Die sechste Laterne von Pablo de Santis

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Silvio Balestri ist der Sohn eines Bildhauers, der Skulpturen für Friedhöfe herstellt. Balestri soll seinem Vater folgen, doch er strebt nach Höherem: Er will Architekt werden. Während des Studiums lernt er den Archäologen Oskar Pollak kennen. Die beiden verbindet schon bald eine Hass-Liebe, denn sie verstehen einander in ihren obskuren Streben gut und sind doch fundamental unterschiedlicher Meinung. Auf dem Höhepunkt ihres Streites gelingt es Pollak den Architekten davon zu überzeugen, dass Hochhäuser nichts mehr bedeuten – es sind anders als Kathedralen bloß leere Räume, die alleine von der Funktionalität bestimmt werden. Zwar stößt dieser Gedanke Balestri ab, doch er muss einsehen, dass er wahr ist. Langsam reift in ihm die Idee eines Hochhauses, das mit Bedeutung aufgeladen ist: Er will den zweiten Turm zu Babel, die Zikkurat, bauen. Mit dieser Absicht siedelt er 1914 nach New York über, doch bevor auch nur der erste Handschlag in Auftrag gegeben werden kann, gilt es etliche Hindernisse zu überwinden – es scheint, als wenn eine unsichtbare Macht Hochhäuser einzig nach der Funktionalität ausrichten will.

 

Als Italiener absolviert Balestri sein Studium in Rom, doch 1914 fährt er dann nach New York, dem er erst im fortgeschrittenen Alter zugunsten von Buenos Aires endgültig den Rücken kehrt. Damit spielen gut drei Viertel des Romans in New York, der Stadt der Finanztürme. Die Stadt wird eigentümlich distanziert beschrieben. Es gibt ein paar vage allgemeine Worte, hier und da werden konkrete Details eingefügt. Anders gesagt: Es gibt kein Panoramablick, die mittlere Entfernung wird nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen und nur vereinzelt wird scharf auf die nächste Nähe geblickt. Dennoch gelingt es dem Text die bereits im Leser vorhandenen Bilder des New Yorks der Zwischenkriegszeit immer wieder hervorzurufen. Das spiegelt einerseits die Berichtsform des Romans wieder, andererseits die zentrale Forderung Balestris: Bauten sollen eine "innere Ruine" haben. Sie müssen nach Außen hin der Funktionalität gehorchen, doch mit einem eigenen Wesen versehen sein, das ihnen Bedeutung und Würde verleiht. Eben die innere Ruine, die auch dann bleibt, wenn die oberflächliche Funktion verbraucht ist, ja sie mag sich sogar erst dann wahrhaft offenbaren. So auch de Santis Setting: Zunächst scheint es rein funktional dem Plot und der Form zu dienen, doch darin verborgen sind faszinierende, halb vergessene Bilder. Da zusätzlich die Umstände des Ortes und der Zeit – hier besonders die Wirtschaftskrise der späten Zwanziger – einen gewissen Einfluss auf die Figuren haben, ist das Setting als Mischung aus symbolischer Kulisse und Milieu zu werten.

Die Frage nach phantastischen Elementen lässt sich nicht leicht beantworten. Einerseits kann man den Roman als realistische Geschichte mit einigen grotesken Gestalten und Zufällen lesen, andererseits kann man Balestri als Bauer in einem Spiel zweier höherer Mächte begreifen: auf der einen Seite der Geist von Max Webers stahlharter, entzauberter Moderne und auf der anderen Seite der esoterische Geist der Spiritualität, der über den Menschen hinausgreifenden Bedeutung. Es ist somit eine sehr subtile todorovsche Phantastik, da die möglichen phantastischen Elemente kaum fassbar numinos sind.

 

Die Anzahl der relevanten Figuren ist wiederum nicht leicht auszumachen, da die Bedeutung nicht immer klar ist. So meine ich, dass es einen strukturellen Zusammenhang zwischen Balestris Freundinnen – Gabrielle Dancy, Greta Zolla, Anna Caylus und Vera Mactran – besteht, wie dieser genau aussieht, kann ich aber nicht sagen. Offenkundig ist die Mehrheit der Figuren exzentrisch, doch da ihre Charaktere sich nur aus ihrem Verhalten ablesen lassen, bleiben sie schwer greifbar. Trotzdem wirken sie rund.

Das gilt auch für die Hauptfigur: Silvio Balestri. Der 1889 geborene Italiener sollte wie sein Vater Grabskulpturen anfertigen, doch er suchte nach Bedeutenderem und widmete sein Leben der Architektur. Diese Suche nach Bedeutung projiziert er schließlich in seine Kunst – er will sie wieder (im doppelten Sinne) bedeutend machen. Trotz dieses beinahe grenzenlosen Ehrgeizes ist er ein eher passiver Typ, der lange Zeit abwartet, doch dann mit dem untrüglichen Gespür des wahren Opportunisten die sich ihm bietenden Gelegenheiten zu nutzen weiß. Seine Besessenheit durchdringt beinahe sein ganzes Leben, doch auch er sehnt sich nach Anerkennung und menschlicher Nähe, die er bei seinen Freundinnen und seinem einzigen Freund Caylus, dem Onkel von Anna, sucht. Caylus besitzt aus obskurer Quelle ein kleines Vermögen und betreibt damit ein bizarres Museum – das Museum der ungebauten architektonischen Meisterwerke. Nach den Plänen baut er Modelle, die ausgestellt werden. Offenkundig ist er ähnlich wie Balestri von der Architektur besessen und bereit dafür nahezu alles andere aufzugeben.

 

Gelegentlich wird Die sechste Laterne als Krimi deklariert. Tatsächlich ist der Roman nur im weitesten Sinne ein Krimi. Meines Erachtens ist es sogar treffender ihn überhaupt nicht als Krimi zu bezeichnen, selbst wenn es eine Verschwörung, Verbrechen und Tote gibt, denn diese Motive sind nur Etappen auf dem Weg Balestris und seiner Zikkurat. Der Roman ist im Kern eine doppelte Entwicklungsgeschichte: Einerseits sucht Balestri seinen Platz in der Gesellschaft und besonders in der Architekturgeschichte, andererseits "sucht" die Zikkurat ihren Platz in der Architekturgeschichte und real in der Stadt. In einem Krimi würde die Aufdeckung der Verschwörung und anderer Verbrechen eine wesentliche Rolle spielen – hier ist die Aufdeckung egal. Irgendwann wird Balestri erpresst. Ihm sind weder Geld noch Gerechtigkeit wichtig, wichtig ist ihm nur, dass er an seiner Zikkurat weiterarbeiten kann – ihm ist dann nahezu (?) jedes Mittel recht, solange nur die Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Bei einem Krimi würde man Longitudinalspannung erwarten, doch so wirkt die Verschwörung nicht; natürlich interessiert dem Leser, was es mit dem Verschwinden gewisser Leute auf sich hat, doch Spannung entsteht bestenfalls in einem geringen Maße aus der Auflösung (so es denn eine gibt), dafür aber aus der Bedeutung, die das Verschwinden für Balestri hat. Neben der Entwicklung von Balestri und Zikkurat, sind vor allem die Ideen, die der Architekt zur Verknüpfung von Raum und Bedeutung formuliert anregend.

Pablo de Santis' Werke werden oftmals mit denen Umberto Ecos, Franz Kafkas oder J. L. Borges verglichen. Die Vergleiche sind durchaus naheliegend, da Eco sich sehr mit Semiotik und Borges sich mit ungewöhnlichen Bauwerken befasst, am bekanntesten dürfte die Kurzgeschichte Die Bibliothek von Babel sein. Auf Kafka verweist nicht nur Oskar Pollak, der in realitas ein Freund Kafkas war, sondern auch der numinose Zwang, der von gesichtslosen Strukturen ausgeht; bei Kafka wie bei de Santis manifestiert er sich bürokratischen Institutionen. Eine besondere Nähe wurde aber meines Wissens noch nicht genannt: Wie in Thomas Pynchons Die Verschwörung von No. 49 gibt es eine krakenhafte Verschwörung und jede Einzelheit scheint mit einer verborgenen Bedeutung aufgeladen zu sein.

Da der Roman eher auf Transversalspannung setzt, ist der Plotfluss recht langsam. Es gibt einige weitausholende Erklärungen, die den Fluss noch zusätzlich unterbrechen.

 

Damit zur Erzähltechnik. Der Roman hat einen Erzählstrang, der Balestri folgt. Er wird aus einer Mischung aus objektiver und personaler (Balestri) Perspektive erzählt. Da ein Zeitraum von etwa fünfzig Jahren betrachtet wird, gibt es einige Zeitsprünge, die den Handlungsaufbau episodisch wirken lassen; die oben erwähnten Erklärungen tragen zusätzlich dazu bei, zumal sie meistens regressiv sind. Eigentlich ist der ganze Roman ein Bericht und damit regressiv, doch nach dem Prolog, der alle folgenden Ereignisse als bereits geschehen markiert, vergisst der Leser dieses leicht.

Der Stil ist distanziert, was zur Fiktion des Berichts passt. Die Wortwahl ist entsprechend neutral. Die Sätze sind eher lang und bisweilen kunstvoll verschachtelt – der Roman ist auch in dieser Hinsicht nicht leicht zugänglich.

 

Fazit:

Silvio Balestri ist ein junger Architekt, der in New York einer schicksalshaften Aufgabe nachgeht – mit dem Bau seiner Zikkurat will er die Bedeutung zurück in die Architektur bringen. Doch er hat anscheinend mächtige Feinde, die geschickt Fäden ziehen, um den aufstrebenden Visionär zu Fall zu bringen. Mit Die sechste Laterne hat Pablo de Santis keinen spannenden Krimi, sondern eine anregende Ideengeschichte um die Verknüpfung von Raum und Bedeutung in Form einer doppelten Entwicklungsgeschichte verfasst.

 

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Roman:

Titel: Die sechste Laterne

Reihe: -

Original: La sexta lámpara (2005)

Autor: Pablo de Santis

Übersetzer: Claudia Wuttke

Verlag: Unionsverlag (Februar 2009)

Seiten: 183 - Broschiert

Titelbild: Thomas Pozzo Di Borgo

ISBN-13: 978-3-293-20450-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 21.10.2018 20:17 | Users Online
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