Marionetten von John Le Carré

Rezension von Markus Mäurer

 

Eines Tages steht Issa vor der Tür. Der türkische Boxer Melik möchte diese abgehalfterte Gestalt in ihrem schäbigen schwarzen Mantel und dem goldenen Kettchen um das Handgelenk fortschicken, doch seine Mutter Leyla, die ihren Mann verloren hat, besteht darauf ihrem Glaubensbruder zu helfen. So richtig schlau werden sie aus dem verwirrten und kranken Issa nicht. Er sagt er käme aus Tschetschenien spricht aber nur russisch. Er sagt er wolle Medizin studieren, ist aber illegal im Land. Als Leyla und Melik die junge Anwältin Annabel hinzuziehen, setzen sie eine Reihe von Ereignissen in Gang, die kein gutes Ende nehmen können. Annabel arbeitet für den Hamburger Fluchthafen, der Flüchtlingen bei ihren Asylanträgen hilft. Die russisch sprechende junge Anwältin versucht dem jungen Issa zu helfen und setzt sich auf sein Bitten mit dem englischen Bankier Tommy Brue in Verbindung, dessen Bank angeblich das Erbe von Issas Vaters verwalte. Als dann auch noch der Topspion Günther Bachmann die Bühne betritt, wird dem Leser endgültig klar, dass er sich in einem typischen John Le Carré Roman befindet, in dem sich die Geheimdienste gegenseitig ausspielen, sie unbescholtene Bürger für ihre Zwecke missbrauchen und bis zum Ende unklar bleibt, worum es überhaupt geht.

 

Es ist ein Hamburg nach dem 11. September, in dass uns der ehemalige »Diplomat« Le Carré führt. Ein Hamburg, das Mohamed Atta beherbergte und in dem er den Anschlag auf das World Trade Center vorbereitete. Ein Hamburg, das unter Druck steht, das weltweit, als die Stadt bekannt ist, in der sich die Terroristen ungestört auf den größten Terroranschlag im neuen Jahrtausend vorbereiten konnten.

Lange Zeit lässt der Autor den Leser im unklaren. Da ist ein Flüchtling, der scheinbar misshandelt wurde und nur wirres Zeug von sich gibt. Ein Bankier, der seine besten Tage hinter sich hat, dessen Ehe und Bank am Ende sind und der mit den Sünden seines Vaters konfrontiert wird. Eine junge Anwältin aus angesehenem Elternhaus, die Gutes tun möchte. Sie alle stellt Le Carré dem Leser vor und lässt ihn rätseln, was das Ganze soll. Erst als der alternde Spion, der seine besten Tage hinter sich hat, auftaucht, zeigt sich, dass der Leser einen Agentenroman in der Hand hat.

 

Allerdings keinen spannenden Thriller sondern einen Abgesang auf die gute alte (Spionage-) Zeit. Als man die Netzwerke des Feindes noch infiltrierte, seine Agenten umdrehte und gegen ihn verwendete. Eine Zeit mit Doppelagenten, Maulwürfen, Schläfern und Führungsagenten. Eine Zeit, als die Bürokratie die Agenten an der Front noch in Ruhe ließ. Dieser Zeit trauert Günther Bachmann nach, der mit inkompetenten und publicityorientierten Vorgesetzten geschlagen ist. Einer Zeit, die Le Carré vermutlich aus eigener Erfahrung sehr gut kennt.

 

Dieser Roman zeichnet den Wendepunkt in der Welt der Spionage und Geheimdienste nach, der mit 9/11 begann. Leider gelingt es ihm nicht, der Geschichte dabei Spannung zu verleihen. Die Handlung dümpelt so vor sich hin, und wird nie schneller als das Fahrrad von Annabel.

 

»Marionetten« ist ein schön geschriebener, aber etwas lahm inszenierter Abgesang auf die gute alte Agentenzeit, die vom 21. Jahrhundert mit seinen global operierenden Selbstmordattentätern eingeholt wurde, und auf die die entfesselten Geheimdienste mit blindwütigen Rundumschlägen reagieren, dabei Unschuldige ruinieren und am Ende alles schlimmer machen.

 

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Marionetten

Autor: John Le Carré

Gebundene Ausgabe: 366 Seiten

Verlag: Ullstein Hc (3. November 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 355008756X

ISBN-13: 978-3550087561

Erhältlich bei: Amazon

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zuletzt aktualisiert: 31.08.2018 17:18 | Users Online
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