Waterlily von Ella Cara Deloria

Rezension von Christel Scheja

 

Ella Cara Deloria, geboren 1889 und gestorben 1971 stand ihr ganzes Leben im Spannungsfeld zwischen indianischer Tradition und »weißer Kultur«, aber genau das gab ihr viele Möglichkeiten, die die Yankton-Dakota sonst nicht gehabt hatte. Sie schaffte es zu studieren und fand Franz Boas als Mentor, so dass sie nicht länger nur Lehrerin an Indianerschulen war sondern intensive Feldforschung als Ethnologin bei Stammesgruppen der Lakota, Dakota und Cheyenne betrieb. Sie verfasste wissenschaftliche Aufsätze, veröffentlichte eine zweisprachige Sammlung von Dakota Geschichten und eine Abhandlung über die Kultur ihres Volkes. Am bedeutsamsten ist aber ihr Roman Waterlily, der das Leben unter den Dakota in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert aus der Sicht der Frauen beschrieb. Obwohl das Manuskript schon in den 1940er Jahren entstand, so wurde es doch erst 1988 veröffentlicht.

 

Blue Bird bringt ihre Tochter Waterlily alleine zur Welt und kehrt zu ihrem Stamm zurück, als sie merkt, dass sie ihren Ehemann nicht länger ertragen kann. Sie kann von Glück sagen, dass die Bindungen im tiyošpaye, dem Zeltdorf miteinander verwandter Familien so stark sind, dass sie schon bald wieder fest zum Verband gehört und ihre Tochter mit allen Ehren aufziehen kann, vor allem als sie einen weitaus besseren Gefährten findet.

Das kleine Mädchen erlebt einen von Regeln und Riten geprägten Alltag, aber auch viel Respekt und Freude. Sie und ihre Geschwister wachsen nach und nach selbst in die Gemeinschaft hinein, um wichtige Aufgaben zu übernehmen, sei es bei Zeremonien, bei der Jagd und wichtigen, stammesübergreifenden Festen. Aber auch Begegnungen mit den Weißen und feindlichen Stämmen werden nicht ausgeklammert.

 

Mit einem modernen Roman ist das Buch natürlich nicht zu vergleichen. Zwar beschreibt die Autorin in etwas die ersten zwanzig Jahre im Leben einer jungen Dakota, aber dabei stehen nicht deren Gefühle im Vordergrund, sondern eine möglichst lebensnahe und detailreiche Beschreibung des Lebens in einem der Stämme aus der Sicht der Frauen. Die Kontakte zu den Weißen spielen in der Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, noch keine große Rolle, erst zum Ende hin gibt es erste Andeutungen, welche fatalen Folgen die Begegnungen und Gaben der Europäer haben konnten, zum Beispiel durch die Verbreitung der unter den Ureinwohnern unbekannten Pocken. Bis dahin erleben wir mit, wie wichtig Regeln im alltäglichen Zusammensein sind, dass aber auch Respekt vor jedem Mitglied wichtig ist, selbst zu den Kindern. Die werden mit Sanftmut erzogen, immer wieder an die Regeln erinnert und ermahnt, aber niemals geschlagen.

Auch wenn die Frauen strengeren Traditionen unterworfen sind, so sind sie doch ein wichtiger Teil der Gruppe, halten die Gemeinschaft zusammen und unterstützten sich, selbst wenn ein Mädchen in scheinbarer Schande zurück kommt. Die Schilderungen sind liebevoll aber auch nüchtern, die Autorin bleibt bewusst auf Distanz, was ihrer eigenen Erziehung und der Zeit geschuldet sein mögen. Daher muss man sich selbst überleben, inwieweit Männer und Frauen, Eltern und Kinder zueinander Zuneigung zeigten und inwieweit Liebe auch in der körperlichen Beziehung eine Rolle spielten. Eines gelingt aber durch die eher sachliche Beschreibung – der Leser lernt die fremde Kultur der Dakota, wie sie vor dem Einfluss der Weißen war – auf eine lebendige Art und Weise kennen. Die Figuren sind nicht eigenständig, sie helfen nur, alles besser zu verstehen und anzunehmen ohne dabei in irgendeiner Form zu werten.

Dadurch ist eine starke Authentizität gewahrt, der vielschichtige Einblick in eine vergangene Kultur, der so auf unterhaltsame Weise gewahrt wurde. Dazu kommen Einblicke in die naturverbundene Glaubenswelt der Dakota, ihre Verbindung zu den Mythen und den Ahnen und der Respekt, den sie jeglichem Leben entgegen bringen, selbst den Kriegern feindlicher Stämme. Heraus kommt ein Buch, das vielleicht nicht einfach zu lesen ist, aber dennoch sehr spannend in eine Welt einführt, die uns vermutlich fremder ist als die eines Fantasy-Romans. Aber gerade das haben andere Kulturen an sich.

 

Fazit:

»Waterlily« sei daher allen empfohlen, die das Leben der amerikanischer Ureinwohner einmal nicht in von westlicher Sichtweise geprägten Büchern und Filmen kennen lernen wollen sondern aus dem Blickwinkel einer Frau, die bereits zwischen den Welten stand, aber mit dem Blick einer Ethnologin noch die Erlebnisse und Erinnerungen der Frauen aufzeichnen konnte, die Augenzeuginnen der unverfälschten Kultur ihres Volkes waren. So wird auch dieser Roman zu einem spannenden Zeitdokument, der die Augen für eine Welt öffnet, die für uns so fremd wie exotisch ist.

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zuletzt aktualisiert: 15.01.2021 14:49 | Users Online
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