Die Erfindung von Mittelerde von John Garth

Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte

Rezension von Ralf Steinberg

Rezension:
Es mag wenige Bücher geben, in deren Beurteilung sich die negativen und positiven Aspekte gleichen: Seitenlange historische Hintergründe und Landschaftsbeschreibungen.
Tolkiens Werke werden von ihren Fans dafür geliebt, viele der kritischen Stimmen sind daran in ihrer Lektüre gescheitert. Doch wer der Faszination für Tolkiens Welten verfallen ist und erst recht nach der Verfilmung durch Peter Jackson in seiner neuseeländischen Heimat, wird es lieben, länger in den Gegenden der Geschichten des Professors für Englische Sprachwissenschaft zu verweilen. Über die Jahre wird man dann viele Wissensschnipsel darüber gesammelt haben, wodurch Tolkien zu seinen Geschichten über den Ringkrieg, über Hobbits oder die Legenden der Valar angeregt wurde, welche Orte ihm dabei vor Augen waren oder welche Ereignisse ihn zum Schreiben bewegten.

John Garth machte sich nun mit Die Erfindung von Mittelerde daran, diese Informationen wissenschaftlich zu bündeln, Quellen zu erforschen und die Arbeit anderer Wissenschaftler·innen populärwissenschaftlich aufzubereiten.

Als Grundlage dienen dabei nicht nur Arbeiten anderer Tolkienspezialist·innen, sondern vor allem die Texte Tolkiens selbst. Tagebücher, Arbeitsnotizen, Überarbeitungsvermerke, verschiedene Fassungen – all sie bieten Erkenntnisse über die Hintergründe.
Garth erforscht dabei die Inspiration Tolkiens anhand wichtiger Aspekte. Etwa die Bedeutung der englischen Landschaft und der Geschichte der britischen Inseln, biographische Einflüsse, besonders natürlich die Beziehung zu seiner Frau, aber auch kulturelle Merkmale.

Die verschiedenen Landschaften spielen in der Untersuchung eine ganz besondere Rolle. So werden die geographischen Ursprünge von Bergen, Flüssen, Wäldern aber auch ganzer Landschaften und Städte penibel ergründet. Anhand eines umfangreichen Kartenmaterials und der vielen Zeichnungen Tolkiens reisen wir immer wieder in die realen Vorbilder der literarischen Welten des Silmarillions und der Geschichten von Mittelerde. Viele dieser Orte sind heute noch zu besichtigen und mit Hilfe von »Die Erfindung von Mittelerde« kann man sich seine eigene Expedition in die Heimat der Hobbits zusammenstellen. Und es werden wieder Tage kommen, da wir auf Tolkiens Spuren wandeln können!

Die größte Entdeckung dabei ist vielleicht, dass Tolkien sich das Land zu Fuß und mit dem Zeichenblock erschloss. Wir erleben ihn als gründlichen Beobachter von Natur und Landschaft, der sich mit einem fantasievollen Blick der Legenden, Märchen und historischen Ereignissen bediente, um seine eigen Fabelwelt zu erschaffen. Im Laufe der Zeit entfernte er sich dabei von den religiösen oder geschichtlichen Quellen und vollbrachte auch mit Hilfe seiner Sprachforschungen die Kreation einer literarischen Kulisse, die in ihrer Fülle seines Gleichen sucht. Diese Vielfalt führt uns John Garth in den unterschiedlich gewichteten Kapiteln immer wieder vor Augen. Dadurch kommt es zwar zu einigen Überschneidungen, die vor allem auffallen, wenn man das Buch hintereinander liest; widmet man sich aber während der Lektüre nur bestimmten Aspekten, je nach Kapitel, wird man diese Querverweise zu schätzen wissen.

John Garths Stil ist anschaulich, er reißt mit seiner Begeisterung für den Stoff mit und vermittelt stets auch den skeptischen Blick des Wissenschaftlers, der durchaus auch unterschiedliche Interpretationen der Quellen zu würdigen weiß. Angereichert mit einer großen Auswahl an Zeichnungen, Fotos und Bildquellen wird »Die Erfindung von Mittelerde« zu einem fesselnden Sachbuch, das umfassend in Tolkiens Leben und Werk einführt.

Der Anhang mit Anmerkungen, einer Bibliographie, dem Bildnachweis und einem alphabetischen Index rundet das großartige Buch ab.

Fazit:
»Die Erfindung von Mittelerde« von John Garth ist eine faszinierende populärwissenschaftliche Reise zu den Quellen, realen geographischen Landschaften und biografischen Ereignissen, die hinter einer der größten literarischen Wunderwelten des zwanzigsten Jahrhunderts, Tolkiens Mittelerde, zu entdecken sind. Eine wunderbar bebilderte Reise in die menschliche Fantasie.

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zuletzt aktualisiert: 05.04.2021 11:54 | Users Online
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