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Bitterkalt von Dan Simmons

Reihe: Joe Kurtz 2

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

»Wie hardboiled muss man eigentlich sein, um den Status eines Joe Kurtz zu erreichen?« Eine Frage, die sich der Leser garantiert schon beim Genuss des Vorgängers, Eiskalt Erwischt, mehrmals stellte, nun aber in Dan Simmons Fortsetzung Bitterkalt womöglich eine noch stärkere Daseinsberechtigung hat. Wir erinnern uns: Da war dieser einstige Privatschnüffler, der den Tod seiner Partnerin rächt und dafür elf quälend lange Jahre hinter Gittern muss. Wieder entlassen, wird Kurtz prompt von einem Mafiaboss engagiert, kriegt es mit durchgeknallten Killerkommandos und Verbrechern zu tun und letztlich mit dem Mob höchstselbst. So weit der knappe Zusammenriss des ersten Joe Kurtz-Auftrittes, der fulminanter kaum hätte ausfallen können und abermals die Klasse eines Meisterautoren Marke Dan Simmons kräftigst unterstreicht. Neben Science-Fiction, Horror, Fantasy und Historischem kann der man also auch mühelos im Metier der harten schnörkellosen Krimis bestehen; eine Gattung, die neben Richard Starks Anti-Helden Parker auch einen gewissen Mike Hammer (aus der Feder von Mickey Spilane) gewissermaßen als Vorzeige-Antihelden anzubieten hat: sympathisch, aber eben auch knallhart. Mitfühlend und gleichzeitig eiskalt. Gerecht, aber auch gewissenlos. Abgehalftert, aber niemals geschlagen.

Essenzen, die Simmons auch in seinen Protagonisten einfließen ließ und sich dabei offenbar nicht an die vorgeschriebene Messgrenze hielt. Soll heißen: Wenn’s mal dick für Joe Kurtz kommt, dann in fast schon übermenschlichen Ausmaßen, wobei der Betroffene oft genug Gleiches mit Gleichem vergilt. Und dass muss er. Immerhin klebt dem Guten weiterhin die Mafia an den Hacken, die Joe bereits im fulminanten Einstieg ein Killer-Trio auf den Hals schickt. Er weiß eben zu viel – und kurz darauf sogar noch mehr, wie sich herausstellt. Denn hinter der Ermordung seiner Partnerin steht die gleiche Familie, die ihn unlängst im Todesfall ihres Buchhalters beauftragt hatte. Irgendwie verständlich, dass Joe nun in doppelter Hinsicht mächtig angefressen auf den Farino-Clan und deren doppeltes Spiel ist. Doch wie kann er, der Einzelgänger, ein kleines Imperium zum Einsturz bringen? Ganz einfach: indem er gemeinsame Sache mit dem schwarzen Schaf der Familie macht. Dieses hört auf den Namen Angelina Farino und kann es in Sachen Gerissenheit bisweilen sogar mit Joes aufnehmen. Kein Kunststück, ob ihrer bewegten und dramatischen Vergangenheit …

Aber das Schlimmste kommt meist in dreifacher Ausführung – wenngleich sich der aktuelle Fall des Privatdetektivs zunächst mehr nach Routine anhört. Ein todkranker Musiker sucht den Mörder seiner Tochter, der sich irgendwo im Großraum Buffalo niedergelassen zu haben scheint. Steht dem Mann der Sinn nach Rache? Eher weniger. Vielmehr nach der Zusammenführung von mehreren losen Enden, die ihm Frieden bescheren sollen. Ahnungslos tappt Joe daraufhin in ein weiteres Hornissennest, als sich besagter Mörder zudem als pädophiler, ungemein clever agierender Psychopath herausstellt, dem es ferner gelungen ist, einen hochrangigen Posten innerhalb der lokalen Polizeikräfte einzunehmen und – selbstredend – gemeinsame Sache mit den Farinos macht. Noch einer, der es auf Joe Kurtz’ vorzeitiges Ableben abgesehen hat …

 

»Bitterkalt« (im Original Hard Freeze) – dieser Titel trifft den Kern der Sache in mehrfacher Hinsicht. So könnte man dieses Attribut zweifelsohne Joe Kurtz zugestehen, einem echten »Typen«, der sich weder davor scheut, auf ungewöhnliche Mittel zurückzugreifen noch sich die Hände schmutzig zu machen. Vorzugsweise in kräftig-roten Tönen. Aber nicht ausschließlich den Körpern seiner verletzten beziehungsweise eliminierten Gegner entstammend. Nein, ganz wie es sich für Hardboiled gehört, kommt auch der Held keineswegs ungeschoren davon, rafft sich aber dann doch irgendwie wieder auf. »Mund abwischen, weitermachen«, lautet das Motto. Wenngleich der Shitstorm, der diesmal auf Joe Kurtz einfällt, schon sehr fies und noch mächtiger ist als beim Vorgänger. Gerade bei den Antagonisten wird dies überdeutlich, schimmert an mehr als einer Stelle Simmons Horrorwurzeln durch – die es selbstredend in sich haben. Kehren wir aber nochmals zurück zum Titel: »Bitterkalt« – dass passt auch exzellent zu der frostigen Atmosphäre, die Simmons explizit und meisterhaft vor dem Auge des Leser auferstehen lässt. Ist Buffalo als typisch amerikanische Industriestadt gewiss keine Touristenmetropole – trotz der benachbarten Niagarafälle – so müssen die Winter in dieser Ecke der Welt der blanke Schrecken sein. Bitterkalt eben. Und ebenso düster wie gnadenlos. Dadurch mutiert die eisige Jahreszeit aber mit fortschreitender Handlung mehr und mehr zu einem weiteren Hauptdarsteller, die ferner und trotz allem dem Roman eine einzigartige, wunderbar stimmige Note verleiht.

 

Fazit:

Kälter als jeder Schwedenkrimi, mitreißender als die Niagarafälle bei Hochwasser, schwärzer als eine lange Winternacht – »Bitterkalt« eben. Und keine Frage: Joe Kurtz ist Kult! Mit seinem knallharten, mitunter auch mal hart am amoralischen agierenden Schnüffler hat Dan Simmons eine moderne Ikone innerhalb der zeitgenössischen Hardboiledkrimis geschaffen, die die Konkurrenz ebenso links liegen lässt wie einen Großteil seiner zahlreichen Gegner.

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Eure Meinung:

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Buch:

Bitterkalt

Reihe: Joe Kurtz 2

Original: Hard Freeze, 2002

Autor: Dan Simmons

Übersetzer: Manfred Sanders

Taschenbuch, 384 Seiten

Festa-Verlag, 15. März 2013

 

ISBN-10: 3865522262

ISBN-13: 978-3865522269

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00BAH2PXW

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 31.05.2013, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46