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7 schlaflose Nächte

Hörbücher

Rezension von Tanja Thome

 

Im Januar 2008 veröffentlichte Der Hörverlag den Titel 7 schlaflose Nächte. Hierbei handelt es sich um eine Box mit sieben eigenständigen Krimis, stets vollständige Lesungen, auf je einer CD. Ingesamt bieten die enthaltenen Krimis mehr als acht Stunden Hörbuchunterhaltung.

 

Das Gemeinsame dieser Krimis ist nicht allein das Genre, sondern sie alle werden jeweils von den verschiedenen Tatort-Kommissaren beziehungsweise deren Darstellern gelesen: Miroslav Nemec (München), Udo Wachtveitl (München), Eva Mattes (Bodensee), Sabine Postel (Bremen), Andrea Sawatzki (Frankfurt), Dietmar Bär (Köln), Axel Milberg (Kiel). Somit spricht die Box nicht nur allgemeine Krimi-Fans, sondern im Speziellen auch Fans der TV-Serie „Tatort“ an.

 

Um ein Haar von Marc Levy

 

Jeff und Susan führen eine glückliche Ehe, einmal abgesehen davon, dass die Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden haben sich jedoch mit diesem Umstand arrangiert. Eines Nachts jedoch wird Jeff von einem Einbrecher angegriffen und fast getötet. Nur die Geistesgegenwart seiner Frau, die plötzlich eine Waffe in der Hand hat und den Fremden mit einem gezielten Kopfschuss zur Strecke bringt, rettet Jeff das Leben.

Doch von diesem Moment an ist nichts mehr, wie es war. Warum kann Susan derart gut schießen? Warum bleibt sie so gelassen? Immer mehr Ungereimtheiten fallen Jeff plötzlich auf und seine Frau wird immer mehr zu einer Fremden.

 

Innerhalb von nur einer Stunde Hörzeit wird der Zuhörer mitten hinein in Jeffs und Susans Ehe gezogen. Die für Jeff unerklärlichen Hintergründe seiner Frau sind für den Hörer in Grundzügen recht schnell zu erkennen, dennoch möchte man, nicht zuletzt wegen Dietmar Bärs eindringlicher Lesung, am Ball bleiben, und sei es nur, um die eigenen Annahmen bestätigt zu wissen. „Um ein Haar“ gibt dem Zuhörer so das Gefühl, selbst ein bisschen Ermittler zu sein, und doch weiß die Geschichte letztlich ein wenig zu überraschen.

 

Zum Tode erwacht von Daphne Du Maurier

 

Die schwangere Mary, Gattin von Sir John, hat sich erschossen. Für Sir John, aber auch für alle anderen geradezu unvorstellbar, denn Mary sprühte vor Lebensfreude, war stets fröhlich, freundlich und freute sich auf ihr Kind. In seiner Verzweiflung engagiert Sir John den Privatdetektiv Blake, der sich ans Werk macht, Marys Vergangenheit komplett zu durchleuchten. Findet er auf diesem Weg den Grund für Marys Selbstmord heraus?

 

74 Minuten lang begleitet der Hörer den Privatdetektiv bei seinen Recherchen, die recht mühsam sind. Ein paar Bemerkungen Blakes lockern das Ganze ein wenig auf, doch die Leere, die inhaltlich vorherrscht, füllt sich auch am Ende der Geschichte nicht so recht. Das Sprechtempo von Sprecher Udo Wachtveitl ist zwar angenehm, doch passt dieses und auch seine nur vage Stimmmodulation ein wenig zu gut zu der langsam vor sich hin plätschernden Handlung, so dass dieser Krimi insgesamt sehr gemächlich wirkt und es an Spannung vermissen lässt.

 

Serum von Jo Nesbø

 

Ken Abott ist nicht gerade ein Sohn, auf den ein Vater stolz sein könnte. Und doch hält er zu Ken, hilft ihm immer wieder bei dessen wiederkehrenden Geldsorgen aus. Eines Tages erwirbt der Vater jedoch eine Schlangenfarm und zieht weit weg. Seine Kartengrüße an Ken erwidert dieser erst Jahre später. Dann jedoch gibt er an, gern bei seinem Vater leben und auf der Farm helfen zu wollen. Natürlich wird er mit offenen Armen empfangen. Was Kens Vater nicht weiß ist, dass Ken Schulden in Millionenhöhe hat. Um eine solche Summe will er seinen Vater nicht anbetteln. Vielmehr spekuliert Ken darauf, dass auf einer Schlangenfarm mit lauter giftigen Exemplaren leicht ein Unfall passieren könnte, der Ken frühzeitig zum Erbe des Vaters verhilft …

 

Diese Geschichte umfasst gerade einmal fünfzig Minuten, und doch ist ausgesprochen spannend. Der Handlungsort ist modern, leicht nachzuvollziehen und doch exotisch, Sprecher Klaus Borowski versteht es, mit lakonischem Unterton zu erzählen. Zusammen mit der Entwicklung der Geschichte entsteht so ein beinahe drohender Unterton, der sie Spannung noch des Ganzen noch einmal multipliziert. Eine gelungene Geschichte, kombiniert mit einem perfekt angepasst lesenden Sprecher: wunderbare Unterhaltung!

 

Die Maus in der Ecke von Ruth Rendell

 

Tom Peterlee wurde mit einem Holzscheit erschlagen – doch von wem? Kommissar Wexford hat gleich mehrere Verdächtige und mögliche Motive im Auge, und doch kommt er nicht recht voran. Es fehlt an Beweisen, Schlüssigkeit und Hintergründen, und so bleibt ihm wenig mehr als seine Hartnäckigkeit.

 

65 Minuten lang ist die Lesung von Andrea Sawatzki, die sehr positiv durch ihre Frische auffällt. Einen klassischen, aber vom Unterhaltungswert her gesehen eher zähen „Whodunnit?“-Krimi macht Sawatzki zu einem Genuss, was vor allem ihrer Stimmmodulation zuzurechnen ist, die sie bei dieser Geschichte ausgesprochen professionell einsetzt. Wer Ruth Rendells Geschichten noch nicht kennt, bekommt mit dieser hier zudem einen sehr guten Einblick, denn immerhin sind es gerade ihre Erzählungen rund um Kommissar Wexford, die Rendell bekannt machten und ihr schon einige Preise bescherten.

 

Kurzer Prozess von Mary Higgins Clark

 

Nelly ist am Boden zerstört, weil ihr Mann Tim sie wegen einer anderen verlassen hat. Dass das Ehepaar eigentlich einen Lottogewinn in Millionenhöhe hat, wäre zumindest ein kleiner Trost, doch durch einen geschickten Schachzug wird Nelly auch um diesen betrogen und die Nutznießerin des Geldes ist stattdessen Tims neue Freundin. Angeregt durch ihre Freundin Alvirah sucht Nelly das persönliche Gespräch mit Tim und will dabei sein Geständnis des Betruges aus ihm herauskitzeln – mit dabei natürlich ein Aufnahmegerät. Doch plötzlich ist Tim tot, von Nelly erschossen … oder?

 

Im Vordergrund steht bei dieser Geschichte nicht der offizielle Ermittler, sondern vielmehr die Frauen, insbesondere Alvirah. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass Nelly ihren Mann erschossen haben soll und versucht, deren Unschuld schlüssig zu beweisen. Somit birgt diese Geschichte bekannten Musters – jemand wird erschossen, es werden Beweise für die hauptverdächtige Person gesucht – eine neue Nuance, die ein wenig Kurzweil in das Krimihören bringt. Sabine Postel verleiht allen Frauencharakteren in ihrer 72-minütigen Lesung eigenen Charakter, so dass dem Abtauchen in die Geschichte nichts im Weg steht.

 

Die Ermittlungen des Commissario Collura von Andrea Camilleri

 

Nach einer Verletzung ist Commissario Collura einige Monate vom Dienst befreit. In dieser Zeit heuert er als Zahlmeister auf einem Kreuzfahrtschiff an. So ganz dienstbefreit ist er dort jedoch auch nicht, denn immer wieder fallen ihm Merkwürdigkeiten auf, die er zu klären gedenkt oder er wird von Passagieren um Hilfe gebeten. Ob dies nun etwas Profanes ist wie ein tarnendes falsches Bärtchen oder die ihm angetragenen Sorgen eines Mannes, dessen Angebetete mal sehr einschmeichelnd und plötzlich wundersamerweise abweisend ist: Commissario Collura ist mittendrin.

 

Ursprünglich veröffentlichte Camilleri acht Geschichten, von denen das Hörbuch fünf enthält, für eine Tageszeitung. Das Hauptaugenmerk liegt bei diesen Geschichten kaum in der Spannung, sondern vielmehr im Witz und der teils fast grotesken Verwicklung des Kommissars in diverse Ereignisse an Bord. Diese Leichtigkeit der Geschichten weiß Miroslav Nemes auch gut zu transportieren während seiner 72-minütigen Lesung. Hauptkritikpunkt an dieser CD ist die Tatsache, dass sie wie alle anderen als vollständige Lesung angegeben wird, was nicht wirklich zutrifft. Zwar sind die enthaltenen fünf Geschichten vollständig, zum Gesamtbild fehlen jedoch drei der Geschichten, die in deutscher Sprache 2003 in dem Büchlein „Die Ermittlungen des Commissario Collura“ veröffentlicht wurden.

 

Digbys erster Fall von Anne Perry

 

In einem Londoner Stadthaus treffen sich die Reichen und Mächtigen der Stadt zu einer Feier über mehrere Tage. Diese Zusammenkunft wird jedoch erschüttert, als Daisy Bleech tot in ihrem Bett aufgefunden wird. Hat sie jemand ermordet? Und wenn ja: wer? Besonders tatkräftig zeigt sich keiner der Gäste, sondern die Angestellte Digby, die entschlossen ist, den Fall zu lösen.

 

Anne Perrys Spezialität sind Krimis aus der viktorianischen Zeit. Ein solcher wird auch hier präsentiert und bietet somit einen guten Einblick in Anne Perrys Schaffen, auch wenn diese in erster Linie wegen ihrer Romane rund um Inspector Pitt und die um Privatdetektiv Monk bekannt ist und aus diesen beiden Serien auch regelmäßig neue Titel erscheinen. Die 88-minütige Lesung von Eva Mattes, die den Charme der Geschichte und der Zeit, in der sie spielt, gut einzufangen weiß, basiert auf einer Geschichte von 1991, die in „Das große Frauenkrimi-Lesebuch“ erschienen war.

 

 

Die Hörbuchbox mit den sieben enthaltenen CDs bietet eine gelungene Krimi-Mischung, bei der für jeden Krimifreund etwas dabei sein sollte. Vergreifen kann man sich als Fan des Genres dabei kaum, denn wie oben beschrieben haben die einzelnen Geschichten sehr eigene Schwerpunkte und bedienen somit unterschiedliche Hörinteressen. Dass zudem Geschichten bekannter Autoren enthalten sind, verleiht der Box einen zusätzlichen Mehrwert.

 

Auch die Idee, Krimis von TV-Kommissaren lesen zu lassen, ist an sich schon eine gute. Dass alle Ermittlercharaktere der Serie „Tatort“ entstammen und mit nur einer Ausnahme die unterschiedlichen Orte, an denen die Serie spielt, bedienen, ist dabei besonders interessant. Neben dem zusätzlichen, gelungenen Werbeeffekt des Ganzen beinhaltet das Ganze allerdings auch den Vorteil, dass sämtliche Geschichten von ausgebildeten Schauspielern gesprochen werden – und das merkt man deutlich. Durch die einzelnen Sprecher und deren Empathie für den vorgelesenen Text wirken die einzelnen Geschichten eindringlich, humorvoll, bedrohlich … - alle Nuancen eines Textes wurden aufgegriffen und bestens wiedergegeben.

 

Schade bei dieser Box ist, dass sie nicht alle Titel aus der Reihe enthält. Zwar sorgen „7 schlaflose Nächte“ für eine ganze unruhige Woche, wenn man so will, aber Sammler werden einige Hörbücher der Reihe vermissen. Nun, aufgeschoben ist ja nicht gleich aufgehoben, und wer weiß, vielleicht wird es irgendwann noch eine zweite Woche schlafloser Nächte geben?

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Eure Meinung:

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Hörbücher:

7 schlaflose Nächte

Reihe: TV-Kommissare lesen Krimis

Der Hörverlag, Januar 2008

Umfang: 7 Einzel-CDs in einer Box, Gesamtlaufzeit 486 Minuten, vollständige Lesungen

Sprecher: Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Eva Mattes, Sabine Postel, Andrea Sawatzki, Dietmar Bär, Axel Milberg

Regie: Ralf Becher, Marie-Luise Goerke, Toni Nirschl, Caroline Neven Du Mont, Klaus Prangenberg

 

ISBN-10: 3867172439

ISBN-13: 978-3867172431

 

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 29.03.2008, zuletzt aktualisiert: 24.11.2021 08:02