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Die Stadt der verkauften Träume von David Whitley

Rezension von Christel Scheja

 

Der 1984 geborene Autor David Whitley studierte endliche Literaturwissenschaft in Oxford. Allerdings war es schon immer sein Traum, zu schreiben, was er wohl so intensiv betrieb, dass er bereits mit siebzehn Jahren für den „Kathleen Fidler Award“ nominiert wurde und drei Jahre später den „Cheshire Prize for Literature“ gewann. Zudem ist er vom Theater fasziniert und tritt in verschiedenen Produktionen als Sänger auf. „Die Stadt der verkauften Träume“ ist sein erstes auch auf Deutsch erscheinendes Buch.

 

Agora ist eine Stadt, in der das menschliche Zusammenleben nur auf eine Art und Weise funktionieren darf: Alles hat seinen Preis. Jede Gabe muss mit einer Gegengabe beantwortet werden, und diese braucht nicht zwingend aus materiellen Dingen zu bestehen. Auch Gefühle und Gedanken können gegen anderes eingetauscht werden, ebenso wie die Arbeitskraft. Das bekommen bereits die Kinder zu spüren.

So wie Lily und Mark. Um ihre Schulden bei der Frau zu tilgen, die sie aufgezogen hat, ist das Waisenmädchen bereits mit sechs Jahren an einen Buchbinder verkauft worden, um dort die dicken Werke zusammen zu nähen. Als sie zu groß dafür wurde, hat man sie einfach weiter verkauft.

Dieses Schicksal droht nun auch dem jungen Mark, der aus einer Fischerfamilie stammt. Weil der Vater die Mittel zur Heilung des todkranken Kindes nicht mehr zahlen konnte, hat er ihn als Bezahlung an den Arzt gegeben, der ihn seinerseits weiter an den Astrologen Graf Stelli reichen musste.

Auf die Kinder wartet ein harter und dornenreicher Lebensweg als Bedienstete ohne besondere Rechte aber mit vielen Pflichten. Einen Teil davon gehen sie gemeinsam und werden zu engen Freunden, dann aber werden sie getrennt, als Lily zur Gehilfin des Arztes wird. Anders als viele sieht sie die Schattenseiten, die das System mit sich bringt und ist mit zunehmendem Alter nicht dazu bereit, dies so einfach hin zu nehmen.

Während Mark sich immer mehr von dem System korrumpieren lässt und dadurch in der Hierarchie aufsteigt, ehe er weiß, was ihm geschieht, behält das junge Mädchen sein Mitgefühl und seine Hilfsbereitschaft. Auch wenn es gegen alle Regeln Agoras verstößt, so beginnt sie mit ihren Freuden, die Ärmsten der Armen zu unterstützen und bringt auch ihren Dienstherren dazu, über seinen Schatten zu springen und unentgeltlich zu helfen, nicht ahnend, dass sie bereits ihr ganzes Leben beobachtet wird. Denn alles, was nun geschieht ist Teil eines viel größeren Plan.

 

Verpackt in eine Geschichte, die irgendwo zwischen Kinderbuch und All-Age-Fantasy schwankt, spielt David Whitley ein Gesellschaftsmodell durch, dass durchaus reale Wurzeln hat und in der ein oder anderen Form auch in unserer heutigen Gesellschaft durchgezogen wird. Hilfsbereitschaft ohne Gegenleistung, Mitleid ohne Erwartungen ist auch heute nur noch bei wenigen Menschen anzutreffen. Dennoch erhebt er nicht den moralischen Zeigefinger sondern bindet seine Überlegungen fest in die Geschichte ein.

Handlungstragende Figur ist eindeutig Lily, denn das Mädchen blickt hinter die Kulissen, ist unzufrieden mit den Verhältnissen und gewillt etwas zu ändern. Ihr Gegenpol Mark zeigt anfangs ähnliche Anlagen, wird dann aber von der Macht korrumpiert und im Gegenzug immer schwächer.

Auch wenn sich die Action im Buch eher in Grenzen hält, ist es doch nicht unspannend, denn die Handlung ist voller Geheimnisse und Intrigen, die man zwar spürt, aber lange nicht wirklich fassen kann. Nach und nach erkennt man zusammen mit Lily das volle Ausmaß des Lügengeflechts. Auch die Figuren wirken sehr lebendig, denn man fiebert unwillkürlich mit der jungen Heldin mit oder ärgert sich über das Verhalten von Mark.

Dazu kommt eine Atmosphäre, die zwar ein wenig an die der Romane von Charles Dickens erinnert, aber doch ein wenig anders ist. Dafür sorgen zudem die wenigen magischen Elemente, nicht zuletzt aber auch die nicht ganz fassbare Umgebung, die irgendwo an ein London zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erinnert.

 

Alles in allem ist „Die Stadt der verkauften Träume“ weniger ein Abenteuer für Kinder oder eine Romanze, als ein ambitioniertes Buch, das zeigt, dass man Gesellschaftskritik sehr von in eine phantastische Umgebung einbetten, und vertraute Elemente neu zusammenfügen kann.

 

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Die Stadt der verkauften Träume

Autor: David Whitley

broschiert, 381 Seiten

Goldmann, erschienen März 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Gerald Jung

Titelbild von Tertia Ebert

ISBN-10: 3442466911

ISBN-13: 978-3442466917

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.05.2009, zuletzt aktualisiert: 13.07.2019 19:34