Interview mit Norbert Stöbe

geführt von Marianne Labisch

 

Nach dem ich Kleiner Drache von Norbert Stöbe gelesen hatte, habe ich mir einige Rezensionen angesehen und fand dort den Roman im Allgemeinen gut besprochen, aber auch Kritik. Überwiegend wurden seine Sexszenen als befremdlich angesehen, wo ich dem Eindruck hatte, sie seien geradezu logisch. Deshalb entschloss ich mich, ein Interview mit dem Autor zu führen.

Ich denke, Norbert Stöbe brauche ich nicht vorzustellen. Wer ihn nicht kennen sollte, kann sich auf Wikipedia oder seiner Homepage informieren.

 

Marianne Labisch: Hallo Norbert, ich möchte gerne mit dir über dein Buch »Kleiner Drache« sprechen. Warum hast du als Handlungsort China gewählt?

Norbert Stöbe: Xialong weiß zu Anfang der Geschichte noch nicht, dass sie ein Klon ist und ihrer Mutter nur als Mittel zum Zweck dient. Sie ist sich selbst eine Fremde. China als technologisch fortschrittliches, autokratisch regiertes Land mit einer langen, reichen Geschichte, die heute der Partei als Futter für nationalistische Propaganda dient, erschien mir da als der perfekte Hintergrund. Viele chinesische Bürger genießen heute einen Wohlstand, der noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar schien, und fühlen sich vermutlich freier als ihre Eltern oder Großeltern, die noch gegen bittere Armut zu kämpfen hatten. Gleichzeitig sind sie in einem Maße unfrei, wie wir in Deutschland es kaum nachvollziehen können. Das spiegelt, wenn auch seitenverkehrt, ganz gut Xialongs widersprüchliche Verfassung wider; erst reich und an der Schwelle zu großer Macht, im nächsten Moment aus ihrem scheinbar vorgezeichneten Leben verdrängt und zum Überlebenskampf genötigt. Und es hat mich gereizt, die mythisch aufgeladene chinesische Mauer als neue Große Mauer wiederauferstehen zu lassen – auch wenn sie im Buch vor allem ein Symbol der Unterdrückung ist.

Marianne Labisch: Ich sehe in deiner Handlung eine Kritik an bereits aktuell bestehenden Missständen. Ist meine Sicht in dieser Hinsicht richtig?

Norbert Stöbe: Jeder gute SF-Roman handelt auch von der Gegenwart.

Marianne Labisch: Im Roman spielt Sex eine Rolle, die dir manch ein Rezensent ankreidet.
Ich hatte bei dir aber nie den Eindruck, dass du Sex einbaust, um einem Leseranspruch genüge zu tun, sondern ich sah eine folgerichtige Entwicklung bei Xialong. Sie weiß selbstverständlich als jemand, der Sexbots verkauft, dass Sex ein Mittel zum Zweck sein kann. Deshalb sorgt ja Litse auch für das Reiseproviant, indem sie sich prostituiert. In Bangladesch angekommen, muss auch Xialong ihren Körper zur Verfügung stellen, wenn sie halbwegs heil überleben möchte. Einmal daran gewöhnt, den eigenen Körper einzusetzen, wundert es mich nicht, dass sie ihn im weiteren Verlauf auch weiter einsetzt. War das deine Absicht, oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Norbert Stöbe: Es gibt nur wenige Sexszenen im Roman, und die sind alles andere als pornographisch. Mir kommen sie so zu sagen logisch und zwingend vor. Xialong ist ja keine strahlende Heldin, und sie erlebt wenig Gutes auf ihrer Flucht aus China und dem Weg zurück. Sie wird entführt, als Arbeitssklavin nach Bangladesch verkauft, und versucht unter äußerst widrigen Bedingungen zu überleben. Dabei geht sie durchaus skrupellos vor, das heißt, sie benutzt, verletzt und tötet Menschen. Am interessantesten finde ich die Szene, wo Xialong auf dem Straßenstrich nach Litse sucht, von einem Freier angesprochen wird und spontan mitgeht. Warum tut sie das? Fühlt sie sich so allein, dass ihr alles egal ist? Identifiziert sie sich auf irgendeine schräge Weise mit Litse, dem Sexbot? Hat sie Mitgefühl mit dem jungen Mann? Das wird nicht ausbuchstabiert, das ist nicht meine Art. Ich mag Szenen, in denen Ungesagtes bleibt.

Marianne Labisch: Warum hast du den Roman nicht in Bangladesch enden lassen? Xialong hatte Freunde gefunden, lebte im Wohlstand und im Märchen wäre hier Schluss gewesen.

Norbert Stöbe: Das wäre vielleicht ein Märchen gewesen, aber kein richtiger Roman. Ich weiß auch nicht, ob man ihr dort so zugetan gewesen wäre, nachdem sie die Schwarze Hand durch ihr eigenes Selbstbereicherungsregime ersetzt hat. Ich sehe Xialongs Weg eher als Emanzipationsgeschichte. Sie muss sich von der Konditionierung durch ihre manipulative Mutter befreien und herausfinden, wer sie ist und was sie im Leben erreichen will. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie nach Beijing zurückkehren und um ihre Position im Konzern kämpfen.

Marianne Labisch: Ich hatte nicht den Eindruck, als würde Xialong in China glücklich werden. Gut, sie hat ihre Angestellten plötzlich wahrgenommen und sich um deren Wohl bemüht, aber Freunde hat sie immer noch keine. Wir es eine Fortsetzung geben?

Norbert Stöbe: Das mit dem Glück ist so eine Sache. Ich bin kein Spezialist für Happyends. Der letzte Satz des Romans lautet nicht zufällig: »Sie war frei.« Im Grunde beginnt ihr Leben erst jetzt, als sie sich ganz allein fühlt. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung, um im Leben auch Freundschaft und Liebe zu finden. Aber das wäre eine andere Geschichte. Eine Fortsetzung plane ich jedenfalls nicht.

Marianne Labisch: Fein, dann hoffe ich mal, dass sie sowohl das eine als auch das andere findet. Magst du Xialong?

Norbert Stöbe: Zu Xialong habe ich beim Schreiben erst nach etwa einem Drittel des Romans ein Gefühl bekommen, das war ungewöhnlich. Ich denke, es lag daran, dass ihre Persönlichkeit anfangs noch unbestimmt ist, in Entwicklung und Umbruch begriffen. Aber ja, ich mag sie, wie alle meine Figuren. Allerdings würde ich nicht so gern mit ihr in Urlaub fahren.

Marianne Labisch: An was arbeitest du im Moment?

Norbert Stöbe: Der Arbeitstitel lautet ›John‹. Der Roman basiert auf ein paar Storys, in denen ich mit menschlichen Bewusstseinskopien ausgestattete Bots mit dem Auftrag, besiedlungsfähige Planeten zu erkunden, auf interstellare Reise geschickt habe. Eine dieser Bewusstseinskopien kehrt Jahrhundert später zurück, und zwar als leibhaftiger Mensch.

Marianne Labisch: Mit was darf der Leser in nächster Zukunft rechnen?

Norbert Stöbe: Wie üblich werden dieses Jahr noch zwei, drei Storys erscheinen, eine davon in Spektrum der Wissenschaft.

Marianne Labisch: Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen, das ich nicht gefragt habe?

Norbert Stöbe: Lasst euch impfen und bleibt gesund!

Marianne Labisch: Herzlichen Dank für deine Zeit.

Norbert Stöbe: Und dir danke fürs Interview.

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zuletzt aktualisiert: 13.06.2021 19:21 | Users Online
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