Abservierte leben länger (100 Bullets Bd. 4)
 
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Abservierte leben länger

Reihe: 100 Bullets Bd. 4

Rezension von Christian Endres

 

Mit Brian Azzarello ist das so eine Sache: Entweder hasst man ihn und seinen zerfaserten Erzählstil und die daraus resultierenden, nicht selten aber eben extrem lohnenswerten Geschichten, oder man liebt ihn und lässt ihm jeden Sprung, jedes quälende Hinhalten, jede Seite in einer Fremdsprache und jeden Schlenker durchgehen. Obwohl, ganz stimmt das auch nicht. Denn es gibt noch die dritte Möglichkeit: Man kann den Autor von Titeln wie ›Batman: Kaputte Stadt‹, ›Loveless‹ und eben ›100 Bullets‹ nämlich auch gleichzeitig lieben und hassen...

 

Lieben deshalb, weil Szenarios wie das von 100 Bullets unglaublich frisch und unverbraucht wirken. Ja, das hat einen ausgeprägten Noir-Touch – aber da steckt noch so viel mehr dahinter. Mehr Substanz. Mehr Mut. Mehr Eigenwille. Eine eigene Stimme.

 

Genauso leicht ist es jedoch, Azzarellos Schreibe zu ›hassen‹ – und sei es nur dafür, dass der Amerikaner einen scheinbar ewig hinhält, Entwicklungen über mehrere Zwischenhandlungsbögen und Kapitel verzögert und die Puzzlestücke des großen Ganzen nur sporadisch rausrückt (oder auf eine Art und Weise, dass man sie nicht gleich als solche erkennt - und selbstverständlich stets ohne Anleitung, wie man sie zusammensetzen muss).

 

Aber ist es andererseits nicht auch genau das, was wir heute mehr denn je im Comic (und jeder anderen Form von Literatur) suchen? Abwechslung, Anregung, Anreiz? Und davon liefert Azzarello in ›100 Bullets‹ definitiv genug. Außerdem gibt’s in »Abservierte leben länger« endlich auch ein paar Antworten und Gesichter zum Trust, dem Schicksal der Minuteman und somit wieder ein paar Puzzlestücke und Verbindungen. Zum Ende reißt Azzarellos Enthüllungsstimmung aber wieder ab, und wir kriegen abermals einige interessante Brocken und faszinierend glaubwürdige bzw. herrlich überzeichnete Charaktere hingeworfen, die wohl erst in Zukunft wieder bedeutsam werden dürften.

 

Selbst wenn man sich über seine Gefühle für Azzarellos Geschichten nicht immer sicher sein sollte und weiß, dass einen dieser Mistkerl in der Hand hat, ist da ja immer noch Eduardo Risso mit seinem Artwork – ein Gedicht, bestehend aus eingefangener Lässigkeit und unverbrauchten Einstellungen. Und natürlich höllisch sexy.

 

Wie hoch der Stellenwert von ›100 Bullets‹ schon zum Zeitpunkt der in diesem Band enthaltenen US-Hefte 20 bis 30 war, lässt sich nicht einzig und allein an den eingeheimsten Harvey und Eisner Awards bemessen. Am ehesten kann man die Wertschätzung für Azzarellos und Rissos prestigeträchtige Vertigo-Serie begreifen, wenn man sich die Gastzeichner ansieht, die sich zur US-Nummer 26 mit je einem einseitigen Pin-Up als Teil der Story die Ehre gegeben haben: Frank Miller, Jim Lee, Tim Bradstreet, Paul Pope, Dave Gibbons, Joe Jusko, J. G. Jones oder Jordi Bernet.

 

Wer also auf einen unverbrauchten Inhalt und eine ebensolche Optik steht, von einem sperrigen Autor nicht immer an der Hand geführt werden möchte und dann auch noch wissen will, was es mit dem Mord an JFK wirklich auf sich hatte, der muss sich wohl ab Band eins – sonst ist das ein hoffnungsloses Unterfangen - die Kugel geben und sich auf Azzarellos mörderisch gute Serie einlassen.

 

Eine Serie, die mit diesem vierten, absolut exemplarischen Sammelband ihren vorzeitigen Höhepunkt erreicht.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240615025208e53548ef
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Comic:

Abservierte leben länger

Reihe: 100 Bullets Bd. 4

Autor: Biran Azzarello

Zeichner: Eduardo Risso u. a.

Tradepaperback, 268 Seiten

Panini, Februar 2009

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 27.02.2009, zuletzt aktualisiert: 28.12.2022 16:07, 8320