Flesh Gothic von Edward Lee

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Soso, Michael Slade. Es überrascht allenfalls unwesentlich, dass Edward Lee ausgerechnet ihn, den Großmeister der ultraharten Thriller als Inspiration für Flesh Gothic erwähnt. Wobei: ein Richard Matheson wäre sicherlich auch nicht verkehrt gewesen. Oder eine Shirley Jackson. Und selbst der Marquis de Sade hätte keinesfalls deplatziert gewirkt …

Wie es der Titel bereits impliziert, nimmt sich Lee diesmal die Gothic Novel vor, respektive den klassischen Schauerroman. Und der lebt ja zu einem Großteil aus protzigen, schlossähnlichen Herrenhäusern, hinter deren dicken Mauern Unaussprechliches erweckt wurde. Freilich, die Zeiten haben sich geändert und damit auch die Ästhetik des Bösen. Was damals bestenfalls angedeutet wurde, erhält dank eines Autors von Lees Format einen komplett radikaleren Anstrich. Doch der Reihe nach.

Ein Gewaltverbrechen von unvorstellbaren Dimensionen hat aus dem protzigen Anwesen des exzentrischen Multimillionärs und Sexfilmproduzenten Reginald Parker Hildreth ein Höllenhaus werden lassen. Waren die Ausschweifungen zuvor lediglich sexueller und drogenbedingter Natur, stehen fortan dreizehn barbarisch ermordete Menschen zu Buche; überwiegend Darsteller aus Hildreths eigener »Talentschmiede«. Doch fehlt vom Meister – und potenziellen Mörder – höchstselbst jede Spur. Kann es sein, dass er weiterhin unter den Lebenden weilt … oder an einem gänzlich anderen Ort? Um dies herauszufinden, hat Hildreths Witwe in spe, Vivica, diverse, höchst ungewöhnlich talentierte Menschen damit beauftragt, das Hildreth House genauer unter die Lupe zu nehmen. Da wäre zum Beispiel Patrick Willis, der dank bloßem Hautkontakt – Taktion – auf intensive Weise mit der Vergangenheit Kontakt herstellen kann. Oder Adrianne Saundlund und Cathleen Goodwin, zwei Frauen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Während Saundlund eher schüchtern und bieder ist, hält Cathleen Goodwin mit ihrer sexuellen Natur nicht hinterm Berge – und nutzt sie sogar für ihre Profession als sogenannte Paraerotikerin. Da fällt ein Geistlicher vom Schlage Alexander Nyvysks auf den ersten Blick ganz klar aus dem Raster. Doch hat der professionelle Exorzist und Geisterjäger ebenfalls die eine oder andere Leiche im Keller, etwa in Form eines jungen Mannes, in den er sich vor sehr langer Zeit im Irak verliebt hatte …

Verglichen mit diesem Sammelsurium außergewöhnlicher Naturen wirkt der ehemalige, abgehalfterte Journalist Westmore wie eine Insel der Vernunft, wenngleich auch er dunkle Geheimnisse sein Eigen nennen darf. Vorwiegend in flüssiger Form. Er soll für Vivica die Rolle des neutralen Berichterstatters einnehmen, ein Part, der ihm nicht zuletzt dank Vivicas schlagfertiger und ungemein attraktiven Assistentin und einem unverschämt hohem Honorar relativ leicht fällt – wenngleich das Zusammentreffen mit den anderen, höchst exzentrischen Individuen durchaus ordentlich an den Nerven zehrt. Tja, das Zusammenleben mit Spinnerten war halt noch nie einfach. Und ein Einblick in Hildreths krankes Seelenleben macht es auch nicht besser, fuhr der Mann doch zeitlebens extremst auf sexuelle Spielarten und Dämonologie ab. Kein Wunder also, dass ihm beides irgendwann mal zu Kopf gestiegen ist. Aber einen übersinnlichen Hintergrund? Wohl kaum.

Doch ebendort irrt sich Westmore, ebenso wie die Parapsychologen jene diabolischen Kräfte unterschätzen, die sich im Hildreth House eingenistet haben und nur darauf warten, gemeinsam mit einer Entität namens Belarius entfesselt zu werden …

 

Wer Edward Lee von Grund auf als plumpen Provokateur abstempelt, der sollte diese Meinung gründlich überdenken. Schon seine beiden Lovecraft-Pastiches, Der Besudler auf der Schwelle (ebenfalls bei Festa erschienen) und Innswitch Horror bewiesen, wie meisterhaft der Mann das Genre beherrscht. »Flesh Gothic« ist ein weiteres Exempel. Wie man es aus der Gattung des Haunted House-Romans kennt, lässt sich Lee Zeit, erschafft Atmosphäre anstelle gleich mit der Axt ins Haus zu fallen. Dies gelingt ihm prächtig, macht neugierig – und lässt die unvermeidlichen, wenngleich niemals rein plumpen Garstigkeiten umso heftiger wirken. Sicher, auch diesmal gibt es in Sachen sexueller und gewalttätiger Ausschweifungen bestenfalls den Himmel als Grenze, beides ist aber – gemeinsam mit erwähntem, wunderbar schaurigem Kolorit – gewissermaßen das Sahnehäubchen auf einem prächtig zusammengestellten Kuchen. Trotz allem vergisst Lee zu keinem Moment nicht das Seelenleben seiner Protagonisten, die aufgrund ihrer Obsessionen und Fehler nur umso menschlicher anmuten. Apropos: Ähnlich wie schon bei Bighead, liegt auch bei »Flesh Gothic« unter dem Mantel des Horrorromans wesentlich mehr verborgen; studiert Lee auch den heutigen Moral- und Werteverfall beziehungsweise hinterfragt jene Kräfte, die aus Menschen Fanatiker und Getriebene werden lässt. Ein weiterer, höchst delikater Bonus, der den Roman deutlich aus der vorwiegend grauen Masse herausragen lässt. Da verzeiht man auch die eine oder andere Länge, die sich hie und da eingeschlichen hat, sofern sie nicht von den präzisen Dialogen und/oder der bestens durchdachten Story aufgefangen wird, die – so viel darf verraten werden – abermals mit einem herrlich konsequenten, bitterbösem Ende aufwartet, wenngleich auch etwas zu knapp geraten.

 

Fazit:

»Flesh Gothic« vereint meisterhaft die klassischen Schauerwerke von einst mit der ungezügelten Härte der Gegenwart; verbunden durch einen raffinierten Plot, der stets mit neuen Überraschungen und Gemeinheiten aufwarten kann. Ein höllisch gutes Buch!

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Eure Meinung:

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Buch:

Flesh Gothic

Originaltitel: Flesh Gothic, 2005

Autor: Edward Lee

Übersetzer: Ben Sonntag

Taschenbuch, 448 Seiten

Festa-Verlag, 11. Dezember 2012

 

ISBN-10: 3865521630

ISBN-13: 978-3865521637

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00AH04EOQ

 

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zuletzt aktualisiert: 01.07.2018 15:19 | Users Online
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