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Chronos von Robert Charles Wilson

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Das abgeschiedene Haus auf dem Land ist genau die Zuflucht, die Tom Winter nach seiner Scheidung sucht. Doch dann entdeckt er den Gang hinter der Kellerwand, der sein Leben für immer verändern wird. Denn als er am anderen Ende herauskommt, ist er im New York des Jahres 1962. Und er ist hier nicht der einzige Mensch aus der Zukunft …

 

Rezension:

Die Figuren in Robert Charles Wilsons frühen Zeitreiseabenteuer Chronos suchen das Glück. Tom Winter ist ein aus dem Leben gefallener Ingenieur, dem sein Bruder einen Job im Heimatstädtchen beschaffte, um wieder bodenständig zu werden. Dabei zieht er in ein altes Haus, dessen Vorbesitzer Ben vor zehn Jahren verschwand. Der Leser weiß durch den Prolog bereits, dass dieser Ben ein Zeitreisender war und von einem Räuber ermordet wurde. Doch das Haus ist unversehrt, selbst der Makler ist sehr überrascht und weil Doug Archer Mysterien zum Hobby erkoren hat, befreundet er sich nicht nur mit Tom, er versucht auch gemeinsam mit ihm hinter das Geheimnis des Hauses zu kommen, in dem eifrige Helfer sogar dreckiges Geschirr putzen.

Doch als Tom auf eine Zeitmaschine stößt, will er dieses Wunder für sich allein behalten. Ein Abstecher in das New York des Jahres 1962 beeindruckt ihn tief. Er spürt, wie sich hier eine Chance entfaltet. Die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen, fern von den Resten seiner großen Liebe, ohne sich seiner alten Wunden gewiss sein zu müssen.

Er beschließt, in die Vergangenheit auszuwandern.

 

Wilson ist schon in diesem frühen Roman von ihm als der ausgezeichnete Erzähler zu erkennen, der für Spin und Die Chronolithen so viel Lob und Anerkennung erntete. Seine Figuren sind mehrschichtige Charaktere mit einem Leben, geprägt durch eine umfangreiche Vergangenheit aus der sie nicht nur nachvollziehbare Schritte in Richtung Zukunft unternehmen, sie wirken auch lebendig in einer Art, als ob man Biografien von Freunden läse. So geraten Wilsons Bücher immer wieder zu authentischen Chroniken.

Wenn Tom Winter sich in der guten alten Zeit der Sechziger Jahre festsetzt, fernab von den Übeln der Neunziger und in dem Wissen, dass die Bombe nicht fällt, dann spiegelt sich darin weit mehr Lebensgefühl zweier Generationen, als es die meisten Autoren mit epischen Familien-Sagas hinbekämen. Und dabei bleibt Wilson seinem Genre treu. Nicht nur seine Auseinandersetzung mit der Zeitreise an sich ist bestechend, wenn auch fern jeglicher Hard-SF Methodik, denn Wilson erforscht in erster Linie, wie seine Figuren mit den sich bietenden Möglichkeiten umgehen.

Ob Billy, der Soldat, der mit Hilfe der Zeitmaschine versucht, seiner Verkrüppelung zu entkommen, mit der die Armee der Zukunft ihn zu einer perfekten biologischen Waffe schneidern wollte. Oder sei es Joyce, die in der wilden Zeit jugendlicher Bohème nach so etwas kostbarem, wie Wahrhaftigkeit sucht, die sich trotz ihrer Liebe zu Tom, für ihren eigenen Weg entscheidet und in die Vergangenheit zurückkehrt, in dem ewig nagenden Bewusstsein, die Zukunft zu kennen.

Oder auch Benn, der Zeitreisende. Am Ende eines langen und erfüllten Lebens rekrutiert, bewacht er die Zeitmaschine, die von fernen Zeitreisenden zu Forschungszwecken erbaut wurden. Irgendwo in der Kette von Wächtern und Forschern freut er sich über himmelblaue Purpurwinden, die in seinem Garten blühen. Ein so bedeutendes Symbol, dass es Wilson als Rahmen seines Romans benutzt. Eine Blume, die gleichermaßen für die befreiende Weite des Himmels steht, als auch für die vergehende und dennoch statische Zeit. Jedes Jahr blühen neue Pflanzen und dennoch sind es immer wieder himmelblaue Purpurwinden.

Im Originaltitel „A bridge of years“ wird dieses Verknüpfen von Zeit und Begehren noch wesentlich deutlicher, als in dem nur vage passenden Titel der deutschen Ausgabe.

Diese Brücke von Jahren verbindet nicht nur Joyce mit Tom, auch die Wächter der Zeitstationen sind über die Zeit verbunden, über Taten, wie auch über das, was sie wünschen und ersehnen, eben das Glück als eine Art der Unsterblichkeit.

 

Fazit:

Ein hinreißender Roman über die Suche nach einem Platz in einer sich fremd gebärdenden Welt. Wilson verbindet eigene Ideen zu klassischen Science Fiction Ideen mit tiefgründigen Figuren und einer bestechenden Analyse amerikanischen Lebens.

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Buch:

Chronos

Autor: Robert Charles Wilson

Original: A bridge of years, 1991

Übersetzer: Michael Kubiak

Heyne, 2008

Taschenbuch, 397 Seiten

 

ISBN-10: 3453524489

ISBN-13: 978-3453524484

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.08.2008, zuletzt aktualisiert: 28.02.2017 13:03