Die Herren von Winterfell von George R. R. Martin

Reihe: Ein Lied von Eis und Feuer Band 1

 

Rezension von Christel Scheja

 

Bevor A Game of Thrones, der erste Band seiner Saga A Song of Ice and Fire 1996 auch in Deutschland erschien, war George R. R. Martin hierzulande eher ein wenig beachteter Autor der SF und Fantasy, obwohl er in seiner Heimat mehrfach preisgekrönt wurde. Seine Romane Sturm über Windhaven (mit Lisa Tuttle) und Die Flamme erlischt bewegten sich im Grenzbereich zwischen SF und Fantasy, was nicht so viele ansprach.

 

Das änderte sich hier mit Die Herren von Winterfell. Bald schon wurde der Zyklus Ein Lied von Eis und Feuer zu einem Geheimtipp unter den Lesern, die es einerseits zwar episch wie Tolkien, andererseits aber auch so handfest wie bei Howard mochten. Nicht Magie, Mythen oder große Schicksale standen im Vordergrund sondern das, was mutige Männer und Frauen mit ihrem Verstand und ihren Fähigkeiten bewältigen erreichen konnten. Seither sind vier dicke Wälzer erschienen, in Deutschland aufgeteilt auf insgesamt acht Bände. Ein Brett- und ein Trading-Card-Game sind bereits auf der Welt angesiedelt worden.

 

Lord Eddard Stark beobachtet mit Sorge, wie der lange Sommer langsam sein Ende nimmt. Er weiß, dass der nachfolgende Winter wieder Jahrzehnte dauern wird, und es unumgänglich ist, dass die Menschen in dieser schweren Zeit zusammen halten. Aber diese sind außerhalb seiner Familie weit davon entfernt. Intrigen und Machtspiele um den königlichen Hof bedrohen den brüchigen Frieden. König Robert Baratheon ist alt und schwach geworden, seine Gemahlin Cersei versucht immer mehr Fäden an sich zu reißen. Sie will durch ihren schwachen und verwöhnten Sohn Joffrey herrschen und ihrem Haus nach und nach die Macht zuschanzen. Dabei sind ihr und ihren Verbündeten jedes Mittel recht – Gift, käufliche Mörder und Verrat.

Als ein Vertrauter des Königs während einer Jagd stirbt und sein eigener Sohn Bran bei einem Absturz schwer verletzt wird, weiß Lord Stark, dass die Zeit gekommen ist, besonders wachsam zu sein. Zusammen mit seinen Töchtern begleitet er den König zurück in seine Burg, während seine Gemahlin Catelyn zu Hause die Stellung hält. Beide merken, dass sich das Netz um sie enger zusammen zieht. Die Königin demonstriert ihre Macht grausam gegenüber Eddards Tochter Arya, während ein Meuchler Bran auf Winterfell umzubringen versucht. Der Junge scheint etwas von Bedeutung gesehen zu haben, aber was, daran kann er sich nach seinem Erwachen erst einmal nicht erinnern.

Lord Starks unehelicher Sohn Jon Snow schließt sich der Nachtwache an, die die Grenzen des Landes beschützen soll, aber auch dort schwelt der Verrat.

Und fern von all den Intrigen folgt die junge Danerys einem Schicksal, das andere für sie bestimmt haben, aus dem sie sich aber bald lösen wird.

 

„Die Herren von Winterfell“ erinnert in seiner Konzeption eher an einen historischen als einen phantastischen Roman. Man fühlt sich in die Zeit des späten europäischen Mittelalters versetzt, in der hochrangige Adelsfamilien ihre Macht zu sichern und zu erweitern versuchten und von einer Einheit unter dem Banner eines Königs nicht viel zu merken war. Konflikte ähnlich der Rosenkriege drohen am Horizont, und es wird mit allen erdenklichen Mitteln, nur nicht der Magie gekämpft. Diese kommt nur an ein oder zwei Stellen des Romans eher verhalten zum Tragen. George R. R. Martin konzentriert sich dabei eher auf die Menschen. Er stellt in diesem ersten Band die wichtigsten Figuren seines Epos und ihr Umfeld vor. Da die Anzahl der Personen verwirrend groß ist, ist es manchmal schwierig diese auseinander zu halten. Dennoch merkt man an der Sorgfalt der Ausgestaltung der Charaktere und der Anzahl der aus ihrer Sicht geschilderten Szenen, welche der – stellenweise noch sehr jungen Helden in den kommenden Abenteuern eine größere Rolle spielen werden.

„Die Herren von Winterfell“ beinhaltet aber nicht nur höfisches Ränkespiel, sondern auch handfeste Abenteuer und Gefahren, denen sich die Helden stellen müssen und dann merkt man sehr schnell, dass man sich nicht in einem irdischen Szenario befindet, sondern auf einer völlig fremden Welt mit eigenen Gesetzen.

 

“Ein Lied von Eis und Feuer” entwirft eine vertraute und doch phantastische Welt ohne auf Magie und exotische Wesen zurück greifen zu müssen, auch wenn in kommenden Bänden mehr Fantasy-Elemente einfließen werden. Die Helden und Schurken des Zyklus sind weit davon entfernt Archetypen zu sein, sie haben Stärken und Schwächen wie jeder normale Mensch und werden dadurch glaubwürdiger und lebendiger.

Abenteuer und Action kommen nicht zu kurz. Wie hart das Leben sein kann bekommt vor allem die Familie Stark zu spüren, deren Kinder sich schon in jungen Jahren bewähren müssen. Die Handlung ist insgesamt sehr komplex und vielschichtig, immer wieder erwarten den Leser Überraschungen und neue Enthüllungen, die Ereignisse in anderem Licht erscheinen lassen.

Der einzige Wermutstropfen ist wohl auch hier, dass der Roman nicht wirklich in sich geschlossen ist und der Leser wie schon bei Robert Jordans „Drohende Schatten“ hungrig auf mehr zurückgelassen wird.

 

Ein „Lied von Eis und Feuer“ ist auf dem besten Wege einer der Klassiker der Fantasy zu werden. Durch seine Mischung aus Historienroman und High-Fantasy Epos, spricht es auch Leser an, die es nicht ganz so magie- und kreaturenlastig in exotisch abgedrehten Settings mögen, sondern komplex ineinander verzahnte Handlungsstränge voller Intrigen und versehen mit einem glaubwürdige Hintergrund vorziehen.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210

Ältere Kommentare:

Durch einen Wechsel der Kommentarfunktion unterscheiden sich diese Einträge von neueren.

Anzeige: 1 - 1 von 1.

Holger K.
Samstag, 18. November 2006 02:50 Uhr
Schönen Guten Tag!

Eigentlich ist es nicht so meine Sache, Rezensionen zu kommentieren, in diesem Fall kann ich mich aber dennoch nicht zurückhalten, denn was Frau Scheja sich hier erlaubt ( aus schierer Unkenntnis?), ist schon ein starkes Stück!
So meint sie doch tatsächlich, behaupten zu können, George R.R Martin sei vor seiner Ice&Fire-Serie ein eher unbedeutender Autor gewesen - harter Tobak, hüstel -hüstel ...
Herr Martin galt lange Jahre als einer der großen Hoffnungsträger der amerikanischen Phantastik schlechthin, wurde schon weit vor den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts mehrfach sowohl mit dem Hugo- als auch dem Nebula-Award ausgezeichnet (u.a. für 'A Song For Lya' und 'Sandkings'). Sein Roman 'Feverdream' zählt wohl nicht nur für mich zu den besten Vampir-Romanen überhaupt, und auch 'Dying of the Light' und 'Armaggedon Rock' sind Klassiker!
Vielleicht beim nächsten Mal nicht nur die Klappentexte lesen ...

Nichts für ungut,
Holger Kutschmann

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Buch:

Die Herren von Winterfell

Reihe: Ein Lied von Eis und Feuer Band 1

Original: A Game of Thrones, 1996

Autor: George R. R. Martin

gebunden, 544 Seiten

Weltbild, 13. November 2006

Übersetzung: Jörg Ingversen

Titelbild: Amy Burch und Michael Whelan

Farbtafeln: Michael Whelan, Amy Burch, Ciruelo, Doug Beekman, Jan Patrick Krasny und Boris Valleyo

Karte: James Sinclair

 

ISBN 3-89897-525-8

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
zuletzt aktualisiert: 17.11.2019 13:49 | Users Online
###COPYRIGHT###