Das Komplott
 
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Das Komplott

Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion

Rezension von Christian Endres

 

Die Protokolle der Weisen von Zion gelten als die antisemitistische Hetzschrift außerhalb des Nationalsozialismus (wo sie später freilich ebenfalls aufgegriffen worden sind). Während Russlands Umbruchs vom Zarenreich zur Moderne entstanden und in einer Hand voll anderen verleumdenden Schriften der Historie zusammengeklaut, sind sie ein »literarisches« Hetzwerk übelster Machart und niederträchtigster Gesinnung. Schlimmer noch: Aus einem politischen Druckmittel entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Art Mythos um den Plan der jüdischen Gemeinschaft, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Machtgier und Politik prallten also aufeinander – und schufen damit eine schreckliche Lüge, die trotz unzähliger und vor allem eindeutiger Widerlegungen auch heute noch Bestand hat. In seinem letzten großen Werk beschäftigte sich Comic-Legende Will Eisner mit der Geschichte, dem mutmaßlichen Fall und der dennoch anhaltenden »Popularität« der Lügen um die Protokolle und verarbeitete dieses Verbrechen am Judentum damit auf seine ganz persönliche Art und Weise in einem 152 Seiten starken Graphic Novel.

 

Hugo Pratt und Will Eisner gelten als die Pioniere des modernen Graphic Novel – jener Form des grafischen Erzählens also, die keine Rücksicht auf ein gängiges Comic-Format nimmt und einer Geschichte einfach so viel Platz einräumt, wie diese benötigt, um erzählt zu werden und sich zu entfalten. Ob Eisner seinem Komplott wirklich genügend Seiten und Raum zur Verfügung gestellt hat, sei allerdings einmal dahin gestellt.

 

So oder so demonstriert dieser Graphic Novel einmal mehr Will Eisners überragende visuelle Fähigkeiten. Eisner verarbeitet die schwierige Thematik mit herrlichen Zeichnungen in sanften Graustufen und markantem Schwarzweiß sowie einer modernen Seitenaufteilung, die trotz ihrer Innovation und einem Verzicht auf klassische Panels doch durch und durch homogen wirkt. Damit beweist Eisners letztes großes Werk noch einmal eindrucksvoll, wie außergewöhnlich gut dieser große – vielleicht der Größte von allen – Comic-Künstler tatsächlich war.

 

Dennoch hat Eisners Auseinandersetzung mit dem Komplott um die Protokolle der Weisen von Zion auch seine dunklen Seiten: Aus dramaturgischer Sicht schwächelt der Graphic Novel nämlich einige Male gehörig, da Eisner beim Versuch, die historischen Hintergründe in sprunghaften Episoden durch die Zeit zu klären, sich an eben dieser Sprunghaftigkeit aufhängt. Die in den Comic integrierte textliche Gegenüberstellung der Protokolle mit den Schriften, aus denen sie abgeschrieben worden sind, mag dann nachfolgend zwar wissenschaftlich und akademisch höchst interessant sein, nimmt dem Graphic Novel letztlich aber eben auch seinen letzten Schwung. Erst zum Ende, als Eisner – wie so oft, wenn er richtig brillant erzählte – autobiographisch wird und zeigt, wie er bei seinen Recherchen und seiner Arbeit an diesem Werk Menschen mit den Protokollen konfrontiert hat und dass die Lüge auch im Jahr 2004 noch auf der ganzen Welt Bestand hat, ist »Das Komplott« wieder ein nicht nur wichtiger und moralischer, wohl recherchierter und außergewöhnlich gut gezeichneter, sondern eben auch endlich wieder ein unterhaltsamer Graphic Novel.

 

Mit »Das Komplott« erfüllte Comic-Legende Will Eisner sich einen künstlerischen, aber auch ganz persönlichen Lebenstraum. Mit dem ihn eigenen Mitteln stellt er die Protokolle und ihre Lügen an den Pranger, zeigt zugleich aber auch die traurige Wahrheit auf, dass die widerlichen Hetzschriften trotz ihrer unanfechtbaren Entlarvung als Fälschung und infernalische Lügen auch heute noch von vielen für bare Münze genommen werden. Eisner und sein Graphic Novel im schlichten Hardcover sensibilisieren den Leser für diese Problematik, während sie durch eine großartige Optik begeistern und das Interesse an den Protokollen und dem durch sie begangenen Unrecht allemal wecken. Rein vom Erzählerischen und Dramaturgischen her jedoch ist »Das Komplott« über weite Strecken zu akademisch und letztlich trocken aufbereitet, die Abwicklung der Historie und Herkunft der Protokolle zu episoden- und sprunghaft, um vollends zu überzeugen.

 

Ein wichtiges Werk mit einer nicht weniger wichtigen Message, aber mit Sicherheit nicht Eisners bester Graphic Novel.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202312010141189164ca67
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Comic:

Das Komplott

Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion

Autor und Zeichner: Will Eisner

Verlag: DVA

Hardcover, 152 Seiten

ISBN-Code: 3421058938

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 24.06.2007, zuletzt aktualisiert: 18.09.2023 19:04, 4257