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Die Lügen des Locke Lamora von Scott Lynch

Reihe: Gentleman Bastards Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

 

Hochgelobt und mit Lorbeeren von Genre-Größen wie George R. R. Martin oder gar einer persönlichen Empfehlung von James Barclay (siehe Interview vom Juni 2006) ausgestattet, kommt Scott Lynchs Debütroman um den trickreichen Gentleman-Ganoven Locke Lamora im ebenso schicken wie dicken Heyne Paperback nun endlich auch nach Deutschland, um sich auch hierzulande den Weg in die Bücherregale zu ergaunern. Grund genug, sich einmal intensiv mit dem angeblich neuen Fantasy-Meilenstein der Superlative zu befassen und Locke und seinen Taten auf den Zahn zu fühlen ...

 

Lynchs »Die Lügen des Locke Lamora« besitzt einen ganz eigenen Rhythmus und Aufbau: chronologisch wie dramaturgisch folgen der Autor und sein gewiefter Edelgauner Locke sowie dessen Gefährten Jean Tannen, der junge Bug und die trickreichen Sanza-Zwillinge keiner allzu klaren oder geraden Linie. Wie viele der gedeichselten Sätze im Buch ineinander verschachtelt sind, mixt Lynch auch die zeitliche Abfolge der Ereignisse im Leben von Locke Lamora mit seiner »aktuellen« großen Geschichte um den vielleicht größten Coupe der gut geschulten Bande sowie die nach und nach immer stärker werdende Bedrohung durch den Grauen König. Von Beginn an verweben sich mehrere rote Fäden zu einem festen, blutroten Strick, an dem man als Leser ganze Bibliotheksregale umreißen kann.

 

So erfahren wir nicht nur, wie es Locke nach und nach gelingt, einen der reichsten Männer Camorrs auszunehmen, sondern sehen auch, wie die Bedrohung für die alte Ordnung der Diebe von Camorr durch den Grauen König immer akuter wird, derweil wir auch in den Zwischenspielen, welche die Kapitel der Haupthandlung durchziehen, immer wieder etwas über die Vergangenheit von Locke, den Sanzas und Jean als Schüler des betrügerischen Priesters Chain erfahren. Lockes Werdegang bis hin zu dem hintersinnigen Dieb und Trickbetrüger, der das Understatement zur Kunst erhoben und dort ferner zur Perfektion gebracht hat, kommt also keinesfalls zu kurz. Haupt- und Nebenhandlungen der verschachtelten Story sind dabei so klug aufgebaut und inszeniert, dass man trotz etlicher Zeitsprünge stets gierig weiterliest und -blättert, um auf allen Ebenen dieses feudal gestalteten Romans zu erfahren, wie es jeweils weiter geht. Erst recht, als Lynch die Geschehnisse knapp 300 Seiten irrsinnig auf die Spitze treibt und eskalieren lässt, wenngleich es zum Ende hin – nicht zuletzt aufgrund der Brutalität und Tragweite der Ereignisse auch einen kleinen internen Stilbruch gibt, die Geschichte ein wenig von ihrer Lockerheit und Spritzigkeit einbüßt und einige kleinere Längen aufweist ...

 

Die Figuren in Lynchs Fantasy-Welt sind mehr als zu Papier gebrachte, verquickte Charaktereigenschaften eines Rollenspielbogens – seine Charaktere leben, atmen, lachen, weinen, stehlen, betrügen, kämpfen, lieben, trauern, bangen, hoffen und schmieden Pläne, wie man es sich als Leser dieser Genre-Gattung nur wünschen kann. »Die Lügen des Locke Lamora« sind keine klassische Story der Dark Fantasy und zum Glück auch kein Aufguss einer pseudoepischen Rette-die-Welt-vor-dem-Erzbösen-Geschichte; Lynchs über 800 Seiten starkes Debüt ist ein durch und durch lebendiger Roman mit markigen, liebenswerten Halunken als Hauptfiguren, die das Herz aber doch am rechten Fleck haben und denen man gern durch ihren andersartigen Alltag in einer prächtig verruchten Fantasy-Stadt zwischen Tradition und Innovation folgt.

 

Besagte Stadt hört auf den Namen Camorr und ist ein großstädtischer, prall gefüllter Mythos zwischen literarischer Klassik und Moderne. Lynch verbindet in seinem riesigen, auf Inseln ruhenden Moloch am Wasser altbekannte Elemente der phantastischen/historischen Städteplanung mit hervorragenden neuen Ideen und Konzepten, die Camorr nicht weniger lebendig wirken lassen als die Figuren, die es zwischen glitzernden Brücken fremder, längst vergessener Völker, schwimmenden Schiffsfestungen und riesigen Zitadellen aus Glas, aber eben auch heruntergekommenen Slums und gefährlichen Diebesvierteln bevölkern. Sprachlich wie inhaltlich werden bei Lynchs Beschreibungen der Besonderheiten, des Glanzes und des Drecks Camorrs Erinnerungen an Fritz Leibers Lankhmar wach, die legendäre Stadt der Diebe aus den unvergesslichen Abenteuern von Fafhrd und dem Grauen Mausling – ein größeres Lob kann es für einen Schriftsteller der Phantastik und seine urbane Schöpfung eigentlich gar nicht geben.

 

Lynch ist nicht nur ein sprachlich sehr versierter und komplexer, sondern dazu auch noch ein ungemein detailverliebter Autor, der mit viel rhetorischem Feingefühl, aber im rechten Moment eben auch sprachlicher Opulenz und Eloquenz seinen Fantasy-Roman zu höchsten stilistischen Weihen führt und seiner Welt ungemein viel Tiefe und Plastizität verleiht. Abermals erinnert es stets ein bisschen an den großen Fritz Leiber, wenn Lynch sich immer wieder die Zeit nimmt, Camorr Seite für Seite mit peniblen Einzelheiten zu füllen, auszuschmücken und zu beschreiben. Darüber hinaus schreibt Lynch schnelle, gut »geschnittene« Action-Szenen ebenso gut wie Sequenzen mit köstlichen Dialogen, verliert sich zuweilen aber auch bereitwillig in der Beschreibung von liebenswerten Kleinigkeiten wie etwa der alchimistisch geförderten Herstellung von aromatischem Kognak oder den legendären Wasserspielen auf dem riesigen, schwimmenden Hauptmarkt von Camorr, wo unter anderem verurteilte Straftäter in blutigen Spielen fürs Volk an Haie und andere Tiefseebestien verfüttert werden und schwimmende Obstgärten ein genauso vertrauter Anblick sind wie die fünf riesigen Kristalltürme, die über allem Geschehen in Camorr zu wachen scheinen.

 

Lynch präsentiert dem Leser mit seinem Debütroman charismatische Hauptfiguren, ein gelungenes Setting und einen prächtigen, durchdachten und mit Details gespickten urbanen Hintergrund, vor dem er eine vielschichtige, sprachlich anspruchsvolle Geschichte erzählt, die sich nur zum Ende des Romans hin ein wenig wandelt und dabei vielleicht nicht mehr ganz so stark wirkt wie auf den ersten 600 Seiten. Ob die Zukunft der Fantasy – wie auf dem Cover angekündigt – dabei wirklich mit diesem Buch beginnt, sei einmal dahin gestellt – so oder so sind »Die Lügen des Locke Lamora« der üppige, lebendige und detailverliebte Auftakt zu einer vielversprechenden Trilogie um die Gentleman-Diebe aus Camorr, die sich mit vereinten Kräften einer düsteren Bedrohung entgegen stellen. Ein durchdachter Fantasy-Schmöker der Extraklasse – Barclay, Martin & Co. haben nicht zu viel versprochen.

 

 

 

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Die Lügen des Locke Lamora

Autor: Scott Lynch

Paperback, 846 Seiten

Heyne, Mai 2007

ISBN: 3453530918

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 07.06.2007, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 19:45