Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Der Moloch herausgegeben von Helmuth W. Mommers

Reihe: Visionen Band 4

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Nicht weniger als das Ende seiner Visionen kündigt der Herausgeber Helmuth W. Mommers in seinem Vorwort an. Damit scheint eines der ambitioniertesten Projekte der Kurzgeschichtenszene zu Grabe getragen zu sein. Konnte er in den ersten Ausgaben noch mit Autoren-Prominenz aufwarten, versammelt der vierte Band vor allem Autoren, die in der Kurzgeschichten-Szene bekannt sind. Sowohl die Auswahl, als auch die Qualität der Geschichten beweisen, dass es dem Herausgeber nicht gelang, seine Vision vom Aufeinandertreffen der besten Autoren und Geschichten zu verwirklichen. Dabei gibt es keine wirklich schlechten und sogar einige gute Kurzgeschichten im Moloch, insgesamt aber hebt sich die Anthologie nicht von anderen ab.

 

Modus Dei von Thorsten Küper

Die Auftaktgeschichte von Thorsten Küper ist eine düstere Cyberpunk -Kanonade. Klassische Elemente, wie der korrupte Cop oder der psychopathische Killer agieren in einem gewalttätigen Umfeld, es gibt viel Blut und Action. Küper versucht die Atmosphäre seiner dystopischen Welt durch etliche Details anzureichern, was aber gerade den Anfang etwas schleppend gestaltet und durch Nebensächlichkeiten ablenkt.

 

Infogeddon von Christian von Aster

Die Schaffung der Wirklichkeit durch Medienberater ist spätestens seit der Brutkastenlüge Realität. Christian von Aster stellt seine Variante in einer Art Kammerspiel vor, in der die wesentlichen Ereignisse im Dialog stattfinden. Das kann durchaus gefallen, wenn auch wesentliche Aspekte der Figurenmotivation zu kurz kommen.

 

Hyperbreed von Desirée und Frank Hoese

Auch diese Geschichte gefiel mir vom Ansatz her gut. Zwar behindern die eigenartigen wissenschaftlichen Details ab und zu die Story, aber insgesamt bleibt sie lesbar. Der Schluss wartet mit einer Überraschung auf, ist aber sehr esoterisch und wenig befriedigend.

Hier hätte ich nach der sehr guten Ausarbeitung der Situation mehr Substanz erwartet und vor allem eine echte Lösung des Problems.

 

Die Lokomotive von Marcus Hammerschmitt

Hammerschmitts sehr stimmige Geschichte um eine stalinistische Gesellschaft ist ein Höhepunkt der Anthologie. Thematisch ein Ausreißer, überzeugt die Lokomotive durch eine ausgefeilte Dramaturgie und überzeugende Figuren. Bis hin zum bitterbösen Ende hat mir die Lokomotive gefallen.

 

eDead.com von Uwe Post

Posts Upload-Geschichte stellt einige Aspekte der virtuellen Existenz in den Mittelpunkt, die mir so noch nicht untergekommen sind. Etwa Selbsthilfegruppen oder Streik gegen die administrative Bevormundung. Dabei verwendet Post bereits heute übliche Techniken, sodass man sich in seine Vision ohne Probleme hineindenken kann. Das alles wird überzeugend auf den Punkt gebracht ohne Abschweifung oder künstlicher Verlängerung.

 

Aphromorte von Thor Kunkel

Eine eher durchschnittliche Virusstory liefert Thor Kunkel. Die Figuren wirken arg bemüht, insgesamt hatte ich das Gefühl, dem Autor geht es nur darum, über Sex schreiben zu können.

 

Der Moloch von Michael K. Iwoleit

Der als Kurzroman und beste Arbeit des Autors vorab gelobte Moloch von Michael K. Iwoleit konnte nicht überzeugen und stellt für mich auch eines der schwächeren Werke der Anthologie dar. Die Geschichte ist selbst ein Moloch. Langweilig und weitschweifig beschreibt Iwoleit zunächst die von ihm entworfene Welt, in der Konzerne ganze Stadtteile franchisemäßig regieren und die staatliche Ordnung verdrängten. Quälend zäh entwickelt sich die Handlung, stolpert über unmotivierte Figuren oder unnötig ausgewalzte Traumata. Die eigentlich interessanten Teile werden nur indirekt behandelt, etwa Hassans Odyssee. Insgesamt fehlt Esprit und Inspiration. Alles wirkt überfrachtet, die Dialoge, die ewig langen Infoblöcke.

Der Zukunftsentwurf selbst ist so übertrieben negativ, dass man keinen Bezug dazu aufbauen kann. Der kaputte Journalist, der mit kaputten Typen in einer kaputten Welt einer Verschwörung auf die Spur kommt ...

Die Verbindung vom Megalopolis und Intelligenz hätte durch Iwoleits zynische Interpretation durchaus spannend sein können, wenn er es geschafft hätte, die wesentlichen Teile stärker zu konzentrieren und nicht nur auf den letzten 15 Seiten herausragende Science Fiction vorzulegen.

 

Imago von Niklas Peinecke

Die Idee von holografischen Ganzkörpermasken ist durchaus faszinierend, leider verbindet der Autor sie nicht mit einer spannenden Handlung.

 

Bionostalgie von Sascha Dickel

Eine weitere Upload-Geschichte um das virtuelle Weiterleben der Menschheit. Dickel verwendet dabei eine eigene stilistische Note, die der Story einen speziellen Drive gibt. Die virtuelle Lebensweise wird spannend und anschaulich dargestellt allerdings kommt der Schluss sehr moralinsauer daher und überzeugt im Gegensatz zum Rest nicht.

 

Die Tänzerin von Frank W. Haubold

Bedenkt man seine inzwischen verkündete Absicht, der SF erst einmal den Rücken zuzuwenden, beweist der Autor mit der Tänzerin seine eigentlichen Ambitionen vielleicht unbewusst, indem er eine dichte Geschichte erzählt, die im eigentlichen Sinne Gegenwartsliteratur ist und erst im zweiten Teil einen eher mäßigen SF-Schwanz angeflanscht bekommt, der bei weitem nicht die Präsenz und Detailtreue des ersten Teils erreicht. Seine Tänzerin setzt sich gefühlvoll mit Themen wie Alter, Terror und verpassten Chancen auseinander. Erzählerisch überzeugend und bis auf das mystische Ende sehr gelungen.

 

Methusalem von Bernhard Schneider

Ein eher mittelmäßiger Beitrag zum Thema Unsterblichkeit, wie er schon in aller Breite und Beliebigkeit durchgekaut wurde. Bei dieser Geschichte stellt sich die Frage, ob der Pool an eingereichten Erzählungen wirklich so klein war, dass es diese Geschichte in die Visionen schaffen konnte.

 

Regenbogengrün von Heidrun Jänchen

Neben Hammerschmitts Lokomotive ist Regenbogengrün die gelungenste Geschichte dieser Anthologie. Mit wenigen Sätzen bereits gelingt es der Autorin einen Bezug zu ihren Figuren aufzubauen. Sie erzählt ihre Geschichte ohne Hast und mit genau der richtigen Mischung aus Emotion und ambitionierter Story, die den Leser fesselt und gleichzeitig zum Mitdenken anregt. Die lebensfrohe Bea auf dem Dach ist ein tragendes Bild, ihr Grün mehr als nur das verbindende Element der zusammengeschalteten Hirne.

 

Prokops Dämonen von Karl Michael Armer

Zunächst erschlägt einen die Geschwätzigkeit Prokops, bis man sie als Prinzip erkennt. Das ganze ist eher ein philosophischer Kommentar als eine Kurzgeschichte, aber auf jeden Fall amüsant. Letztlich der einzige Text, der mit seiner Schreibart aus dem normalen Schema ausbricht. Thematisch eng an eDead.com von Uwe Post dran und erinnert stark an die Probleme des Holo-Docs der Voyager.

 

Fazit:

Die Einstellung der Visionen ist sehr zu bedauern, verschwindet mit ihr doch eine wesentliche Kurzgeschichtenplattform. Man hätte sich für den Abschluss mehr Highlights gewünscht, insgesamt ist die Anzahl der guten Storys aber zu gering, wenn man den hehren Anspruch des Herausgebers bedenkt.

 

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

Buch:

Der Moloch

Reihe: Visionen 4

Herausgeber: Helmuth W. Mommers

Shayol, 2007

Taschenbuch, 350 Seiten

Titelbild: Michael Hutter

 

ISBN-10: 3926126744

ISBN-13: 978-3-926126-74-0

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Thorsten Küper – Modus Dei
  • Christian von Aster – Infogeddon
  • Desirée & Frank Hoese – Hyperbreed
  • Marcus Hammerschmitt – Die Lokomotive
  • Uwe Post – eDead.com
  • Thor Kunkel – Aphromorte
  • Michael K. Iwoleit – Der Moloch
  • Niklas Peinecke – Imago
  • Sascha Dickel – Bionostalgie
  • Frank W. Haubold – Die Tänzerin
  • Bernhard Schneider – Methusalem
  • Heidrun Jänchen – Regenbogengrün
  • Karl Michael Armer – Prokops Dämonen

weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 15.10.2007, zuletzt aktualisiert: 07.06.2019 15:11