84 Charing Cross Road von Helene Hanff

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Durch Zufall stößt die amerikanische Bühnenschriftstellerin Helene Hanff Ende der 40er Jahre auf die Adresse eines kleinen Antiquariats in London. Eine neue Quelle für schwer aufzutreibende Bücher? Als sie zur Feder greift, ahnt sie nicht, dass dies der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft ist. Anfangs dreht sich die Korrespondenz zwischen ihr und dem Antiquar Frank Doel und seinen Angestellten allein um die gemeinsame Leidenschaft für Bücher. Doch mit der Zeit werden die Briefe persönlicher. Helene erzählt von ihrem Alltag in New York, schickt Care-Pakete nach London, wo die Lebensmittel noch knapp sind. Im Gegenzug erhält sie wertvolle Erstausgaben. Schließlich erreichen die Briefe eine Vertrautheit, wie man sie nur zwischen wirklich guten Freunden findet.

 

Rezension:

Das Leben schlägt manchmal erstaunliche Kapriolen. So gelang der amerikanischen Autorin Helene Hanff ein Bestseller durch ein Buch, dessen Inhalt gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht war. Ihr sehr persönlicher Briefwechsel mit einem Londoner Antiquariat und dessen Belegschaft strahlt aber so viel von dem aus, was die Schriftstellerin in sich getragen haben muss, dass man ohne Zweifel von einem sehr literarischen Werk sprechen muss.

Von Beginn an erleben wir einen vorlauten, oft ruppigen Ton, mit dem sie Bücher in Übersee ordert und dennoch begreift man schnell, dass die Art, mit der Helene Hanff schreibt, eher Übermut und vor allem eine große Begeisterung für Bücher ausstrahlt. Ihr Motiv, sich an ein Londoner Antiquariat zu wenden, ist zunächst die schlechte Qualität amerikanischer Bücher bzw. der mangelnde Zugriff auf jene Werke, nach deren Lektüre es sie drängte.

Die Antworten sind sehr britisch. Understatement pur, selbst offensichtliche Scherze werden mit Zurückhaltung und erst langsam etwas schwächer werdenden Distanziertheit kommentiert.

Ihr Partner in der Buchhandlung, Frank Doel, unterschreibt die Geschäftspost zunächst ganz sachlich mit F.P.D., was die lockere New Yorkerin natürlich enorm reizt. Man spürt in den Briefen, wie sehr sie sich bemüht, den Kontakt zu ihrer Schatzquelle zu pflegen und die britische Sachlichkeit zu durchbrechen.

Richtig intensiv wird die Beziehung, als Helene anfängt, Lebensmittelpakete in den Laden zu schicken und damit der unter Lebensmittelrationierungen leidenden Belegschaft eine Freude bereitet, die weit jenseits dessen liegt, was man für gewöhnlich für einen Laden zu tun bereit ist.

Die Dankesbriefe bezeugen die sich vertiefende Verbundenheit und sind besonders durch die ganz unterschiedlichen Stile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihrer Authentizität ungemein berührend.

Gleichzeitig plaudert Helene Hanff freimütig über ihr Leben, ihre steinige Karriere und all die kleinen Probleme, die einen Besuch in London immer wieder verhindern.

Dabei sind die Briefe stets kurz und behandeln trotzdem immer auch die Bücher, die sie einfordert oder deren Beschaffenheit sie Begeisterung ausbrechen lässt.

Die Liebe zu Worten und Büchern erfasst bald auch den Lesenden. Dabei ist es egal, ob man ihre Abscheu von Fiktion teilt oder sich ihren markigen Urteilen zu AutorInnen, Themen oder Werken anschließen mag.

Wenn man zum Ende dieser ungewöhnlichen Freundschaft kommt, ist man schon längst kein Unbeteiligter mehr. Wer wäre nicht auch gern in diese Buchhandlung gepilgert, in die Charing Cross Road Nummer 84?

 

Auch wenn es 32 Jahre dauerte, bis »84 Charing Cross Road« auf Deutsch erschien ist es doch eine große Freude, dieses Kleinod in einer schönen Gestaltung des Hoffmann und Campe Imprints Atlantik vor sich zu haben, dessen Einband Katja Maasböl mit verspielter Eleganz versah.

 

Wer mag, sollte sich auch die sehr dicht am Buch inszenierte Verfilmung aus dem Jahre 1987 ansehen (deutscher Titel Zwischen den Zeilen. Unter der Regie von David Hugh Jones glänzen Anne Bancroft als Helene Hanff und Anthony Hopkins als Frank. Der Film gelangte leider nicht in deutsche Kinos, ist aber inzwischen auch bei Streamingdiensten präsent.

 

Fazit:

»84 Charing Cross Road« von Helene Hanff ist der briefgewordene Beweis, dass sich Freundschaft und Mitgefühl ihren Weg bahnen können, egal wie weit man entfernt lebt oder welchen kulturellen Unterschieden man sich stellen muss. Ein kleines Büchlein über die Liebe zu Büchern und all dem, was sie zu sein vermögen. Und ein großes Buch über Menschen.

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Eure Meinung:

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Buch:

84 Charing Cross Road

Original: 84 Charing Cross Road, 1970

Autorin: Helene Hanff

Übersetzer: Rainer Moritz

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten

Atlantik, 11. März 2014

Einbandgestaltung: Katja Maasböl

 

ISBN-10: 3455600050

ISBN-13: 978-3455600056

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00DYRUHYA

 

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zuletzt aktualisiert: 22.07.2018 21:26 | Users Online
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