Im Schlund des Drachen von Colin Harrison

Rezension von Christel Scheja

 

Der 1960 geborene und als Lektor für einen Verlag arbeitende Colin Harrison ist nicht nur mit der Schriftstellerin Katryn Harrison verheiratet, sondern auch ein waschechter New Yorker, der seine Heimatstadt gerne in den Mittelpunkt seiner bislang fünf Thriller stellt. Sein neustes Werk „Im Schlund des Drachen“ taucht tief in die Schatten und dunklen Seite der Millionenmetropole ein und verbindet Lokalkolorit mit einer dramatischen Handlung.

 

Die junge Chinesin Jin Li ist Leiterin einer kleinen und unauffälligen Büroreinigungsfirma in New York, die sich hauptsächlich dadurch finanziert, dass sie illegal eingewanderte Mädchen aus Mexico und anderen lateinamerikanischen Staaten für einen Hungerlohn beschäftigt, weil sie weiß, dass diese sich nicht wehren können.

Allerdings verdient sie damit nicht wirklich etwas sondern nutzt die Firma nur als Tarnung für ihren eigentlichen Job – Industriespionage. Sie fischt sich interessante Faxe und Kopien aus dem Papiermüll der Firmen aus der Pharma und Finanzbranche, stellt sie zusammen und schickt sie zu ihrem Bruder nach China. Der verkauft die interessanten Informationen an interessierte Kunden in Fernost.

Allerdings nimmt das einträgliche Geschäft eines Tages ein jähes Ende. Zwei ihrer Mädchen werden auf einem abgelegenen Schrottplatz ermordet – in Gülle ertränkt – und Jin Li kommt gerade noch so und mit einem gehörigen Schrecken davon. Sie spürt, dass der Anschlag eigentlich ihr galt.

Ist ihr jemand auf die Schliche gekommen und will sie mundtot machen? Weil sie Schlimmes fürchtet, verwischt sie alle Spuren und taucht erst einmal ab. Sie will sich verstecken, bis sie eine Lösung für das Problem gefunden hat.

Davon ahnt ihr derzeitiger Freund nicht. Ray ist ein ehemaliger Feuerwehrmann, der mit den Schrecken des Anschlages auf die Twin Towers nicht fertig geworden ist und seinen Dienst quittiert hat. Inzwischen trudelt er nur noch durchs Leben und versucht für seinen Vater da zu sein, der Krebs im Endstadium hat.

Ansonsten ist ihm alles egal.

Er wird allerdings wach gerüttelt, als Jin Lis Bruder Chen auftaucht, wissen will, was mit seiner Schwester los ist und Ray dabei auf recht unangenehme Weise unter Druck setzt.

Ehe Ray sich versieht, ist er in der Situation, sie finden zu müssen, wenn er das Leben seines Vaters und sein eigenes retten will. Dabei taucht er in eine Welt ein, die ihm bisher fremd war, nicht aber seinem Vater, der früher als Detective bei der Polizei gearbeitet hat. Und so beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Chinesen entpuppen sich ebenso wie die Gegenspieler als ungeduldige Zeitgenossen...

 

„Im Schlund des Drachen“ zeichnet anders als andere Thriller, die in New York spielen nicht nur ein oberflächliches Bild der Weltmetropole, sondern taucht tief in die Straßenschluchten ein und zeigt den Facettenreichtum der Stadt, vor allem wenn es um Verbrechen geht. Da werden hinter den Glasfassaden Manhattans wirtschaftliche Deals und Transaktionen mit skrupelloser Raffinesse durchgezogen, egal welche Folgen das für einige Menschen haben wird und wie sehr das gegen die Gesetze ist. Schmutzige Tricks und Spionage sind an der Tagesordnung, um sich Vorteile zu verschaffen. Die schmutzige Arbeit dürfen andere machen – Profikiller beseitigen unliebsame Zeugen und Gegenspieler. Oft genug arbeiten sie damit ihren eigenen sozialen Frust auf und lassen ihre Wut an Randgruppen auf.

Der Held, der bisher ein recht normales Leben geführt hat und eigentlich gar nicht mit der Unterwelt in Berührung gekommen ist, muss nun über sich hinaus wachsen und das Trauma des 11. September 2001 hinter sich lassen, wenn er seiner Freundin helfen und überleben will. Dabei verstrickt er sich selbst immer tiefer in das Gespinst aus Intrigen in dem seine Freundin schon lange steckt.

All das ist in eine lebendige und realitätsnahe Handlung eingebunden, die ohne poetische Schnörkel und Beschreibungen auskommt. Der Autor lebt New York, er schwärmt nicht nur über die Stadt. Seine Details haben Hand und Fuß – und oftmals auch etwas mit der Handlung zu tun.

Vor allem zwei Figuren wachsen einem ans Herz: Ray, der die Depressionen abschütteln muss und wieder zu kämpfen beginnt, und sein Vater, der sich zwar kaum noch bewegen kann, aber noch einmal seinem Sohn beisteht, weil er das nötige Wissen hat.

 

„Im Schlund des Drachen“ ist rundum gelungene Lektüre, denn neben einer äußerst spannenden Handlung erhält der Leser auch noch lebendige und nachvollziehbare Beschreibungen einer Weltmetropole, wie man sie bisher kaum gelesen hat.

 

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Im Schlund des Drachen

Autor: Colin Harrison

Broschiert, 445 Seiten

Knaur, erschienen November 2009

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anke und Eberhard Kreutzer

Titelfotos von shutterstock

ISBN-10: 3426198673

ISBN-13: 978-3426198674

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 18.07.2017 18:11 | Users Online
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