Troposphere von Scarlett Thomas

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Ariel Manto schreibt ihre Doktorarbeit über Gedankenexperimente bei dem Literaturprofessor Saul Burlem, doch dieser ist schon seit einiger Zeit verschwunden. Als dann ein alter Tunnel unter dem Universitätsgelände einstürzt, wird das Gebäude mit ihrem Büro und der Parkplatz mit ihrem Auto unsicher; da Ariel wieder einmal kaum Geld hat, muss sie zu Fuß nach hause gehen. So entdeckt sie ein neues Antiquariat, in dem sie routinemäßig nach dem verschollenen Buch "The End of Mr Y" fragt, welches der Auslöser für ihre Dissertationsbemühungen war. Ariel hat – scheinbar – unfassbares Glück: Für 50 Pfund (was ihr 10 Pfund für die nächsten drei Wochen lässt) kann sie die Rarität und einige weitere Bücher erstehen. In dem angeblich verfluchten Buch geht es um einen Mann, der über eine seltsame Dimension, die er Troposphäre nennt, in den Geist anderer Menschen gelangen kann. Es stellt sich heraus, dass der Autor kein Phantasiegespinst beschreibt: Den Anweisungen folgend gelangt Ariel tatsächlich in die Troposphäre. Die Fähigkeit Gedanken zu lesen ist auch für gewisse Dunkelmänner interessant, die vor extremer Brutalität nicht zurückschrecken. Außerdem ist der bloße Aufenthalt in der Troposphäre für Menschen gefährlich – Ariels notorischer Geldmangel wird nicht ihr größtes Problem sein.

 

Ariels Büro, welches sie eigentlich mit Burlem teilt, ist klein und mit Büchern voll gestopft; als sie dort die Evolutionsbiologin Heather und den Theologen Adam aus dem beschädigten Newton-Gebäude aufnimmt, wird es noch enger. Ariels Wohnung lässt sich nicht richtig heizen, da es keine Zentralheizung gibt, und hat ein Mäuse-Problem. Nachbar Wolfgang spielt mit dem Gedanken sich deswegen eine Katze anzuschaffen. Kurzum: Das Setting ist von Alltagsproblemen, einer gewissen Schäbigkeit und Härte geprägt, die sich auch in anderen Aspekten der Geschichte wieder finden lässt. Obwohl die Figuren fest im modernen, urbanen England des 21. Jh., vor allem dem universitären Umfeld, verwurzelt sind, ist es kein reines Milieu, da zwar einige Szenen die Stimmung wunderbar einfangen, aber insgesamt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es ist daher eine Mischung aus Ambiente und Milieu.

 

Die Hauptfigur ist die exzentrische und vielschichtige Ich-Erzählerin Ariel, die Thomas detailliert entwickelt. Ariel kommt aus einer bildungsfernen Schicht, in der es für zwölfjährige Mädchen üblich war, sich von älteren Jungs für 10 Pence befummeln zu lassen; so finanzierte Ariel ihr erstes Fahrrad. Die Eltern waren ihr auch keine Hilfe: Als Ariel erzählen wollte, dass sie Lust empfindet, wenn sie sich ihre Beine zerschneidet, hatte die Mutter keine Zeit (sie versuchte gerade mit Aliens per CB-Funk Kontakt aufzunehmen) – Ariel müsse lernen, dass sich die Welt nicht um sie drehe. Einige Jahre später war die sechzehnjährige Tochter von zu hause ausgerissen. Sie bekam ihr Leben halbwegs unter Kontrolle, schloss ein Studium der Literaturwissenschaft ab, kam dann nicht im Verlagswesen unter, lebte seitdem jenseits der Armutsgrenze und schrieb monatlich eine Kolumne für eine avantgardistische Zeitschrift. Zehn Jahre später ist sie Doktorandin bei Burlem, doch ihre Lage hat sich kaum gebessert: Sie wohnt in einer engen, kalten Wohnung, hat selten Geld, dafür meistens Hunger und erniedrigenden Sex mit einem älteren Mann. Dafür flüchtet sie sich sobald sie kann in fiktive Welten. Hinter dem abgerissenen Äußeren findet sich allerdings eine sensible und kluge Frau, die Baudrillard, Heidegger und Derrida nicht nur liest, sondern auch versteht.

Die anderen Figuren werden wesentlich weniger weit entwickelt; es gibt allerdings einen Kniff das Seelenleben der anderen zumindest zum Teil darzustellen: Ariel kann bei Aufenthalten in der Troposphäre mit ihnen verschmelzen. Auch bei ihnen gibt es interne Konflikte, die häufig sexueller Natur sind. Wichtig sind Ariels Doktorvater Saul, der in die Angelegenheit tief verstrickt ist; Ariels Nachbar Wolfgang, ein deutscher Boheme mit eigenwilligem Humor; Ariels Affäre Patrick, ein leicht sadistischer Professor; und Ariels Büro-Mitbenutzer Adam, ein ehemaliger Priester mit schwieriger Vergangenheit – alles Männer, die entweder in Ariel eindringen oder in die sie eindringt. Ihre verschwörerischen Antagonisten bleiben überraschend blass.

 

Der Plot besteht aus einem Hauptstrang und drei Nebensträngen. Der erste Nebenstrang behandelt Ariels Werdegang: Anfangs ist sie die Frau, die nicht im Verlagswesen untergekommen ist und seither am Rande der Gesellschaft lebt, am Ende weiß sie, wohin sie gehört. Dieses ist eine Entwicklungsgeschichte und Spannungsquelle ist natürlich die Entwicklung der Figur. Eng damit verknüpft ist der zweite Strang: Ariel, die sich von Patrick erniedrigen und ficken lässt, die ein unsicheres Verhältnis zum eigenen Körper, der Sexualität und Bindungen hat, verliebt sich in den gefallenen Priester Adam. Die Liebesbeziehung bezieht ihre Spannung aus der Reibung der "unreinen" Vergangenheiten mit der als "rein" gedachten Empfindung. Der dritte Handlungsstrang ist ein relativ unorigineller Thriller, in dem blasse Dunkelmänner hinter den Wissenden herjagen. Spannungsquelle ist natürlich die Bedrohung durch die Bösewichte; Action gibt es nur wenig.

Der Hauptstrang ist die Erkundung der Troposphäre. Da die primäre Spannungsquelle eben die Erkundung ist, soll hier nicht all zuviel darüber gesagt werden. Die Troposphäre ist ein Metaraum, über den man Zugang zu dem Geist anderer Wesen erhält. So kann Ariel beispielsweise mit dem Geist Wolfgangs verschmelzen oder mit denen von Mäusen. Ariel versucht diesen Raum mit philosophischen Ansätzen, die in Derridas Dekonstruktivismus gipfeln, zu verstehen. So wird die Welt zu einem Text und die Autoren können sie massiv umschreiben. Damit erinnert Troposphere an einige andere Geschichten: Der Wechsel in eine andere Realität durch Drogen ist altbekannt: H. P. Lovecraft lässt seine Protagonisten so exotische Gebiete der Traumlande bereisen (wie in Celephais oder Hypnos), William S. Burroughs' Lee gelangt so in Naked Lunch in die Interzone und Steph Swainstons Jant Shira in Komet nach Anderort. Die Sprache, die die Welt verändert ist nicht nur aus Hal Duncans Vellum, sondern vor allem aus dem Film Die Matrix bekannt, auch wenn dort das Simulakrum, dessen Signifikanten nichts bezeichnen, nur eine Scheinwelt ist. In der Troposphäre, deren Darstellung immer mehr an ein Computerspiel erinnert, lernt Ariel den charmanten Mäusegott Apollo Smintheus kennen, der ähnlich wie Terry Pratchetts Götter in Einfach göttlich seine Kraft aus den Gebeten von Menschen zieht. Der Leser, der durch ein Buch in einen Metaraum der Gedanken gezogen wird, erinnert an Bastian Balthasar Bux, der in Michael Endes Unendlicher Geschichte nach Phantásien, dem Reich der Vorstellungskraft, gelangt. Aber anders als diese Werke basiert Troposphere wesentlich stärker auf wissenschaftlicher Theorie: Thomas verknüpft Poststrukturalismus mit dem Raum-Zeit-Kontinuum, der Relativität und der Quantenmechanik und wendet dieses Konstrukt konsequent an – die Welt ist kein Ort mehr, an dem Ursache und Wirkung im herkömmlichen Sinn gültig sind. Somit ist der Hauptstrang wie Charles Howard Hintons Eine flache Welt Science Fiction im engsten Sinn.

Zusätzlich gibt es einige Anspielungen, die von D&D über Joseph Conrads Herz der Dunkelheit hin zur Bibel reichen.

Das Gesagte lässt das Hauptproblem des Buches schon erahnen: Die Autorin wollte zuviel. Neben den vier Strängen gibt es einige Szenen, die nicht handlungsfunktional sind und auch nichts zur Stimmung beitragen: Wenn langwierig über die Homöopathie referiert wird, scheint es nicht mehr zu bezwecken als Thomas Bildung zu demonstrieren. Auch darüber hinaus neigt die Autorin dazu mit langen Beschreibungen den Erzählfluss zu unterbrechen.

 

Erzähltechnisch werden einige eher konservative Spielereien geboten. Die Handlung ist dramatisch und progressiv, auch wenn einzelne Episoden nachgeschoben werden. Die Erzählperspektive ist dabei die einer Ich-Erzählung, zumeist aus der Perspektive Ariels, doch wenn sie mit dem Geist anderer Wesen verschmilzt, auch aus deren Blickwinkel. Ungewöhnlich ist das Erzähltempus: Ariel berichtet im Präsens, statt im Präteritum. Die Wortwahl ist neutral mit Neigung zum saloppen und vulgären: Wenn Ariel sich in einer schmutzigen Autobahntoilette ficken lässt, weil sie etwas Geld braucht, dann ist ein anderer Stil kaum denkbar. Außerdem gibt es längere Zitate aus dem fiktiven "The End of Mr Y", die einen gespreizt wirkenden, viktorianischen Stil nachahmen.

 

Fazit:

Als der abgerissenen Doktorandin Ariel Manto das verfluchte Buch "The End of Mr Y" in die Hände fällt, bekommt sie Zugang zur Troposphäre und damit dem Geist anderer Menschen – eine Fähigkeit, die auch für finstere Verschwörer interessant ist. Thriller, Wunder-, Entwicklungs- und Liebesgeschichte sind zuviel des Guten: Leider verwässert Thomas sehr interessante Ideen und Figuren mit mittelmäßigen Nebenhandlungen, punktlosen Szenen und langen Beschreibungen. Dennoch ist es ein gutes Buch – wer Science Fiction im engsten Sinne mag, sollte eine Reise in die Troposphere wagen.

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Titel: Troposphere

Reihe: -

Original: The End of Mr Y (2007)

Autor: Scarlett Thomas

Übersetzer: Jochen Stremmel

Verlag: Kindler (Januar 2008)

Seiten: 569-Gebunden

Titelbild: Uwe Krejci

ISBN-13: 978-3-463-40527-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 12.02.2018 18:31 | Users Online
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