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Drachennächte herausgegeben von Roman Sander

Rezension von Christel Scheja

 

Rezension:

Als renommierter und literarisch ausgerichteter Verlag achtet dtv auch im Bereich der Fantasy auf qualitativ hochwertige Geschichten und Romane. Anthologien wie Drachennächte besitzen einen anderen Schwerpunkt als üblich und achten darauf, dass sie nicht zu triviale Werke enthalten.

Der Herausgeber Roman Sander berücksichtigt diese Prämisse. Er hat zehn Geschichten zusammengestellt, die für den heutigen Markt nicht nur ungewöhnlich sind, sondern zum großen Teil auch noch deutsche Erstveröffentlichungen.

 

Uschi Zietsch eröffnet den Reigen mit Sturmnacht und greift dabei tief in den alten deutschen Sagenschatz. Eine Frau flieht vor der Wilden Jagd, nur um sich und ihre ungeborenen Kinder den Armen des großes Flusses Rhein anzuvertrauen. Die Geschichte krankt erheblich daran, dass sie aufhört, wo es spannend zu werden beginnt.

 

Aus russischen Märchen schöpft Anna Kashina in Die Sonnwendherrin die Ideen und Wendungen für ihre Erzählung. Die Tochter eines unsterblichen Götterdieners entdeckt die wahre Liebe und bringt damit eine Lawine ins Rollen, die ihre Welt verändern wird. Nicht nur, dass es der Autorin gelingt, die passende Atmosphäre zu erzeugen, der Leser fiebert mit den Figuren bis zum Ende des Buches mit. »Die Sonnwendherrin« ist nicht nur die längste Geschichte des Buches, sondern mit Abstand auch die Beste.

 

Humorvoller sieht Terry Pratchett Die Trollbrücke: Nicht nur ein alter Barbar trauert der Vergangenheit nach.

 

Ähnlich skurril aber auch ein wenig seltsam erweist sich Lucius Shepards Geschichte Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte, um ihn durch die giftigen Stoffe in den Farben zu töten. Auch eine Art, sich alter Herren und Mythen zu entledigen, aber leider etwas wirr und nicht gerade anregend geschrieben.

 

Stark mit christlicher Moral und den üblichen Klischees über Fanatismus behaftet ist hingegen David Cases Geschichte Das Ungeheuer in der Kluft. Auf Geheiß einer christlichen Prinzessin soll ein Ritter ein Ungeheuer töten, kann es aber nicht, als er erkennt, dass der Oger eigentlich sehr menschlich ist und muss dafür die Strafe für Ketzerei auf sich nehmen.

 

Eher unbedeutend sind die Geschichten um übersinnlich begabte Menschen, die ihre wahre Natur entdecken, dafür aber mit der Aufgabe ihrer Beziehungen und ihres jetzigen Lebens bezahlen müssen, in dem eine Hexe sich an ihrem Vergewaltiger rächt oder ein Pärchen durch Zonen unterschiedlicher Schwerkraft klettert.

 

Neben bekannten Namen wie Terry Pratchett und Marion Zimmer Bradley, die allerdings nur als Co-Autorin fungiert, finden sich überwiegend unbekannte amerikanische und nur leidlich bekannte deutsche Autoren, die vermutlich aus dem Bekanntenkreis des Herausgebers stammen.

 

»Drachennächte«, der Titel des Bandes ist denkbar schlecht gewählt, denn nur in zwei Geschichten kommen diese mächtigen Fabelwesen - und auch dann nur am Rande - wirklich vor. Die Erzählungen orientieren sich eher an Legenden und Sagen, als an moderner Fantasy, nicht einmal Terry Pratchetts »Trollbrücke« macht dabei eine Ausnahme, und sind leider auch von sehr unterschiedlicher Qualität. Während die einen daran kranken nur Prologe zu sein wie Sturmnacht oder Geburt eines Phönix verbreiten andere gepflegte Langeweile wie »Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte«. Nur zwei Geschichten sind wirklich gut – »Die Trollbrücke« und »Die Sonnwendherrin« wissen den Leser in den Bann zu schlagen.

 

Fazit:

Ganz offensichtlich ist »Drachennächte« für nicht für die normalen Fantasy-Leser, sondern eher für eine Käuferschicht gedacht, die Bekannten oder Verwandten eine Auswahl anspruchsvoller Werke schenken wollen, darauf deuten Preis, gediegene Ausstattung und Inhalt hin. Die Geschichten richten sich insgesamt eher an jüngere Leser, nicht aber an alte erfahrene Hasen, die sich bereits zu gut im Genre auskennen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Drachennächte

Herausgeber: Roman Sander

dtv, April 2005

Taschenbuch, 266 Seiten

 

ISBN-10: 3423207876

ISBN-13: 978-3423207874

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Uschi Zietsch – Sturmnacht
  • Anna Kashina – Die Sonnwendherrin (Mistress of the Solstice, 1995 und 2003; deutsch von Laura Eden)
  • Terry Pratchett – Die Trollbrücke
  • Lucius Shepard – Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte
  • David Case – Das Ungeheuer in der Kluft The Ohre of the Cleft, 1999; deutsch von Martin Baresch)
  • David C. Smith – Geduld ist eine Tugend
  • Marion Zimmer Bradley und Ted White – Geburt eines Phoenix
  • Uwe Lurkse – Rot auf Silber
  • Hans Dieter Römer – Am Rande
  • Chris Naylor – Die Burg am Ende der Welt

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.10.2005, zuletzt aktualisiert: 11.09.2019 20:28