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Interview mit Michael Siefener

Rezension von Ralf Steinberg

 

Michael Siefener ist Übersetzer und Autor aus Leidenschaft. Sein Buch Die magische Bibliothek offenbarte zudem eine große Leidenschaft für phantastische Bücher. Wir befragten den »etwas scheuen Einzelgänger« …


Cover zu Brandon Sanderson – Die Worte des Lichts in der Übersetzung von Michael Siefener
Cover zu  Brandon Sanderson – Die Worte des Lichts in der Übersetzung von Michael Siefener

Fantasyguide: Hallo Michael, Du bist seit Jahren ein unheimlicher Literat und bist noch nicht Hungers gestorben. Es gibt AutorInnen, die veröffentlichen drei Romane im Jahr, um vom Schreiben leben zu können. Was ist Dein Rezept?

 

Michael Siefener: Übersetzen, übersetzen, übersetzen … Vom Schreiben könnte ich niemals leben, vor allem da meine Art der Phantastik von großen Verlagen nicht so sonderlich geschätzt wird.

 

Fantasyguide: Würdest Du Entscheidung, Schreiben und Übersetzen zu Deinem Brotjob zu machen, auch heute noch treffen? Gäbe es eine verführerische Alternative?

 

Michael Siefener: Meine Entscheidung habe ich nie bereut, auch wenn ich mir damals, als ich mit dem Schreiben anfing, in meiner jugendlichen Naivität vorgestellt habe, ich könnte mir damit eines Tages die nötigen Brötchen verdienen. Die freie Arbeit zu Hause und mit grundsätzlich selbst gestecktem Zeitrahmen möchte ich nicht mehr missen.

 

Fantasyguide: Übersetzungen sind immer auch literarische Arbeit, Kreativität, Schöpferkraft … Beeinflusst das Deine eigene Schreiberei? Kann es passieren, dass Du Dich durch eine Übersetzung leergeschrieben hast oder motiviert es Dich vielleicht sogar?

 

Michael Siefener: Ich glaube schon, dass die Beschäftigung mit fremden Texten – und Stilen – die eigene Arbeit beeinflusst – vielleicht nicht immer bewusst, aber wenn ich mir meine frühen Sachen anschaue, graut es mir manchmal vor gewissen Formulierungen und Strukturen, die heute so bei mir nicht mehr vorkommen. Wenn man Autoren übersetzen darf, die einem weit überlegen sind, kann man das eine oder andere für die eigene Arbeit mitnehmen. Grundsätzlich finde ich Übersetzungen motivierend, aber in letzter Zeit ist es oft vorgekommen, dass ich daneben einfach keine Zeit – und Kraft – mehr für eigene Texte gefunden habe. Es ist also weniger eine »Entleerung« der Kreativität, sondern eher ein Abfließen der Kraft.

 

Fantasyguide: Frank Böhmert zerschneidet die Originale, um blattweise übersetzen zu können. Wie arbeitest Du?

 

Michael Siefener: Ich fange mit dem ersten Satz an und höre mit dem letzten auf. Meistens lese ich das Original vorher nicht, um mir die Spannung zu erhalten, die, wie ich finde, zu einer flüssigen und lesbaren Übersetzung beiträgt. Hin und wieder kommt es dadurch natürlich vor, dass man vorn gewisse Dinge ändern muss, weil sie hinten plötzlich eine andere Bedeutung erlangt haben. Überdies rechne ich mir zu Beginn einer Übersetzung aus, wie viele Tage ich für sie brauche, und setze dann ein Seitenpensum für jeden einzelnen Tag fest, das ich nicht unterschreiten, sondern höchstens überschreiten darf.

 

Fantasyguide: Was hältst Du von den Gemeinsamen Vergütungsregeln für Übersetzungen des VdÜ? Wird nun alles besser?

 

Michael Siefener: Schwer zu sagen … Aus eigener Erfahrung und durch Gespräche mit anderen kann ich jedenfalls feststellen, dass hin und wieder Honorar-Nachzahlungen eingehen, wenn sich ein Buch besonders gut verkauft hat. Das empfinde ich als recht angenehm, auch wenn ich bisher noch nicht in den Genuss hoher Nachzahlungen gekommen bin. Im Grunde aber halte ich den Gedanken, die Übersetzer in einem gewissen Rahmen am Verkaufserfolg zu beteiligen, für sehr gut.


Hexerei im Spiegel der Rechtstheorie (Das criman magiae in der Literatur von 1574 bis 1608)
Hexerei im Spiegel der Rechtstheorie (Das criman magiae in der Literatur von 1574 bis 1608)

Fantasyguide: Du scheinst eher ein Fan klassischer Phantastik zu sein, Schauergeschichten, Gothic-Novels – eher nicht das, was den Markt beherrscht. Welche Themen faszinieren Dich momentan am stärksten?

 

Michael Siefener: Das stimmt, die klassische Phantastik ist mir immer noch die liebste, auch wenn im Augenblick gerade im anglo-amerikanischen Raum viele Autoren wie yuggothische Pilze aus dem Boden geschossen sind, deren Arbeiten sehr gehaltvoll und uneingeschränkt empfehlenswert sind.

Zu nennen wäre natürlich Thomas Ligotti, aber auch Wilum Pugmire, Reggie Oliver, R. B. Russell, Mark Valentine, Ron Weighell oder Peter Bell haben Beachtliches geleistet.

Viele andere kommen hinzu; in England und Amerika gibt es gerade eine Blütezeit der Phantastik, wovon hier in Deutschland leider nur sehr wenig ankommt. Allerdings findet die Verbreitung und Rezeption nur in – oft sehr edlen – Kleinverlagen statt wie z. B. Ex Occidente Press, Centipede Press, Sarob Press, Tartarus Press, Dark Harvest, Swan River Press, Egaeus Press und noch etlichen anderen, die nicht ganz billige, aber meist wunderschön gestaltete Hardcover produzieren. Mich persönlich fasziniert – seit eh und je – die Frage nach der Relativität der Wirklichkeit, nach dem Verhältnis von Phantasie und Realität und einer möglichen Wechselwirkung zwischen beiden.


Die Söhne Satans
Die Söhne Satans

Fantasyguide: Welche Funktion hat das Wunderbare Deiner Meinung nach in der Phantastik?

 

Michael Siefener: Für mich ist das Wunderbare der entscheidende Faktor in der Phantastik – die Aufweichung der fest gefügten Welt durch das Unerklärliche, Unbegreifliche. Das staunende – und angstvolle – Verharren vor dem, was unser Weltgefüge auseinander reißt, übt auf mich noch immer die stärkste Faszination aus.

 

Fantasyguide: Wie schwierig ist es für Dich, in unserer modernen Zeit magische und unheimliche Elemente zu finden, die noch nicht tausendmal verwendet wurden? Was machst Du gegen Übersättigung?

 

Michael Siefener: Je mehr Phantastik geschrieben wird, je schwieriger wird es, genuine Texte zu verfassen. Ich glaube, es ist das Beste, wenn sich der Autor der Phantastik von dem leiten lässt, was ihn selbst am stärksten berührt und wobei er die tiefsten Gefühle empfindet. Das ist natürlich keine Anleitung zum erfolgreichen Schreiben, wenn man Erfolg in Absatzzahlen messen will. In diesem Fall sollte man in der Tat Marktforschung betreiben und auf einen bereits angefahrenen und langsam schneller werdenden Zug aufspringen, z. B. damals den der Vampire, oder den, in dem die Werwölfe oder Zombies mitreisen.

Für mich selbst kommt so etwas nicht in Frage. Ich habe mir durchaus einmal die Frage gestellt, was »der Markt« (dieses ominöse Gebilde, das unser ganzes gegenwärtiges Leben zu durchdringen scheint und schon deshalb ein Topos des Grauens ist) verlangt, aber mir ist irgendwann klar geworden, dass die Bücher, die ich nach »dem Markt« zu schreiben versucht habe, eindeutig meine schlechtesten sind. Daher gibt es für mich nur den einen Weg, das in Worte zu fassen, was mich selbst umtreibt. Wenn es Menschen gibt, die das gern lesen, freue ich mich sehr, aber aufgrund dieser recht individuellen Herangehensweise an die Literatur wird der Kreis der Rezipienten stets sehr begrenzt sein. Wir behaupten zwar, in einer individualistischen Zeit und Gesellschaft zu leben, aber wenn man genauer hinschaut, ist das Gegenteil der Fall. Die Menschen (jedenfalls ihr Äußeres), die Häuser, die Autos – alles wird immer gleichförmiger und auf eine angeblich herrschende Masse berechnet. Mein Mittel gegen die Konformität ist also das Herausholen der Ängste und unheimlichen Vorstellungen aus den Tiefen meines Selbst, ohne dabei auf »Märkte« oder Meinungen zu hören.


Hexennacht: Ein phantastischer Roman aus der Eifel
Hexennacht: Ein phantastischer Roman aus der Eifel

Fantasyguide: Oft wird dunkle Phantastik mit Musik in Verbindung gebracht. Wie ist es bei Dir? Hörst Du Musik beim Schreiben? Worauf stehst Du?

 

Michael Siefener: Ich bin ein sehr unmusikalischer Mensch und höre keine Musik beim Schreiben (auch nicht beim Übersetzen), denn sie lenkt mich zu sehr ab. Wenn ich Musik höre, dann ist es meist Klassik, doch auch modernere Musiker wie Nick Drake oder – noch neuer – Anthony and the Johnsons sagen mir viel. Hin und wieder eine Prise Rammstein ist auch nicht verkehrt. Aber eine Beziehung meiner Texte zu Musik besteht nicht – zumindest ist sie mir bisher nicht aufgefallen.

 

Fantasyguide: Wie sieht es überhaupt mit dem Einfluss anderer Medien aus? Filme, Comics, Internet?

 

Michael Siefener: Gelegentlich setzen Filme – oder eher einzelne Sequenzen – Assoziationsketten in Gang; insofern besteht durchaus ein Einfluss dieses Mediums auf meine Texte. Das Internet allgemein und auch Comics – zu denen ich bisher keinen rechten Zugang gefunden habe, auch wenn ich zugestehen muss, dass dieses Medium vermutlich eines der künstlerischsten und anspruchsvollsten überhaupt ist – beeinflussen mich eigentlich nicht.

 

Fantasyguide: Ich habe gesehen, dass Du auch Gedichte veröffentlicht hast. Lyrik ist ja noch unverkäuflicher als SF, was reizt Dich daran?

 

Michael Siefener: An der Lyrik reizt mich die Möglichkeit, Stimmungen mit wenigen Worten wiederzugeben und Gedanken auszudrücken, die keiner ganzen Geschichte bedürfen. Vor allem dabei steht die Verkaufbarkeit vollkommen im Hintergrund. Es ist einfach nur der Wunsch, gewissen Dingen bzw. Gefühlen eine Stimme zu verleihen. Zu meinem Projekten, die vielleicht irgendwann in der Zukunft einmal realisiert werden könnten, gehört auch ein Band mit Gedichten und Prosagedichten zu ganz bestimmten Themen.


Hinter der Maske : Ein phantastischer Roman aus der Eifel
Hinter der Maske : Ein phantastischer Roman aus der Eifel

Fantasyguide: In Deutschland entwickelten sich die phantastischen Geschichten aus der Romantik und verschwanden scheinbar im Biedermeier. Heute scheinen

deutsche AutorInnen entweder harten Horror zu bevorzugen oder aber recht biedere Aufregung für brave Leute. Du gehst in »Die magische Bibliothek« eine Art Mittelweg. Fürchtest Du, zu brav zu werden?

 

Michael Siefener: Eigentlich war dieser »Mittelweg« keine bewusste Entscheidung. Die einzelnen Elemente des Romans haben sich geformt, und ich habe versucht, sie zusammenzufügen. Aber es stimmt, dass meine früheren Texte »härter« waren. Ich vermute, das Alter spielt bei der Tatsache eine Rolle, dass der Horror in meiner Phantasie immer weiter zugunsten einer »weicheren«, vielleicht gar zarter zu nennenden Phantastik zurückweicht. Bei den Romanen, die ich für KBV geschrieben habe und die ein größeres Publikum erreicht haben, habe ich »mit angezogener Handbremse« geschrieben, auch wenn ich diese Selbstbeschränkung in Hinter der Maske teils wieder aufgegeben hatte. Dieses Buch war im übrigen dasjenige, das sich von denen dieser Reihe am schlechtesten verkauft hat. Aber im Allgemeinen befürchte ich, dass mich das Alter allmählich »brav« macht. Und – ja – in dieser Aussage schwingt auch so etwas wie eine Befürchtung mit.


Janus
Janus

Fantasyguide: Hattest Du schon einmal das Glück, eine solche Bibliothek zu finden? Verschollene Bücher in geheimen Winkeln eines staubigen Antiquariats?

 

Michael Siefener: Ach, was hätte ich darum gegeben! Nein, eine solche Bibliothek, deren Visualisierung sehr schön in Roman Polanskis Film Die neun Pforten gelungen ist, habe ich weder in einem Antiquariat noch sonst wo je bestaunen dürfen. Hin und wieder konnte man früher in Antiquariaten seltsame Sachen finden, aber auch schon zu Zeiten des guten alten Ladenantiquariats wussten die Antiquare in der Regel, dass okkulte Bücher selten und gesucht sind. Schnäppchen waren damals genauso schwierig wie heute im Internet-Zeitalter. Eigentlich ist es so, dass die Chance, heutzutage auf ein – fast – verschollenes Buch bei ZVAB oder abebooks zu stoßen, viel größer ist als damals in einem staubigen, etwas heruntergekommen Laden. Dieser ist zwar ein feststehender Topos der Phantastik, aber mir selbst ist ein solcher Laden nur in meinen Träumen begegnet. Wenn man heute weiß, wonach man sucht, kann man erstaunliche Funde in den virtuellen Antiquariaten machen.


Das schwärzeste Buch
Das schwärzeste Buch

Fantasyguide: Wie wichtig sind Dir schöne Bücher? Bist Du ein bibliophiler Büchernarr oder kannst Du Dich auch mit den eher einfach gestalteten Selbstveröffentlichungen anfreunden?

 

Michael Siefener: Ich liebe schöne Bücher, und am liebsten sähe ich auch meine eigenen Texte im bibliophilen Gewand. Mit Das schwärzeste Buch und Die Stadt der unaussprechlichen Freuden wurde dieser Wunsch Wirklichkeit, und auch die Ausgabe von Nonnen, die Hubert Katzmarz damals hergestellt hat, gefällt mir noch immer sehr gut. Aber ich finde, auch einfach gemachte Publikationen haben einen großen Reiz - vor allem den der Seltenheit. Es muss nicht immer ein Ledereinband auf Bünden und eine Goldprägung sein. Allerdings liebe ich es, solche Bücher in meinem Regal stehen zu haben. Wenn ich die Wahl zwischen einem Taschenbuch und einer schön gestalteten Ausgabe desselben Textes habe, dann werde ich immer die zweite Alternative bevorzugen – wenn ich sie mir leisten kann.

 

Fantasyguide: Deutschland gilt als Krimi-Land. Hat es für Dich einen speziellen Reiz, Krimis mit besonderem Setting zu verfassen?

 

Michael Siefener: Das Lokale kann in der Tat einen ganz besonderen Reiz ausüben, den ich aber bei meinen »Lokalphantastik«-Büchern für KBV stärker verspürt habe als bei den wenigen historischen Krimis, die ich geschrieben habe. Sie waren ein weiterer – gescheiterter – Versuch, »nach dem Markt« zu schreiben, und auch wenn die Recherche ganz nett war, musste ich doch feststellen, dass meine Liebe zu dieser Gattung nicht groß ist.

 

Fantasyguide: Ist es nicht einfacher, wenn man als Autor stets auf übernatürliche Lösungen zurückgreifen kann?

 

Michael Siefener: Ich glaube sogar, dass es schwieriger ist. Wenn man ein phantastisches Element in einer Geschichte oder einem Roman gleichsam aus dem Hut zaubert und als »Deus ex machina« benutzt, wird der Leser stutzen und den Schritt hin zum Glauben an das phantastische Ereignis nicht mitmachen – zurecht. Phantastische Elemente müssen langsam und aus einer realistischen Umgebung heraus eingeführt werden, wenn sie glaubhaft sein sollen. Insofern ist die Phantastik also eine zunächst zutiefst realistische Literaturgattung. Aus dieser Realität, die so genau wie möglich geschildert werden sollte, erwächst dann langsam das Übernatürliche, das seine Plausibilität nur aus dem Realismus ziehen kann.


Nonnen
Nonnen

Fantasyguide: In »Die magische Bibliothek« wird eine Art Phantastik-Geek zum Opfer seines Eskapismus, zumindest bietet sich das als eine Lesart an. Fütterst Du damit nicht die Kritiker des Genres an?

 

Michael Siefener: Eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass ein Kritiker ernsthaft behaupten wird, der Konsum von phantastischer Literatur (wohlgemerkt: nicht von Horror-Literatur) könnte tatsächlich zu solchen Entgleisungen führen, wie ich sie beschrieben habe. Es ist durchaus eine auf die Spitze getriebene Erörterung der Frage, was passieren kann, wenn man sich zu sehr in seine eigene Parallelwelt hineinversenkt, aber es ist auch wieder einmal eine Abhandlung über meine Lieblingsfrage, ob Phantasie Wirklichkeit konstituieren kann. Letztendlich ist nicht die phantastische Literatur schuld am Untergang des Protagonisten, sondern seine eigene Haltung dazu und seine Flucht in sie hinein – buchstäblich. Es ist sein eigenes armseliges Leben, das ihm zum Verhängnis wird; die Phantastik ist nur ein Ausdruck seiner Psyche.


Die Stadt der unaussprechlichen Freuden
Die Stadt der unaussprechlichen Freuden

Fantasyguide: In der Liste Deiner Veröffentlichungen dominieren kleine Genre-Verlage. Segen oder Fluch?

 

Michael Siefener: Lange habe ich es als Fluch angesehen, oder als mögliches Sprungbrett hin zu den großen Publikumsverlagen. Seit ich aber weiß, wie dort Texte auf Verkaufbarkeit getrimmt werden, sehe ich es als Segen an.

Jedes Buch, das in einem großen Unterhaltungsverlag erscheint, braucht eine Absatzprognose, und diese wiederum wird anhand des Namens oder, wenn dieser noch unbekannt ist und der Autor trotzdem angenommen wurde, anhand der Themen und Motive erstellt. Wenn im Text etwas fehlt, das als verkaufsfördernd angesehen wird, dann muss es halt noch integriert werden. Wenn z. B. eine Liebesgeschichte fehlt, heißt es: »Wo ist der love interest?« Also muss ein solcher Strang nachträglich eingefügt werden.

Wenn man es als Autor darauf abgesehen hat, mit einem Buch möglichst viel Geld zu verdienen, wird man entweder in vorauseilendem Gehorsam bereits alle nötigen Ingredienzien zugegeben haben oder sich den Nachbesserungswünschen des Lektorats fügen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn das Lektorat weiß in der Regel viel besser als der Autor, was erfolgversprechend ist. Gemeinsam lässt sich durchaus ein Produkt formen, das gute Chancen auf dem Markt hat. Aber wenn einem die eigenen Texte sehr am Herzen liegen und man nicht oder nur in sehr geringem Maße von ihnen abrücken möchte, ist ein solcher Publikumsverlag die falsche Adresse.

Ich möchte klarstellen, dass es mir hier nicht um Wertungen – vor allem nicht um Abwertungen von Publikumsverlagen – geht, sondern nur darum, aufzuzeigen, dass Bücher aus höchst unterschiedlichen Beweggründen geschrieben werden.

Nachdem ich für mich selbst begriffen hatte, dass mir die eigenen Texte zu sehr am Herzen liegen, um sie auf Markterfordernisse auszurichten, habe ich auch begriffen, dass die kleinen Verlage die einzigartige Möglichkeit geben, Texte so zu veröffentlichen, wie der Autor sie geschrieben hat. Inzwischen haben ja auch die kleinen Verlage sehr gute Lektorate (jeder Text muss lektoriert werden, da der Autor für gewöhnlich »den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht« und ich auch in meinen eigenen Sachen immer wieder auf abenteuerliche Fehler hingewiesen werden muss), und so kann ich nur sagen, dass ich mich bei ihnen wohl und sehr gut aufgehoben fühle.

 

Fantasyguide: Du treibst Dich eher wenig im Fandom herum. Bekommst Du trotzdem Feedback? Wie gestaltet sich Dein Kontakt zu den LeserInnen?

 

Michael Siefener: Der Kontakt ist eher spärlich, was vermutlich daran liegt, dass ich nicht sehr kontaktfreudig bin; man könnte mich als etwas scheuen Einzelgänger bezeichnen, der lieber schriftlich kommuniziert als zu Conventions geht; auch sind die Foren des Internets – aufgrund der Technik – bisher für mich eine eher fremde Welt. Vielleicht sollte ich versuchen, das zu ändern, denn ich muss zugeben, dass ich manchmal doch das Gefühl habe, abgehängtes Schriftsteller-Prekatiat zu sein …

 

Fantasyguide: Wie sieht es mit anderen deutschsprachigen AutorInnen aus, welche magst Du? Wessen Werke versetzen Dich in Begeisterung? Worum machst Du einen großen Bogen? Wen würdest Du gerne einmal treffen?

 

Michael Siefener: Eine gefährliche Frage: Wenn ich auch nur einen auslasse … Tatsache ist, dass ich gar nicht mehr so sehr belesen in der deutschen Gegenwarts-Phantastik bin. Mein Favorit ist nach wie vor Malte S. Sembten, dessen Geschichten von einer ungeheuren Bandbreite zeigen und dessen Stil sich jedes Mal perfekt dem Sujet anpasst, wobei es ihm trotzdem gelingt, eine eigene, stets wiedererkennbare Sprache zu finden.

Aber auch andere Autoren haben Beachtliches geleistet, z. B. Boris Koch, der ja den Sprung in die großen Verlage geschafft hat, oder Christian von Aster (dito). Auch Uwe Vöhl lese ich immer wieder gern, denn er schreibt herrlich atmosphärisch. Das ist eine nicht abschließende Aufzählung.


Die Entdeckung der Nachtseite
Die Entdeckung der Nachtseite

Fantasyguide: Gibt es Geschichten, die Du unbedingt noch erzählen möchtest, Dich aber nicht an sie heranwagst oder die Zeit noch nicht reif ist?

 

Michael Siefener: Ja, die gibt es, aber für sie ist die Zeit noch nicht reif, und ich wage mich noch nicht an sie heran … (Hier sollte ein Smiley stehen). Und das ist auch der Grund, warum ich darüber noch nichts schreiben kann und will. Ich hoffe nur, dass ich irgendwann dazu kommen werde, diese Projekte zu verwirklichen.

 

Fantasyguide: Woran arbeitest Du gerade, was kann man demnächst von Dir Neues lesen?

 

Michael Siefener: Augenblicklich arbeite ich an etwas Nichtliteratischem. Unter der Mitherausgeberschaft von Marco Frenschkowski und seinem Leipziger Lehrstuhl entsteht gegenwärtig ein Handbuch der Zauberliteratur, in dem die magischen Texte aller Jahrhunderte analysiert werden, und mir ist die Bearbeitung der Neuzeit zugefallen (1500-1950). Daran arbeite ich nun schon seit einigen Jahren, und auch wenn ich bereits sehr viel geschrieben habe, bleibt noch etliches zu tun. Ich kann nur so viel sagen, dass es ein Mammutwerk wird; allein mein Beitrag wird wohl – zusammen mit einer Bibliographie – an die 1000 Seiten haben. Die Arbeit daran – neben den Übersetzungen – frisst jede Zeit für ein größeres literarisches Projekt. Lediglich einige kleine Geschichten von mir werden in der nächsten Zeit in der einen oder anderen Anthologie erschienen.

 

Fantasyguide: Kannst Du uns mehr zum Handbuch der Zauberliteratur verraten? Wie geht ihr bei der Arbeit daran vor, was wird man darin erfahren und entdecken können? Merlins Bart?

 

Michael Siefener: So lautet der Plan: einen Überblick über die Entwicklung der Zauberliteratur zu verschaffen, ausgehend vom ägyptischen Altertum über die Antike und das Mittelalter bis hin zur Neuzeit. Dabei werden einzelne Zauberbücher analysiert und miteinander in Beziehung gesetzt. Mir ist die Zeit des gedruckten Zauberbuches zugefallen, ungefähr die Zeit von 1500 bis 1950, also alles vor dem Beginn der neopaganen Kulte wie Wicca etc. In jüngster Zeit sind magische Kulte – mit den dazugehörigen Zauberbüchern – wie Pilze aus dem Boden geschossen, und über sie habe ich keinen Überblick; auch sind die Bücher, die ihnen zur Grundlage dienen, nur sehr schwer zu beschaffen, wenn sie überhaupt gedruckt wurden.

Das Ziel ist, einen Überblick über die »Produktion« einer jeden Epoche zu geben. Dazu sind Wissenschaftler der verschiedensten Richtungen hinzugezogen worden: Ägyptologen, Altertumsforscher, Judaisten, Mediävisten etc. Das Ganze entsteht unter Federführung von Prof. Dr. Marco Frenschkowski von der Universität Leipzig, der vielen Phantastik-Interessierten als hervorragender Kenner und Heraussgeber von H. P. Lovecraft und auch von seinen anderen Arbeiten zur Phantastik her bekannt sein dürfte. Erfahren wird man in den einzelnen Abschnitten vieles über die Inhalte, die Herleitungen und die historische und ideengeschichtliche Einordnung solcher Texte, und natürlich werden auch Beispiele mitgeteilt. Überdies wird es eine Bibliographie der gedruckten Zauberbücher aus der Zeit von 1500-1950 geben.

 

Fantasyguide: Zum Abschluss noch ein Tipp: Welches Deiner Bücher oder welche Geschichte eignet sich, um Dein Werk näher kennen zu lernen?

 

Michael Siefener: »Nonnen« oder »Die Stadt der unaussprechlichen Freuden« (als Novelle), »Die magische Bibliothek« oder Die Entdeckung der Nachtseite (als Roman), und einen Querschnitt durch die früheren Erzählungen gibt der Band Chimären.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

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Buch:

Die magische Bibliothek

Autor: Michael Siefener

Taschenbuch, 231 Seiten

Medusenblut, Januar 2006

Cover: Thomas Franke

 

ISBN-10: 3935901097

ISBN-13: 978-3935901093

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 07.07.2014, zuletzt aktualisiert: 24.03.2018 20:23