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NightWhere – Die totale Unterwerfung von John Everson

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

SM-Thriller – ach herrje. Der Zusatz kann durchaus und verständlicherweise nervös machen. Will da einer auf den Zug der leider berühmt, aber vollkommen unverdienterweise berüchtigten Shades of Grey-Bestseller aufspringen? Oder, Schluck, noch schlimmer – es mit dem wohl ultimativen Sadomaso-Horror ever aufnehmen, namentlich Clive Barkers legendärer Novelle Das Tor zur Hölle (OT: Hellbound Heart) dem wir unter anderem eine Gestalt namens Pinhead zu verdanken haben?

 

Gemach, werter Leser, gemach. Wenden wir uns zuvorderst dem Autor von NightWhere zu. Für seinen großartigen Debüt-Roman Siren (bei Festa 2013 unter dem Titel Ligeia erschienen) gewann Everson völlig verdient den renommierten Bram Stoker Award, sozusagen den Horror-Oscar für Autoren. Nimmt man nun besagtes Werk als Ausgangspunkt, als Fundament für Eversons nachfolgende Exkursionen, so macht es unvermittelt sehr viel Sinn, warum »NightWhere« besagter Zusatz verpasst wurde. Schon in »Ligeia« balancierte Everson mit dem Verve eines erfahrenen Varieté-Akrobaten mit den Versatzstücken Liebe, Lust, Schmerz und Tod. Und es war ebendiese Wechselwirkung, welche den Roman so verdammt gut, so gleichermaßen verführerisch wie düster machte.

 

Nun, erotische Eleganz hin, düstere Gelüste her: auch ohne Zusatz sollte jedem Leser von »NightWhere« bewusst sein, dass sexuelle Andeutungen, düstere Romantik und vornehme Erotik zwischen den Deckeln dieses Buches zwar vorhanden sind, aber dennoch allenfalls überschaubar daherkommen. Allerdings kann man bei den beiden Hauptpersonen, den frisch verheirateten Mark und Rae gewiss eine Verbindung zu Evan, dem Protagonisten aus »Ligeia« ausmachen. War es bei Evan der geheimnisvolle, mystisch-verführerische Sphärenklang aus dem Meer, ist es bei Mark die Hörigkeit und Unterwerfung seiner jungen, vor sexueller Energie und Experimentierfreudigkeit überbordenden Gattin gegenüber; ein Zustand, der besonders von seinen stets währenden Verlust- und Versagensängsten gespeist wird.

Der Hauptgrund, warum Mark – wenngleich es ihm auch bis zu einem gewissen Punkt selbst gefällt – zu sexuellen Spielen und Ausschweifungen jeglicher Art, nach der sich Rae verzehrt, zusagt. Fetischpartys im Untergrund, Swingerclubs? Gar kein Problem. Vordergründig zumindest. Denn ohne es bewusst zu realisieren, beginnt Rae ihm zu entgleiten, wird das Steigern der sexuellen Devianz, der Lust und auch des Schmerzes zu einer Abhängigkeit, zu dem ultimativen Kick, der nach und nach Raes Verstand vernebelt und ihre Gedanken zu dominieren beginnt. Aus ihrem Forscherdrang, ihrer Suche, wird letztlich aber ein Finden. Nicht von ihr, von der anderen Seite. Denn dort draußen, in den lichtlosen Seitenstraßen, eingebettet in von Verfall heimgesuchten, verwaisten Gebäuden, existiert ein ganz besonderer Club, fast schon urbane Legende denn Realität. Sein Name: NightWhere. Ein Wallfahrtsort für alle Seelen, die neue Horizonte erblicken und neue Dimensionen der Leidenschaft entdecken wollen. Ein dunkles Füllhorn aus Agonie, Lust, Qual und Perversion. Und: NightWhere findet man nicht – es findet dich!

Während Mark zunächst nur aus reiner Liebe zu Rae mit ihr gemeinsam den Club aufsucht, muss er schließlich feststellen, dass die praktizierten Spielarten sexueller Referenzen zwar gleichzeitig faszinierend und abstoßend, aber unterm Strich dennoch nichts für ihn sind. Völlig anders dagegen Rae, die von den Schmerzen, den Erniedrigungen und der Aussicht, weitere Stufen der Ekstase erklimmen zu können, nicht genug kriegen kann und einem der mysteriösen Clubeigner mehr und mehr verfällt.

Bis sie eines Tages NightWhere alleine aufsucht – und nicht mehr zu Mark zurück kehrt …

 

Wäre Everson nicht so ein verteufelt guter Autor und ebenjene Thematik nicht sein Metier – »NightWhere« hätte locker zu einer Horrorfassung von »50 Shades of Grey« geraten können. Tut es aber nicht, im Gegenteil. Wie bereits in »Ligeia« meisterhaft angewandt, steigert Everson fast unmerklich, aber immer zielorientiert die Atmosphäre, wird aus dem Geheimnisvollen und Verbotenem allmählich das Unfassbare, bis scheinbar nur noch blankes Entsetzen übrig bleibt. Besonders für den Protagonisten. Wenngleich Everson auch der restlichen Besetzung genügend Freiraum gibt, um ihnen Tiefe zu verleihen und ihre Intentionen näher zu bringen (inklusive der selbstsüchtigen Rae), so ist es besonders Marks Werdegang, der am meisten berührt und mitunter auch richtiggehend schmerzen kann. Sein 'Held' ist ein guter Kerl, gar keine Frage. Zuverlässig, ehrlich – und mit einer geradezu schmerzhaften Zuneigung zu Rae gesegnet. Letzter Punkt ist auch die entscheidende Achillesferse dieses Mannes. So abhängig wie seine Gattin gegenüber jeder ausgefallenen und entarteten Sexpraktik ist, so verfallen ist Mike gegenüber Rae. Sie ist seine Sonne, sein Lebensmittelpunkt, sein Ein und Alles. Demzufolge wird auch ihr Niedergang zu dem seinigen.

 

Passender- wie logischerweise schließt sich Everson dem an. Peu à peu verändert er seinen Schreibstil, wird aus der kultivierten Prosa schließlich extrem harter Tobak ohne Zugeständnisse. Ein gleichermaßen richtiger wie kluger Zug, da man sich allerspätestens ab der Hälfte des Romans ungewollt gelegentlich die Frage stellt, ob und wann Eversons Beschreibungen der ausgeführten Ausschweifungen ihr sprachliches Zenit erreicht haben. Dementsprechend rasanter und exaltiert wird auch die Handlung, die es in ihren besten Momenten durchaus auch mit einem Clive Barker aufnehmen kann, der besonders zu Beginn seiner Weltkarriere ähnliche Thematiken behandelte. Dennoch bedient sich Everson keinesfalls einfach und uninspiriert an seinem Vorbild. »NightWhere« ist zu 100 Prozent seine Stimme, seine Idee, sein Baby – könnte aber ob seiner, besonders in der 2. Hälfte ausgeführten und ausufernden Heftigkeit mitsamt übernatürlichem Zusatz all jene schockieren, welche mit der narrativen Ausdrucksform aus »Ligeia« gerechnet haben. Doch genau deswegen wirkt »NightWhere« so wunderbar frisch und mutig!

 

Fazit:

Liebe, Leidenschaft, Schmerz und Qual – es sind die gleichen Motive, die John Everson bereits im Vorgänger »Ligeia« thematisiert hat, nur diesmal wesentlich extremer. Es ist der langsame und äußerst intensive Verfall zweier Menschen, die ihren Gelüsten, ihrer Hinneigung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind und dafür bereit sind, so ziemlich alles aufzugeben. Eine Welt des Schmerzes, nicht nur des physischen. Wo Autorenkollegen den Fokus auf Gewalt und Brutalität gerichtet hätten, sind dies allenfalls konsequente Begleiterscheinungen. Denn gegen die seelische Agonie der Hauptperson mutet beides fast schon harmlos an. Ein phantastisch-verstörend-verlockendes Meisterwerk von einem gewiss erstklassigen Autor.

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Eure Meinung:

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Buch:

NightWhere – Die totale Unterwerfung

Originaltitel: NightWhere, 2012

Autor: John Everson

Übersetzerin: Bettina Ain

Titelbild: Tina Marie Enos

Taschenbuch, 400 Seiten

Festa-Verlag, 23. Mai 2014

 

ISBN-10: 3865522866

ISBN-13: 978-3865522863

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00KJLY5SI

 

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Erstellt: 12.11.2014, zuletzt aktualisiert: 11.10.2020 16:04