Unschärfe

Autor: Antje Ippensen

 

In den ehemals tristen grauen Vororten, den Randbezirken der Stadtwelt, gab es jetzt deutlich mehr Gärten. Mancherorts waren kurzerhand baufällige Häuser abgerissen worden, und man hatte die ausgelaugte Erde mit Humus aufgefüllt. Junge Bäume gepflanzt, Beete angelegt. Nicht alle Vorortbewohner jedoch begrüßten diese Neuerung – einige murrten sogar, unter dem AMT hätte es so etwas nie gegeben, und sie sähen gar nicht ein, weshalb … So kam es, dass gar nicht wenige sich nicht um ihre Gärten kümmerten, sondern sie einfach verwildern ließen.

Ideale Bedingungen für die wenigen Wildtiere entwickelten sich; es entstanden kleine, in sich geschlossene Biotope, die aufgrund der fröhlich wuchernden Vegetation schwer zugänglich waren für Menschen …

In solch einem verwahrlosten Garten spielte eine Katze mit Schmetterlingen, ohne jemals einen zu erwischen.

Sunny, so lautete ihr Name, fühlte sich hier ausgesprochen wohl. Irgendwann wurde sie müde vom Spielen mit den ohnehin auch allmählich träge werdenden Faltern. Sie erkletterte das mit Efeu und wilder Clematis überwucherte Dach einer verlassenen Garage und ließ ihren Blick wandern.

Die Sonne sank. Von hier oben hatte ein scharfäugiges Tier einen guten Blick über die Augenwelt, zumal dieser Vorort auf einem der seltsamen Buckel lag. Dieser Buckel erinnerte die Katze an ihre eigene Haut, die sich manchmal zuckend zusammenzog, so dass das Fell sich kräuselte und der Rücken eine Wölbung bekam.

Sunny blickte gen Himmel, und sie hielt keineswegs nach Vögeln Ausschau. Ihr meergrüner Blick erfasste alles bis in die Stratosphäre hinein. Auch jene Sonnenenergie zapfenden Maschinen, die eidotterfarbenen Flecken glichen. Und dann erschien in den tieferen Schichten der Atmosphäre ein REGNER, und die silbrigen Schnurrhaare der Katze sträubten sich voller Missvergnügen

Ausgerechnet jetzt und hier! Sie duckte sich tief in das Efeugestrüpp hinein und legte die Ohren flach an, während das fünfeckige, schildähnliche Ding seine Pflicht tat und über diesem Teil der Augenwelt lebensspendendes Nass ausschüttete. Lange dauerte der künstliche Schauer nicht, und Sunny konnte ihre Beobachtungen fortsetzen. Sie blickte bis zum perlenfarbig schimmernden Obelisken, der genau dort stand, wo sich früher der Weiße Palast des AMTES befunden hatte.

Sunny wusste genau, wer oben in der Spitze wohnte, abgeschottet und niemals den Obelisken verließ, aus Furcht vor verunreinigenden Einflüssen … Um den Obelisken herum reihten sich neue Wohntürme von ähnlicher Form, mit mehr als hundert Stockwerken, doch keins glich dem Obelisken. Er stellte etwas Einzigartiges dar: das neue Herz der Stadt.

 

Wenn Sunny gerufen wurde, dann kam sie. Sie spielte mit den Fäden der Zeit, doch zerriss sie niemals.

 

Wie ein freundlich schimmerndes Dach wölbte sich der riesige Schirm über B.C.s Kopf. Ja, ihre Maschine glich tatsächlich einem enormen Regenschirm, und das erschien ihr witzig in seiner assoziativ-stimmigen Symbolik, denn die empathische Energie wurde tatsächlich zu den REGNERN geleitet – meistens jedenfalls.

Eher selten musste die Strahlung auf andere Weise verwendet werden. Das wurde der Bevölkerung dann als Sonnenwind und seine Auswirkungen erklärt – soweit jemand dahinterkam, dass sich etwas in der Atmosphäre verändert hatte.

 

Die Regentin der Augenwelt setzte sich bequem in ihrem weißen Lederdrehstuhl zurecht und nahm die Sonnenbrille ab. Dann glitt ihre Hand über die Konsole vor ihr und betätigte einen Knopf, woraufhin wie aus dem Nichts ein eiförmiges Gebilde materialisierte. Es wurde von Magnetfeldern in der Luft gehalten und eine Art Kanüle ging von ihm aus.

Dies war das Herzstück ihrer Erfindung: der Empathie-Destillationsapparat.

B. C. atmete tief durch, so wie sie es immer tat, legte beide Hände in die dafür vorgesehenen Mulden der Konsole – und die Prozedur begann. Stufe 1. Als ihre enormen empathischen Energien in den Apparat flossen, biss sie eine Sekunde lang kurz die Zähne zusammen, um dann zu entspannen. Ein feiner perlmuttfarbener Nebel entstand, den nur sie wahrnehmen konnte.

Er war schön.

B.C. seufzte leise, während sie bildhaft in einer Seitenregion ihres Hirns registrierte, dass jetzt weit entfernt mehrere REGNER in Position gebracht wurden – über den Giftnestern der Treibgutzone.

Erstaunlich – und oftmals frustrierend – wie viele Probleme aus einer einzigen Schwierigkeit heraus entstanden, sich vervielfältigten, überhand zu nehmen drohten, wenn sie nicht mit allen Kräften daran arbeitete … Zone 51 war verseucht gewesen, das hatte sie gewusst, aber dass auch in der Treibgutzone derartige Mengen Giftmüll lagerten, hatte sie zutiefst schockiert.

Das fertige Destillat wurde von der gewaltigen Hohlnadel weitergeleitet und floss (für die zweite Umwandlungsphase) über sämtliche Schirmbahnen, konzentrierte sich dann in der Spitze und gelangte in die Kabelstränge, die hinaus ins Freie führten. Eine kleine Silberplatte in der Wand öffnete sich geräuschlos – die einzige Verbindung nach draußen, die sich nur dann automatisch aktivierte, wenn der Empathiestrom als mächtiger Psychofunkimpuls hinausgelenkt wurde. Er war in der Regel auf die Frequenz der REGNER eingestellt und verwandelte sich, bei ihnen angekommen, abermals in Flüssigkeit. Die Wirkung jedoch war stärker als die von Regen. Sie glich der von Gas, das sich unsichtbar überallhin ausbreitete.

 

Nicht einmal B.Cs. Assistent Chandra, konnte diesen hochkomplexen Prozess ganz verstehen.

„Aber Sie begreifen ihn, Regentin?“, fragte er gelegentlich.

„Begreifen … begreifen … hmm“, erwiderte sie dann, „mit meiner mentalen Hand, wenn ich sie ausstrecken würde, ja. Intuitiv. Es ist in mir.“

Chandra pflegte daraufhin die Schultern zu heben und seine ebenmäßigen Gesichtszüge ratlos zu verziehen. Ein einziges Mal hatte B.C. hinzugefügt: „Ich nutze den Korrelationseffekt, analog zu dem, welchen wir aus der Quantenwelt kennen, unter Einbeziehung der Mentalphasenverschiebung …“, und sie hatte eine Ahnung in seinen Augen aufscheinen sehen, mehr aber auch nicht. Auch dafür fehlte ihm noch die innere Reife.

Manchmal machte B.C. sich Sorgen, denn in letzter Zeit beobachtete sie an Chandra Anzeichen von Unzufriedenheit. Er wünschte sich eine Familie, wollte endlich ein normales Leben führen. Aber sie, B.C., brauchte ihn, damit er ihr den Rücken freihielt und sich im Obelisken um ein höchst harmloses friedlich-geordnetes Verwaltungsleben kümmerte. Außerdem war er sehr vonnöten, wenn sie sich stärker ihrer sich immer klarer abzeichnenden Aufgabe der ALL-Vereinigung widmete … Der sich abzeichnende Konflikt mit ihrem braunhäutigen Helfer bedrückte B.C. „Er gehört mir“, dachte sie dann und wann, wohl wissend, dass diese Gedanken ihn in Ketten legten.

 

Damals, dachte Sunny und blickte tief in die Vergangenheit hinein. Jener Moment, der die Dinge ins Rollen gebracht hatte.

Die letzten goldenen Strahlen einer müden Abendsonne fielen in das kleine Bibliothekszimmer. Sie stahlen sich zwischen den zwei Hälften eines schweren Vorhanges hindurch und erreichten gerade noch Gesicht und Gestalt eines sehr alten, mageren Mannes, der ruhig in seinem Ohrensessel saß.

Als er sich regte und mit seiner linken Hand über die Stirn strich, wobei er ein schwaches Räuspern ausstieß, warf Sunny ihm einen prüfenden Blick zu. Fast durchscheinend war seine Runzelhaut, und der blassgoldene Schimmer, den die Sonne ihm verlieh, gab ihm eine Aura des Jenseitigen. Sunny entrollte diesen komplizierten Gedanken wie ein Wollknäuel und wartete auf seine leise Stimme, seinen Ruf.

Vor einhundertundeinem Jahr hatte der alte Mann den Namen Dymekon erhalten. Er hatte Frau und Tochter, und auch einen längst erwachsenen Enkelsohn. Nur dieser lebte noch; Chandra war sein Name, und … Dymekons fast transparente Hand rückte den Goldkneifer auf der Nase zurecht, er schaute unverwandt auf das einseitig beschriebene Briefpapier, das in seinem Schoß lag, und ohne aufzublicken sagte er: „Sunny, komm her zu mir.“

Noch einmal tupfte Sunny ihre himbeerfarbene Nase gegen das berühmte Spiegelbuch; es roch so lecker und schmeckt auch gut, war aber nun fast ganz befreit von den Büchermilben, einer neuen Spezies, die besonders anfällige Bücher heimsuchte – und alle Bücher waren heutzutage anfällig, denn sie passten kaum noch in die Welt. Neue Tierchen hingegen entstanden häufig, seit die Menschen alles so sehr durcheinander gebracht hatten. Die Milben schmeckten lecker, waren eiweißreich. Mehr wusste Sunny auch nicht darüber. Geschmeidig sprang sie von der obersten Sprosse der Bücherleiter, und mit einem einzigen weiteren Satz war sie oben auf dem Ohrensessel, schnupperte am silbrigen Haar des alten Mannes, nieste zart und schaute ihm dann über die rechte Schulter.

Der Brief rollte sich zusammen und wurde gelb. Sunnys weiße Schnurrbarthaare kräuselten sich, ihr ausdrucksvolles Gesicht zeugte von leisem Abscheu. Sie war eine ungewöhnlich große rotbraune Katze, eher kräftig als schlank, aber mit langen Beinen, deren Innenseiten silberweiß schimmerten; sie liebte das Nachdenken, war allen Träumen zugetan und hatte ein starkes, frohes Herz. Mit sieben Jahren hatte sie beschlossen, nicht mehr zu altern.

Dymekon lehnte seinen schmalen Kopf zurück in die linke Ohrensesselecke, damit er Sunny besser sehen konnte. Er blickte gern in die meergrünen Augen der Katze; wann immer er dies lange genug tat, glaubte er, in ihnen eine leise Heiterkeit zu erkennen, und niemals wichen die Katzenaugen aus, irrten nicht ab. Zuzeiten durchdrang ihr Blick ihn machtvoll, reichte in imaginäre Regionen. Sunny starrte in die unsichtbare Welt, jene Dimension geistiger Kraft, und dann wünschte sich Dymekon, er könnte es ihr gleichtun. Sunny wusste von seiner Sehnsucht, und meistens blinzelte sie beiläufig, um sich dann mit sanfter Nachsicht an seiner Hand zu reiben. Ihre ironische Höflichkeit entzückte den uralten Mann immer wieder.

„SIE hat mich gerufen, Sunny“, flüsterte er nun, „sie fordert das, was ich versprach vor so langer Zeit, und ich muss gehorchen.“ Er kraulte die Katze hinter den Ohren und stieß einen papierdünnen Seufzer aus. Sunny schüttelte unwillig den Kopf, ließ sich vorsichtig auf seinen Schoß gleiten und schlug die vergilbte Briefrolle mit einem einzigen, eleganten Pfotenhieb zu Boden.

Der Uralte lächelte. „Ja, ja. Du hast ganz recht. Aber ich bin an mein Versprechen gebunden, weißt du.“

Sunny schnurrte, als er sie streichelte, aber ihre behaglich zu Sicheln geschlitzten Augen blinzelten in Dymekons Vergangenheit hinein. Sie wusste. Sie konnte alles klar sehen, sobald er sie berührte und sie sich darauf konzentrierte, etwas zu erblicken. Seine Geschichte, die hinter ihm lag wie ein langes dunkles Band. Er hatte ein Labor geleitet, in welchem ungeheuerliche Experimente durchgeführt worden waren. Einige davon mit Erfolg. Die Erschaffung humanoider Wesen mit besonderen Fähigkeiten beispielsweise war gelungen. Etwas zu gut gelungen.

„Es ist so weit, oh weise Katze, du Königin der Zeit“, hauchte Dymekon. „Alles wandelt sich. Die Farbe der Welt-Augen wird sich verändern.“

Dies sprach er mit sonderbarer Betonung. Sunny erhob sich von seinem Schoß, würdevoll, aber sanft, damit sie seine alten Knochen nicht zu sehr drückte, und entfernte sich umgehend. Sie kehrte auf ihren Platz auf der Bücherleiter zurück, wo im Regal ein weiteres leckeres Buch auf sie wartete; und schon war das lebende Bild wiederhergestellt. Der uralte Mann saß reglos wie vorher im Ohrensessel, mattes Goldlicht auf den Zügen. Nur etwas war anders: Der Schwanz der Katze. Er schlug wie das Pendel einer Standuhr langsam hin und her.

 

Die Farbe der Welt-Augen wird sich verändern.

Und Dymekon hatte maßgeblichen Anteil daran gehabt – er war dann stimmigerweise verschieden, als die neue Zeit anbrach.

Sunnys hoch entwickelter kätzischer Geist wandelte noch immer auf den Pfaden der doppelten Vergangenheit, durchdrang ihn wie das Meer bis zu seinem Grund.

Die Augenwelt hieß einerseits deshalb so, weil das SEHEN auf ihr von jeher eine besondere Rolle gespielt hatte. Eine zu große, einseitige sogar. Und andererseits gab es viele Welten, und sie alle hießen nach einem Organ oder Körperteil. Ein Ohrland existierte, das kannte Sunny sogar, es gab das Nasenreich, und … viele mehr. Dunkel ahnte Sunny, dass B.C. versuchen wollte, alle Länder miteinander zu verweben, um ein neues, ein wahres ALL zu erschaffen …

Denn alles war kaputt und zerstückt. Riesige Mauern umgaben sämtliche LÄNDER und WELTEN und REICHE, nicht allein die Augenwelt, und in ihren Zwischenräumen lebten die Elenden und Hoffnungslosen. Wüsten, karge Steppen, und Millionen vegetierten dort in Gewalt und Anarchie. B.C. wollte das ändern, plante Raum für jedes Wesen zu öffnen, und …

Sunnys Ohren zuckten. Wie unsinnig, ein Organ über das andere zu stellen! Die Augenweltler hatten die Quittung bekommen, damals, als die Seuche des Inneren Lärms über sie hinwegbrauste, deren Folgen die Beamtendiktatur letztlich stürzten.

Taubheit hatte sich ausgebreitet, und mit ihr Aggression und Brutalität.

Und weshalb war gerade diese Seuche entstanden? Weil niemand mehr hinhörte, hören wollte, was der andere sagte, weil Kommunikation und Achtsamkeit zwischen den Menschen der Augenwelt degeneriert beziehungsweise fast nicht mehr vorhanden gewesen waren.

Das LABOR stand als geheime Macht wie eine Schattenregierung hinter dem AMT. Ohne dass seine Mitarbeiter, die Schöpfer der Mutanten, wirklich darüber reflektierten, was sie da taten, bereiteten sie bereits die Rettung vor … um sich zugleich vor dem, was sie da erschufen, zu fürchten.

Die allzu machtvollen Kräfte, die sie entfesselten, schrien nach sinnvoller Bindung. Nach einer AUFGABE.

 

B.C.s Denken war mit dem Elektronengehirn unter dem Konsolentisch vernetzt und ihre Gedanken rasten durch das entsprechende Programm. Sie sah sie als kleine blauweiße Blitze vor sich, denn ein wenig Imagination konnte nie schaden. Zumal jetzt Stufe 2 kam, die erneute Stimulation der LICHTSAMMLER. Auch nicht weiter schwer, aber anstrengend. In ihrer Vorstellungswelt hatte die empathische Energie im Rohzustand eine warme orangegoldene Farbe, verwandelte sich dann aber allmählich in das nur vermeintlich weniger edle Silber, ja, silbrig-kühl, komm, komm, dachte sie mit leicht fiebernden Wangen, komm, kühl, komm … aber im Inneren des spindelförmigen Empathieklumpens pulsierte es immer noch glühend, strahlend weiß.

 

Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Ganz kurz und trocken gesagt: Mitgefühl. Hieß so, weil es sich anderen mitteilen ließ … weil manche Mutanten es mit ihren Mitmenschen teilen konnten … Wer aber hätte vor ihr je daran gedacht, dass Rohempathie derart machtvoll war und man sie verwenden, einsetzen konnte auf vielfältige Weise? Phantastisch! Es war so, als gewänne man Elektrizität aus Träumen … (tatsächlich hatte B.C. auch schon mit dem Gedanken an diese Möglichkeit gespielt). Sie träumte jetzt mit ihren weit offenen Augen, in denen jegliches Weiß fehlte.

 

B.C. riss sich zusammen und verstärkte ihre Konzentration auf den Prozess. Ihr war schon jetzt ein bisschen übel, und ihre Haut trocknete aus, fühlte sich zugleich seltsam kalt an, aber sie musste durchhalten, empfand den Druck, möglichst viel zu schaffen, ehe der sonnenarme Winter kam.

Deshalb war sie entschlossen, heute mindestens bis zu Stufe 3 zu gelangen.

Sie wusste, dass die LICHTSAMMLER oben in der Stratosphäre wie eidotterfarbene Flecken aussahen … sie waren unauffällig oval, nicht fünfeckig wie die REGNER, und nur ein Eingeweihter hätte vermuten können, welchem Zweck sie dienten. Es handelte sich um feinstofflich arbeitende künstliche Intelligenzen, allesamt von B.C. allein entworfen und entwickelt, und sie musste ihnen lediglich einen empathischen Impuls schicken, um sie dazu zu bringen, das pure rohe Sonnenlicht in jegliche Materie umzuwandeln, die auf der Augenwelt benötigt wurde … Möbel, Nahrung, Genussmittel, Kosmetika, Elektroautos, Spur-Einräder – oder die halbfertigen Vorstufen davon, die noch zusammengesetzt werden mussten, denn die dumpferen Teile der Bevölkerung brauchten schließlich auch Beschäftigung.

B.C. lächelte abfällig, ihre Verachtung war jedoch mit Stolz vermischt, Stolz auf das Vollbrachte – dass es ihr seit langer Zeit gelang, die Arbeits- und Fertigungsprozesse so gut aufeinander abzustimmen. Wie Millionen silberner Zahnräder griffen sie ineinander.

Ein Großteil der Bevölkerung widmete sich jedoch kreativen Aufgaben. Die GuteStadt, Herzstück der Augenwelt, war ein Paradies für Künstler jedweden Genres, jedweder Couleur.

Als B.C. daran dachte, lächelte sie wieder, und diesmal war es ein reines frohes Lächeln, frei von Spott.

Sie nahm wahr, wie sich eine Gruppe von riesigen silbernen Silos am Rande der Megastadt mit Nährpulver füllte, röchelte leise vor Anstrengung, ohne es recht zu merken, und an ihren Armen und Beinen riss die Haut. Blutende Wunden sprangen auf. Es schmerzte. Fest presste B.C. die Lippen zusammen, ihr gesamter Kiefer verkrampfte sich, und sie machte weiter, wohl wissend, dass sie danach völlig ausgepowert sein würde.

 

Aber es war wichtig, auch Stufe 3 durchzuführen: Fürsorge und Pflege der Bevölkerung durch direkte Stimulation.

Mit schierer Konzentration und Willenskraft lenkte sie den nächsten korrelativen Vorgang. Mühelos drang sie in sämtliche Geistteilchen ein, fasste sie zusammen, durchtränkte sie mit ihrer mentalen Energie, die unerschöpflich schien, es aber in Wirklichkeit nicht war.

Sie verteilte eine Dosis „Beruhigung“ und einen Schuss „Abscheu vor Drogen“ an die Bewohner, fügte noch etwas „Begeisterung für die schönen Künste“ hinzu, dann kam „mehr Toleranz“ an die Reihe sowie, ganz wichtig: „Geburtenkontrolle“. Bei 45 Millionen Einwohnern und wenig Hoffnung, die Stadtmauer, genannt Gigawall, jemals einreißen und das Gebiet der Augenwelt vergrößern zu können, musste gerade da sorgfältig geplant werden. Geburten- und Sterberaten mussten sich in etwa die Waage halten.

Diese Überzeugung sickerte tief in die Hirne aller fortpflanzungsfähigen Augenweltler, wurde von ihnen verinnerlicht, bis sie selbst in wildesten Hormonschüben nicht fähig waren, sich dagegen zu wehren.

Brav, dachte B.C., sehr brav seid ihr.

 

Dann kam der Abend und sie war so erschöpft, dass sie Stufe 4, „Vorbereitung der ALL-Vereinigung“, nicht mehr durchführen konnte. Womöglich raffte sie sich morgen früh dazu auf, das Elektronengehirn neu zu stimmen und das Suchprogramm dann durchlaufen zu lassen.

 

Ihre Wunden brachen noch weiter auf, in Zeitlupe, sie eiterten, und die Schmerzen, die Kälte und die innere Leere nahmen zu. Ihre Gedanken und Gefühle fielen auseinander wie Myriaden von Spiegelsplittern, gewichtslos wie Federn. Das feurige Rotgold in ihren mehr als eigenartigen Augen war verblasst; nur noch ein paar einzelne Funken sprangen in ihnen auf. Winzige Sterne in stumpfer Dunkelheit.

 

Die wohltemperierte Luft roch frisch und grün. Und feucht war sie. Als Sunny nach einer Weile, während der Abend den Garten mehr und mehr einhüllte wie ein dunkles samtiges Tuch, das Garagendach überquerte, tat sie es zaudernd und vorsichtig. Immer wieder schüttelte sie eine Vorderpfote oder einen Hinterlauf vehement aus. Alles war so nass …

Mit spielerischer Leichtigkeit sprang Sunny in das hohe Gras hinab. Sie streckte und dehnte sich, und dann fand sie, dass es Zeit wurde für ihr Abendessen. Zeit, um einer Mäusefamilie den Garaus zu machen und das zarte Fleisch zu verzehren. Und davor vielleicht ein kleines Spiel mit den knopfäugigen Kreaturen …

Lautlos pirschte die große und kräftige Katze durch die dichter werdende Dämmerung.

 

Mit leicht zitternder Hand deaktivierte B.C. die Empathie-Maschine und erhob sich..

Für einen Moment wurden ihre Knie weich, so dass sie sich am Konsolentisch festhalten musste. Oh, es war nicht leicht und würde es auch niemals sein. Aber sie hatte Verantwortung übernommen und geahnt, welch schwere Last das werden würde. Ich habe 45 Millionen Kinder, dachte B.C., das kann ja gar nicht leicht sein, nicht wahr.

Sie wankte zum apricotfarbenen Sofa und sank darauf nieder. Vage flackerten die Bilder der Dinge, die sie in den vergangenen zwölf Stunden getan hatte, an ihrem geistigen Auge vorüber. Plötzlich packte sie das Grauen vor sich selbst, vermischt mit einer abgründigen Furcht vor der Zukunft.

Flehentlich richtete sie ihren Blick auf den Lastenaufzug (er befand sich an der Wand, genau gegenüber dem Sofa), und zugleich sandte sie DEN RUF aus, schwarzzackig und an den Rändern blutrot. Höchste Dringlichkeitsstufe, hieß das.

 

Sunny ließ das letzte Mäusekind laufen – sie war ohnehin satt – und schnürte gelassen in Richtung Obelisk.

Unterwegs kam ihr einer dieser Gedanken, die sie hin und wieder heimsuchten, seit sie ihren Evolutionssprung gemacht hatte.

 

Wo Raum und Zeit ausgelöscht sind, ist Überfülle an Energie.

Das Bild, das dabei in ihrem ungewöhnlich weit entwickelten Katzenhirn entstand, fühlte sich lindernd blau an und duftete weich.

 

Die Bevölkerung nannte sie furchtsam ÜBERMUTANTEN. Man wusste, spürte, vermutete, dass ein paar von ihnen aus dem Labor entkommen waren, als das Experiment außer Kontrolle geriet. Dymekon höchstselbst hatte sich damals an die Presse gewandt, um der Öffentlichkeit zu versichern, dass kein Grund zur Beunruhigung vorhanden sei. Was nichts weiter als eine verlogene oberflächliche Floskel darstellte. Dymekon, ehemals Leiter des LABORS, ahnte am ehesten, dass die Zeit der kleingeistigen und eng denkenden Beamtendiktatur sich ihrem Ende zuneigte. Er hütete sich jedoch, etwas davon zu erwähnen, er belog das AMT wie die Bevölkerung. Keinerlei Grund zur Beunruhigung. Überdies würden die Sicherheitskräfte der Augenwelt der entflohenen Mutanten bald wieder habhaft werden.

Und so geschah es auch. Um sie nicht zu sehr zu personalisieren, hatte man den humanoiden ERGEBNISSEN keine Namen, sondern nur Initialen verliehen. Der Reihe nach gingen A.B., C.D., D.E., E.F. und alle weiteren den Schergen ins Netz. Nur B.C. war und blieb verschwunden. Die fähigste und am weitesten entwickelte Mutantin.

Doch auch sie litt an jener Schwäche, die sie alle hatten: die Anwendung der enormen psychischen Kräfte rief jedesmal entsetzliche lang andauernde physische Qualen und Erschöfungszustände hervor. Es war, als sei der Körper ein zu schwaches Gefäß für den Inhalt, jene gesteigerte Psycho-Energie.

Aber anwenden musste sie ihre Fähigkeiten, um zu überleben und weiterzukommen, kein Weg führte daran vorbei, und die Folgen waren verheerend. Zwar gelang es B.C., einige Selbstschutzstrategien wie die innere Empathie-Mauer zu entwickeln; jedoch half ihr das nur begrenzt, sie brauchte Hilfe von außen.

Als ihre Stunde gekommen war, die Stunde der Rettung, schien sie beinahe nicht mehr in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Zu schrecklich waren die vielen Erlebnisse gewesen auf ihrer Irrfahrt durch die Augenwelt, verfolgt und gehetzt von Bürgern wie von Sicherheitsleuten, vom Fluch der übersteigerten Empfindsamkeit gezeichnet.

B.C. wandte sich mit letzter Kraft an Dymekon und handelte ihm Chandra ab, im Gegenzug schwor sie ihm, die Augenwelt nicht im Stich zu lassen, und schließlich fasste sie durch das Auftauchen Sunnys neuen Mut.

Ein nie gelöstes Rätsel, weshalb die Katze sich gerade rechtzeitig an den Uralten angeschlossen hatte … zeitlich punktgenau, um B.C. zu begegnen in jener Stunde der Umstimmung, da sich die Augenwelt drehte um 180 Grad und erlöst wurde vom staubgrauen Terror der Beamtendiktatur …

 

Als das kleine Licht im Lastenaufzug von Rot auf Grün sprang, wusste B.C., dass Hilfe nahte.

Unablässig starrte B.C. dorthin. Sie lag auf dem Sofa, umflossen von Diamantlichtwellen, vermischt mit einzelnen Saphirpartikeln, aber das nützte nur wenig.

Sie hatte sich übernommen.

Gestaltlose Angst wuchs fressend in ihr.

 

Sunny schlüpfte durch den nur ihr bekannten Gang, drückte ihren hartknochigen Kopf an eine verborgene Stelle und rief den Aufzug.

 

Grün! Ihr Ruf war gehört worden. Die Regentin der Augenwelt atmete auf und gestattete sich schon jetzt ein schwaches Lächeln.

 

Und nur wenig später lag Sunny lang ausgestreckt auf ihrem Bauch und schnurrte.

Vor ihrem machtvollen energetischen Schnurren, vor der wunderbaren Ausstrahlung Sunnys wichen die kalten grauenvollen Schatten zurück, die B.C.s Seele umdüstert hatten.

Sie entspannte sich.

Sie fragte sich, was aus ihr geworden wäre, wenn sie und Sunny nicht durch wortlose Rufe zueinander gefunden hätten, genau in dem Moment, da sie, B.C., die Macht ergriffen hatte auf der Augenwelt. Sie hob damals die Beamtendiktatur aus den Angeln durch eine ganz besondere Kraft, die in ihr war: durch die Magie der empathischen Musik. Ihre Töne, ihr silbern perlender Klang hatte jene Seuche des Lärms in Nichts aufgelöst und den Menschen das HÖREN wiedergegeben.

 

Sunny schenkte ihr Kraft, die sie dringend benötigte. Denn immer wieder war es erforderlich, die Augenwelt zu BETREUEN.

Die ozeangrünen Augen der Katze, zu Halbmonden geschlitzt, tauchten ruhig in den Blick der Regentin.

Sie beide hatten den unfassbaren Sprung gemacht, jenen Quantenevolutionssprung, wenngleich dieser Ausdruck irreführend war. Er klang aber nett, deshalb benutzte B.C. ihn immer wieder einmal.

 

Das Schnurren Sunnys: dunkel glitzernde Töne waren es, harmonisch aneinandergereiht … B.C. schmeckte den Schnurrgesang wie schmelzendes zartsüßes Gold, und sein knisterndes Aroma übertrug sich kraftspendend auf alle ihre Sinne.

Ihre langfingrigen Hände glitten durch das Fell der Katze. Unablässig schnurrte Sunny und die Frequenz, auf der sie schnurrte, war so heilsam, dass sich B.C.s Wunden in Windeseile wieder schlossen und sie wohltuenden Frieden empfand.

 

Aus dem Menschen- und aus dem Tierreich stammend, dachte sie träumerisch, und: Ob es auch im Reich der Pflanzen und der Steine solche wie uns gibt … Mutationen …? Wieder lächelte sie. Sie liebte Steine und Pflanzen und besaß eine ganze Sammlung von beiden.

 

Die gesamte Augenwelt sank in die Nachtruhe, behütet von einer Macht, über die sie nichts wusste.

 

B.C. fühlte sich geborgen.

Im Gleichgewicht.

Fast glücklich.

Dann, schließlich, schlief sie ein.

Träumte vom ALL.

 

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zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08 | Users Online
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