Es passiert nicht mehr oft, dass ich mich auf eine Fortsetzung freue, weil mir der erste Roman so gut gefallen hat. Gerade bei Mehrteilern, Zyklen oder Serien bekommt man mit einem Nachschlag in der Regel das Gleiche vom Bisherigen vorgesetzt.
Das muss nicht schlecht sein. Viele Leserinnen und Leser erwarten das sogar. Das sogenannte »same old same old« ist irgendwie »cozy«. Und »gemütlich« ist inzwischen sogar als Label groß in Mode.
Alles andere als »kuschelig« geht es im zweiten Roman von Robert Jackson Bennetts Shadow of the Leviathan-Zyklus zu. The Tainted Cup, das erste Buch, räumte in den USA diverse Preise ab, inklusive den Hugo und den World Fantasy Award. Und in der Tat, das erste Abenteuer des kuriosen Detektivduos, bestehend aus der Chefermittlerin Anagosa Dobrea und ihrem Assistenten Dinios Kol, war ein vorzüglicher Lesegenuss sondergleichen, wie ich ihn schon länger nicht mehr bei einem Genreroman verspürt habe.
Nun sind Ana und Din zurück und Bennett verwickelt sie erneut in ein kniffliges Rätsel, das sich im Verlauf der Handlung zu einer kolossalen Verschwörung mit all ihren Facetten steigert.
Ausgangspunkt des zweiten Buchs ist wieder ein Todesfall. Und was für einer. Ums Leben gekommen ist Mineti Sujedo, ein Steuereintreiber des imperialen Schatzamts. Er befand sich auf einer wichtigen Mission im unabhängigen Königreich Yarrow, das sich in Verhandlungen über einen Beitritt zum mächtigen Imperium von Khanum befindet. Der Clou: Zunächst war Sujedo nur verschwunden: aus einem verschlossenen Turmzimmer, das von innen bewacht wurde und dessen Fenster von außen nicht zugänglich war. Seine übel zugerichtete Leiche wurde bald darauf abseits der Stadt in den Kanälen gefunden. Was ist hier und vor allem wie ist das passiert?
Dieses Locked-Room-Mystery ist jedoch nur der Ausgangspunkt für ein weiteres komplexes Abenteuer. In »A Drop of Corruption« baut Bennett die faszinierende Welt um das Imperium von Khanum weiter aus. Dabei macht er das Unerwartete und kümmert sich nicht um den Aspekt der Bedrohungen durch die monsterartigen Leviathane, für die er im ersten Roman »The Tainted Cup« das Fundament gelegt hat, sondern erzählt uns mehr von der Politik und den brisanten Intrigen rund um das Imperium und natürlich auch weitere Details über seine beiden Hauptprotagonisten Ana und Din, die ihrerseits von Geheimnissen geprägt sind. Untereinander und der Leserschaft gegenüber.
In der Welt von Ana und Din gibt es Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Sie wurden mit Hilfe des Bluts der Leviathane biotechnologisch verändert, so ist Din ein sogenannter »Gravierer« mit einem perfekten, fotografischen Gedächtnis. Was ihm bei seinen Ermittlungen natürlich enorm hilft, aber doch nicht in der Form, dass er sich einen eigenen Reim auf die Ergebnisse und Informationen machen könnte, die er zusammenträgt. Dafür ist Ana zuständig, die immer wieder für verblüffende Wendungen sorgt, obwohl sie sich die meiste Zeit in einem geschlossenen Raum befindet und vor allem anhand der ihr zugetragenen Informationen schlussfolgert.
Wer nun denkt, dass »A Drop of Corruption« eine reine Krimihandlung in einem Fantasyambiente bietet, hat sich getäuscht. Robert Jackson Bennett lässt auch bei seinem zweiten Streich seiner überbordenden, blühenden Fantasie freien Lauf. Die Landschaften, die Charaktere, die Dialoge, die Geschichten um den mysteriösen Schleier (eine geheime Institution auf einer nahegelegenen Insel), aber vor allem die Etablierung eines fiesen Gegenspielers namens Sunus Pyktis, der im Hintergrund agiert, alle Fäden in der Hand hält und ein ums andere Mal alle auf falsche Fährten lockt und immer einen Schritt voraus zu sein scheint, sind allesamt wirklich und vortrefflich gelungen.
Band 2 kann unabhängig von »The Tainted Cup« gelesen werden. Ich empfehle aber trotzdem, diesen Roman zuerst zu lesen, wenn man in die Welt von Khanum eintauchen möchte, da dort die grundlegenden Informationen des Settings ausführlich geschildert werden.
»A Drop of Corruption« ist für mich die überraschend gute Weiterentwicklung des vielschichtigen Konzepts und sogar noch besser gelungen als das erste Buch. Wer im Bereich aktuelle Fantastik mitreden will, kommt um die neuen Bücher von Robert Jackson Bennett nicht herum.
Inzwischen ist auch klar, dass es einen dritten Band geben wird. A Trade of Blood ist für August 2026 angekündigt und es bleibt zu hoffen, dass dieser Roman ebenfalls zügig den Weg nach Deutschland finden wird. Ich kann es kaum erwarten.