Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Fiebertraum von George R. R. Martin

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Abner Marsh ist der Besitzer der Fevre River Packet Company, der das Schicksal übel mitspielte: Eisschollen haben den Großteil ihrer Dampfbootflotte zerquetscht. Ihm ist nur ein mickriger Heckraddampfer geblieben. Da erhält er des Nächtens ein großzügiges Angebot vom aristokratisch auftretenden Joshua York: Er will mit einer gewaltigen Summe einsteigen. Er hat jedoch zwei Bedingungen. Erstens soll Capt'n Marsh das größte und schönste Dampfboot des Mississippi bauen lassen. Zweitens müssen Yorks Befehle befolgt werden, auch wenn sie noch so seltsam scheinen. Er verspricht aber, dass dieses nur sehr selten vorkommen werde. Nach anfänglicher Skepsis macht sich Marsh mit großer Begeisterung daran die neue Königin des Flusses zu bauen – sie soll nicht nur prunkvoller als die Eclipse sein, sie soll auch schneller sein. Voller Stolz läuft Cap'n Marsh mit dem Prachtstück Fiebertraum aus. Anfangs läuft alles ausgezeichnet, auch wenn sein Partner York ein paar seltsame Freunde mitbringt – einer soll sogar das fremde Blut abgeleckt haben, das ein zerquetschter Moskito auf seiner Hand hinterlassen hatte. Komisch auch, dass sie nie am Tage aufstehen – York kommt nicht einmal zum ersten Wettrennen an Deck. Je weiter man den Unterlauf Richtung New Orleans dampft, desto merkwürdiger verhält sich York: Er verschwindet für einige Nächte, sucht Orte brutaler Morde auf und verzögert die Weiterfahrt insgesamt ganz ungemein – die Passagiere werden schon ungeduldig.

Unterdessen lässt sich Meister Julian, eine uralte Kreatur mit jugendhaftem Äußeren, schöne Sklavinnen aus dem nahen New Orleans bringen – und trinkt deren Blut. Mit seiner Meute von Anhängern sitzt er auf einer verfallenen Plantage und wartet, was der Fluss ihm bringt.

 

Die Fiebertraum selbst ist der wichtigste Schauplatz der Geschichte. Sie läuft im Juni 1857 in New Albany vom Stapel, ganz in weiß und blau gehalten. Mit ihren achtzehn großen Kesseln ist sie eines der schnellsten Boote auf dem Mississippi. Alles ist prächtig mit Schnitzereien von Blumen und Girlanden verziert, der große Salon blendet die Fahrgäste gerade zu mit Silber und Spiegeln. Vollbesetzt kann der Dampfer neben der Fracht über fünfhundert Menschen fassen. Ein Dampfboot dieser Größe ist vor allem für den Unterlauf des Flusses geeignet. Die Reise hinab dauert einige Zeit und führt durch einige Städte. Diese unterscheiden sich von denen der Ostküste oder des 'Wilden Westens'. Sie sind zwar zivilisiert, es dominiert der raffinierte Geschmack, gleichzeitig steht die Staatsgewalt sehr im Hintergrund: Messerstechereien kommen regelmäßig vor – Schießereien sind allerdings sehr selten. New Orleans ist vielleicht der Inbegriff dieser Städte schlechthin: Prunkvolle Bauten und Gärten säumen die Straßen, auf denen feine Damen mit ihren Kavalieren flanieren. Jede Lustbarkeit ist zu haben – die schönsten Sklavinnen bekommt man von der Französischen Börse: Die Ställe haben Kreolinnen für jeden Geschmack. Von der Amerikanischen Börse bekommt man nur Nigger für die Feldarbeit. In den Hinterhöfen duellieren sich die edlen Herren wegen Nichtigkeiten – und das Pack benötigt keine besseren Gründe um sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen.

Nach der anfänglichen Vorstellung gerät das Setting in den Hintergrund; es ist damit eher ein Ambiente als ein Milieu, auch wenn die Figuren fest in Zeit und Ort eingebunden sind.

Es gibt nur ein phantastisches Element: Das sind selbstverständlich die Vampire. Auf ihre Eigenschaften soll hier nicht weiter eingegangen werden – nur soviel: Sie weichen z. T. erheblich vom üblichen blutsaugenden Untoten a la Bram Stokers Dracula ab.

 

Außer den vier zentralen Figuren gibt es noch eine große Anzahl von Nebenfiguren. Die wichtigsten Figuren sind allesamt mit kräftigen Strichen charakterisiert – Martin gelingt ungewöhnliches: Er schafft lebendige Typen. Die Figuren haben recht einfache Persönlichkeiten, schwanken aber so eigenwillig zwischen Zentrik und Exzentrik, dass die Flachheit kaum auffällt.

Die wichtigste Figur ist Abner Marsh. Er ist groß, kräftig und übergewichtig – der hässliche Mann hat einen gewaltigen Appetit. Er ist pragmatisch und grob, aber nicht bösartig. Sein Körper und sein Geist sind langsam. Dafür ist er loyal und standhaft bis zur extremen Sturheit. Sein größter Traum ist es die Eclipse im Wettrennen zu besiegen. In seiner Besessenheit erinnert Kapitän Marsch an Kapitän Ahab aus Hermann Melvilles Moby Dick.

Sein Gegenstück ist Bill Tipton. Sour Billy ist Aufseher auf Julians Plantage. Er ist ein hässlicher Kerl mit boshaftem Charakter: Der grausame Sadist erniedrigt andere gerne. Als Mensch ist er der wichtigste Handlanger Julians. Seine Motivation ist es ein Vampir zu werden, damit er endlich den Respekt erhält, den er sich wünscht. Die beiden anderen Figuren sind Joshua York und Dämon Julian. Über sie soll hier nicht allzu viel verraten werden. Sie sind beide gut aussehende Aristokraten, die das Tageslicht scheuen – sie haben darüber hinaus große Ähnlichkeiten, unterscheiden sich in anderer Hinsicht aber massiv.

 

Der Plot bedient sich zunächst vieler Elemente des Abenteuerromans, doch im weiteren Verlauf der Geschichte wird es immer mehr ein Horror-Thriller. Anfänglich wird viel über das Leben auf und an dem Fluss gesagt, es werden Dampferwettrennen und Ähnliches geschildert. Je weiter es jedoch den Fluss herab geht, desto deutlicher werden die düsteren Vorzeichen – es wird zu einer Rätsel- und Gruselgeschichte. Schließlich werden die Rätsel (weitgehend) gelöst und die Auseinandersetzungen handgemein – damit ist es ein Horror-Thriller. Entsprechend sind die Spannungsquellen verteilt.

Der Plotfluss ist ungewöhnlich, weil es drei 'Höhepunkte' gibt. Die beiden ersten werden für die Figuren unbefriedigend gelöst (i. e. die Geschichte muss weitergehen), erst der dritte bringt die Angelegenheit zu einem Abschluss. Die Umsetzung ist meines Erachtens nur bedingt gelungen, da der zweite 'Höhepunkt' – wiewohl für die Charakterentwicklung unabdingbar – in der Wirkung dem ersten doch zu sehr ähnelt. Darüber hinaus gibt es einige redundante und digresshafte Szenen. Aufgrund des farbenfrohen Erzählstils nimmt man dieses Martin aber nicht allzu übel.

 

Erzähltechnisch ist die Geschichte unauffällig: Es gibt zwei progressive Erzählstränge. Der erste wird von Marsh aus personaler Sicht erzählt, wobei es in Yorks Figurenrede eine längere Rückblende gibt. Der zweite wird aus der personalen Sicht von Sour Billy erzählt. Der nimmt deutlich weniger Raum ein und wirkt aufgrund der Sprünge etwas episodisch.

Die Satzlänge wird geschickt variiert: Die meisten sind knapp und prägnant, doch die Abfolge wird immer wieder von mittellangen und langen Sätzen aufgelockert; alle Sätze sind gradlinig und klar formuliert. Die Wortwahl ist neutral, wobei es einige Fachtermini bezüglich der Dampfboote gibt. Die adjektivarmen Sätze und die Wortwahl passen eher zum Abenteuerroman oder Thriller als zur Gruselgeschichte. Eine gewisse Komik verleihen gewitzte Nachsätze: "'Ich rufe die Jungs zusammen, und dann bringen wir sie alle um', schlug Hairy Mike aufgeräumt vor."

 

Fazit:

Cap'n Marsh fährt mit der Fiebertraum, dem größten und schnellsten Dampfer des Mississippi, den Fluss hinab und beginnt seinen seltsamen Partner York zu verdächtigen in finstere Angelegenheiten verstrickt zu sein – unterdessen warten der mächtige Dämon Julian und sein sadistischer Handlanger Sour Billy, was der Fluss ihnen bringt. Diese historische Vampirgeschichte gilt nicht umsonst als Meilenstein des populären Vampirromans: Nicht nur das Setting ist ungewöhnlich, aber sehr gut gewählt, auch die eigenwilligen Vampire wissen zu überzeugen. Interessant ist auch das bruchlose Hinübergleiten von Abenteuerroman zur Gruselgeschichte und dann zum Horror-Thriller; bedauerlich ist lediglich, dass die Spannung aufgrund der Länge mitunter etwas nachlässt.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Titel: Fiebertraum

Reihe: -

Original: Fevre Dream (1982)

Autor: G. R. R. Martin

Übersetzer: Michael Kubiak

Verlag: Heyne (Juni 2008)

Seiten: 511-Broschiert

Titelbild: Dirk Schulz

ISBN-13: 978-3-453-53285-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 20.07.2008, zuletzt aktualisiert: 01.07.2018 15:19