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Abweg von Andreas Höfele

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Gerade als Wieland einen neuen Bogen Papier in die Schreibmaschine spannen will, fällt sein Blick auf den Tannenzapfen. Das erinnert ihn an Christiane und die Kinder – es wäre Zeit nach Hause zu gehen. Er zündet den Tannenzapfen an. Er legt ihn auf das halbfertige Manuskript und verlässt sein Büro, verlässt die Universität. Er geht zur Bushaltestelle. Aha, das Auto bleibt also stehen, stellt er fest. "Wollen sie sich verändern oder 2. Standbein aufbauen in Vertrieb/Aussendienst?" Er fährt zur angegebenen Adresse in die Dettingerstraße. Zum Rotlichtviertel von W. Dort befindet sich die Firma ARGUS. "Privatinvestigationen, Gebäude- und Personenschutz. Diskretion garantiert." Aber Wieland landet nicht bei der Sicherheitsabteilung, sondern bei der Drückerkolonne. Er erhält einen falschen Ausweis. Kost und Logis ist frei, weitere Vergütung nach Leistung. Wieland, der Universitätsdozent, hat sich verändert – er hausiert jetzt mit Zeitungsabonnements als Bartoschitz. Oder Leisering. Oder Gunkel – es spielt keine Rolle.

 

Die Dettingerstraße befindet sich in der mittelgroßen deutschen Stadt W. – es könnte Würzburg sein – in der Nähe von Frankfurt. Wieland bricht irgendwann in den späten Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts aus. Dieses Setting spielt eine eigenartige Rolle. Zunächst könnte man glauben, es sei nur ein schwach entwickeltes Ambiente, vielleicht auch Milieu – der Schauplatz wird zwar prägnant, aber immer nur äußerst knapp charakterisiert – das sich leicht ersetzen ließe. Einfach die Schreibmaschine durch einen Drucker ersetzen und die RAF durch Islamisten und fertig. Doch damit schiene mir ein zentrales Element des Plots fehlgedeutet zu sein: In dieser Geschichte ist nicht das Setting vom Plot abhängig, sondern umgekehrt der Plot vom Setting – es ist nicht nur die Charakterstudie eines Aussteigers, sondern auch ein Stück Mentalitätsgeschichte der BRD – eben der Siebziger. Hinzu kommt, dass nicht nur die Jahreszeit – es ist stets frostig kalter Winter – eine symbolische Untermalung ist, sondern alle Außenräume sich als Innenräume deuten lassen: Nicht nur die Abbruchhäuser spiegeln die Verfassung ihrer Bewohner wider.

 

Auf den ersten Blick scheint die Figurenentwicklung nicht dazu zu passen. So gibt es nur sehr wenige Figuren, die etwas relevanter sind – es sind eigentlich nur drei. Die Hauptfigur ist Wieland. Er war ein Dozent an der Uni. In Schottland war noch alles in Ordnung, doch dann ist er nach W. gewechselt und hatte sich nie richtig einleben können. Dann begann er irgendwann unter Panik-Attacken zu leiden – er war kaum mehr fähig zu lehren, seine Habilitation und seine anderen Buchprojekte kamen seither ins Stocken. Auch begann er sich von seiner Frau Christiane und den Kindern zu entfremden. Er will sich verändern, er will ausbrechen. Dabei ist er überraschend passiv – fast scheint es, als ob ihm alles geschehe und er nichts selbst entscheide: Er will keinerlei Verantwortung tragen. Aber trotz der recht ausführlichen Charakterisierung bleibt Wieland dem Leser fremd. Ebenso ist es mit den anderen beiden Figuren, Christiane und Schneitzer. Christiane ist eine aufgeklärte, fortschrittliche Frau, die ihren Ehemann liebt, aber auch eifersüchtig sein kann. Schneitzer ist der Drückerkollege, mit dem Wieland zunächst tourt. Er ist ein schmieriger Opportunist par excellence: Er schwatzt seinen Opfern unnützes Zeug auf, schiebt ihnen unabgesprochene Verträge unter und beklaut sie außerdem. Er ist frustriert, weil er immer noch nicht zum Sicherheitstrupp gehört. Das lässt er in Macho-Sprüchen heraus, verspottet Wieland und strahlt ganz allgemein eine Gewaltbereitschaft aus. Was ist dran, an seinen Knastgeschichten? Ehefrau und Kollege sind beides eher flache Typen, doch der Leser spürt, dass da mehr ist. Die weiteren Figuren wie der zwielichtige Boss Schluchter sind völlig undurchschaubar.

Wie passen nun diese fremden, oftmals unverständlichen Figuren zum Sittengemälde? Es wäre doch viel einfacher gewesen, detailliert die Psychologie vor dem Leser auszubreiten. Höfele wählt einen anderen Weg: Statt dem Leser zu sagen, was die Figuren fühlen, versucht er es dem Leser im Rahmen der Literatur erfahrbar zu machen: das Bleierne, die paranoide Entfremdung, die Frustration.

 

Der Plot lässt sich als Kriminalgeschichte lesen – immerhin beginnt Wieland seine Flucht mit Brandstiftung, er taucht in den illegalen Untergrund ab und es kommen Menschen zu Tode. Doch selbst als in Wielands Anwesenheit ein Mensch ermordet wird, bleibt der Leser unberührt – wie übrigens auch Wieland der Mord nicht weiter berührt.

Dieses führt zu einer echten Spannungsquelle, die leicht zu übersehen ist: die rätselhaften Unstimmigkeiten. Einiges am Mord wirkt sehr konstruiert. Später gibt es noch deutlichere Widersprüche. Die objektive Erzählperspektive macht es dem Leser sehr schwer zu erkennen, dass Wieland nicht nur keine Verantwortung tragen will, sondern auch die Erzählerstimme unzuverlässig werden lässt – inwiefern 'stimmt' die Erzählung überhaupt? So gesehen ist es eine echte Mystery-Geschichte. Dazu passt eine trotz der Gleichgültigkeit gegenüber dem Mord permanente Stimmung der Bedrohlichkeit, die zur eigentlichen Spannungsquelle gehört: Der Stimmungsbeschreibung der späten Siebziger.

Wie üblich für situative Erzählungen ist der Plot recht handlungsarm, doch aufgrund des außerordentlich knappen und prägnanten Erzählstils bleibt der Plotfluss recht zügig.

 

Erzähltechnisch ist Abweg per se nicht ungewöhnlich. Es gibt zwei Erzählstränge. Der erste schildert Wielands Flucht in den Untergrund und der zweite seine langsame Entfremdung, die mit den Panikattacken etwa zwei Jahre zuvor einsetzte. Ungewöhnlich ist jedoch, wie gut der nüchterne, lakonische Stil zur Stimmung der Erzählung passt. Dazu tragen nicht nur die vielfach kurzen und adjektivarmen Sätze, sondern auch, dass die wenigen Dialoge in direkter autonomer Rede gehalten sind und weitgehend auf kausale Konjunktionen verzichtet wird.

 

Fazit:

Der Universitätsdozent Wieland bricht mit seinem alten Leben und taucht in den illegalen Untergrund ab; aus ihm wird ein Drücker – doch völlig lässt ihn die Vergangenheit nicht los. Abweg besitzt zwei wichtige Spannungsquellen: Es stellt die bleierne, paranoide Stimmung der späten Siebziger dar und inszeniert sich als Rätsel. Die situative Erzählung macht es dem Leser nicht leicht, aber wer Zugang findet, wird mit einer Geschichte belohnt, in der Setting, Figuren, Plot und Erzähltechnik unglaublich eng verzahnt sind.

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Titel: Abweg

Reihe: -

Original: -

Autor: Andreas Höfele

Übersetzer: -

Verlag: weissbooks.w (Februar 2008)

Seiten: 111-Gebunden

Titelbild: Gotschalk+Ash Int'l

ISBN-13: 978-3-940888-22-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.06.2008, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51