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Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Jonas schaltet morgens den Fernseher an – kein Programm, nur Rauschen. Da scheint die Antenne kaputt zu sein. Die Zeitung ist auch nicht gekommen und dann schneidet er sich beim Frühstück in den Finger. Blöder Tag. Internet geht auch nicht – na, super. Dann kommt der Bus zu spät. Eigentlich kommt überhaupt kein Bus. Jonas wartet ganz allein an der Bushaltestelle. Seltsamerweise fährt auch kein PKW, LKW oder sonst was vorbei; es sind überhaupt keine Menschen unterwegs. Sind irgendwelche Ferien? Eine Katastrophenübung – oder gar eine echte Katastrophe? Jonas steigt in den Wagen und fährt durch Wien – kein Mensch zu finden. Es sind überhaupt keine Lebewesen zu finden. Ist Jonas der letzte Mensch auf Erden? Es scheint so.

 

Es ist der 4. Juli als der Wiener Jonas feststellt, dass er alleine ist. Das Jahr wird nicht genannt, aber 2006 liegt nahe. Der geschilderte Zeitraum reicht von jenem Tag bis zum 20. August desselben Jahres. In dieser Zeit kommt Jonas zwar etwas in West- und Mitteleuropa herum, aber der Schwerpunkt der Erzählzeit liegt auf seinen Aufenthalt in Wien und der nahen Umgebung.

Dieses fiktive Wien entspricht in weiten Teilen dem realen, sieht man von einigen 'Missständen' ab. Am auffälligsten ist zweifellos das Fehlen aller lebenden Menschen und Tiere – tote Tiere in Form von Steaks, Würstchen etc. pp. finden sich durchaus. Aber auch verschiedene Techniken sind ausgefallen: Es gibt kein Fernsehen mehr, kein Radio, kein Internet. Die Telefone funktionieren noch – es geht nur niemand heran. Manchmal wird dem Autor hierfür "Unlogik" vorgeworfen – dabei ist schon die zentrale Prämisse "unlogisch": Alles Leben außer Jonas verschwindet spurlos von der Erde. Es gibt noch weitere unerklärliche Ereignisse – ich bin geneigt zu sagen: Wunder. Diese wirken meistenteils bedrohlich, manchmal ganz direkt, manchmal auf eine ungreifbare Art. Insgesamt gehören diese seltsamen Abweichungen vom Normalen wohl weder zur Fantasy noch zur SF, sondern ins Reich des Surrealen.

Da viele Alltäglichkeiten ausführlich geschildert werden, ist das Setting zumindest in Anteilen ein Milieu; es lässt sich allerdings auch als symbolische Kulisse begreifen.

 

Die Zahl der auftretenden Figuren ist ungewöhnlich niedrig – eine weniger und es wäre nach dem Berliner Literaturwissenschaftler Hans-Dieter Gelfert nicht einmal eine Form von Erzähltext: Es gibt wirklich nur Jonas. Wenig überraschend wird diese Figur detailliert und vielschichtig entwickelt. Doch dieses wird dem Leser nicht auf dem Silbertablett serviert, er muss sich das Verständnis für die Figur selbst erarbeiten, da die Ziele nicht genannt werden. Jonas bemüht sich nicht über all die Dinge nachzudenken, sondern bloß zu handeln – entsprechend ist dem Leser das Innenleben Jonas' weitgehend verschlossen. Zunächst erscheint Jonas als zentrische Figur: Er ist ein fünfunddreißigjähriger Wiener, der in irgendeinem Büro arbeitet, seine Freundin Marie liebt und mehr Geld verdienen könnte – statt einem Toyota würde er lieber einen schicken Sportwagen fahren. Langsam entstehen aber Risse in der Fassade, treten alte Ängste hervor – lauert im Keller nicht das "Wolfsviech" aus der Kindheit – und Jonas' Verhalten nimmt paranoide und Schizoide Züge an, ohne, dass er zum rasenden Irren würde.

 

Ein Roman mit nur einer Figur kann kaum etwas anderes als eine Entwicklungsgeschichte sein und so ist es auch hier: Während Jonas sich an Momente aus seinem Leben, besonders der Kindheit, erinnert und die Orte der erinnerten Ereignisse besucht, während er vielen, vielen Alltäglichkeiten nachgeht, beobachtet der Leser ihn dabei, wie er langsam an der Einsamkeit zugrunde geht. Dieses manifestiert sich vor allem im "Schläfer": Anscheinend macht Jonas, wenn er schläft, eigentümliche Dinge, die ihm unverständlich sind und bisweilen auch schaden; der Schläfer verrichtet die Arbeit der Nacht. Jonas versucht herauszufinden, was dahinter steckt, indem er den Schläfer per automatische Kameraaufzeichnungen überwacht.

Die verwendeten Spannungsquellen liegen nicht unbedingt nahe. Es gibt zwei zentrale Quellen, wobei die erste niemanden auch nur ansatzweise überraschen wird: Wie in anderen "Der-letzte-Mensch-auf-Erden"-Geschichten wie etwa Marlen Haushofers Die Wand oder Richard Mathesons Ich bin Legende geht es natürlich um die Charakterstudie der Hauptfigur. Dann gibt es noch einige Horror-Momente und andere bedrohliche Situationen, besonders, wenn der Schläfer in Aktion tritt. Die Ereignisse können auch als Teil eines Rätselplots aufgefasst werden, doch da sollte sich der Leser keine Hoffung machen: Dies ist keine typische Horror- oder SF-Geschichte und es gibt in diesem Sinne keine Auflösung.

 

Dennoch hängt die zweite zentrale Spannungsquelle eng mit dieser Art von Herausforderung zusammen, denn Glavinic hat den Zugang zur Geschichte durch erzähltechnische Mittel stark erschwert. Schon erwähnt wurde, dass der Leser sich die Figur Jonas selbst erschließen muss. Diese 'Oberflächlichkeit' setzt sich in der Erzählperspektive fort. Der Erzählstrang wird aus einer Mischung von objektiver und personaler Perspektive erzählt, wobei er sehr deutlich zur erstgenannten neigt; auch geht es kaum über eine funktionale Ebene hinaus – die Intentionen bleiben meistens verborgen. Dieses spiegelt sich in den sehr knappen und präzisen Sätzen wieder, die völlig ohne Spielereien auskommen.

Der Hang zur Bildsprache geht über das symbolische Setting hinaus. Zentrale Themen sind Einsamkeit, Abschied und Machtverlust. Eine Schlüsselszene fängt sie im Bild des im leeren Keller zurückgelassenen, an die Wand gelehnten Gewehrs auf; Jonas gefällt die Vorstellung, dass es dort bis in alle Ewigkeit alleine stehen muss.

 

Fazit:

Der Wiener Jonas stellt fest, dass alle anderen Menschen fort sind; er muss sich mit einer neuen, sehr unangenehmen Situation arrangieren. Diese clever inszenierte, surrealistische Entwicklungsgeschichte ist gute Seminarliteratur: In einem literaturwissenschaftlichen Seminar oder einer ähnlichen Veranstaltung kann der Roman sehr fruchtbar diskutiert werden, doch wer für sich alleine liest um durch einen Spannungsroman unterhalten zu werden, wird wohl enttäuscht werden.

 

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Titel: Die Arbeit der Nacht

Reihe: -

Original: -

Autor: Thomas Glavinic

Übersetzer: -

Verlag: dtv (Oktober 2008)

Seiten: 395 Broschiert

Titelbild: Marc Steinmetz

ISBN-13: 978-3-423-13694-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 09.12.2008, zuletzt aktualisiert: 21.10.2018 20:17