Dream

Autorin: Maike Häußler

 

Er saß am Fluß und zog mit der Weidenrute kleine Kreise im stillen Wasser. Mücken spielten weiter weg, tanzten ihren schwirrenden Tanz. Hier im Schatten war es angenehm kühl, wäre er in die Sonne gegangen, hätte die Hitze ihm Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Ungewöhnlich heißer Sommer, dachte er, den Grashalm im Mund zerkauend. Ungewöhnlich heiß. Das Wasser zog in Kreisen von der Spitze der Rute weg. Gedankenverloren sah er auf die nackten, dreckigen Füße. Dann blickte er auf, wobei ihm die dunklen Haare ins Gesicht fielen. Am anderen Ufer hatte er eine Bewegung bemerkt. Sicher, es hätte der Flußwind sein können, oder ein größerer Vogel, aber dort, wo nichts passiert, sind auch das schon Dinge, um näher hin zu sehen. Nun war es aber weder der Wind noch ein Vogel, der dort drüben die Zweige der Büsche bewegt hatte, das wußte er, das sah anders aus.

 

Und wirklich: wieder bewegten sich die Zweige, ein Stück weiter den Fluß hinab. Etwas schwarzes ließ sich für einen winzigen Moment im tief hängenden Blätterwerk erkennen, war dann aber wieder verschwunden. Aus seinen Träumen gerissen starrte er, einer unsichtbaren Bewegung im Unterholz folgend, auf das grün, lief dann in dieselbe Richtung den Fluß hinab.

 

Die Mücken schwirrten eine Zeit lang um seinen Kopf mit ihm mit, ließen dann aber von ihm ab und widmeten sich wieder ihren ewigen Tänzen.

 

Er rannte nun, das andere Ufer immer im Auge, den ausgetreten, schmalen Weg entlang. Nichts bewegte sich, und doch wußte der Junge nur zu gut, daß dort drüben etwas besonderes war. Der Wald, der dicht am Wasser wuchs, endete dann und der Junge trat in die stechende Sonne. Eigentlich, dachte er, ist in der Hitze rennen schlecht...Er lief trotzdem weiter am Fluß entlang, der Weg führte nun vorbei an verschneiten Baumwollfeldern, reglose Pflanzen in der Windstille.

 

Einmal blieb er stehen und betrachtete nochmals das andere Ufer, und dann, er hatte eine Weile ruhig da gestanden, sich nicht einmal an den juckenden Stechfliegen im Nacken gestört, war das Schwarze wieder da, diesmal länger. Der Junge wußte, weiter unten gab es eine Brücke. Er wußte aber auch, daß dort drüben der Wald begann, und wer sich da alles schon verirrt haben sollte, daran wollte er lieber gar nicht erst denken.

 

Er lief weiter, die Brücke als Ziel, die Hitze und der Schweiß kribbelten auf der Haut. Er erreichte die Brücke, wischte sich die schweißnassen Haare aus der Stirn und überquerte langsam den fast schon morschen Holzweg, dessen Stelzen im Fluß wohl das nächste Hochwasser mitreißen würde.

 

Mit pochendem Herzen, das er bis in den Hals spürte, und hochrotem Kopf, stand er bald am Ufer und ließ sich den kühlenden, schwachen Flußwind über die feuchte Haut streichen. Da knackte es im Unterholz, Irgend etwas hatte mühe, sich durch einen Busch zu kämpfen.

 

Der Junge schreckte auf, langsam und heftig atmend drehte er den Oberkörper, nur halb, und dann sah er es wieder. Nur flüchtig da, doch nicht flüchtend, verschwand es in der Tiefe des Waldes.

 

Er wußte, es war ein Tier, aber keines jener Tiere, die in den Wäldern der Gegend lebten, es war etwas Anderes. Ganz Anderes. Und er begann, sich mit flauem Gefühl im Magen durch den Wald zu schlagen.

 

Hier kannte er sich nicht aus, hier war er fremd. Das schienen die Bäume und Büsche, die Vögel, der ganze Wald schien das zu spüren.

 

Dennoch arbeitete sich der Junge weiter durch das dunkle Grün, ohne zu wissen, wohin, ohne zu wissen, wo das, was er suchte, sich befand. Doch schon bald sollte er Dinge erleben, die er nie auch nur zu Träumen gewagt hätte. Die Beine unter der kurzen Hose zerkratzt, eine lange Schramme auf der Stirn und mit Schweißperlen, die ihm wie Tränen die Wange hinunter rannen, erreichte er eine brennesselüberwucherte Lichtung und entdeckte, für einen kurzen Moment verschnaufend, eine breite Spur in den hüfthohen Pflanzen. Wie ein Wunder. Nein, nie im Leben war das Zufall, nie im Leben.

 

Der Junge brach sich einen festen Stock. Er würde der Spur folgen. Fest entschlossen hieb er auf die Nesseln ein, die stumm knickten und schlaff auf die Erde fielen, im Schatten der Nebenpflanze leblos liegenblieben. Kleinblättrige Spitzen, weiße Blüten flogen durch die Luft, die Zähne zusammen gebissen schlug sich der Junge einen breiten Weg. Doch Brennesseln wissen sich zu wehren. Rote Flecken häuften sich an seinen Beinen, auf den Armen, eine der heftig abgetrennten Pflanzen streifte den Jungen im Gesicht.

 

Erleichtert schob er sich wenig später durch die ersten Zweige des tiefen Waldes, im Schatten blieb er noch einmal stehen und beobachtete die Umgebung.

 

Und dann sah er ihn.

 

Schwarz, still, aufmerksam stand er da, ein wenig von einem Busch verdeckt und mit der unerschütterlichen Ruhe des Vollmondes, der still am schwarzen Himmel steht, ein wenig von der seltsam unbegründeten Magie der Nacht lag in seinem glänzenden Fell.

 

Man hätte erwarten können, daß er sich abgewandt hätte, um in der Dunkelheit des Waldes zu verschwinden, ebenso wie man es vom Jungen hätte denken können, doch beide, der Wolf und der Junge, blieben reglos und starrten sich an. Bernsteingelbe und Wasserblaue Augen beobachteten sich lange, langsam löste sich die Spannung im Jungen, löste sich auch zwischen dem Tier und dem Menschen.

 

Kein Sonnenstrahl drang durch das dichte Laub, dennoch spielte das Fell des Wolfes mit Helligkeit.

 

Noch eine Weile standen sie bloß da, Junge und Wolf, und der Junge wußte, er hatte den gefunden, den er gesucht hatte. Niemals hatte hier jemand einen Wolf gesehen, keine Erzählungen in all den vielen Büchern gab es, in dem ein Wolf eine Rolle spielte.

 

Doch das war unwichtig. Jetzt zumindest, da die Beiden im Wald standen, durch wenige Meter von Luft getrennt, in denen doch so viel mehr lag als bloß Luft. Wind spielte in den Blättern, Vögel riefen in die Stille ihren Ruf. Der Junge versuchte, den seltsam ruhigen Blick des Tieres zu verstehen, vermochte dies aber ebenso wenig wie er sich hätte erklären können, daß ein Wolf den Boden um den langen Fluß betreten hatte. Der Wolf wußte sehr wohl, was der Junge dachte. Die Art des Jungen, sich nicht zu bewegen, sein Geruch hinter dem des Schweißes, der erschrockene Ausdruck in seinem kindlichen Gesicht; dies alles erzählte Geschichten. Über den Jungen, sein Leben und seinen Weg bis zu dieser Stelle im Wald.

 

Wie das Wasser, dachte der Wolf, wie das Wasser, das gegen die Klippen am Meer brandet und von der Reise durch die Flüsse erzählt...Und er wandte sich ab, weiter zu laufen. Der Junge schlug sich wieder durch den Wald, immer tiefer hinein führte ihn der schwarze Schatten des Wolfes. Doch im Moment hatte er die Mutter vergessen, die Daheim mit dem Essen wartete, vergessen, daß die Brennnesselstiche an Armen und Beinen eigentlich fürchterlich juckten und brannten. Er folgte dem Wolf.

 

Irgendwann spürte er die Nähe des Wasser, die Luft roch anders, das merkte er. Und bald erkannte er durch das licht gewordene Unterholz den Fluß. Dann tauchte für kurze Zeit der Wolf auf, und Fluß und Wasser waren vergessen. Wie in einem magischen Bann folgte der Junge dem Wolf, durch tiefen Wald und am Rand entlang, wenn er auch längst nicht so schnell war wie das Tier mit dem nachtglänzenden Fell. Als der Wolf trank, verspürte auch der Junge Durst, schluckte eilig einige Handvoll lauen Wassers und wartete auf den Wolf.

 

Die Sonne sank allmählich, vereinte eine Spur von Abendrot mit dem gleißenden Gelb. Der Junge sah die Sonne, und er sah den Wolf, der Halt gemacht hatte und zu warten schien. Auf ihn.

 

Vor einem schlammigen Tümpel, dem Jungen den Rücken zugekehrt, stand er regungslos und starrte in das Wasser, das die Hitze noch nicht hatte verdunsten lassen. Er schien den Jungen zu rufen, und das spürte der Junge.

 

Langsam, leise, setzte er einen Fuß vor den anderen, bis ihn nur noch ein halber Meter von dem Wolf trennte. Und immer noch wartete das Tier. Ruhig. So ruhig wie die Tundra unterm Schnee. Und genau so uralt.

 

Ich will dir etwas zeigen. Sagten die zuckenden Ohren des Wolfs. Der Junge verstand. Noch näher wagte er sich an den Wolf heran, hielt direkt neben ihm inne.

 

Da wurde das Wasser des Tümpels klar, viel klarer noch als das Trinkwasser, das die Leute aus dem Brunnen holten. Wieder bekam der Junge Durst. Er trank, neben dem stillen Wolf, und während er trank, verschmolz sein Spiegelbild mit dem des Tieres. Die dunklen Haare wurden zu Fell, das Gesicht zu dem eines Wolfes, der Junge stand auf vier langen, schlanken Beinen, trank weiter, bis er seinen Durst gestillt hatte.

 

Er bemerkte die seltsame Verwandlung, merkte, das seiner und der Körper des Wolfs Eins geworden waren. Die ersten Sterne zeigten sich am violetten Himmel, und den Kopf hochgereckt, rief er ein lautes Lied in die Abendstille, das die tanzenden Mücken am Ufer und die letzten Vögel für einen Augenblick stumm werden ließ. Der unbekannte Laut hallte über das Land, durchdrang das dichte Geäst des Waldes, flog den Fluß hinauf und weckte den Jungen, dem die Weidenrute aus der Hand geglitten war und der, den Kopf auf der Brust, in der Hitze eingeschlafen war.

 

Er schreckte auf, rieb sich den schmerzenden Nacken und blinzelte. Er sah seine Arme und Beine, glücklich, alles nur geträumt zu haben. Dann grinste er nachdenklich, schüttelte den Kopf über seine seltsame Phantasie, und machte sich auf den Heimweg. Kurze schwarze Haare lösten sich von seinem Hemd, als er sich erhob. Aber was hatte noch der Alte aus dem Norden gesagt? Wolf und Mensch sind Brüder

 

Beim Abendessen, als die Sonne hinter den grünen Kronen des Waldes versank, erzählte er:

 

„Ich hatte einen Traum. Ich war ein Wolf..."

 

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zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58 | Users Online
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