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Advocatus Diaboli: Düstere Phantastik hrsg. von Alisha Bionda

Anthologie

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

»Des Menschen Wille ist sein Himmelsreich« – so heißt es zumindest. Doch manchen dauert das einfach viel zu lange. Manche sehnen sich auch gar nicht nach himmlischer Erlösung. Eher nach dem Gegenteil. Politiker, Hochleistungssportler, Castingshow-Juroren … die Liste ist lang. Und der Anwalt des Teufels, der »Advocatus Diaboli« ein aufmerksamer Zuhörer. Einzig die Tatsache, dass besagter Jurist zumeist aus den Untiefen der Hölle kommt und seine Forderungen durchweg drastischer sind, als alten Frauen über die Straße zu helfen oder den Müll zu sortieren, machen etwaige Konfrontationen mit ihm zuweilen etwas komplizierter. Doch wer Seit’ an Seit’ mit dem Gehörnten durch die Hölle stolzieren will, der muss eben auch etwas mehr tun als der Otto-Normalbürger. Und hier setzt die neueste Anthologie der gleichermaßen emsigen wie erfolgreichen Autorin und Herausgeberin Alisha Bionda ein: nämlich mit der Frage, wie weit Menschen gehen würden, um Einlass in den Hades zu bekommen. Vierzehn Autoren folgten ihrem Ruf – mit zumeist unterschiedlichen Möglichkeiten.

 

Den Auftakt stellt David Grashoffs Kurzgeschichte Herr Sanders dar und begleitet einen von Luzifers Juristen bei der tagtäglich anfallenden Feldarbeit. Seelenrekrutierung und solche Sachen. Dabei führt ihn seine neueste Mission in die pedantisch aufgeräumte Wohnung eines Zollbeamten aus Geilenkirchen. Und dessen unauffälliger Bewohner soll wirklich eine Bereicherung für die Hölle sein?

»Herr Sanders« ist nicht nur die bestmögliche Auftaktstory, sondern ferner ein typisch-genialer Beitrag aus der gleichermaßen spitzen wie schwarzhumorigen Feder des Wuppertaler Autoren und Poetry-Slammers. Ein wilder Ritt, bei dem die Seiten nur so vorbeifliegen. Hier gehen Al Bundy, Wolle Petry und Jean-Paul Sartre ein unheiliges Triumvirat ein, dessen Treiben nur noch von der richtig fiesen Schlusspointe getoppt wird. Absolute Spitzenklasse!

 

Wer danach denkt, dass es Thomas Plischke mit seinem Beitrag Die Bewerbung schwer haben könnte, der irrt. Sein garstiger Blick auf das Innenleben eines im wahrsten Sinne des Wortes höllischen Konzerns strotzt vor Garstigkeiten und Tempo.

 

Die Beichte von Nicolaus Equiamicus vereint daraufhin die Stärken der beiden Vorgängergeschichten in sich; ist gleichermaßen sprachgewaltig und raffiniert und beleuchtet den Sohn des Lichts genauer.

 

Der Titel von Dave T. Morgans Geschichte Engelsfall weist schon darauf hin, dass es diesmal kein Mensch ist, der um Einlass in die Hölle bittet. Doch warum sollte der Höllenfürst ausgerechnet einen Helfer seiner Nemesis in sein Reich bitten? Und welche Gründe sind überhaupt für einen Engel ausschlaggebend, um sich von Gott abzuwenden? Die Antwort dürfte so manchen überraschen.

 

Dein Name sei Antobaal von Bernd Rümmelein mag ob der im Grunde doch arg vorausschaubaren Prämisse – ein Versicherungsmann möchte des Teufels Rechte Hand werden – eher zum Weiterblättern animieren, bekommt aber dank der gesunden Portion Härte, einer ordentlichen Schippe Bosheit und der flott-modernen Prosa mehr als nur die Kurve.

 

In Virus von Gian Carlo Ronelli erfährt der geneigte Leser den Grund, warum der Teufel Kinder nicht ausstehen kann. Schuld daran ist eine 10jährige Göre namens Patricia – und die hat es faustdick hinter den Ohren … Genial, wie Ronelli (von dem wir in Zukunft hoffentlich noch mehr lesen werden) die klassischen Voraussetzungen, die in den vorangegangenen Geschichten fast ausnahmslos zum Einsatz gekommen sind, mal eben so auf den Kopf stellt und dadurch seiner Geschichte einen durchgehend originellen Stempel aufdrückt. Gekonnt spielt er mit den Erwartungen und Klischees, so dass selbst das berechenbare Ende kaum noch ins Gewicht fällt.

 

Waren alle bisherigen Beiträge modern und zumeist sehr flott geschrieben, setzt Marc-Alastor E.-E. mit seiner Novelle Die Vernunft im Blute einen Gegenpart. Seine Mischung aus historisch belegten Ereignissen und Personen, beispielsweise der Fürstin von Lobkowitz, die mit einem höchst teuflischen Verwirrspiel verknüpft werden, dürfte sicherlich die Gemüter spalten. Mancher wird von der altertümlichen Sprache begeistert sein, andere wiederum werden sich durch die Seiten quälen müssen.

 

Für Passion Killer haben sich Aino Laos und Christoph Marzi zusammengetan. Und wie es der Titel schon andeutet, geht es hier um die Liebe. Oder besser gesagt, was der eine für Liebe halten mag, der andere wiederum nicht. Ein guter Ansatz, dem aber ein wenig die Kaltschnäuzigkeit fehlt und daher leider auch etwas oberflächlich erscheint.

 

Dies kann man von Tanya Carpenters Poison Eve nicht behaupten. Im Grunde spielt die Autorin mit der klassischen Schwarzweiß-Thematik: auf der einen Seite die wunderbar-unschuldige Eve, auf der anderen Seite kein Geringerer als Luzifer. Doch auch hier trübt der Schein. Gewaltig sogar. Es ist beeindruckend, mit welcher Versiertheit dieser doch alte, aber auch bewährte Schuh kräftig aufpoliert und meisterhaft umgesetzt wird. Spannend und verschlagen und daher auch ein weiterer Höhepunkt der Anthologie.

 

Und was erwartet man von einem Torsten Sträter, außer einer richtig fiesen, originellen und grandios umgesetzten Story samt bitterbösem Finale? Und ebendies ist Tag der offenen Tür schlussendlich dann auch geworden: richtig fies, originell, grandios umgesetzt und mit einem bitterbösen Finale als krönendes i-Tüpfelchen. Ein echter Sträter also!

 

Ascan von Bargens Unlicht ist daraufhin, wie schon Virus zuvor, eine bewusst gegen den Strich geschriebene Geschichte. Auch hier gibt es kein klassisches Bittsteller-Zuhörer-Szenario. Vielmehr lotst uns der Autor hinab in die dunkelsten Tiefen der menschlichen Psyche. Sehr originell, sehr unheimlich, sehr überzeugend.

 

Mit ihrem Beitrag Die Macht der Ewigkeit wendet sich Autorin Melanie Stone erneut den Engeln zu. Wieder verschlägt es einen von ihnen ins Höllenreich – was im Grunde auch nicht widersprüchlich zu sein hat. Immerhin war Luzifer einst auch ein solches Geschöpf gewesen. Eine solide Story, die gekonnt mit den Erwartungen spielt.

 

Habgier, Intrigantentum, Ellbogenmentalität: Im Grunde braucht Sören Preschers Beitrag, Rolfs Story gar keinen höllischen Part. Ein Blick auf die moderne Geschäftswelt ist doch ausreichend genug. Logisch, dass sich die Wege des unsympathischen Protagonisten mit denen des Höllenfürsten schlussendlich dennoch kreuzen. Fragt sich nur, wer mehr davon haben wird … Preschers Beitrag ist solide und kurzweilig, doch bisweilen ohne Aha-Effekt, der dank ähnlicher Beträge stellenweise bereits vorweggenommen wurde.

 

Und womit beendet man eine Anthologie über den Teufel? Mit einem Widerspruch! Genauer gesagt mit Andrä Martynas Der Engel. Nach Die Vernunft im Blute tritt hier zum zweiten Male eine historisch verbürgte Person ins Rampenlicht: die Bremer Serienmörderin Gesche Margarethe Timm. Bis heute sind ihre wahren Motive, die schlussendlich zum Tode von fünfzehn Unschuldigen geführt hatten, unklar. Martynas versucht, etwas Licht ins Dunkle zu bringen und dies gelingt ihr meisterhaft. Besonders die intensive, fast schon sentimental erscheinende Schlusspointe hallt sehr lange nach.

 

Fazit:

Auch wenn ein Großteil der vierzehn Beiträge nüchtern betrachtet die gleiche Richtung einschlägt, so ist »Advocatus Diaboli« dennoch eine wahrhaft herausragende Anthologie. Spannend, voller Facetten, oftmals überraschend garstig und zu keiner Sekunde langweilig. Als Krönung gibt es zudem ein herrlich stimmiges Titelmotiv sowie großartige Innenillustrationen für die sich erneut Andrä Martyna verantwortlich zeichnet. Liebhaber von Horror- und dunklen Phantastikerzählungen sollten unbedingt zugreifen!

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Buch:

Advocatus Diaboli: Düstere Phantastik

Anthologie

Herausgeberin: Alisha Bionda

Edition Roter Drache, 27. Oktober 2010

Titelbild und Innengraphiken: Andrä Martyna

gebunden, 334 Seiten

 

ISBN-10: 3939459224

ISBN-13: 978-3939459224

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Herr Sanders – David Grashoff
  • Die Bewerbung – Thomas Plischke
  • Die Beichte – Nicolaus Equiamicus
  • Engelsfall – Dave T. Morgan
  • Dein Name sei Antobaal – Bernd Rümmlein
  • Virus – Gian Carlo Ronelli
  • Die Vernunft im Blute – Marc Alastor E.-E.
  • Passion Killer – Aino Laos & Christoph Marzi
  • Poison Eve – Tanya Carpenter
  • Tag der offenen Tür – Torsten Stäter
  • Unlicht – Ascan von Bargen
  • Die Macht der Ewigkeit – Melanie Stone
  • Rolfs Methode – Sören Prescher
  • Der Engel – Andrä Martyna

Weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu Alisha Bionda

 


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Erstellt: 24.02.2011, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51