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Verrückt nach Kafka von Anatole Broyard

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Anatole Broyard war als Herausgeber und Kritiker der New York Times über Jahrzehnte ein Mittelpunkt der amerikanischen Literatur. Als er dem Wunsch, seine Autobiografie zu schreiben, nachkam, begab er sich weit zurück und schrieb ein Porträt eines kurzen Zeitabschnitts, der Periode kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Greenwich Village.

 

Rezension:

Ein schmales Bändchen mit Erinnerungen hinterließ Anatole Broyard. Seine Frau merkt am Ende des Buches an, dass ein dritter Teil nicht mehr fertig wurde und so erklärt es sich vielleicht auch, dass in Verrückt nach Kafka immer wieder Lücken klaffen, die Broyard vielleicht noch geschlossen hätte. Doch der mehr szenische Charakter seiner Erinnerungen unterstreicht den Fokus des Buches, ein Schlaglicht auf ein besondere Zeit in einem bis heute berühmten Teil New Yorks: dem Village.

In ihrem kurzen, aber sehr zum Nachdenken animierenden Nachwort weist Übersetzerin Carrie Asman auf zwei Dinge hin, die die Lektüre beeinflussen können.

Zum einen deutet sie an, dass nicht jede Begebenheit und erst recht nicht jedes Treffen mit berühmten Künstlerinnen und Künstlern, über die Broyard berichtet, tatsächlich so oder überhaupt stattfanden.

Insofern kann man einige der Szenen als Illustration jener Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begreifen, als die USA nach gewonnenem Krieg und Überwindung der Wirtschaftskrise voll neuem Leben schien und wie Broyard anmerkt, noch ganz intakt war.

 

Die andere Besonderheit ist für die deutsche Leserschaft vielleicht nicht ganz so spektakulär wie für Broyards Landsleute, aber sie gibt einen indirekten Blick auf den Autor frei, den er selbst gar nicht zulassen wollte. Broyards Haut war so hell, dass er sich als Weißer ausgab und dieses Geheimnis nie freiwillig preisgab.

Den Erinnerung an das Künstlerviertel Grennwich Village ist dieses Weglassen der eigenen Farbigkeit oberflächlich gar nicht anzumerken. Doch es erklärt, warum Broyard diesen für die USA bis heute fundamentalen Aspekt fast gänzlich ausklammert, als wolle er jede gefährliche Klippe umschiffen, die ihn darauf auflaufen lassen könnte.

Vergleicht man »Verrückt nach Kafka« mit der Autobiographie von Samuel Delany Die Bewegung von Licht in Wasser, die zwei Jahrzehnte später spielt, wird diese Ausklammerung sehr deutlich. Auch Delany ist hellhäutig, doch genau das thematisiert er immer wieder.

Eine der stärksten Szenen bei Broyard wird überhaupt erst verständlich, wenn man die Hautfarben mitdenkt. Nach der Trennung von der exzessiven Malerin Sheri Donatti (Sheri Martinelli), überrascht sie ihn damit, dass sie seine Eltern besucht. Jegliche Maske fällt in genau diesem Augenblick. Die Rückforderung eines ihm geschenkten Bildes mit Polizeigewalt bekommt danach eine ganz andere Lesart.

Gerade auch, weil die auf Überraschung und Unabhängig beruhende Beziehung solch einen Verrat gar nicht erwarten ließ. Man spürt in diesem Kapitel plötzlich das krampfhafte Fehlen jeglicher Analyse. Broyard wollte sich mit den Ursachen nicht auseinandersetzen oder nicht darüber berichten.

 

Die Beschreibungen Broyards vom Leben im Village sind hingegen ebenso analytisch wie der Sex mit Sheri oder das Zusammentreffen mit jenen bereits erwähnten Berühmtheiten. Wir stürzen in W. H. Auden, erfahren Nettigkeiten von Anaïs Nin und bekommen Rat von Erich Fromm. Nicht alle sind heute bzw. in Deutschland noch berühmt, aber sie füllen die Partys und Cafés des quirligen Fleckens neuer Freiheit.

Das Lesen, das Leben in Büchern, das Überhöhen literarischer Helden erstrahlt ebenso frisch und unbenutzt, wie die sich heute fremd anfühlende Konventionensammlung zwischen Mann und Frau. Die passive Weiblichkeit findet in Typen wie Sheri ihre Brechung, Broyard entdeckt die Exotik nicht unbedingt an den Orten, wo er sie sucht.

Ähnlich wie er selbst, gab es im Village andere, die sich in ein neues Leben ziehen lassen wollten, etwa eine lateinamerikanische Tänzerin oder sein sterbenskranker Freund Delmore.

Anatole Broyard schien nur zu Besuch im Village gewesen zu sein, aber mit wachen Augen und einem Lebenshunger, der sein tief verschlossenes Inneres überdeckte.

 

Fazit:

Anatole Broyard zog als Kriegsveteran nach Greenwich Village und erlebte eine Zeit, die wie Asphalt nach einem Regenschauer glänzte. Gereinigt und ein Spiegel von Himmel und Wolken. Er ließ sich auf die Neuentdeckung von Literatur, Sex und Kunst ein. Mit psychologisch geschulten Blick seziert er in seinen Erinnerungen »Verrückt nach Kafka« das Wesen der Nachkriegsjahre im Village und vielleicht, ohne es zu wissen, auch sich selbst.

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Eure Meinung:

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Buch:

Verrückt nach Kafka

Original: Kafka Was the Rage, A Greenwich Village Memoir, 1996

Erinnerungen an Greenwich Village

Autor: Anatole Broyard

ÜbersetzerInnen: Carrie Asman und Ulrich Enzensberger

Nachwort: Carrie Asman

Cover: Nina Rothfos und Patrick Gabler

Taschenbuch, 189 Seiten

Berliner Taschenbuchverlag, Januar 2003

 

ISBN-10: 3442761301

ISBN-13: 978-3442761302

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 05.06.2015, zuletzt aktualisiert: 19.07.2019 16:56