30 Jahre Montag

Jim Davis’ Kult-Comic-Kater feiert Geburtstag

 

Redakteur: Christian Endres

 

Nachdem der 1945 geborene Comic-Künstler James »Jim« Davis mit seinem Comicstrip über den Moskito Gnorm einfach keinen durchschlagenden Erfolg verzeichnen und sich auch keine Unterstützung durch eines der für den Vertrieb und die Verbreitung der täglichen Comic-Happen so bedeutenden Syndikate sichern konnte, ließ Davis seinen summenden Helden eines Tages einfach durch einen übergroßen Fuß sterben und versuchte Ende der 1970er etwas Neues.

 

Der auf einer kleinen Farm in Indiana aufgewachsene Davis blieb beim G und den Tieren und brachte einen dicken, vorlauten, verfressenen, muffigen, faulen, getigerten Kater zu Papier, den er nach seinem Großvater benannte – Davis’ Großvater wiederum verdankte seinen Namen James A. Garfield, dem 20. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

 

Garfield war geboren, die Geschichte konnte ihren Lauf nehmen.

 

Die Frühe Katze fängt den Briefträger

 

»Hi, there. I’m Garfield. I’m a cat, and this is my cartoonist, Jon.« Mit diesen Worten stellt sich Garfield am 19. Juni 1978 - einem Montag - den Lesern von 41 amerikanischen Tageszeitungen erstmals selbst vor. Und während Garfields Herrchen Jon noch erwähnt, dass sie die Leute einzig und allein unterhalten wollen, macht der damals noch ziemlich unrund und unfertig aussehende Garfield zum Abschluss seiner Premiere deutlich, was für ihn das Wichtigste ist: »Feed me« - Fütter mich.

 

Garfields Verfressenheit wird im Folgenden konsequenterweise der erste Aufmacher und waschechte Running-Gag in der noch jungen Geschichte des seriellen Erfolgsstrips, der heutzutage täglich in 23 Sprachen und fast 2600 Zeitungen erscheint und sogar per Guiness Buch der Rekorde offiziell als der am weitesten verbreitete Zeitungscomicstrip der Welt bestätigt ist.

 

Im Sommer 1978 sehen die Figuren und ihr Umfeld freilich noch anders aus und suchen ihr endgültiges konzeptionelles Raster: Zeichner und Autor Jim Davis experimentiert noch kräftig mit dem Strip und den Figuren und hat seine – rsp. Garfields –determinierte Stimme noch nicht gefunden. Immerhin: Haustier-Kumpel Odie hat schon nach zwei Monaten seinen ersten zungenschlabberintensiven Auftritt, damals allerdings noch mit Jons menschlichem Untermieter Lyman im Schlepptau, der samt Schnurrbart eines Tages jedoch schnell wieder sang- und klanglos aus der Serie verschwinden sollte. Mehr als fünf Jahre müssen dagegen noch vergehen, bis Davis und Garfield im Jahre 1983 ihre optische Selbstfindung abgeschlossen haben und der Kater seinen endgültigen Look bekommt - große Füße, große Augen, großer Bauch.

 

Bis auf gelegentliche Auffrischungen und Ergänzungen ist es seither bei diesen äußerlichen und auch den meisten inhaltlichen Mustern geblieben. Struktur und Natur des Strips sind auf Dauer sicherlich eher solide und bequem, aber dafür eben auch stets vertraut. Bei Garfield weiß man, woran man ist, und eine gewisse Redundanz gehört als festes Wiedererkennungsmerkmal einfach in die Welt des täglichen Comicstrips (der sich zum Teil eben ganz bewusst durch eine griffige Mustererkennung, leicht verdaulichen Witz und wenig Veränderungen am Setting auszeichnet).

 

Heute möchte niemand mehr die typischen Garfield-Gags vermissen. Zu diesen gehören echte Evergreens wie Garfields ewiger Kampf gegen ihm übel gesinnte Montage, an denen dem Kater das Pech auf den Pfoten folgt, hartnäckige Wecker, vorlaute Waagen, seine Fresssucht und sein massives Übergewicht, aufgezwungene Diäten, viel zu große Hunde und Vögel, seine Arroganz, seine Faulheit oder seine manchmal schon beängstigende Schlafkrankheit ...

 

Das alles hat im Dunstkreis des getigerten Faulpelzes inzwischen durchaus schon etwas Klassisches an sich. Und mal ehrlich: Garfield muss sich längst nicht mehr Tag für Tag neu erfinden, um die Bedürfnisse seiner üppigen Leserschaft zu bedienen. Entsprechend unauffällig und konventionell, ja hausbacken hat sich Garfield binnen weniger Jahre an die Spitze des Zeitungscomicstrips geschlichen - ganz so, wie Jim Davis das von Anfang an im Sinn und sogar minutiös geplant hat.

 

Eine echte Marke

 

Noch vor seinem zehntem Geburtstag brummt das Merchandise-Geschäft mit dem fettfaulfilosofischsten Comichelden, der keine Mahlzeit auslässt und sich immer etwas neues einfallen lässt, um die Piepmätze im Vogelbad als kleinen Snack dran zu kriegen: Garfield erobert schon ab 1982 das Fernsehen (und wurde dafür ganze vier Mal mit dem Fernseh-Oscar Emmy ausgezeichnet), tummelt sich in Folge weiterer Cartoon-Episoden und Spin-offs um Orsons Farm aber auch früh als allgemein beliebtes Motiv auf T-Shirts, Brotzeitboxen, Stickern, Bettwäsche, Geschenkbüchern, Geschirr, als Plüschtier, auf Turnschuhen - kurzum, er wird zu einer unglaublich beliebten und gefragten Marke, während die Sammelbände mit den Comicstrips ab 1980 regelmäßig auf den Bestsellerlisten der New York Times auftauchen.

 

1981 gründet Garfield-Vater Jim Davis deshalb Paws Inc., das sich fortan um den Werdegang des Comic-Katers kümmert. Drei Jahre hat es also gedauert, bis Garfield so erfolgreich als Marke auftrat, dass eine eigene Firma her muss, die sich um die lizenzrechtlichen Belange und Koordination kümmert; drei Jahre, bis Davis’ Plan aufgeht und Garfield Allüren eines massentauglichen Phänomens zeigt. Davis, der ursprünglich aus der Werbebranche stammt und von Anfang an entsprechend erfahren an die Präsentation und das Marketing seines Strips rangegangen ist, residiert noch heute im US-Bundesstaat Montana, wo er und knapp 60 Angestellte, Zeichner wie Buchhalter, sich um das boomende Lizenzgeschäft mit Garfield kümmern und natürlich die neuen Strips produzieren, die dann an das jeweilige Syndikat weitergeleitet werden und - seit 1999 häufig in Farbe - in den Zeitungen erscheinen.

 

Die Strips zeichnet Davis aber längst nicht mehr selbst, obwohl er die meisten Episoden zumindest noch schreibt und häufig auch vorskizziert, ehe er die Arbeit an seine Assistenten weiter gibt, die das Ganze dann nach äußerst strikten Vorlagen und zeichnerischen Richtlinien umsetzen. Doch das ist nichts Neues für Davis, der morgens angeblich zuallererst über neue Merchandise-Artikel nachdenkt, bevor er sich an den eigentlichen Comic setzt. Schon in den frühen Anfangstagen hat Davis laut eigenen Aussagen pro Woche um die 15 Stunden aufs Schreiben und Zeichnen verwendet, während er bis zu 60 Stunden dafür hernahm, Garfield als Marke zu platzieren und mit aller Besonnenheit bekannt zu machen - gemächlich, ohne sich aufzudrängen und stets darauf bedacht, bloß niemandem auf den Wecker zu gehen.

 

Alle Montage wieder...

 

Eine Philosophie, die sich im Grunde auch in den werktäglichen und sonntäglichen Funny-Strips wieder findet, über die man schmunzelt und lacht, die aber nicht sonderlich lange im Gedächtnis bleiben. Dass Garfield darüber hinaus noch nie der philosophischste oder politischste unter den Zeitungscomicstrip-Helden war und vom inhaltlichen Anspruch her deutlich hinter Schulz’ Peanuts oder Wattersons Calvin and Hobbes zurückstecken muss, scheint die über 250 Mio. Leser, die der Strip weltweit in den Tageszeitungen erreicht, anscheinend nicht weiter zu stören. Fast genauso wenig wie der Umstand, dass Garfield eigentlich ein archetypischer Antiheld und hausgemachter Fiesling ist, der manchmal regelrecht diabolische Züge an den Tag legt. Trotzdem hat ihn seine Leserschaft ins Herz geschlossen - wie sonst könnte man erklären, dass der getigerte, faulenzende, verfressene, zynische Schuft Herrchen (und Dosenöffner) Jon regelmäßig piesackt und förmlich denunziert, Hundekumpel Odie rüde vom Tisch tritt oder Nermal, das süßeste Kätzchen der Welt, in Postpakete stopft und sonst wohin verschickt - und trotzdem ungestraft davon kommt?

 

Offenbar hatte Jim Davis’ Pseudo-Alter-Ego Jon im ersten Strip vom 19. Juni 1978 doch Recht: Wahrscheinlich wollen Garfield & Co. wirklich einfach nur unterhalten. Und das tut der Strip mit seinem kultig-gemeinen, verfressenen Helden ohne Frage.

 

30 unglaublich erfolgreiche Jahre auf der zuweilen hart umkämpfen Bühne des Zeitungscomicstrips - und vor allem auch außerhalb, als Franchise und Marke und 2004 und 2006 sogar auf der Leinwand - geben Davis und seinem Comic-Kater zweifellos Recht.

 

Happy Birthday, Garfield.

 

 

 

Hier geht's zum Interview mit Garfield-Übersetzer Wolfgang J. Fuchs

 

 

 

 

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zuletzt aktualisiert: 25.01.2015 20:07 | Users Online
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