Der Drachentöter

Autor: Waldläufer

 

Ich will erzählen, von einer Begegnung, die mir widerfahren ist, als ich das Land nach neuen Abenteuern durchstreifte. Es war zu dieser Zeit, als scheinbar alles schlief, denn kaum etwas war geschehen, nachdem die dunklen Mächte zurückgeschlagen waren.

 

Ganz auf mich gestellt zog ich durch ein kleines Tal, das von einer gewaltigen Bergkette umschlossen war. Hier herrschte noch der Einklang mit der Natur: keinerlei gerodete Wälder, die zum Bau von Palisaden und Waffen dienten, waren zu sehen. Alles lag in einem schillernden Grün und der Duft von tausend verschiedenen Pflanzen drang in meine Nase - es war unbeschreiblich. Ich wollte mich einer kleinen Gruppe Söldner anschliessen, die sich, nach den Informationen, die ich erhalten hatte, zwei Tagesmärsche in östlicher Richtung befand. Ich war von meiner bisherigen Route, einem trostlosen Pfad, der mich über ein endloses Schlachtfeld führte, abgewichen. Ich überlegte, vielleicht einen ganzen Tagesmarsch sparen zu können, wenn ich durch dieses Tal wanderte. Die meisten taten dies nicht, da sie die Überquerung der Berge für zu riskant hielten; feindliche Krieger könnten sich dort aufhalten – aber ich nahm es in Kauf. Meine Kleidung bestand aus einem starken, silbernen Kettenhemd und einem ledernen, braunen Waffenrock. Meine Schuhe waren Sandalen, die ich mit Fellstücken umwunden hatte; ich wusste, es konnte dort, wo ich hin musste, ziemlich kalt werden. Schwert und Schild hatte ich auf meinen Rücken gebunden, so konnte ich die Arme stets frei bewegen. Ich zog nun durch diesen Wald, der mich sehr beeindruckte. Die Sonne war gerade aufgegangen und der Tau, der sich auf den Blättern fast aller Bäume gesammelt hatte, funkelte wild auf. Zudem lag ein leichter, weisser Nebel in der Luft. Es war angenehm frisch. Ab und zu knackte ein Ast, als ich voranschritt, aber sogleich konnte ich ein kleines Tier - einen Fuchs - ausmachen, der sich wahrscheinlich auf Nahrungssuche begeben hatte. Zur Mittagsstunde hatte ich kurz gelagert und mich von verschiedenen Kräutern ernährt, die ich unterwegs gesammelt oder sogar noch vorrätig hatte. Zum Jagen war ich zu müde. Ich wollte mich ausruhen. Bis heute Abend hoffte ich den Berg, einen kleinen Pass, den nur sehr wenige kannten, überquert zu haben. An dieser Stelle, war ich sicher, mir sehr viel Kletterarbeit ersparen zu können. Aber es musste hell sein, da ich viele tückische Felsspalten erahnte. Ich zog weiter und gerade an diesem Tag hatte ich Glück; der Himmel war wolkenlos, zeigte sich in seinem wunderbaren Blau, und es wurde sehr angenehm warm. Da ich mich um die Zeit sorgte, lief ich sehr schnell auf dem Pfad, den ich zufällig gefunden hatte und der mich direkt in die Richtung eines der Berge führte. Um einen Hinterhalt machte ich mir keine Sorgen, vielmehr darum, rechtzeitig den Pass zu überqueren, bevor die Dunkelheit herein brechen würde. Drei Stunden später hangelte ich mich schliesslich an einer Bergseite hoch, die von allen noch die angenehmste zu sein schien. Es kostete ungemein viel Kraft, mich Meter für Meter hinauf zu ziehen. Ich hatte sehr viel Glück, als ich mich plötzlich nach oben zog und einen schmalen Weg ausmachen konnte. Meine Kräfte waren geschwunden, es wurde zunehmend kälter. Ich konnte schon die Schnee bedeckte Spitze erkennen - aber dort musste ich zum Glück nicht hin. Der Pass lag gar nicht weit von hier entfernt, wusste ich.

 

Ich muss sagen, dass ich ein Mensch bin, der viel herumgekommen ist, mich zu denjenigen zählen kann, die auf der ganzen bekannten Welt in Schlachten gezogen sind und gegen die ungewöhnlichsten Wesen gekämpft haben. Aber was jetzt, als ich den Weg entlang wanderte, passierte, war unglaublich.

 

Nach wenigen Minuten nur, konnte ich den Pass erkennen. Ich lag sehr gut in der Zeit, wie ich fand. Die Sonne war noch ausreichend vom Horizont entfernt. Sie würde erst in zwei Stunden hinter ihm verschwunden sein. Dann verlief der Weg, den ich zwischen allerlei Geröll ungefähr erahnten konnte, in einem Bogen. Ich war erstaunt, als ich eine gewaltige Höhlenöffnung entdeckte. Vor ihr lag eine grosse, mit grauem Sand bedeckte, Ebene. War ich falsch abgebogen? fragte ich mich, obwohl es aus meiner Sicht gar keine Alternative gab. Auf der anderen Seite verlief er bereits weiter, wie ich erkennen konnte, als ich ein Stück voran lief. Diese Öffnung faszinierte mich. Sie war gewaltig in ihrer Grösse und ich wunderte mich, dass die Natur so etwas imposantes geschaffen hatte. Ich lief voran und glaubte mich schon am Bergübergang angelangt zu sein, als es plötzlich grollte. Ich dachte, ein Gewitter sei aufgezogen und bald würde ein Sturm über mich hereinbrechen, aber der Himmel war völlig wolkenlos. Es grollte erneut. Woher kam dieses Geräusch? Ich befand mich etwa in der Mitte der sandigen Fläche und lauschte neugierig. Da war es wieder zu hören. Plötzlich erkannte ich, woher es kam. Ich blickte auf die Höhlenöffnung. Vielleicht zog der Wind hindurch und rief es dadurch hervor? Das musste es sein, entschied ich, und setzte bereits zum Weitergehen an, als eine dunkle Rauchfahne aus dem Höhleneingang stieg. Jetzt war ich von der Neugierde überwältigt und hatte plötzlich den Gedanken, dass jemand dort lagerte. Vielleicht hatte jemand die gleiche Absicht; war aus irgendeinem Grund jedoch aufgehalten worden. Diese Höhle bot bestimmt einen guten Schutz vor Regen und Schnee – in der Nacht konnte es sehr kalt werden, überlegte ich. Aber all diese Gedanken verwarf ich wieder, als ich ein leichtes Vibrieren des Bodens vernehmen konnte. Was war das? Was ging hier vor sich? Es war ein unbehagliches Gefühl, das mich plötzlich überkam, als es lauter wurde. Erneut stieg eine Rauchfahne aus dem Eingang hinaus. Ich hatte schon viel gesehen, aber was nun geschah, war nicht mit meinen bisherigen Erfahrungen zu vereinbaren. Die Schnauze eines roten, schuppigen Wesens tauchte plötzlich aus der Dunkelheit des Eingangs auf. Zwei funkelnd feurige Augen blickten mir entgegen. Mein Körper war im Begriff zu fliehen, meine Gedanken waren gefesselt. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ein riesiges Wesen stampfte hinaus und ich überlegte, wie ich handeln sollte. Ich konnte die gewaltigen Schwingen dieses Ungetüms erkennen und die blanken, weissen Klauen, auf denen es sich über den grauen Sand bewegte. Sie hatten, so schätzte ich es auf die Entfernung ein, mindestens die Höhe meiner halben Körpergrösse. Fasziniert stand ich da und eine innere Stimme befahl mir, mein Schwert zu zücken, dieses Wesen anzugreifen oder mich hinter meinem Schild zu verstecken, um zu versuchen, unbemerkt zu fliehen. Eine innere Stimme sagte mir, dass es sinnlos wäre. Ich schaute hinauf und sah die feurigen Augen dieses Geschöpfs, die in die meinigen blickten. Ich hatte Schlachten geschlagen und Armeen zum Sieg geführt, war Teil von ihnen gewesen, hatte manche bedeutende Feinde, teils hinterlistig, bezwungen. War mit einer kleinen Truppe an Paladinen ausgezogen, um die Absichten einer gewaltigen Armee, aus hungrigen Orks bestehend, zu erfahren. Ich riskierte mein Leben, um das Land von den Horden der Finsternis, von abscheulichen Wesen wie Riesen, Goblins und Trollen, zu befreien. Es gab viele hilflose Situationen, in denen ich mein Leben dahin zu scheiden glaubte, aber konnte ich mich doch noch irgendwie, mit unglaublich grossem Glück, retten. Das hier war anderes. Ich war fasziniert obwohl ich wusste, dass ich verloren war. Ich spürte eine Macht, gegen deren Bruchteil, ich nicht aufkommen konnte. Mein Schwert und Schild waren aus besonderem Material, einst von dankbaren Zwergen, geschaffen. Ich hatte ihnen bei der Verteidigung ihrer Minen zur Seite gestanden. Eine Horde wilder Goblins hatte sie überfallen. Die Stimme, die gerade zu mir gesprochen hatte, waren meine Instinkte gewesen, wusste ich. Meine Waffen waren stets zum Kampf bereit und trieben mich dazu an, den ersten Schritt zu tun, wenn mein Leben in Gefahr stand – nun schwiegen sie. Ich bemerkte den Schweiss, der sich auf meiner Stirn, trotz der vorherrschenden Kühle, gebildet hatte. Ich spürte das Zittern meiner Glieder, wie es meinen ganzen Körper, bis zu den innersten Organen, durchzog. Und dennoch stand ich fasziniert auf der Stelle und blickte auf dieses Wesen, das sich wenige Meter vor mir befand. Ich weiss nicht, wie lange ich in dieser Position verharrte. Plötzlich bemerkte ich, wie sich der Himmel verdunkelte. Ich versuchte mich innerlich zu beruhigen, schloss für einen kurzen Moment die Augen und dachte an den Tod – das Leben danach. Ich bedachte die Möglichkeit im Reich der Ahnen in Ewigkeit zu verweilen. Dann wurde ich aus meinen Vorstellungen gerissen. Ich vernahm einen starken Schlag und spürte einen unglaublichen Windstoss, der mich von den Füssen riss. Auf dem Boden liegend blickte ich hilflos nach oben. Der Drache hatte seine monströsen Schwingen ausgebreitet. Seine gewaltigen Krallen scharrten am Boden. Er senkte seinen Körper leicht ab während er mir tief in die Augen blickte. Ich erwartete Schmerz erfüllt in einem Feuerschweif zu vergehen, gerade als er sein gewaltiges Maul öffnete. Ich sah die abschreckendsten Hauer, die ich jemals zuvor gesehen hatte. Ein Brüllen folgte, das die Erde für einen kurzen Moment erbeben lies. Ich spürte bereits den Schmerz, der mich zu überkommen drohte. Dann stiess er sich ab – hoch in die Lüfte – und seine Schwingen trugen ihn dem Horizont, der untergehenden Sonne, entgegen. Ich lag immer noch auf dem harten Boden, auf meine Ellbogen gestützt. Ich spürte mein Schild und Schwert, das mir gegen den Rücken drückte - noch immer fühlte ich mich in einen Bann gezogen.

 

Nun, nachdem meine Erzählung geendet hat, kann ich gestehen, dass ich nie wieder einem solch beeindruckenden Wesen begegnet bin. Doch fortan nannte ich mich einen Drachentöter. Ich zog durch die entlegensten Lande, fernab von Kriegen und Leid, nur um solch ein Wesen zu finden.

 

Der Anblick hatte mich fasziniert.

 

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zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58 | Users Online
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