Der Sturm

Autor: Waldläufer

 

Der Barbar weinte. Trotz der festen, eisernen Mine seines Gesichts. Scheinbar war es eine unsagbare Trauer, die er nicht mehr zurückhalten konnte. Er stand vor einem brennenden Dorf, dessen loderndes Feuer zum Himmel hinauf schrie. Zu Asche verbrannt lagen duzende Körper auf der schwarzen Erde verteilt. Die letzten Tapferen – ebenso Hilflose – waren von dieser Welt geschieden. Schwerter und Lanzen ragten aus ihnen heraus. Riesige Blutlachen hatten sich gebildet. Immer wieder konnte man hilflose Schreie vernehmen, die sogleich verstummten, als das Leben aus dem Diesseits gerissen wurde. Eine kleine Hütte nach der anderen krachte in sich zusammen; das Feuer war begierig in seinem Verlangen. Der verweste Geruch, von verbranntem Holz und sinnlos geopferten Menschen, von denen alle zu seinen Freunden oder seiner Familie zählten, wurde vom Wind getragen. In der rechten Hand hielt er den Knauf seines mächtigen, gesenkten Breitschwertes, fest umschlossen. Seine Muskeln wirkten angespannt. Durch tiefes Atmen versuchte er sich scheinbar zu beruhigen. Wohingegen die Blicke seiner dunkel blauen Augen, auf das Geschehen vor ihm fixiert waren. Er befand sich etwas ausserhalb auf einem kleinen Hügel. Der Wind liess sein Haar durch die Luft wirbeln. Der lederne Umhang und das Bärenfell, das seinen Oberkörper bedeckte, waren zerrissen, von dem Blut seiner gefallenen Gefährten befleckt. Auf seinem Körper fanden sich entsetzlich viele Narben - die scheinbar alle aus dieser Schlacht stammten. Es waren lebenslange Zeugen, die ihn ständig an das Geschehene erinnern würden. Als sie kamen, wie ein Donner, aus dem Nichts erschienen, den Hinterhalt als Verbündeten mit sich ziehend, war es um sie geschehen. Tausende waren es gewesen, die plötzlich am Horizont zu erkennen waren. Die Erde bebte, als blanke Schwerter und Schilde im hellen Schein der Blitze erleuchteten. Es war eine Armee, die sich langsam, wie der schleichende Tod, auf sie zu bewegte. Auf dieses kleine, friedliche wirkende Dorf, das von einer Palisade umgeben war, um vor feindlichen Angriffen geschützt zu sein. Es gab immer wieder umherstreuende, kleine Gruppen von Orks oder Goblins, die sie heimsuchten. Sie waren leicht vertrieben. Aber diesmal war alles anders. Der Morgen erwachte mit einem strahlenden Sonnenschein, und dem blauen, wolkenlosen Himmel. Um das Dorf herum lag eine grüne Wiese, die eine freie Sicht in jede Richtung gewährte. Da war etwas zu erkennen. Eine schwarze Front - ein tosender Sturm - näherte sich, der das Land verwüstete. Er senkte solch unglaubliche Regenmassen nieder, dass es zu ertrinken drohte. Anfangs war es nur ein Grollen, in ganz leisem Ton. In einem furchterregenden Donnern fand es seinen Höhepunkt. Die Späher auf den hölzernen Wachtürmen, die sich direkt an der Palisade befanden, konnten mit Sicherheit nicht ahnen, dass es sich um eine finstere Armee handelte. Die alles unterwarf, das sich ihr näherte. Man konnte sehr gross gewachsene Gestalten, von unglaublicher Zahl und mit blitzenden Waffen ausgerüstet, ausmachen. Sie marschierten, von scheinbar unergründlicher Gier nach Zerstörung erfüllt, auf sie zu. Es war dieses beruhigende Rauschen, das sie begleitete, und im krassen Gegensatz zu ihrer Absicht stand. Die Haut war aschgrau. Sie glichen Untoten, die aus dem Reich der Verdammnis zurückgekehrt waren. Hilflose Schreie waren zu vernehmen, als sie über die Palisade stürmten; sie mit aller Gewalt niederrissen. Lanzen der Verteidiger flogen durch die Luft - jede einzelne war auf ein Opfer fixiert. Nicht eine traf ihr Ziel. Die Barbaren wirkten überfordert. Jeder von ihnen stand mindestens drei von diesen Wesen gegenüber. Andere wurden sogleich von einem duzend erdrückt oder durch die Luft gewirbelt. Klagende, gar flehende Rufe waren für einen langen Moment zu hören, bis auch sie für immer verstummten. Aus scheinbar reiner Freude an der Vernichtung warfen die Wütenden Fackeln in Form von Blitzen auf die hölzernen Hütten, deren Dächer sofort lichterloh entflammten. Der Sturm zog weiter. Nur ein Wagemutiger hatte überlebt. Er stand diesem Strom an schwarzer Energie mit all seiner körperlichen Macht entgegen. Und kämpfte verbissen, als grausame Schreie des Todes an sein Ohr drangen. Der dunkle Strom zog an ihm vorüber, scheinbar ohne seine Anwesenheit zu beachten.

Er stand er da. Verlassen und von der Trauer überwältigt, während der Himmel aufhellte und ihm Trost zu spenden versuchte.

 

Der Sturm war vorbeigezogen.

 

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zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58 | Users Online
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