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Kurze Leben

Reihe: Sandman Bd. 7

Rezension von Christian Endres

 

Ein ungleiches Geschwisterpaar macht eine Reise - an sich keine ungewöhnliche Ausgangslage für eine Geschichte, ja sogar eine ganz klassische, wenn man mal ins traditionelle Märchen schaut. Allerdings: Sobald der Autor hinter besagter Reisegeschichte Neil Gaiman heißt, die entsprechende Comic-Serie, auf der die Etappen dieser Reise erzählt werden, Vertigos verspielt-referenzreicher Fantasy-Evergreen Sandman ist, und Bruder und Schwester ferner Teil der Ewigen sind und auf die Namen Dream und Delirium hören, dann war’s das auch schon wieder mit der Klassik (herzlich willkommen zu einer der besten Comic-Storylines aller Zeiten).

 

Warum sollte der düstere, bleiche Herr der Träume, der gerne an einen entrückten Rockstar (und klar, damit ein Stück weit an Gaiman selbst) erinnert, sich mit seiner anstrengenden, verwirrten und manchmal arg nervigen kleinen Schwester im Schlepptau aufmachen, ihren seit 300 Jahren abgetauchten Bruder Destruction wiederzufinden? Erst Recht, da der Meister des Traumreichs die Entscheidung seines Bruders zwar nie verstanden, aber immerhin respektiert hat?

 

Nun, ganz einfach: der gute Dream/Morpheus hat mal wieder ordentlich Liebeskummer. Und bevor er sein Reich im stimmungsvollen Regen ersäuft, reist er – wie alle großen Reisenden, wenn man so möchte – eben um des Reisens Willen, sucht Ablenkung und Zerstreuung anstatt eines Zieles (und findet Veränderungen). Er wird Delirium also so lange begleiten, bis sie das Interesse verliert, wie es bei ihr und ihrem Geist (der so flattrig ist wie ein Schmetterling) so oft der Fall ist. Oder bis er ihr so weh tut, dass ihrer beiden Schwester Death im ordentlich die Leviten liest ...

 

Neil Gaiman wäre allerdings nicht Neil Gaiman und Sandman schon gar nicht Sandman, wenn es das schon gewesen wäre. Also lässt Gaiman Dream und Delirium auf ihrer Reise den Weg von allerhand Sterblichen und Sterbenden, gefallenen und gealterten Göttern, von Orakeln und Mythen und fleischgewordenen Legenden kreuzen. Und ja, das Kapitel mit dem letzten großen Striptease der Ishtar ist ein inhaltlicher wie visueller Meilenstein des Genres. Aber auch sonst hat die Lektüre dieses siebten Bandes der ›Sandman Bibliothek‹ einiges zu bieten und ragt als Highlight auf höchstem, trotz aller Klugheiten aber jederzeit klar verständlichen Niveau heraus (sonst hängt Gaiman seinen Leser mit Sandman ja gerne einmal ab. Diesmal stimmt die Mischung aus hochgestochener Brillanz und geistreicher Unterhaltung aber haargenau, und so geht »Kurze Leben« einfach nur als stimmiger Beweis dafür durch, wieso Gaiman in allen literarischen Disziplinen der Moderne ein so erstklassiger Autor ist - und wieso Vertigos Sandman in diesem Fall wieder völlig zu Recht als glänzende, von innen heraus strahlende Perle der Comic-Neunziger gilt).

 

»Kurze Leben«: große Worte, grandiose Dialoge, prächtige Bilder. Und mit über 260 Seiten auch noch ein extra dicker Ausflug in die Welt der Ewigen.

 

Ein üppiges Comic-Vergnügen also.

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Kurze Leben

Reihe: Sandman Bd. 7

Panini, Februar 2009

ISBN: 3866077823

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 27.02.2009, zuletzt aktualisiert: 07.04.2019 17:49