eine Geste, die nicht für das Foto aufgesetzt wurde. Ebenso wenig wie das Lächeln der beiden Männer. Es ist ehrlich. Kommt von Herzen. Beweist ihr Vertrauen, Respekt und Bewunderung zueinander.

 

 

 

 

Nichols fühlte sich, als lägen Bleikugeln an seinen Gelenken. Als wären seine Organe durch Findlinge ausgetauscht worden, die jeden Herzschlag und jeden Atemzug einem Kampf gleichkommen ließen. Beethoven spielte noch immer. Der vierte Satz. Das Finale. Ein pompöses Allegro nach dem anderen. So voller Kraft und voller Optimismus, so –

 

Tränen quollen aus Nichols’ Augenwinkeln. Hinterließen funkelnde Spuren auf der Haut. Er starrte ins Leere, während der Marsch des vierten Satzes wie eine Horde Reiter durch das Zimmer preschte. Unschuldig und schüchtern zugleich, versuchten sich die Piccoloflöten gegen die Vormacht der Posaunen zur Wehr zu setzen. Gleichzeitig hatte Nichols das Gefühl, als triebe ihm jemand die kalte Spitze eines Messers ins Herz. Wie in Trance stand er langsam auf; achtete nicht auf das noch immer aufgeklappte Album, das sich lautlos aus der Geborgenheit seines Schoßes löste und zu Boden fiel. Ebenso wie sich eine der wenigen Aufnahmen, die Nichols noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, heimlich den Seiten aus Karton entwand und, dem Blatt eines Baumes gleich, zu Boden schwebte.

 

 

 

 

Die Aufnahme wirkt grobkörnig, verwackelt. Unscharf. Ein Schnappschuss, bei dem zittrige und adrenalingetränkte Finger den Auslöser drückten. Die Fratzen der Agonie und des Schreckens sind ebenso wenig aufgesetzt wie das breite Lächeln der beiden Männer auf einer der letzten Aufnahmen. Der junge Farbige, dessen verbliebenes Auge sich dem Objektiv abzuwenden scheint, ist blutüberströmt. Seine Zahnreihen sind verwüstete Ruinen. Überall Kratzer, Wunden, Hämatome. Eine dunkle Lache hat sich rings um den Kopf des jungen Mannes (er kann nicht viel älter als neunzehn oder zwanzig sein) ausgebreitet.

 

 

 

 

Der Hall von Beethovens Klängen löste sich auf.

 

In der Küche erbrach sich Nichols würgend in die Spüle.

 

 

 

 

Unten im Keller spielte Cassidy eine gänzlich andere Symphonie; ließ er eine andere Form von Dämon erwachen. Sein Orchesterstab war im Vergleich zu dem von Beethoven minimal. Spartanisch geradezu. Aber auch hier erfüllte jedes Instrument seinen Zweck, fügten sich die einzelnen Teile zu einem logischen Ganzen zusammen.

 

Wie die meisten Schränke hier unten, war auch der alte, nicht angeschlossene Kühlschrank mittels einer schweren Kette vor den Augen anderer geschützt – Bertha inklusive. Die Dinge, die er hier unten verwahrte, waren seine Dinge. Nichts für Neugierige. Plappermäuler. Oder Menschen, die leicht erregbar waren. Die ganzen Gerätschaften und Spielzeuge, die Snuff-Videos, dieser Catwalk aus Lycra, Gummi und Latex … manchmal war selbst Cassidy von den Wünschen seiner Kunden – die meisten äußerlich normale Menschen – angewidert. Das Geld machte aber vieles wett. Wirklich vieles.

 

Ratternd wie ein Reptil aus Stahl löste sich die Kette und fiel zu Boden. Die Tür des hüfthohen Kühlschrankes quietschte. Selbst mit verbundenen Augen hätte Cassidy sein Ziel gefunden. Es lag immer an der gleichen Stelle. Ordnung musste nun mal sein.

 

Kurz darauf kauerte Cassidy bereits neben der Werkbank und verfolgte zufrieden, wie die Mischung aus Heroin und Ascorbinsäure in dem zurechtgebogenen Löffel zu blubbern anfing … Blasen schlug … sich verfärbte …

 

Zeit für Phase Zwei.

 

Mit der geübten Routine eines Schönheitschirurgen, der seinen betuchten Patienten Botox in die Lippen injizierte, packte Cassidy die frische Spritze aus ihrer Verpackung. Legte sie neben das Feuerzeug und den erhitzten Löffel. Setzte den Gürtel am Oberarm an. Zog ihn zu, bis der Arm taub wurde. Ballte die Faust. Einmal, zweimal, dreimal, bis die Vene hervorquoll. Füllte die Spritze; ließ die Nadel eintauchen … drückte behutsam den Kolben und – aaah …

 

Schnipp-Schnapp! Es war, als hätte jemand die Fäden einer Marionette durchtrennt. Die Spritze entglitt Cassidys schlaffen Fingern. Er sank zusammen. Seine Lippen wurden zu einem Grinsen der Glückseligkeit und irgendwo in den Windungen seiner grauen Zellen schmetterten 250 Pfund schwere Walküren ihre Arien. Mit glasigen Augen starrte er ins Nirwana.

 

Über ihm klapperte es. Hohl, metallisch, unangenehm. Eines der Heizungsrohre, das entlang der Rückwand verlief. Cassidy bemerkte es nicht. Ebenso wenig wie er die Motten bemerkte, die ihn umschwirrten.

 

 

 

 

„Da wären wir, Chef.“ Gleichgültig blickte der Taxifahrer seinen Fahrgast an; eine Hand durch das Kabinenfenster gestreckt. „Macht einundzwanzig siebenundachtzig“, fuhr er kaugummikauend fort.

 

Chester gab ihm einen zerknitterten Fünfzig-Dollar-Schein und stieg aus. Die Hitze des Taxis und seine Aromen aus Schweiß, kaltem Rauch, Erbrochenem und anderen Körpersäften wurden durch wolkenlose Schwüle, stechend-süße Abfälle, die in der Sonne vor sich hin rotteten und dem Gehämmere des Bauarbeitertrupps in der Nähe abgelöst. Im Augenwinkel verfolgte er, wie das Taxi sich wieder davon machte.

 

In seinen Ohren brandete der Puls. Seine Kopfhaut juckte. Rasch überprüfte Chester sein Äußeres – besonders den Sitz seines Hawaiihemdes; seines weit ausgeschnittenen Hawaiihemdes, damit keiner die Konturen der .38er wahrnehmen konnte – ehe er den ersten Schritt wagte. Sein Herz klopfte im Gleichklang mit den Presslufthämmern ganz in der Nähe. Schwer atmete er durch den Mund.

 

Den Weg die Stufen hinauf, die zur offenstehenden Eingangstür führten, nahm er auf eine fast schon behutsame Art.

 

Ich will niemanden töten.

 

Die Waffe hatte auf dem Schwarzmarkt ein kleines Vermögen gekostet. Von den Hohlspitzgeschossen ganz zu schweigen. Aber angesichts der Dinge, die er über Cassidy erfahren hatte, schien ihm normale Munition einfach nicht ausreichend genug. Himmel, selbst jetzt noch war er sich dessen nicht sicher!

 

Cassidy.

 

Ja. Cassidy. Wenn nötig, würde er ihn abknallen; würde er ihm seinen gottverdammten Schädel von den Schultern pusten oder mit seinen Gedärmen die Wand neu färben – alles, nur damit Bertha –

 

Bertha.

 

Bertha. O ja. Was da vorgestern Abend zwischen ihr und ihm gelaufen war, das war kein schneller Fick gewesen. Keine rasche Nummer. Da war so viel mehr im Spiel gewesen; echte Gefühle, keine Dusseleien und als er dann die Flecken gesehen hatte und die Narben und die … die …

 

Ich werde ihn umbringen.

 

Zorniger, als er es jemals zuvor in seinem dreißigjährigen Leben gewesen war, verschmolz er mit den Schatten. Hasserfüllt. Vom Scheitel bis zur Sohle. Bis in die kleinste Faser seines Marks.

 

Draußen lösten sich winzige Brocken des ohnehin schon rissigen Putzes und sanken neben den überquellenden Mülltonnen auf das nicht minder rissige Pflaster.

 

 

 

 

Als Nichols sich in der relativen Kühle des Kellerganges wiederfand, ging es ihm schon besser. Viel besser sogar. Das Rumoren in seinen Gedärmen verflüchtigte sich wie ein Sommergewitter – und zog diese unendliche Traurigkeit gleich mit sich. Mit neuer Kraft und neuem Mut setzte er sich in Bewegung.

 

 

 

 

Im vierten Stock stand Chester vor der Tür zu Cassidys Wohnung – das Namensschild über der Klingel wurde lediglich durch einen einzigen Buchstaben ausgefüllt: „C.“ – und schwitzte wie nie zuvor in seinem Leben. Ganz in der Nähe konnte er Musik hören – oder summte da jemand vor sich hin? – und lauschte einen Moment. Komm wieder runter, ermahnte er sich. Ganz cool jetzt. Wie er wohl reagiert hätte, hätte er gewusst, dass die Melodien aus der Kehle einer jungen Frau kamen, die vor dem Bettchen ihrer drei Monate alten Tochter stand, die sie gerade mit dem Kissen erstickt hatte?

 

Mit dem Handrücken fuhr er sich über die Stirn. Langsam näherte sich sein Zeigefinger dem Klingelknopf.

 

 

 

 

Kll-atsch! Kll-atsch! Das Schnalzen der Latexhandschuhe klang in der dominierenden Stille so unheilverkündend wie ein Peitschenschlag. Aber wer würde etwas mitkriegen? Wer würde etwas hören? Das Fenster war hinter einer starken Grobspanplatte versteckt und überall hingen bieder-graue Absorptionsplatten aus Schaumstoff. Die Klassischen. Mit den Noppen natürlich.

 

Wer also? Wer …?

 

Ach ja …

 

Leise vor sich hin pfeifend – Beethoven selbstverständlich – nahm Nichols auf dem kleinen Schemel Platz. Lautlos bewegten sich die Rollen über das blitzblanke PVC.

 

„Jetzt ganz ruhig“, murmelte Nichols und löste den Knoten des Kartoffelsackes. Vorsichtig zog er den Stoff nach unten. Lehnte sich zurück. Genoss und analysierte sein Kunstwerk gleichzeitig.

 

Er kannte ihren Namen nicht. Würde es wohl auch nie erfahren. Nicht, nachdem er ihr die Zunge mit einer Heckenschere abgeschnitten hatte.

 

Spielt auch keine Rolle.

 

Handschellen hielten Hände und Füße im Zaum. Die Bügel waren verklebt mit getrocknetem Blut und Hautfetzen. Der stramm gezogene Ballknebel dagegen war vollgesprenkelt mit Erbrochenem. Ihre abgemagerte Gestalt wäre locker als Warnung für jedes Mädchen durchgegangen, das sich in seinem Schlankheitswahn auf Knien den Finger bis zum Anschlag in den Hals schob, um dem Porzellangott ein hübsches Opfer zu schenken. Ihre Haut hatte den hässlichen Grauton von ungenießbarer Milch angenommen. Das einstmals junge und attraktive Gesicht war in den letzten Monaten um Jahrzehnte gealtert. Die blutunterlaufenen Augen sahen ins Nirgendwo.

 

Wie es schien, war Nichols wohl doch keine so gute Seele. Andererseits erging es jedem so, der dem Hass, dem Zorn, der Bösartigkeit des Hauses lange genug ausgesetzt war und deren Sporen einatmete. Einem besonders tückischen Schimmelpilz gleich, hatten sich Niedertracht, Gewalt und Xenophobie in den Wänden, Decken, Leitungen, ja selbst dem Mörtel eingenistet und tentakelgleiche Wurzeln geschlagen, die nun ihre Essenzen großzügig weitergaben.

 

Nichols beugte sich vor. Gott, wie er dieses Mädchen … liebte! Seine kleine Venus; seine Muse, seine Inspiration.

 

Schade nur, dass unsere Beziehung nicht von Dauer sein wird.

 

Er machte eine neckische Bewegung mit seiner Nasenspitze – Samantha Stevens ließ grüßen (Bewitched, großartige Serie!) –, seufzte leise auf.

 

Seine Muse rührte sich noch immer nicht.

 

„Sollen wir es heute wagen? Nach –“, ein rascher Blick auf die Armbanduhr, „vier Monaten?“

 

Falten erschienen auf seiner Stirn. Dahinter arbeitete es.

 

Nachdenklich legte Nichols einen Finger auf die trockenen Lippen, ehe er schließlich fortfuhr: „Ich denke … ja. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“

 

Das Opfer wehrte sich nicht. Still und leblos wie eine Stoffpuppe ließ die Kleine es zu, dass man ihr den Knebel entfernte.

 

Breitbeinig stand Nichols kurz danach vor ihr und musterte sie eingehend. Irgendwas … fehlte. Das entscheidende Detail; das finale Puzzlestück zur Vollendung.

 

Neben dem Schemel, verborgen unter einem strahlend-weißen Leintuch, stand der Tablettwagen aus nichtrostendem Edelstahl. Und darunter – lauter Kostbarkeiten. Vom Skalpell hin zum Rippenspreizer über das Stemmeisen und weiter zur Rohrzange …

 

Nichols entschied sich fürs Skalpell. Vorerst. Für die Zähne würde er dann –

 

Seine Gedanken wurden erschüttert. Ebenso der ganze Raum. Hilflos torkelnd, verlor er schließlich das Gleichgewicht und landete auf seinem dürren Arsch. Wütend riss er sich die Handschuhe von den Gelenken. Griff nach dem Skalpell, das ihm aus den Fingern gerutscht war. Die Spitze wies direkt auf das Mädchen.

 

„Rühr’ dich nicht!“, blaffte er sein Opfer an. Speicheltropfen schossen aus seinem Mund. Entschlossen stapfte er zur Tür hinüber. Wenn das dieser Wichser Cassidy ist …

 

Das nächste Beben ließ das Fundament erzittern.

 

 

 

 

Das Beben …

 

Es lenkte sogar Bertha ab, die mit zerfetzter Bluse schwer atmend in der Küche stand. Bertha – den Topf fest mit beiden Händen haltend. Die jetzt nicht mehr auf den wie wild kreischenden Mann starrte, sondern auf den Riss am Boden, der seltsamerweise ein Eigenleben zu führen schien. Unheilvoll knirschend und begleitet von den immer heftiger werdenden Erschütterungen, bahnte er sich seinen Weg über den Fliesenboden – Krack! Krack! – dann die Wand hinauf – Krrr-aaack! – weiter die Decke entlang …

 

Sie konnte nur dastehen und glotzen, als sich ein gewaltiger Betonbrocken löste; dabei Teile des metallischen Skelettes offenbarend – rostige Betonstäbe –, hinabstürzte …

 

… und Chester von seinen Qualen erlöste.

 

Chester, der den ganzen Topf voller kochendem Wasser abbekommen hatte; einfach so. Dessen Haut man wie geschmolzenen Käse im Gesicht abziehen konnte; dessen Schädelform eher der einer frisch servierten Kalbshaxe geähnelt hatte. Chester, dessen Kopf jetzt dank eines fast zweihundert Kilo schweren Betonbrockens so platt war wie eine Briefmarke.

 

Aus der Wohnung nebenan erklang der laute und abrupt endende Schrei einer Frau.

 

Schließlich erwachte auch Bertha aus ihrer Starre. Noch immer hielt sie den Griff des Topfes mit einer Hand, als sie aus der Küche stürmte … stürmen wollte …

 

Aber irgendwie knickten dann ihre Beine ein und irgendwie landete sie mit dem Gesicht auf dem Boden und konnte Blut schmecken und dann war da dieses eigenartige Ächzen über ihr und dann –

 

Oh Gott!

 

– wurde es dunkel.

 

 

 

 

Die nackten Glühbirnen im Gang tanzten, noch immer an den Kabeln baumelnd, den Boogie-Woogie, als Nichols herausgestürmt kam.

 

Überall – an der linken wie auch an der rechten Wand, an der Decke – konnte er große und kleine Risse erkennen, die sich weiter und weiter ausbreiteten, während der Boden unter seinen Füßen immer stärker vibrierte und die Motten vor seinem Gesicht herumschwirrten und umher flogen wie … wie …

 

Wumm!

 

Mit hässlicher Brutalität wurde vor ihm eine Tür aufgestoßen. Cassidys Abstellraum, erkannte Nichols zufrieden – nur, um noch in derselben Sekunde einen perfekten 360-Grad-Schwenk zu erleben. Denn wer – oder was – da vor ihm aus dem Abstellraum stürmte, konnte nur mit viel, mit sehr viel Liebe noch als menschliches Wesen definiert werden. Über und über mit lauter … Krabbelzeugs bedeckt, das umherwuselte und sich wand.

 

Nichols’ Blase hatte längst kampflos aufgegeben. Sein Schließmuskel folgte ihr wenige Sekunden später, als das Ding zu sprechen anfing:

 

„Hälfmeear!“

 

Am ganzen Körper zitternd wie ein Malariakranker in den letzten Phasen seines Leidens, wich Nichols zurück. Das Ding folgte ihm. Behäbig, schwerfällig. Als würde es sich durch tiefen Schlamm bewegen.

 

Und dahinter …

 

Die massive Stahltür, die den Heizungsraum versperrte, wölbte sich, als bestünde sie in Wahrheit aus Gummi. Ein tiefes und sonores Knurren begleitete die Metamorphose.

 

Der Rest passierte dann ganz schnell.

 

Blitzschnell.

 

Mit der Geschwindigkeit eines abgefeuerten Pfeils löste sich die Tür aus den Angeln. Köpfte das Cassidy-Dings und halbierte Nichols einen Wimpernschlag später sauber in zwei gleich große Teile. Ihr folgte ein heißer Brodem; ausgestoßen von dem massiven Feuerofen, diesem Relikt eines längst vergangenen Jahrhunderts und einer längst vergessenen Zeit, der alles, was sich ihm in den Weg stellte, erbarmungslos in Asche verwandelte.

 

 

 

 

Drüben auf der Baustelle arbeitete keiner mehr. Die schweren Bohrhämmer, Kräne und Bagger waren längst zum Erliegen gekommen. Kollektiv sahen die Männer zu dem Haus hinüber. Zu dem Haus, mit dem … etwas vorging. Es schien … zu leben. Schien zu atmen, zu stöhnen, schien sich zu bewegen –

 

Schien … Schmerzen zu haben.

 

Begleitet von den ersten Ausläufern des rasch näherkommenden Gewitters – Donnern im Osten und ein kühler Wind – fiel das Gebäude in sich zusammen.

 

Nein. Falsch.

 

Es sank in sich zusammen. Es verzehrte sich.

 

Sich und alle, die darin waren. Täter. Opfer. Gleichgültig.

 

Wie die zerbeulte Karosserie eines ausgedienten Wagens unter der Presse quetschten unsichtbare Kräfte den Beton, die Steine, das Glas, den Stahl, Fleisch und Blut zusammen, bis nur noch ein winziges Häufchen übrig war.

 

Noch immer standen die Arbeiter wie versteinert da. Einer der Männer war auf die Knie gesunken und sprach ein leises Gebet.

 

Kurz darauf kam, einer Erlösung gleich, der Regen.

 

Die schweren Tropfen sanken mit der aufbrausenden Wut einer erzürnten Gottheit herab.

 

Und in der Ruine … bewegte sich etwas.

 

Zuerst waren es nur wenige, doch rasch wurden es immer mehr.

 

„Seht nur!“, entfuhr es Earl, dem Kranführer.

 

Die anderen folgten seiner ausgestreckten Hand – und erkannten es ebenfalls.

 

Ein Kaleidoskop aus unzähligen Farben und mannigfaltigen Mustern stieg zum Himmel auf.

 

Es waren keine Fliegen.

 

Und auch keine Motten.

 

Sondern …

 

… Schmetterlinge.

 

 

 

 

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Torsten Scheib

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Erstellt: 19.03.2011, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26