Hidden Girl and Other Stories von Ken Liu

Rezension von Yvonne Tunnat

Einige der Texte aus dem ersten Drittel des Bandes sind recht politisch, ziemlich brutal und um einiges gruseliger als so manche Horrorgeschichte, da es eher ein subtiler Horror ist. Besonders The Reborn und Thoughts and Prayers zeigen einige Abgründe. In einigen Geschichten zeigt sich außerdem, dass der Autor sich auch mit der japanischen Kultur, Geschichte und Sprache recht gut auskennt. Insgesamt sind die Geschichten historisch gut recherchiert und was in der Zukunft spielt, erscheint plausibel (obwohl einiges sicherlich phantastisch ist, kommt es glaubwürdig rüber). Ken Liu zeigt an vielen Stellen subtilen Rassismus, quasi Mikro-Rassismus, vor allem in Dialogen.

Sehr oft bedient er sich einer weiblichen Perspektive, auch bei Ich-Erzählerinnen. Insgesamt kommen sehr viele Frauen vor – den Bechdel-Test bestehen fast alle Geschichten.

Der technische Fortschritt ist der rote Faden vieler Geschichten. Ist er immer positiv? Was zerstört technischer Fortschritt, welche Möglichkeiten nimmt er dem Menschen, auch in seiner beruflichen oder künstlerischen Verwirklichung? Statt das Thema bis in die letzte Ecke auszuleuchten, sind seine Geschichten eher wie ein Hot Spot und der Rest findet in uns Lesenden statt. Es lohnt sich, den Band von vorn bis hinten zu lesen, da einige Protagonist:innen erneut auftauchen oder Geschichten weitererzählt werden oder von einer anderen Perspektive beleuchtet werden – auch wenn jede Geschichte für sich alleine stehen kann.

Zu den Kurzgeschichten:
Ghost Days
Vergangenheit – Zukunft – rundes Ding, wenn auch irgendwie kein typischer Plotbogen, da diese Fragmente nur durch einen Gegenstand verbunden werden. Habe die Story dennoch genossen.

Maxwell’s Demon
Hier ist ein Beispiel für Rassismus oder jedenfalls seltsames Verhalten von Amerikanern gegenüber einer Japanerin, wenn man auch anmerken muss, dass es während des zweiten Weltkriegs (1943) spielt:
»We can hardly send you back to the Empire of Japan as an American citizen, now can we?«
Back? She had never been to Japan. She had grown up in Seattle’s Japantown and the gone straight to college in California.

Die Japaner:innen, auch jene, die längst die Staatsbürgerschaft haben, wurden eingesackt und zu ihrer Loyalität befragt. Pearl Harbor ist gerade vorbei, der Krieg ist auf seinem Höhepunkt. Die junge Japanerin, genauer gesagt ist sie sogar aus Okinawa, das auch in Japan damals eine Sonderstellung hatte, wird als nicht ganz loyal eingestuft. Sie kann sich aber beweisen, indem sie nach Japan geht und dort spioniert. Immerhin ist sie Wissenschaftlerin – Physikerin sogar.
Darüber hinaus gehört sie einer Familie an, die traditionell mit Geistern kommunizieren kann. In Japan wird sie schnell entdeckt und ihre Fähigkeiten werden genutzt. Hier beginnt dann der phantastische Teil, der durchaus originell ist und sehr überzeugend.
Das Grauen des Krieges und der Taten der Menschen dominieren jedoch die Geschichte. Sie entlässt mich trotz aller Bomben und fliegenden Gliedmaßen und trotz des Entsetzens sogar zu einem positiven, sehr klar formulierten Ende.

The Reborn
Das ist eine der Stories, die gruseliger sind, als die offensichtlichen Horror-Stories, die ich zurzeit oft lese.
Offenbar sind vor zwei Jahrzehnten Außerirdische auf die Erde gekommen – mit sechs Armen und einem eigenen Possessivpronomen (thie / thier). Mit ihnen kam auch die Fähigkeit des »Reborn«, das auch mehrere Mal geschehen kann und dazu dient, Erinnerungen und Teile des Selbst loszuwerden, die »böse« sind (und das ist u. a. der gruselige Teil). Vor zwanzig Jahren haben die Tawnin noch Menschen gemeuchelt – aber die Erinnerungen daran sind auf beiden Seiten größtenteils eliminiert worden. Nun aber hat sich eine Terrorgruppe formiert, die auf die Tawnin und die »Reborns« losgeht. Erzählt wird aus der Sicht eines Reborn, Josh, der einen Tawnin geehelicht hat, Kai.
Die Geschichte ist interessant (inklusive sehr seltsamer Sexszenen), aber auch sehr fremd.
Fast typisch für Liu, der schon nicht mehr leichte philosophische Einklang, der viele Fragen aufwirft, ohne sie abschließend zu beantworten, wie z. B.: Was macht uns aus? Taten oder Erinnerungen?

Thoughts and Prayers
Diese Geschichte ist tragisch und strahlt viel Horror aus. Eine Familie – zwei fast erwachsene Töchter. Die ältere, Hayley, wird in einer Massenschießerei getötet.
Die Story ist leicht futuristisch, offenbar kommen Massenschießereien in Zukunft eher häufiger vor. Die Mutter gibt Fotos, Videos und Hologramme von Hayley frei, um der »Awareness« von Massenschießereien ein Gesicht zu geben. Nun aber beginnt die eigentliche Grausamkeit: Trolle. Menschen, die online schimpfen – Trauer sei schließlich privat. Das geht so weit, dass sie neues Material herstellen mit Hayleys Gesicht, bis hin zum Fetischporno. Sie behaupten, die Familie wolle sich bereichern. Hayley sei gar nicht tot. Alle Arten von menschlichen Grausamkeiten. Es ist schwer zu ertragen. Schließlich bewaffnet sich die Familienmutter mit Mechanismen gegen diese Trolle, doch das hat ganz andere Konsequenzen.

Byzantine Empathy
Der Prolog der Geschichte ist in der Du-Form erzählt, sehr drastisch und schwer zu verdauen. Danach wird klar, dass die Protagonistin dies mittels VR durch die neue Software Empathium erlebt hat, um die Situation der Flüchtlinge in einem bestimmten Teil von China besser nachvollziehen zu können. Mittels jenes Empathium können Menschen ihre Situation sehr deutlich machen und so Gelder für ihre Hilfe anwerben.
Gute Idee – der Verlauf der Geschichte ist aber hart an der Grenze zu politisch und wird auch von Marketing-Ideen getragen. Gut nachvollziehen konnte ich den Gedanken der Prota, dass die Geldgeber:innen offenbar von ihr immer alles genau wissen wollen, da sie nicht das Charisma hat, dass Leute ihren Ideen einfach folgen, ohne komplett zu verstehen, was sie eigentlich treibt. Damit kann ich mich identifizieren, ich habe stets das Gefühl, dass ich niemanden überzeugen kann und alle immer viel skeptischer sind als ich.
Die Moral hat mehrere Böden. Die VR-Erlebnisse durch Empathium dienen als mächtige Propaganda und die klassischen Wege des Funding können so umgangen werden. Doch ist das immer der richtige Weg?
Am Ende der Geschichte ist mir nicht klar, wer Recht hat, beide Seiten haben ihre Argumente, auch wenn ich dazu tendiere, die Vernunft statt der Empathie zu wählen.

The Gods will not be chained
Das Thema dieser Geschichte ist nicht wirklich neu, aber es ist gut gemacht.
Ein Mädchen wird Opfer von Cyber-Mobbing. Sie und ihre Mutter sind kürzlich umgezogen, ihr Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Dann erhält sie Unterstützung via Chat – aber der Gesprächspartner kommuniziert ausschließlich mit Emojis. Wie ihr Vater damals.
Am Ende geht die Geschichte noch einmal in eine neue Richtung, bei der ich nicht sicher bin, ob ich die Wende schnell genug verdauen kann. Die Geschichten wird aber mit »The gods will not be slain« fortgesetzt, sodass sich das dann rasch erklärt.

Staying Behind
Das ist Ken Liu, wie ich ihn am liebsten mag. Oder, noch lieber hätte ich diese recht kurze Geschichte als siebenhundert-Seiten-Roman gehabt. Oder als mehr-staffelige Fernsehserie.
Die Singularität ist erreicht. Man kann menschliche Bewusstseins hochladen – endlose, virtuelle Realitäten, Platz, Zeit, Unverwundbarkeit, sogar »digital native«-Kinder. Ein Paradies. Der Toten. Denn beim Upload lassen sie ihre Körper zurück.
Doch um die Hochgeladenen geht es eher weniger, der Autor beleuchtet die zurückgebliebene Welt. Die werden immer weniger. Was hat das für Konsequenzen? Das Internet läuft allmählich aus. Benzin fällt weg. Nichts Neues wird mehr hergestellt. Es erinnert an die Welt von The Walking Dead nur ohne Zombies und dass Menschen freiwillig die Welt verlassen und sich uploaden lassen. Oder unfreiwillig, im Falle unheilbar Kranker, deren Familie nicht ertragen kann, sie zu verlieren. Offenbar kann der Upload auch ohne das Einverständnis des Betroffenen erfolgen: Denn man kann sich nach dem Upload auch noch löschen lassen. Ein Zurück in den eigenen Körper gibt es jedoch nicht.
Die verbliebene Menschheit reist technologisch immer weiter zurück in die Vergangenheit. Bald werden die Häuser verfallen. Es gibt kaum noch Ärzte. Neues Aspirin wird nicht hergestellt.
Eine Wahnsinns-Dystopie hat Liu hier gebaut, und das auf so wenigen Seiten. Ich hätte gern mehr gelesen. Bisher der Höhepunkt dieses Bandes.

Real Artists
Eine angehende Filmemacherin im Jobinterview bei der Firma, für die sie immer arbeiten wollte. Allerdings hat sie in der Vergangenheit mal deren Filme bearbeitet – und auch hochgeladen. Als Fan, ohne böse Absicht – und ohne die Beachtung der geltenden Copyright-Gesetze.
Mit dieser Geschichte beweist der Autor erneut, wie überzeugend er aus der Sicht einer Frau schreiben kann, mehr als das, er ist Feminist, jedenfalls lese ich das so. Außerdem dreht sich auch diese Geschichte um das Thema, das sich allmählich wie ein roter Faden durch den Band zieht: technischer Fortschritt.

The gods will not be slain
Eine virtuelle Realität, die fünfzehnjährige Rollenspielerin Maddie spielt mit ihrem Vater David. Es sind die Protagonist:innen aus »The good will not be chained« und diese Geschichte ist quasi die Fortsetzung. Nun ergeben auch die Entwicklungen am Ende der letzten Geschichte Sinn. Das liest sich fast wie eine Art Cyber-Krimi mit einem Hauch Apokalypse und sehr gelungener Pointe.
 
Altogether Elsewhere, vast herds of reindeer
Der gleiche Weltenbau wie bei »Staying behind«, nur diesmal die andere Sicht. Ein junges Schulmädchen, das »born digital« ist, also nie hochgeladen wurde und digital zur Welt kam, als die Singularität selbstverständlich war. Ihre Mutter jedoch verbrachte 26 Jahre »in der Fleischhülle«. Ihr Vater hingegen ist durch und durch digital, experimentiert mit zwanzig Dimensionen oder mehr, während die Mutter sich in der Dreidimensionalität immer noch am wohlsten fühlt – am liebsten in der echten Welt. Da die Mutter einige Pläne hat, die sie von ihrer Tochter trennen werden, unternimmt sie eine Reise in die echte Welt mittels einer Wartungsmaschine. Das erste Mal die Welt sehen aus Sicht von jemanden, der nur virtuelles gewohnt ist – diese Perspektive ist sehr gelungen. Und das, obwohl Moskau versunken ist, von Manhattan nichts mehr übrig und die Welt übersät ist von Walen im Wasser und Bären in Nordamerika. Was für eine Zukunft.

The gods will not have died in vain
Wie man sich schon denken kann, setzt diese Geschichte die anderen beiden »The gods will .…«-Stories fort.
Hier lernt Maddie ihre virtuelle Schwester kennen, außerdem wird »Staying behind« bzw. die Anfänge davon ein wenig eingeleitet. Da hängt so einiges zusammen. Auch wenn ich die anderen Teile dieser Welt stärker fand, bin ich froh, noch ein wenig mehr über diese Welt und ihre Anfänge erfahren zu haben.

Memories of my mother
Eine sehr kurze, extrem eindrucksvolle Geschichte, die ich außerdem bereits kannte. Die phantastisch! hatte nämlich vor ein paar Monaten eine deutsche Übersetzung veröffentlicht und diese Geschichte hatte mich damals überhaupt erst auf Ken Liu aufmerksam gemacht. Ich habe sie erneut gelesen und zwar wieder sehr gern. Es ist eine seiner besten, ich mochte sie sogar mehr als beim ersten Mal.
Die Mutter der Protagonistin wird krank. Ihre eigene Mutter ist allerdings gestorben, als sie ein Mädchen war, also entschließt sie, die Zeit mit ihrer Tochter zu strecken. Gleichzeitig verkürzt sie sie aber auch. Denn sie begibt sich in den Weltraum, reist, kehrt zurück. Stets sind für sie nur ein paar Wochen vergangen, für ihre Tochter jedoch sieben Jahre. So streckt sie ihre verbliebenen zwei Lebensjahre, sodass sie ihre Tochter begleiten kann, bis diese eine alte Frau ist. Allerdings verbringen die beiden jeweils nur einen Tag gemeinsam. Die Geschichte besteht daher aus Spotlights, die die Protagonistin mit ihrer Mutter zeigen, mit sieben, mit siebzehn, Ende dreißig, mit Achtzig. Es ist fast unmöglich, nicht zu weinen. Die Geschichte ist der Wahnsinn und vermutlich die beste Kurzgeschichte, die ich kenne. Und ich kenne viele, viele hunderte.

Es folgen Geschichten, die ich abgebrochen habe, weil sie mich auf den ersten Seiten nicht gefangen haben. Ich lese wirklich viele Kurzgeschichten und neuerdings nehme ich es mir heraus, nicht alle zu Ende zu lesen. Die rezensiere ich dann natürlich auch nicht. Es handelt sich um Dispatches from the Cradle, Grey Rabbit, Crimson Mare, Coal Leopard und A Chase beyond the storms.
 
Hidden Girl
In der Titelgeschichte geht es um ein Mädchen, die zu einer Attentäterin ausgebildet wird und sich in einer vierten Dimension bewegen kann.
Man merkt, wie Ken Liu sich von seinen eigenen Geschichten inspirieren lässt, mehr als drei Dimensionen kamen schon (wenn auch deutlich abstrakter) in seinen Singularitäts-Geschichten vor. Hier wird es dann wesentlich handfester und somit auch besser vorstellbar. Außerdem kommen ein paar coole Kämpfe vor.

Seven Birthdays
Auch diese Geschichte kannte ich bereits aus einer anderen Anthologie (Audiobook), fand es aber hilfreich, sie noch einmal zu lesen, statt nur zu hören.
Sieben ausgewählte Geburtstage von Mia, der Ich-Erzählerin. Aber anders als bei »Memories of my mother« erstrecken sie sich nicht auf ein Menschenleben, so wie wir es gewohnt sind. Die ersten beiden Geburtstage, mit sieben und 48, passen noch, dann folgen fünf, in denen Mia mehr als dreihundert Jahre alt ist. Sie lebt mittlerweile »hochgeladen«, später auch gar nicht mehr auf der Erde. Extrem interessant, technisch und auch der Weltenbau. Doch eigentlich geht es hier um das Verhältnis Mias zu ihrer Mutter. Beim ersten Hören damals dachte ich, es geht um das Vergeben und das Verstehen. Das denke ich immer noch, aber irgendwie auf einem anderen Level als beim ersten Hören. Es wird sich immer lohnen, zu dieser und vielen anderen Geschichten von Liu zurückzukommen.

The Message
Hier geht es ebenfalls um die Beziehung zwischen einem Kind und einem Elternteil, diesmal Vater und Tochter. Der Vater hat die Mutter verlassen, bevor Maggie zur Welt kam, allerdings wusste er zunächst nichts von seiner Tochter. Maggie ist im Teenageralter, als die Mutter stirbt und er holt sie zu sich. Er ist eine Art Archäologe für verstorbene Alien-Spezies (noch lebende hat man bisher nicht gefunden) und nimmt Maggie mit auf einen Trip.
Diese Geschichte verwebt sehr gelungen und keinesfalls konstruiert, die Faszination gelungener SF und einer guten Geschichte zwischen zwei Verwandten. Außerdem ist es mit die spannendste in dem Band, fast mit klassischem Spannungsbogen, als die beiden die versunkene Alien-Kultur enträtseln.

Cutting
Sehr kurz und pointiert und eignet sich sehr gut für den Abschluss.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter Randnotiz
Platzhalter
Platzhalter
zuletzt aktualisiert: 14.10.2021 20:00 | Users Online
###COPYRIGHT###