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Amanda. Ein Hexenroman von Irmtraud Morgner

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Als Irmtraud Morgner 1990 starb, blieb ihre Salman-Trilogie unvollendet. Insofern ist Amanda auch kein wirklicher Mittelband.

Aber eine klassische Geschichte in drei Bänden wäre es auch nie geworden.

»Amanda« ist keine direkte Fortsetzung des bereits 1974 erschienenen Romans Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

Zwar begegnen wir unseren beiden Protagonistinnen wieder, jedoch sind beide transformiert.

Beatriz erlebt ihre Wiederauferstehung im griechischen Delphi als Sirene mit Vogelkörper und Frauenkopf. Ihr wurde die Schlange Arka zugeteilt, eine serpentische Tochter Gaias, der Erde selbst.

Es geht um die Befreiung der Gaiastöchter, als Hexen versklavt im Harz. Die Sache ist nicht ganz einfach, denn nicht nur die Männer sind wild darauf, die Frauen auch weiterhin zu beherrschen. Zudem ist der Brocken 1971 und während der gesamten Handlungszeit des Romans, militärisches Sperrgebiet, Grenze.

Auch die Hexen ziehen nicht alle am selben Strang. Unter den militanten Frauen ist Amanda, die wilde Hälfte Lauras.

Vielleicht könnte die Wiedervereinigung der zwangsgeteilten Laura mit hrer kämpferischen Hälfte eine starke Führerin für die Befreiungsbewegung liefern, doch hier haben auch noch die Hölle und der Himmel ihre Finger im Spiel.

Und während Laura durch ihr sozialistisches Hexenleben fährt, schreibt Sirene Beatriz deren Lebensgeschichte nieder in einer Voliere im Berliner Tierpark und hofft damit, ihre Stimme wieder zu finden …

 

Jede Inhaltsangabe, Zusammenfassung oder annähernde Textbeschreibung dieses Romanes kann nur eine dilettantische und sehr subjektive Phrase sein, denn »Amanda – Ein Hexenroman« von Irmtraud Morgner ist ein ganzes Universum, ein Lebenskonzentrat.

 

Unter anderem geht es um Religionen. Die DDR stellte sich als atheistische Insel dar. Nicht an Gott zu glauben gehörte zum erwarteten und verpflichtenden Weltbild. Irmtraud Morgner geizt nicht mit Hinweisen darauf, welche Lücken das Fehlen von Glauben in die sozialistischen Menschen reißt. Mit mal dezentem, meist aber mit derbem Humor macht sie sich lustig über die Dinge, die stattdessen in die psychische Lücke gestopft werden. Ideologie in der DDR, ähnlich angebetet und identisch behandelt.

Bei Morgner zeigen sich die Religionen als stringente Fortsetzung von Unterdrückungspolitik, aber auch als Identifikationsmerkmal. Wenn man an Gott nicht glaubt, wie verhandelt man dann mit einem Teufel? Wie hält man sich den geilen Bock vom Leib und kann man seinen Heiratsantrag so einfach ablehnen?

Wie verhandelt man als, wenn auch amateurhafte und halbe Hexe, mit einem Engel?

Manche dieser Probleme sind unlösbar, manche kann man mit Narreteien hinwegfegen, ganz nach bester Hexenmanier.

 

Was den Roman aber über eine Gesellschaftssatire hinaus so besonders macht, ist eben der rigorose weibliche Standpunkt. Krieg, Umweltzerstörung und Atomkriegsdrohung sind samt und sonders Männersache. Die in der DDR allerorts als vollzogen bejubelte Gleichberechtigung erweist sich unter Morgners kritischem Blick als Schein. Das kumuliert in dem schönen Gleichnis, dass es in der DDR deshalb keiner Gastarbeiter bedurfte, weil die Frauen nach ihrer zweiten und dritten Schicht auch noch die Türkenarbeit übernommen hätten.

Später kamen sie dann ja doch noch. Aus Kuba, Vietnam und Angola. Aber tatsächlich blieb es dabei, dass die Frau neben ihrer gleichberechtigten Arbeit wie selbstverständlich Kinder, Haushalt und Bett versorgte. Ohne zu klagen. Denn sie war ja gleichberechtigt, diese werktätige Frau in der DDR. Sie musste eine selbstbewusste, politisch engagierte Kollegin im Betrieb sein, auf Augenhöhe mit den Kollegen und natürlich auch noch Mutter, Haushaltsvorstand und attraktive Geliebte. Auf keinem Fall aber durfte sie unter der Knute des Gatten stehen, denn so etwas war ja voll kapitalistisch und bäh.

Soweit die Theorie. Irmtraud Morgner ziseliert dieses vorgegebene Frauenbild nun in die Poren ihrer Figuren hinein und zeigt, wie patriarchalisch die piefige DDR-Wirklichkeit dann aber dennoch war. Und das man das sich als Frau nicht gefallen ließ.

Das Buch steckt voller Beobachtungen zum Alltag und zur Mythologie ebenso. Wenn sich S-Bahn Fahrerin Laura fragt, warum es als normal empfunden würde, dass Männer ihrem Kummer mit Alkohol begegnen, ja selbst der besoffene Fußballfan Verständnis erwarten kann – eine besoffene Mutter aber hingegen eine Schande ist; dann öffnet die Autorin den Blick auf die nicht öffentliche, also weibliche Sicht der Dinge.

Ein anderes Beispiel ist ihr das typische Schlangestehen in der DDR. Nur einmal im Jahr stellen sich Männer freiwillig an und harren geduldig aus. Nicht für Taschentücher, nicht für Ketchup oder Orangen tun sie das, nein, für Böller und Raketen.

Denn damit sollen ja die bösen Geister vertrieben werden, wie etwa Hexen. Freie Weiber, denen weder Engel noch Teufel auf Dauer Fesseln anlegen können.

Das Buch ist ein einziges Lachen. Laut, leise, frei heraus und steckengeblieben. Über alles und jeden, sogar über sich selbst. Und vor allem auch über Gott.

 

Genauso wichtig aber war es Irmtraud Morgner, ihrem eigenen Geschlecht einen gut geputzten Spiegel vor die Nase zu halten.

Sirene Beatrix erzählt uns in einer riesigen Anzahl der 139 Kapitel, warum aus einer Querköpfin eine angepasste Frau wurde. Irmtraud Morgner assimiliert negativen Frauentopoi wie Hexen oder Sirenen und dreht die Vorzeichen einfach um. Nicht, weil sie aus Minus Plus machen will, sondern weil es nie Minus war. Das lässt Synapsen doch so richtig blitzen und stürmen.

 

Mühsam, aber trotzdem überaus bereichernd ist das Lesen dieses Hexenromans. Das Buch ist so DDR-durchweht und dabei dennoch voller Farbe, dass man es glatt als Pflichtlektüre für GeschichtsstudentInnen empfehlen möchte. Das ist alles ganz großartig zum Bedenken und Erinnern, aber auch sehr komplex geschrieben. Voller Sagen und Mythen, ironischen Brechungen und Karikaturen, wie gesagt ein ganzer Kosmos Leben. Vielleicht auch eigenem.

Es gibt in der Behandlung des Buches viele Verweise auf den Feminismus. Eine solche Festlegung könnte aber den Weg darauf verschließen, dass Frausein in der DDR der Siebziger Jahre Welten entfernt von der bundesdeutscher Frauen war. Nur die zugrunde liegenden Mechanismen der Unterdrückung ähnelten sich. Diese auf vergnügliche und fast vergessen moderne Art aufzuziehen, ist die große Leistung von Irmtraud Morgner.

Dass dieser Gegenentwurf zu Bulgakows Meister und Margarita keine ähnliche literarische Bedeutung erlangt hat, darf zu den großen Rätseln der Weltliteratur gezählt werden.

 

Fazit:

Holt die Tiegel aus dem Backofen, stellt die Zaubertränke bereit und schickt jegliche männliche Beglückung aufs Land! »Amanda. Ein Hexenroman« von Irmtraud Morgner ist mehr Walpurgisnacht als ein Roman, ein wilder Tanz durch die propagierte Gleichberechtigung der Frauen in der DDR und dazu auch eine anstrengende, aber vergnügliche S-Bahnfahrt durch die stillen Abendstunden des real existierenden Sozialismus.

Der literarische Extrakt einer versunkenen Welt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Amanda. Ein Hexenroman

Autorin: Irmtraud Morgner

gebunden, 672 Seiten

Aufbau-Verlag, 1. Januar 1983

Einbandgestaltung: Heinz Hellmis

 

ISBN-10: 3351002246

ISBN-13: 978-3351002244

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.02.2015, zuletzt aktualisiert: 22.07.2018 21:26