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Wolkenauge von Ricardo Gomez

Rezension von Lars Perner

 

Rezension:

Die Geburt eines Kindes ist ein Grund zum Feiern. Auch bei einem Stamm der Crow-Indianer. Denn Blühende Tanne und Schneller Pfeil haben Nachwuchs - einen kräftigen, gesunden Jungen. Da er nicht wie die anderen Babies weint, wird er Schweigsamer Jäger genannt. Doch bald erfahren die Stammesmitglieder, dass sein ruhiges Wesen einen Grund hat. Denn als er das erste Mal seine Augen öffnet, sind alle entsetzt. Seine Augen sind weiß, als wenn sich die Wolken darin verfangen hätten. Er ist blind. Nur noch eine Last für seinen Stamm, wird er in Wolkenauge umbenannt. Als alle anderen ihn in der Wildnis aussetzen wollen, bewahrt nur die Liebe seiner Mutter ihn vor dem sicheren Tod. Sie lehrt ihn die Welt zu erforschen auch ohne Sehen zu können. Immerhin wird er geduldet. Doch das Unheil bricht über die Crow herein. Die Kadaver sinnlos hingeschlachteter Bisons verpesten mit ihrem Gestank die Prärie. Ein Nachbarstamm verschwindet spurlos. Die Geier finden reiche Beute und werden immer zahlreicher. Männer mit Haaren im Gesicht und Speeren, die donnern und Blitze spucken können, bedrohen die Existenz der kleinen Gruppe. In diesen schweren Stunden wird ein Blinder noch mehr zur Last. Und doch ist Wolkenauge ihre einzige Rettung. Sie wissen es nur noch nicht.

Die Jugenderzählung erschien 2006 im spanischen Original unter dem Titel „Ojo de Nube“. Die deutsche Übersetzung stammt von Katharina Diestelmeier. Sie verwendet eine klare, verständliche Sprache. Teilweise sind die Satzkonstruktionen schon etwas anspruchsvoller und somit für fortgeschrittenere Leser geeignet.

Die wenigen Illustrationen von Jesus Gaban sind sehr gefühlvoll. Sie sind recht düster und fangen die gedrückte Stimmung gut ein.

Die Erzählung schildert das alltägliche Leben eines kleinen Indianerstammes, bis es zum Zusammentreffen mit den weißen Eindringlingen kommt. Auch wenn in diesem Spannungsfeld sehr viel Konfliktpotential liegt und auch einige Grausamkeiten geschildert werden, ist die Erzählung nicht sehr spannungsgeladen. Die geschilderten Ungeheuerlichkeiten, welche die Bleichgesichter insbesondere an der Natur selbst und ihren Geschöpfen begehen, werden nur grob skizziert. Die Schilderung geschieht aus bestimmten Gründen und nur wo es notwendig ist. Der Autor schildert hauptsächlich den gewöhnlichen Alltag, den Wechsel der Jahreszeiten und den Lauf des Lebens. Von der Geburt über das Erwachsenwerden bis hin zum Tode erfährt der Leser, wie es damals bei den amerikanischen Ureinwohnern vor dem Eindringen der Europäer gewesen sein könnte. Auch einige Mythen flechtet er in die Erzählung ein. Darunter leidet aber die Spannung. Die Emotionen sind eindringlich und klar geschildert, doch genauso vermeidet der Autor das abenteuerliche des damaligen Lebens auszuführen. Auch die Rollenverteilung ist zu stark abgegrenzt. Auf der einen Seite die sanftmütigen Indianer auf der anderen die brutalen Weißen. Das es auch unter den Indianerstämmen Auseinandersetzungen gab, deutet er zwar an, läßt diese aber dann bis auf wenige Ausnahmen friedlich beilegen. Natürlich müssen die Schilderungen in gewissen Maßen Fiktion bleiben, da es für diesen Zeitpunkt nicht genügend gesicherte Erkenntnisse gibt. Als zweiten Schwerpunkt des Buches kann man den Konflikt betrachten, der aus der Frage entsteht: Wann ist ein Mensch für die Gemeinschaft nutzbringend? Der blinde Indianerjunge und seine Fähigkeiten sind hier Fokus der Handlung.

 

Fazit:

Ein schönes Stimmungsbild des Lebens der Indianer, welches teilweise unter der lehrbuchhaften Vermittlung reiner Informationen leidet. Auch auf die Frage nach einem lebenswerten Leben wird emotional eingegangen. Wer Abenteuer sucht, wird hier nicht fündig. Es ist ein Buch der zarten Töne – gefühlvoll und etwas traurig.

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Wolkenauge

Autor: Ricardo Gomez

Ravensburger Buchverlag, 02/2008

(Hardcover), 160 Seiten

ISBN-10: 3473347205

ISBN-13: 9783473347209

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 02.05.2008, zuletzt aktualisiert: 13.08.2019 20:21